am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Bericht zum diesjährigen Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte

31.10.2019

25. bis 26. Oktober 2019

Vom 25. bis 26. Oktober 2019 hat das Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte zum Thema „Sinti und Roma: Der nationalsozialistische Völkermord in historischer und gesellschaftspolitischer Perspektive“ im Max-Mannheimer Haus in Dachau stattgefunden. Am diesjährigen Symposium haben auch Markus Roth und Jeanne Flaum von der AHL teilgenommen.

Die Tagung, die einmal jährlich als Forum des wissenschaftlichen Austauschs über die Geschichte des Nationalsozialismus zu unterschiedlichen Themenbereichen stattfindet, hat sich dieses Mal mit der größten Minderheit Europas beschäftigt. Die Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und Roma hat eine lange Tradition und fand ihren Höhepunkt im Völkermord durch die Nationalsozialisten. Doch auch nach 1945 wurde die Gruppe weiterhin ausgegrenzt. Der lange Weg um Anerkennung des Völkermordes und um gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft waren Gegenstand des Symposiums. Nach einer Einführung durch Karola Fings (NS-Dokumentationszentrum Köln), die in diesem Jahr die wissenschaftliche Leitung übernahm, gab es ein Panel zu den „Dimensionen des Völkermordes“. Hierbei wurde in zwei Vorträgen auf die Situation der Sinti und Roma am Beispiel Münchens eingegangen sowie auf den Völkermord an Roma in Ost-und Südosteuropa.  

Das zweite Panel beschäftigte sich mit „Täter-und Opferperspektiven“. Frank Reuter (Heidelberg) zeigte in seinem Vortrag visuelle Repräsentationen des Völkermordes und verwies auf die Bedeutung und Problematik von Bildquellen. Oft würden sie zur Reproduktion der Stigmatisierung beitragen. Wichtig sei es daher vielmehr, darauf einzugehen, wie wir die Opfer wahrnehmen und nicht wie die Täter sie dargestellt haben. Gerhard Baumgartner (Wien) ging daraufhin in seinem Beitrag auf „Zeugnisse und Zeugenschaft“ der Sinti und Roma ein und analysierte unterschiedliche Formen von frühen Zeugnissen der Opfergruppe, die den Mythos des Schweigens der Opfer klar widerlegen. Das dritte Panel „Kontinuitäten und Brüche“ beschäftigte sich mit der Zeit nach 1945 und dem langen Kampf um Anerkennung. Dachau ist in diesem Zusammenhang ein symbolhafter Ort für die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma. Der Hungerstreik in der Gedenkstätte Dachau 1980 wurde zum Schlüsselereignis für die politische Anerkennung und leitete ein Bewusstseinswandel ein. Der erste Tag des Symposiums endete mit einem Gespräch mit zwei Sintezas aus dritter Generation, die über ihre Familiengeschichte sowie aber auch über aktuelle Ausgrenzungsformen sprachen.

Am Samstag stand die Vermittlungsarbeit im Fokus der Tagung. Zwei weitere Vorträge thematisierten, dass es wichtig sei, Sinti und Roma als eine sehr heterogene Gruppe zu betrachten und dass sie selbst zu Wort kommen sollten. Die Sensibilisierung für die komplexen Lebensrealitäten der Gruppe sowie das Schaffen eines Bewusstseins für den Sprachgebrauch seien wichtige Ziele in der Bildungsarbeit, denn bis heute fehlte der Mehrheitsgesellschaft fundiertes Wissen über die Minderheit. Es sei dringend notwendig, bei den „Zigeunerbildern“, die existieren, anzusetzen und diese kritisch zu hinterfragen, um so eine Reproduktion sozialer Ungleichheit zu vermindern.

Eine Podiumsdiskussion, unter anderen mit Romani Rose und Sybille Steinbacher, beendete das Symposium mit den angestrebten Zielen, mehr Wissen zu vermitteln und in den Dialog zu treten. Eine stärkere Aufklärung und ein Aufzeigen der Bedingungen, die einen Völkermord möglich gemacht haben, sollte auch im schulischen Kontext stärker fokussiert werden. So sagte Romani Rose, dass die Situation der Sinti und Roma nach 1945 ein Teil der deutschen Geschichte sei zu der man sich bekennen solle. Es sei nicht die Frage, was wir für Sinti und Roma tun könnten, sondern der Ansatzpunkt liege bei der Mehrheitsbevölkerung und dem Abbau antiziganistischer Stereotype. Im Anschluss gab es noch die Möglichkeit an einer Führung in der Gedenkstätte Dachau teilzunehmen. Hierbei lag der Fokus auf der Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma im Konzentrationslager Dachau.

Einen Artikel der Süddeutschen Zeitung zum diesjährigen Dachauer Symposium findern Sie hier.


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