am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Arbeitsstelle Holocaustliteratur trauert um Lucille Eichengreen – Sie hat die Edition der ′Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt′ an der AHL entscheidend begleitet und mitgeprägt

09.02.2020

2007 erhielt sie die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs 05 - Sprache, Literatur, Kultur der JLU Gießen

Am 7. Februar 2020 ist Lucille Eichengreen im Alter von 95 Jahren in ihrem Heimatort Berkeley (Kalifornien) verstorben. Lucille, die am 1. Februar 1925 in Hamburg als Cecilie Landau geboren wurde, hatte das Getto Lodz/Litzmannstadt, die Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme und Bergen-Belsen überlebt. Ihre Erfahrungen hat sie in mehreren autobiografischen Büchern geschildert. In unzähligen Vorträgen an Schulen und Universitäten, mehrfach auch an der AHL, hat sie außerdem über ihre Erlebnisse gesprochen. Unter anderem für ihre besonderen Verdienste und ihr herausragendes Engagement an Schulen und Universitäten erhielt sie am 7. Mai 2007 im Rahmen eines Festaktes im Alexander-von-Humboldt-Gästehaus die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs 05 – Sprache, Literatur, Kultur der Justus-Liebig-Universität. Geehrt wurde sie aber auch für ihr Mitwirken an der deutschen Edition der Lodzer Getto-Chronik, die von der AHL in Zusammenarbeit mit der Universität und dem Staatsarchiv Lodz 2007 erstmals vollständig herausgegeben wurde. Ohne Lucille hätte das Projekt so nicht verwirklicht werden können. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen als Sekretärin des Schriftstellers und Journalisten Oskar Singer, einer der beiden Hauptautoren der Chronik, waren für das Verständnis der Texte und für die Edition von unschätzbarem Wert. 

Im Oktober 1941 wurde Lucille mit 16 Jahren zusammen mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Karin ins Getto Lodz/Litzmannstadt deportiert. Der Vater war bereits 1940 im KZ Dachau ermordet worden. Ihren Überlebenskampf im Getto hat sie unter anderem in ihrem Buch über den Judenältesten Chaim Rumkowski ("Rumkowski, der Judenälteste von Lodz“, 2000) beschrieben. Die Mutter starb im Juli 1942 an Hunger und Entbehrungen. Lucille kümmerte sich um ihre jüngere Schwester, bis diese im September 1942 ins Vernichtungslager Chelmno deportiert und dort ermordet wurde. Nach Auschwitz-Birkenau wurde Lucille im August 1944 deportiert. Wenige Wochen später wurde sie in ein Außenlager des KZ Neuengamme am Dessauer Ufer verbracht, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. Im März 1945 wurde sie nach Bergen-Belsen verschleppt, wo sie durch die britische Armee im April 1945 befreit wurde. In ihrer Autobiografie "Von Asche zum Leben" von 1992 erzählt Lucille unter anderem von ihren Erlebnissen im Getto und den Lagern, aber auch von ihrem Leben nach dem Holocaust bis 1991.

Nach der Befreiung verbrachte sie einige Monate im Lager für Displaced-Persons in Bergen-Belsen und arbeitete als Übersetzerin für die britische Armee. In Zusammenarbeit mit der Britischen Militärregierung konnte sie in Hamburg über 40 SS-Täter aus dem KZ Neuengamme identifizieren und vor Gericht stellen lassen. Schließlich verließ sie Deutschland und wanderte in die USA aus. Hier lernte sie 1946 den ebenfalls aus Hamburg stammenden jüdischen Emigranten Dan Eichengreen kennen, mit dem sie bis zu ihrem Tod verheiratet war und zwei Söhne hat.

1991 reiste Lucille zum ersten Mal wieder nach Deutschland und Polen und begann daraufhin, an Schulen und Universitäten Vorträge zu halten. 2004 veröffentlichte sie mit ihrem Band "Frauen und Holocaust" ein Buch, das sich verschiedenen Frauen und ihren jeweils unterschiedlichen Erfahrungen im Holocaust widmet. 2009 wurde sie in ihrer Geburtsstadt Hamburg mit der Hamburgischen Ehrendenkmünze in Gold ausgezeichnet. Der Hamburger Senat würdigte ihre Verdienste um die Aufarbeitung und Vermittlung der Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in ihrer Heimatstadt. 

Wir sind über den Tod von Lucille Eichengreen unendlich traurig. Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei ihrer Familie. Lucille hat die Arbeit der Arbeitsstelle auch jenseits der Begleitung der Edition der Getto-Chronik Lodz/Litzmannstadt in vielfacher Hinsicht unterstützt und begleitet. Sie wird uns sehr fehlen und wir werden immer an sie denken. 


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