am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

„Zeitenzeugin“ Dr. Eva Umlauf war am 12. November 2021 zu Gast an der AHL – Ausführlicher Bericht von Heidrun Helwig am 20. November im Gießener Anzeiger erschienen

22.11.2021

Im Rahmen einer vom Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e. V. organisierten Vortragsreihe anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 besuchte Dr. Eva Umlauf am 12. November 2021 auch die AHL. Der Vortrag sowie das anschließende Gespräch mit mehr als 60 Teilnehmer:innen – Studierenden der JLU sowie auch extern Interessierten – fand aufgrund der Pandemielage als Hybridveranstaltung statt. 

Nach einleitenden Worten von Charlotte Kitzinger las Eva Umlauf einige Passagen aus ihren im Jahr 2016 zusammen mit Stefanie Oswalt im Verlag Hofmann und Campe veröffentlichten Erinnerungen „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ und erzählte ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte.

„Der Zug kam zu spät“, berichtete Eva Umlauf, „und das war unser Glück“. Denn wäre der Transport vom 3. November 1944 nur wenige Tage vorher im Konzentrationslager Auschwitz eingetroffen, hätte die damals Zweijährige und ihre Familie nicht überlebt. Heute ist die in München lebende Kinderärztin und Psychotherapeutin eine der jüngsten Überlebenden der Shoah.

Ihre ersten beiden Lebensjahre verbrachte Eva Umlauf, geborene Hecht, im slowakischen Zwangsarbeitslager Nováky. Als eigenständiger Marionettenstaat unter deutschem Einfluss lieferte die Slowakei bereits 1942 die Jüdinnen und Juden des Landes aus. Entgegen der oftmals vertretenen Annahme, die jüdische Bevölkerung hätte nicht erahnen können, was sie erwartet, habe man in Nováky „genau gewusst, wohin man geht, wenn man in […] einen Zug eingestiegen ist“, schilderte Eva Umlauf. Im November 1944 wurde auch sie mit ihren Eltern ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. 

Bei ihrer Ankunft wurde die Familie getrennt. Ihren Vater, Imrich Hecht, von dessen Schicksal sie erst durch ihre Archivrecherche für ihr Buch erfuhr – er starb im Alter von 33 Jahren im Außenlager Melk des KZ Mauthausen in Österreich – , sah sie dort zum letzten Mal. Eva Hecht, die in Auschwitz schwer krank war, überlebte das Lager nur sehr knapp, ebenso wie ihre Mutter und die im April 1944 geborene Schwester Nora. Ausführlich berichtete Umlauf über den unermüdlichen Kampf ihrer damals erst 21-jährigen Mutter um das Überleben ihrer Kinder. „Das war ihr Werk, dass ihre […] beiden Töchter am Leben geblieben sind“, erzählte sie. 

Nach Kriegsende sprach die Familie jedoch kaum über das Erlebte. „[D]ie einen müssen schweigen, um sich zu schützen, um weiterleben zu können“, erklärte die 78-Jährige, „die anderen fragen – und das ist die nächste Generation“. Nach einem Herzinfarkt begab sich Eva Umlauf 2014 dann auf eine Spurensuche in die Vergangenheit und schrieb die Ergebnisse ihrer Recherche nieder. Seitdem hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, über die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Familie als „Zeitenzeugin“ (der Plural 'Zeiten' weist dabei darauf hin, dass ihr Leben verschiedene Perspektiven und historische Zeiten umfasst) zu berichten. Denn auch wenn Eva Umlauf keine eigenen aktiven Erinnerungen an die Ereignisse ihrer frühesten Kindheit und an die Lager hat, so prägen diese unterbewusst und als „Gefühlserbschaften“, die transgenerational weitergegeben werden, bis heute ihr gesamtes Leben, wie sie berichtete. 

Im Anschluss an den Vortrag hatten die vor Ort anwesenden sowie digital hinzugeschalteten Teilnehmer:innen die Gelegenheit, Eva Umlauf zu ihrem Leben nach Auschwitz zu befragen. Auf die Frage, was der wieder aufflammende Antisemitismus in Deutschland und Europa in ihr auslöse, antwortete sie, dass ihr diese Entwicklung „große Sorgen“ bereite. Sie beschloss ihren Vortrag daher mit einem Appell gegen das Vergessen: Wichtig sei, dass man nicht schweige, „dass man redet, dass man erzählt, dass man liest“. Sie betonte zudem, dass es sehr wichtig ist, „sich als junger Mensch zu positionieren […] und unsere Demokratie zu schützen“.

Am 20. November 2021 ist zudem ein ausführlicher Artikel zur Veranstaltung von Heidrun Helwig im Gießener Anzeiger erschienen. 

 


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