am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

′Vergeben und vergessen kann ich nicht, aber ich hasse nicht. Hass ist ein schlechter Begleiter′ – Holocaustüberlebende Edith Erbrich war zu Besuch in Gießen

31.01.2020

29. Januar 2020

Am 29. Januar 2020 war die Holocaust-Überlebende und Zeitzeugin Edith Erbrich auf Einladung der Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer e.V. und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur in Kooperation mit dem Magistrat der Universitätsstadt Gießen zu Besuch in Gießen.
Am Vormittag war sie bereits zu Gast im Seminar von Anika Binsch (AHL) und sprach dort über ihre Erlebnisse. Am Abend erzählte sie in der Alten Kunsthalle der Kongresshalle Gießen nach begrüßenden Worten des Vorsitzenden Gerhard Merz (Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer e.V.) sowie einer Einführung durch die Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz vor großem Publikum von ihrem Schicksal.

1937 wurde Edith Erbrich, damalige Bär, in Frankfurt am Main geboren. Sie und ihre Schwester galten unter den Nationalsozialisten als sogenannte 'jüdische Mischlinge ersten Grades' und waren so auch der Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Ihre katholische Mutter sollte sich von ihrem jüdischen Mann scheiden lassen, widersetzte sich dem jedoch. Ihre Großeltern väterlicherseits wurden deportiert. "Sie verreisen", lautete die Erklärung, um Edith und ihre Schwester Hella vor den grausamen Ereignissen zu schützen. Und am 14. Februar 1945 traf es dann auch Edith, ihren Vater und ihre Schwester.
Auf dem Weg zur Großmarkthalle, von wo der Deportationszug abging, wurden sie aus den Fenstern und vom Straßenrand aus beobachtet. "Wir wurden bespuckt. Es gab Rufe: 'Wir sind froh, dass ihr endlich wegkommt'", so Erbrich. Sie weiß nicht mehr, wie viele Menschen in dem Güterwagen waren. Aber sie erinnert sich, dass ihr Vater zu Hause Postkarten vorbereitet hatte, auf denen er während der Fahrt dann knapp die Stationen ihrer Reise und ihr Befinden notierte und sogar aufmunternde Worte für seine Frau fand. Anschließend warf er sie durch die Ritzen des Wagens hinaus. Die Postkarten wurden gefunden und erreichten die Mutter tatsächlich in Frankfurt am Main.

In Theresienstadt wurden die Geschwister von ihrem Vater getrennt. Wie durch ein Wunder trafen sie ihre von den dortigen Verhältnissen schwer gezeichnete Großmutter wieder. Der Großvater hatte nur wenige Tage überlebt. Erbrich erinnert sich noch gut an die Worte ihres Vaters bei den kurzen heimlichen Treffen: "Er hat immer gesagt: 'Wir schaffen das!' Ich weiß bis heute nicht, wo er diese Kraft und diese Zuversicht her hatte." Ständigem Hunger und großen Strapazen ausgesetzt, überlebten Edith, ihre Schwester, ihr Vater und ihre Großmutter. "Dann, in der Nacht, als wir in unseren Pritschen lagen, kam eine andere Gefangene rein und rief 'Wir werden befreit'. Aber ich wusste gar nicht, was das heißen soll – 'frei sein'", schilderte Erbrich den Moment, als die sowjetische Armee in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1945 Theresienstadt erreichte.
 
Erst fünfzig Jahre später hat sich Edith Erbrich mit ihrer Schwester noch einmal auf den Weg nach Theresienstadt gemacht. Seitdem berichtet sie so oft sie kann von ihren Erlebnissen. Jedes Jahr um den 8. Mai herum begleitet sie eine Jugendgruppe in die Gedenkstätte Theresienstadt. "Vergeben und vergessen kann ich nicht, aber ich hasse nicht. Hass ist ein schlechter Begleiter“, so Erbrich. "Ich hab‘ das Lachen nicht verlernt", betonte sie weiter. So lautet auch der Titel, unter dem Edith Erbrich 2014 gemeinsam mit dem Journalisten Peter Holle ihre Erinnerungen publiziert hat.

Im Gießener Anzeiger sowie in der Gießener Allgemeinen Zeitung sind am 31. Januar ausführliche Berichte über den Besuch von Edith Erbrich erschienen. Zum Artikel in der Gießener Allgemeinen Zeitung gelangen Sie hier.

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