am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

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Aktuelles

JLU und AHL Mitveranstalter der Tagung ′Engagierte Literatur im deutschsprachigen Raum nach 1989′ vom 21. bis 24. September 2017 in Łódź

Vortrag von Professor Sascha Feuchert zu Carlos Peter Reinelts "Willkommen und Abschied"

Die deutschsprachige Literatur steht in einer langen Tradition des Engagements, die bis in die Aufklärung sowie die Anfänge des 19. Jahrhunderts reicht und Höhepunkte in der Zeit des Vormärz, des Expressionismus und der Weimarer Republik, dann während des Nationalsozialismus im Exil erreichte. Auch in der Nachkriegszeit sowie nach der Wende 1990 und um die Jahrtausendwende war die 'Einmischung' von Schriftstellerinnen und Schriftstellern ein wichtiger Teil des Kulturdiskurses. Aktuell macht die Forschung dagegen eher eine Tendenz bei jüngeren Autorinnen und Autoren aus, sich weniger politisch zu engagieren, und beobachtet eine wachsende Popularität des Familienromans mit einem Rückzug ins Private. Dennoch werden gleichzeitig auch neue Schreibweisen und Genres, neue Diktionen und eine veränderte Rhetorik erprobt, um aktuelle gesellschaftliche und politische Probleme und Phänomene zu thematisieren. 

Diese Formen und Richtungen des literarischen Engagements in den letzten 25 Jahren untersucht die Tagung "Engagierte Literatur im deutschsprachigen Raum nach 1989", die vom 21. bis 24. September 2017 in Łódź (Polen) stattfindet. Veranstaltet wird sie von der Uniwersytet Łódzki, der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), dem PEN Zentrum Deutschland, dem Prüfungszentrum Goethe-Institut sowie dem Austriackie Forum Kultury unter der Leitung von Dr. phil. habil. Gudrun Heidemann (UŁ), Prof. Dr. Joanna Jabłkowska (UŁ), Dr. Elżbieta Tomasi-Kapral (UŁ), Prof. Dr. Sascha Feuchert (JLU) und Prof. Dr. Carsten Gansel (JLU).
Inhaltlich werden etwa literarische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust in Werken der Folgegenerationen, die nicht überwundene Wende in Deutschland, Postkolonialismus-Debatten, Globalisierung oder Kosmopolitismus, eigene und fremde Facetten des Terrorismus, Wahrnehmung von Fremdheit, Fremdenfeindlichkeit, Gewalt im Alltag, Debatten um die Meinungsfreiheit und die Verfolgung von Schriftstellerinnen und Schriftstellern weltweit sowie Umweltschmutz und Umweltschutz thematisiert. 

Unter anderem wird Professor Sascha Feuchert (Arbeitsstelle Holocaustliteratur) unter dem Titel "Engagiert von der 'Flüchtlingskrise' erzählen?" über das Werk von Carlos Peter Reinelt "Willkommen und Abschied" sprechen. Neben den Vorträgen wird am 21. September um 18.15 Uhr außerdem Josef Haslinger (Schriftsteller und bis 2017 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland) über "Literatur und Engagement" sprechen.

Das vollständige Programm mit allen Beiträgen und Vortragenden finden Sie hier.


Exkursion zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und nach Krakau

Vom 25. bis 31. Juli 2017 nahmen 16 Studierende des Instituts für Germanistik an der JLU Gießen an der Exkursion der Arbeitsstelle Holocaustliteratur zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und nach Krakau teil. Im Rahmen dieses Aufenthaltes bekamen die Studierenden, wovon die Mehrheit Lehramtsstudierende waren, die Gelegenheit, sich mit der methodischen Vielfalt des Arbeitens in Gedenkstätten -  und im speziellen in Auschwitz -  als außerschulischen Lernort vertraut zu machen. Dafür durchliefen die Studierenden ein von der Gedenkstätte und der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) in Oświęcim/Auschwitz angebotenes Begleitprogramm mit unterschiedlichen thematischen Bausteinen. Dazu gehörte etwa die durch einen Guide der Gedenkstätte betreute Besichtigung der beiden ehemaligen Lagerkomplexe Auschwitz-Stammlager und Auschwitz-Birkenau sowie der Workshop "Argument Biographie. Menschliche Werte in einer unmenschlichen Welt", in dessen Mittelpunkt der Erinnerungsbericht "Christus von Auschwitz" von Zofia Posmysz steht. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ bei den Studierenden das Zeitzeugengespräch mit dem heute 91-jährige polnischen Historiker Wacław Długoborski, der unter anderem die Gefangenschaft in Auschwitz-Birkenau überlebt hat. Für einige Teilnehmer war es die erste Begegnung mit einem Überlebenden und somit eine besonders wichtige Erfahrung als zukünftige Gedenkstätten-Teamer.
Die letzten beiden Tage der Exkursion verbrachte die Gruppe in Krakau. Dort lernten die Teilnehmer insbesondere im Rahmen eines historischen Rundgangs durch das ehemals jüdische Viertel sowie durch das frühere Gettogebiet die jüdischen Spuren der Stadt kennen und setzen sich überdies mit ihrer literarischen und filmischen Repräsentation auseinander.

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand immer auch die Frage, wie der Einsatz von Texten der Holocaust  und Lagerliteratur - insbesondere nach dem Zeitalter der Zeitzeugen - im Rahmen von Gedenkstättenfahrten aussehen kann.


Rückblick: Film- und Diskussionsveranstaltung mit dem Grimme-Preisträger Felix Kuballa auf Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur

Zunächst wurde den zahlreichen Besuchern der Veranstaltung die Reportage "MENSCHEN, KEINE NUMMERN MEHR" gezeigt, die der Autor und Filmemacher Felix Kuballa 2012 zusammen mit Kamilla Pfeffer vorlegte und die die Reise einer Schülergruppe in die Gedenkstätte Auschwitz dokumentiert. Die ca. 40-minütige Dokumentation begleitet die Jugendlichen vor und während ihrer Zeit in der Gedenkstätte. Schon nach den ersten Minuten wird deutlich, dass es sich um eine vielfältige Gruppe handelt, in der verschiedene Nationalitäten, aber auch verschiedene Einstellungen zum Holocaust vertreten sind. Die Jugendlichen zeigen sich zunächst neugierig und sind gespannt, auch sehr problematische Einstellungen werden geäußert. In der Gedenkstätte - konfrontiert mit dem Ausmaß der Gewalt, der Vernichtung und den einzelnen Lebensgeschichten - zeigen viele der Schüler sehr starke emotionale Reaktionen. Wie der Titel bereits verspricht, erkennen die Heranwachsenden, dass hinter den Nummern Menschen und Familien mit konkreten Lebensgeschichten stehen. Die Reportage macht deutlich, dass der Besuch von Gedenkstätten etwas in den Schülern auslöste, was der Unterricht vorher nicht erreichte - und das auch und gerade bei Schülern, die eine problematische Einstellung zum Dritten Reich gezeigt hatten.

Nach der Dokumentation folgte eine intensive Diskussionsrunde mit Felix Kuballa, der seine Motivation hinter der Film-Idee  erklärte, auf den Entstehungsprozess einging und die Reaktion der Öffentlichkeit schilderte. Die Sendung sorgte nach ihrer Ausstrahlung für einige Diskussionen und Empörungen (nicht zuletzt ausgelöst durch den Komiker Jan Böhmermann), mit denen Kuballa nach eigenem Bekunden nicht gerechnet hatte und die er mit dem Plenum diskutierte. Während dieser Diskussion wurde deutlich, dass Gedenkstättenfahrten großes Potential bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust bieten, aber eine intensive pädagogische Begleitung vor, während und nach der Fahrt unabdingbar ist.



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