am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Bericht zum Exkursionsseminar „Texte aus und zum Getto Lodz/Litzmannstadt“ – Kooperation zwischen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Universität Lodz

29.05.2024

Studierende der JLU nahmen an einem deutsch-polnischen Seminar zu „Texte[n] aus und zum Getto Lodz/Litzmannstadt" in Lodz teil

Vom 11. bis 16. Mai 2024 nahmen 18 Studierende der Justus-Liebig-Universität Gießen, darunter Lehramtsstudierende und Studierende des Masterstudiengangs „Holocaust- und Lagerliteratur“, an einem germanistischen Austauschseminar mit polnischen Studierenden teil, das von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur in Kooperation mit der Uniwersytet Łódzki durchgeführt wurde. 

Ziel der sechstägigen Exkursion war die Auseinandersetzung mit einer Terrorstätte außerhalb der Konzentrations- und Vernichtungslager, nämlich dem Getto Lodz/Litzmannstadt, und die Stärkung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit und Vermittlung. Vor der Abreise waren die Teilnehmer:innen in einem Seminarblock auf die Exkursion vorbereitet worden, in dem die Geschichte des Gettos sowie der Stadt Lodz anhand von zentralen Ereignissen erarbeitet wurde. Die Leitung des Seminars hatten Prof. Dr. Sascha Feuchert, Felix Luckau (AHL) und Prof. Dr. Krystyna Radziszewska (Uni Łódź) inne. Sascha Feuchert und Krystyna Radziszewska haben seit über zwanzig Jahren etliche gemeinsame Editionen und andere Forschungsprojekte realisiert, die sich vor allem (aber nicht nur) auf das Getto Lodz/Litzmannstadt beziehen. Die beiden wurden für ihre herausragende Zusammenarbeit 2022 mit dem renommierten Copernicus-Preis ausgezeichnet. Die gemeinsame Edition der Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt ist dabei das wohl größte deutsch-polnische Editionsprojekt, das in der Holocaust-Forschung bislang verwirklicht wurde und Gegenstand des Seminars gewesen ist. Ebenso zentral für die gemeinsame Arbeit der Studierenden war die erst kürzlich herausgegebene zweisprachige (polnisch/deutsche) Anthologie literarischer Gettotexte „‚Ein Wunder, die Hand schreibt noch…‘: Zeugnisse aus dem Lodzer Getto (mit didaktischem Material für Schüler und Studierende)“, die von Krystyna Radziszewska (Universtität Łódź), Sascha Feuchert (Justus-Liebig-Universität Gießen), Hans-Jürgen Bömelburg (Justus-Liebig-Universität Gießen) und Monika Kucner (Universtität Łódź) herausgegeben wurde.

Ermöglicht wurde die Exkursion durch die großzügige Förderung der Partneruniversität Łódź, der DAAD-Ostpartnerschaften, der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich sowie des Fördervereins der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Auch dem Ehepaar Sima sei für ihre Unterstützung herzlichst gedankt.

Im Seminar besuchten die Studierende der JLU Gießen die Universität in Łódź sowie das Gebiet des ehemaligen Gettos Lodz/Litzmannstadt. Die Dozierenden Prof. Dr. Sascha Feuchert, Prof. Krystyna Radziszewska (Universität Łódź) und Felix Luckau unterrichteten im Verbund die Seminargruppe, die aus deutschen und polnischen Studierenden bestand. Nach der Anreise am 11. Mai führte Prof. Krystyna Radziszewska die gemischte Seminargruppe ein erstes Mal durch Łódź. An den inzwischen revitalisierten Gebäuden des Familienunternehmens Scheibler zeigte sie, wie die Stadt ab 1820 zu einer Industriestadt wurde.

Der zweite Seminartag begann mit einem Vortrag von Prof. Krystyna Radziszewska über das vielfältige jüdische Kulturleben in Łódź vor 1939. Im Anschluss rief Prof. Dr. Sascha Feuchert den Teilnehmenden die Entstehung des Gettos in Erinnerung. In deutsch-polnischen Arbeitsgruppen beschäftigten sich die Studierenden anschließend mit Texten von Oskar Rosenfeld und Bernhard Heilig, die beide im Holocaust ermordet wurden. Nachmittags erhielt die Seminargruppe eine Führung über den jüdischen Friedhof und die Gebiete des ehemaligen Gettos Lodz/Litzmannstadt im Stadtteil Bałuty.

Am dritten Seminartag besuchte die Gruppe vormittags das 2021 neugegründete Museum der Polnischen Kinder. Das Museum beschäftigt sich mit dem sogenannten Polen-Jugendverwahrlager Litzmannstadt, das bis heute kaum bekannt ist. Im Anschluss diskutierten die Studierenden über ihre Eindrücke, das Gelernte und die didaktischen Möglichkeiten des Ortes. Nachmittags hielten polnische Studierende Vorträge zu ausgewählten Schwerpunktthemen zum Getto Lodz/Litzmannstadt. Die Seminargruppe vertiefte die neu gewonnenen Erkenntnisse in Arbeitsgruppen durch die Lektürearbeit mit Texten von Oskar Rosenfeld, Jósef Zelkowicz und Hilda Stern Cohen.

Am Vormittag des vierten Seminartages vertieften die Arbeitsgruppen die Zwangsarbeitsbedingungen im Getto. Zudem wurde erarbeitet, was es für Kinder und Jugendliche bedeutete, im Getto Lodz/Litzmannstadt gefangen zu sein. Auch hierzu hielten polnische Studierende Vorträge, die in der anschließenden Lektürearbeit verdichtet wurden. Mittags wurden weitere Teile des ehemaligen Gettos und andere Erinnerungsorte besichtigt. Die Seminargruppe besuchte u.a. das Denkmal an das Martyrium der Kinder, das in Łódź auch Denkmal des Gebrochenen Herzens genannt wird, den Park der Überlebenden (Park Ocalałych) sowie das dort gelegene Denkmal für Jan Karski. Im Anschluss gingen die Studierenden in das Centrum Dialogu, das Marek Edelmann gewidmet ist, der nach Kriegsende u.a. in Łódź lebte. Dort haben sie sich mit der Bedeutung von Kultur im Getto und dem sogenannten Judenältesten Mordechai Chaim Rumkowski beschäftigt. Zum Abschluss des Seminartages wurde intensiv über die Frage diskutiert, was Fiktionen über den Holocaust leisten können und wo ihre Grenzen liegen.

Am letzten Seminartag setzten sich die Studierenden anhand von authentischen Texten mit dem Mordgeschehen im Getto auseinander: Im Fokus standen dabei die sogenannte „Große Sperre“ 1942, die die Deportation aller Kinder unter 10 sowie der Alten und Kranken bedeutete, sowie die Deportationen in das nahe gelegene Vernichtungslager Kulmhof und die schrittweise Auflösung des Gettos 1944, in der die etwa 70.000 Bewohner:innen deportiert und ermordet wurden. Die Erkenntnisse vom Vormittag bauten die Studierenden am Mittag am Erinnerungsort und Museum Radegast aus. Der Bahnhof Radegast war der zentrale Deportationsort des Gettos Lodz/Litzmannstadt. Am Abend ließ die gemischte Studiengruppe das Seminar in einem Lodzer Traditionslokal ausklingen.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Unterstützern sowie der hoch engagierten deutsch-polnischen Seminargruppe. Wir freuen uns, das gemeinsame Seminarformat in Zukunft zu wiederholen.


Drucken
TOP
Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Otto-Behaghel-Str. 10 B / 1 · D-35394 Gießen · Deutschland
arbeitsstelle.holocaustliteratur@germanistik.uni-giessen.de
News

Diese Webseite verwendet Cookies
Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Funktionen personalisieren zu können. Bitte treffen Sie Ihre Auswahl, um den Funktions-Umfang unserer Cookie-Technik zu bestimmen. Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.