am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Edition der jiddischen Zeitschrift ′Fun letstn khurbn′

Fun letstn khurbn / Von der letzten Vernichtung
Eine frühe Alltags- und Kulturgeschichte des Holocaust

In ganz Europa hatten sich jüdische Überlebende in historischen Komitees organisiert und die Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten dokumentiert. Sie sammelten Dokumente, vor allem aber befragten sie andere Überlebende und motivierten diese zum Schreiben. Damit schlossen sie an Aktivitäten wie die des Kreises um Emanuel Ringelblum im Warschauer Getto, ähnliche Initiativen in den Gettos Wilna und Bialystok und andere mehr an. Diese Bestrebungen der Dokumentation sind in den letzten Jahren verstärkt in den Focus von Öffentlichkeit und Forschung gerückt. Ein großer Anteil der frühen Dokumentation entstand allerdings in jiddischer Sprache und bleibt daher für die interessierte Öffentlichkeit noch immer weitgehend unzugänglich.

Die für das Sammeln und Dokumentieren im besetzten Deutschland zentrale Institution war die Zentrale Historische Kommission des Zentral-Komitees der befreiten Juden in München. Hier liefen viele Aktivitäten aus einzelnen Regionen und Lagern für sogenannte Displaced Persons zusammen. Zur Unterstützung der Sammlungstätigkeiten und zur Publikation von darauf fußenden ersten Ergebnissen gaben Israel Kaplan und Moyshe Feygenboym bis Dezember 1948 die Zeitschrift Fun letstn khurbn. Tsaytshrift far geshihkte fun Yidishn leben beysn natsi-rezhim (Von der letzten Vernichtung. Zeitschrift für die Geschichte jüdischen Lebens unter dem Nazi-Regime) heraus. Insgesamt erschienen 10 Nummern mit 36 bis 186 Seiten in einer Auflage von 5.000 bis 8.000 Exemplaren.

Kaplan und Feygenboym ging es, wie der Kommission insgesamt, vor allem um eine Alltags- und Kulturgeschichte des Holocaust, in der die Verfolgten nicht als Nummern in Statistiken, die Gemeinden nicht als Orte in Auflistungen verschwinden, sondern als Menschen mit Gesichtern und Geschichten sowie als lebendige Gemeinden und Sozialwesen sichtbar sind. Daher legten sie besonderen Wert auf solche Dokumente und Berichte, die in Witzen, Gerüchten, Legenden, Anekdoten und anderem mehr diese Seite des Holocaust offenbarten. Überdies dokumentierten sie Alltag, Vernichtung und Widerstand vor allem in den kleineren Gettos und unbekannteren Lagern im deutsch besetzten Osteuropa abseits eines schon unmittelbar nach dem Krieg dominierenden Erinnerungsorts wie das Warschauer Getto. So schufen sie ein innovatives Projekt, das seiner Zeit weit voraus war und Themenfelder behandelte sowie Methoden anwandte, die von der (universitären) Forschung erst Jahrzehnte später ‚entdeckt‘ wurden.

Die Zeitschrift wurde nicht nur zu einem zentralen Publikationsorgan für Holocaustliteratur in der frühen Nachkriegszeit, sondern regte viele Überlebende überhaupt erst dazu an, von ihren Erfahrungen zu berichten. Konnte die Zentrale Historische Kommission in den ersten zehn Monaten ihres Bestehens noch vor Erscheinen der Zeitschrift insgesamt 300 Berichte sammeln, so wuchs deren Zahl in den sieben Monaten nach Erscheinen der ersten Ausgabe um stolze 700 Zeugnisse.

Mit der Erschließung der Zeitschrift in deutscher Übersetzung sollen diese lange vergessenen beziehungsweise ignorierten Wurzeln der Holocaustforschung im Land der Täter freigelegt und so Forschung sowie Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die angestrebte Edition soll eine Leseausgabe sein, in der sich die Kommentierung auf das für das unmittelbare Textverständnis notwendige Maß beschränkt.

Das Projekt wird von der Friede Springer-Stiftung finanziert und gemeinsam mit Frank Beer durchgeführt.

Projektverantwortlicher an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur:
Markus Roth (markus.roth@germanistik.uni-giessen.de)

 


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Arbeitsstelle Holocaustliteratur
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