am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Arbeitsstelle Holocaustliteratur trauert um Michael Kraus

07.01.2019

Januar 2019

Mit großer Trauer haben wir die Nachricht vernommen, dass Michael Kraus am 17. Dezember 2018 im Alter von 88 Jahren verstorben ist.
Michael Kraus wurde am 28. Juni 1930 im böhmischen Trutnov als einziges Kind des Arztes Karel Kraus und seiner Frau Lotte geboren. Ende 1942 wurde die Familie ins Ghetto Theresienstadt deportiert und ein Jahr später in das Familienlager in Auschwitz-Birkenau. Die SS ermordete dort im Juli 1944 Michaels Vater Karel. Seine Mutter wurde im selben Monat als Zwangsarbeiterin in das KZ Stutthof deportiert, wo sie am 8. Januar 1945 starb. Im Januar 1945 wurde Michael Kraus mit einem Evakuierungstransport zunächst nach Mauthausen und weiter in das Außenlager Melk verschleppt. Nach der Räumung des Außenlagers Melk musste er einen mehrtägigen Fußmarsch von Mauthausen in das Auffanglager Gunskirchen durchstehen. Michael wurde am 5. Mai 1945 von der US Armee befreit. Über Wiener Neustadt, Bratislava und Prag kehrte er in seine Heimat zurück, wo er seine Erfahrungen von 1942 bis 1945 zusammen mit zahlreichen Zeichnungen in einem Tagebuch in tschechischer Sprache festhielt. 

Unter dem Titel "Tagebuch 1942-1945. Aufzeichnungen eines Fünfzehnjährigen aus dem Holocaust" ist das Tagebuch im April 2015 als erster Band der gemeinsamen Schriftenreihe "Studien und Dokumente zur Holocaust- und Lagerliteratur" der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich erstmals in deutscher Übersetzung im Metropol Verlag erschienen.  

Gerade für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen zum Holocaust ist das Tagebuch von großem Wert. "Ich bin überzeugt, dass mein Tagebuch vor allem unter jungen Leuten seine Leser finden und ihnen helfen wird, die Ereignisse zu verstehen, die ihnen aus heutiger Sicht unwirklich erscheinen könnten“, schreibt Michael Kraus etwa 70 Jahre nach dem Holocaust im Vorwort zu seinem Tagebuch.
In diesem Sinne haben am 13. und 20. Juni 2017 im Rahmen des Workshops "Holocaust und Lagerliteratur: Das Tagebuch des Michael Kraus" 20 Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Deutsch des Johanneum Gymnasiums in Herborn das literarische Zeugnis von Michael Kraus in den Mittelpunkt gestellt. Auch in einem weiteren Workshop am 22. und 23. März 2018 mit 16 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Essen-Überruhr war das Tagebuch zentrales Thema. Im Rahmen des Projektkurses "Holocaustliteratur" setzten sich die Schülerinnen und Schüler der Qualifikationsphase ein Schuljahr lang mit Werken der Holocaustliteratur auseinander; darunter auch mit dem literarische Zeugnis von Michael Kraus. Wie wichtig Michael Kraus selbst die Begegnung bzw. das Gespräch mit Jugendlichen war, wurde vor allem daran deutlich, dass er mit den Schülerinnen und Schülern ein Skype-Interview führte.

Wir sind über den Tod von Michael Kraus sehr traurig und werden ihn immer in sehr guter Erinnerung behalten. Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei seiner Familie.


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