am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Studierende der JLU wurden auf einer Exkursion in die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und nach Krakau zu Gedenkstättenteamer:innen ausgebildet

12.03.2024

1. bis 8. März 2024

Vom 1. bis 8. März 2024 nahmen 16 Studierende der Justus-Liebig-Universität Gießen, darunter Lehramtsstudierende und Studierende des Masterstudiengangs „Holocaust- und Lagerliteratur“, an einer Studienfahrt in die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und nach Krakau teil, die von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung durchgeführt wurde. Ziel der siebentägigen Exkursion war es, die Teilnehmenden zu Gedenkstättenteamer:innen auszubilden. Zuvor waren die Teilnehmer:innen in zwei Wochenend-Blockseminaren, an denen auch Felix Münch (Hessischen Landeszentrale für politische Bildung) mitgewirkt hat, auf die Gedenkstättenfahrt vorbereitet worden. Begleitet wurde die Gruppe von Prof. Dr. Sascha Feuchert und Dr. Anika Binsch sowie von Angelina Isak und Tim Spengler vom Team der AHL. 

Ermöglicht wurde die Exkursion durch die großzügige Förderung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich, des Fördervereins der Arbeitsstelle Holocaustliteratur sowie des PROMOS-Projekts des DAAD. Auch dem Ehepaar Sima sei für ihre private Unterstützungsinitiative herzlichst gedankt. 

In den ersten Tagen der Studienreise standen neben Führungen durch die Stadt Oświęcim und das Jüdische Zentrum auch Besichtigungen der Gedenkstätten Auschwitz I (Stammlager) und Auschwitz II (Birkenau) auf dem Programm. Außerdem erkundeten die Teilnehmenden das Gelände des einstigen Zwangsarbeitslagers Auschwitz III (Monowitz) sowie das angrenzende ehemalige Fabrikgelände der Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie AG (I.G.-Farben).  

Nach einer Einführung in die pädagogische Arbeit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) hatten die Teilnehmenden in zwei Workshops der IJBS die Möglichkeit, ihre gesammelten Eindrücke durch die intensive Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen zu vertiefen. So befassten sie sich in einem ersten Workshop mit dem Zeugnis von Henryk Mandelbaum (1922-2008), der als Häftling zum Sonderkommando von Auschwitz-Birkenau gehörte. Der zweite Workshop „Spurensuche in Monowitz – vergessene Erinnerungsorte“ thematisierte unter anderem die Erlebnisse von Hans Frankenthal (1926-1999), der als Zwangsarbeiter beim Aufbau des Buna-Werks der IG Farben in Auschwitz-Monowitz eingesetzt war. 

Ein weiterer Schwerpunkt der Exkursion war die Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst. Zu diesem Zweck suchten die Teilnehmenden die Dauerausstellung „Erinnerungsklischees. Labyrinthe“ im Kloster des Franziskaner-Minoritenordens in Harmęże auf. Die Ausstellung zeigt über 260 Zeichnungen von Marian Kołodziej (1921-2009), der im Jahr 1940 als einer der ersten Häftlinge in Auschwitz inhaftiert wurde und eine Vielzahl weiterer Konzentrationslager überlebte. Nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte, begann er nach fast fünfzig Jahren des Schweigens seinen Erinnerungen zeichnerisch Ausdruck zu verleihen.  

Die letzten beiden Tage verbrachte die Gruppe dann in Krakau. Während einer Stadtrundführung besichtigten sie neben dem historisch jüdischen Viertel Kazimierz und dem ehemaligen Gettogebiet im Stadtteil Podgórze auch die Gedenkstätte des KZ Plaszow.  

Besonders eindrucksvoll fanden die Teilnehmenden das Zeitzeugengespräch mit der heute 83-jährigen Holocaust-Überlebenden Monika Goldwasser und Übersetzerin Anna Weßling-Milczarek, das am letzten Tag der Exkursion stattfand. Rund eineinhalb Stunden lang berichtete sie den Studierenden von ihren Erlebnissen zur Zeit der nationalsozialistischen Besatzung in Polen und beantwortete anschließend ihre Fragen.  
Goldwasser wurde 1941 als Kind einer jüdischen Familie in einer Kleinstadt in der Nähe von Krakau geboren. Nur neun Monate nach ihrer Geburt sollte sie gemeinsam mit ihren Eltern in das Getto von Skawina verbracht werden. Um das Leben ihrer Tochter zu retten, gaben ihre Eltern sie in die Obhut eines Bauernpaares. Als ihre Eltern von den Nationalsozialisten deportiert wurden, hielt Monikas Mutter statt ihres eigenen Kindes eine Puppe in den Armen, die die Kleider ihrer Tochter trug. Kurz darauf kam sie für einige Monate in ein Waisenhaus des Ursulinenklosters in Krakau, bevor sie schließlich von einem polnischen Ehepaar adoptiert wurde. Da ihre Adoptiveltern jedoch ein großes persönliches Risiko eingingen, mussten sie bis zum Kriegende immer wieder umziehen und sich verstecken.  
Im Alter von elf Jahren fand Monika dann einen Zettel mit den Namen ihrer leiblichen Eltern, die sie aber nicht zuordnen konnte. So gerieten die Namen vorübergehend in Vergessenheit, bis Monikas (Adoptiv-)Mutter im Sterben lag und ihr schließlich alles über ihre Herkunft erzählte. Anfang der 1990er Jahre sah Monika ihre Tante mütterlicherseits in einer Fernsehsendung, in der sie nach überlebenden Verwandten suchte, und kontaktierte sie daraufhin, um ihr bei der Suche zu helfen. Erst als sie Verwandte in den USA fand und erkannte, wie wenig diese über das Schicksal ihrer Familie wussten, beschloss Monika, ihre Geschichte auch öffentlich zu teilen. 


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