am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

8. Blickwinkel-Tagung zur Rechtspopulismus und Judenfeindschaft in Frankfurt

21.06.2017

19. bis 20. Juni 2017

Unter dem Motto "Rechtspopulismus und Judenfeindschaft. Kontinuitäten – Brüche – Herausforderungen" stand die diesjährige 8. Blickwinkeltagung des Antisemitismuskritischen Forums für Bildung und Wissenschaft vom 19. bis 20. Juni 2017 in Frankfurt am Main, an der auch die Mitarbeiterinnen der AHL Jeanne Flaum, Charlotte Kitzinger und Annika Welle teilgenommen haben. Eingeladen hatten das Pädagogische Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt, die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" (evz), das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und die Evangelische Akademie Frankfurt, maßgeblich gefördert wurde die Tagung vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend.

In einem Vortrag beleuchtete der Historiker und Publizist Volker Weiss unter anderem am Beispiel des umstrittenen Buchs von Wolfgang Gedeon "Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten", wie die neuen rechten Bewegungen mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus umgehen. Weiss führte aus, dass diese das Thema Nationalsozialismus häufig einfach umgehen oder sich sogar explizit von diesem distanzieren. Wenn man sich jedoch anschaue, wer ihre ideologischen Vorbilder seien, so stelle man vielfach fest, dass dies die Befürworter von Rasseideologien und Nationaldenken aus den 1920er Jahren und antisemitische Literatur aus dem 19. Jahrhundert seien. Mit diesen müssten sich die Historiker demnach befassen, wenn sie die ideologische Grundlage der neuen Bewegungen kennen wollten. Gleichzeitig seien diese Sammlungsbewegungen und daher ideologisch nicht einheitlich ausgerichtet. Das Spiel mit Emotionen und Ängsten sei jedoch eine wesentliche Verbindung.

Ähnliche Befunde wurden auch in den folgenden thematisch verschiedenen Worldcafés erhoben. Die neue Rechte zeichnet sich häufig durch explizit israelfreundliche Bekenntnisse aus, das Existenzrecht Israels wird etwa ausdrücklich anerkannt. Die Gründe dafür sind vermutlich zum einen schlicht Täuschungsmanöver, aber zum anderen auch der Versuch, eine 'jüdisch-christliche Einheitsfront' gegen Muslime als äußeren Feind zu etablieren. So wird die Politik des Staates Israel möglicherweise als positiv und nachahmenswert im Sinne der Bildung eines starken Nationalstaates verstanden, der sich wenn nötig auch militärisch nach außen abgrenzt. Weiterhin existieren – oft innerhalb der gleichen Bewegung – aber auch antisemitische und revisionistische Weltanschauungen, die das Gedenken an den Holocaust diskreditieren und sich sprachlich durch klare NS-Bezüge zeigen. Antisemitismus äußert sich jedoch dabei meist als Israelkritik ohne Bezug zum Nationalsozialismus, weniger als reiner Rassenantisemitismus. Emotional besetzt wird in allen rechten Bewegungen dagegen der Volks- und Nationsbegriff. Die Heterogenität und Widersprüchlichkeit macht die rechten Bewegungen schwer greifbar.

In den sechs Vertiefungsworkshops am zweiten Tagungstag, von denen die Mitarbeiterinnen der AHL drei besuchen konnten, wurde das Thema Rechtspopulismus und Antisemitismus unter jeweils verschiedenen Gesichtspunkten thematisiert. Unter anderem wurden Befunde und mögliche Gegenstrategien zu rechtspopulistischer Kommunikation und Antisemitismus im Netz besprochen. Auch hier zeigt sich, dass der heutige Rechtsextremismus oft nicht leicht zu erkennen ist. Häufig zeichnen sich diese Bewegungen durch eine hohe Kompetenz im Umgang mit den sozialen Medien aus. Zudem äußern sie sich auch zu Themen, die nicht auf den ersten Blick als 'rechts' zu erkennen sind – etwa Kindesmissbrauch, Umwelt- und Tierschutz. Sie wenden sich aber meist auch gegen Eliten, gegen 'Systemparteien' und Flüchtlinge. Über Emotionalisierung, Polarisierung, Skandalisierung von Themen und Menschen sowie über stetigen Tabubruch arbeiteten sie langsam daran, das, was bislang 'unsagbar' war, 'sagbar' zu machen. Gefühle und subjektive Einschätzungen werden höher bewertet als sachliche Perspektiven, gleichzeitig bedienen sie sich häufig vermeintlicher Statistiken und Fakten, die die emotionalen 'Ängste' und die 'Besorgnis' der 'Bürger' belegen sollen. Konstruiert werden dabei oppositionelle und abgrenzbare Gruppen. Verbunden damit ist die Aufwertung der eigenen Gruppe und Abwertung der anderen sowie eine Selbstviktimisierung, die legitimiert, dass man sich 'wehrt' und 'verteidigt'. Die Kommunikationsstrategien in den sozialen Netzwerken reichen dabei von offener Hetze und "Hate Speech" über subtilere Manipulation durch das Erzeugen von Angst, das Verbreiten von "Fake News" und symbolträchtigen Bildern, hin zu 'humorvollen' Verunglimpfungen von etwa Flüchtlingsopfern oder Muslimen. Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche, die durch Sprüche, Bilder, Cartoons, die gelikt und geteilt werden können und sollen, angesprochen werden sollen. Auch das Verbreiten von Verschwörungstheorien gehört zum Repertoire. Für die pädagogische Theorie und Praxis bedeutet dies, so der Befund des Workshops, dass diese Werkzeuge entwickeln muss, wie diese Mechanismen – auch die emotionalen – in Schule und Bildung aufgezeigt und reflektiert werden können, damit Kinder und Jugendliche solche Inhalte und Strukturen erkennen und sich davon distanzieren können.

Im einem weiteren Workshop waren "Handlungsstrategien gegen Rechtspopulismus im pädagogischen Raum" Thema. Die Teilnehmer konnten verschiedene Methoden zum Thema Rechtspopulismus durchspielen, die sich auch für Lerngruppen als Einstiegsmöglichkeiten in die Thematik eignen. Die Teilnehmer hatten dabei Gelegenheit, die Methoden selbst zu üben und anschließend in der Gruppe zu reflektieren. Zudem wurde das PIN-Model (Prävention/Intervention/Nachsorge) vorgestellt, welches den Pädagogen als ein hilfreicher Leitfaden für den Umgang mit diskriminierenden Äußerungen und Handlungen im pädagogischen Raum dienen kann. Insgesamt konnten die teilnehmenden Lehrer und Pädagogen viele nützliche Anregungen und Tipps für den Umgang mit Rechtspopulismus im pädagogischen Raum erhalten.

Im Vertiefungsmodul zu "Beratung im Kontext von Rechtspopulismus und Antisemitismus" stellten die Referenten der Opferperspektive Brandenburg sowie von Response aus Frankfurt unterschiedliche Fallbeispiele vor, die im Anschluss von den Teilnehmern analysiert und beurteilt wurden. Hierbei stand vor allem eine opferzentrierte Beratung im Fokus des Workshops. Interessant war vor allem die Erkenntnis, dass Opfer von Antisemitismus die Möglichkeiten der Beratungsstellen so gut wie nicht nutzen. Außerdem konnten deutliche Unterschiede zwischen der opferzentrierten Beratungsarbeit in den Bundesländern im Osten und Westen Deutschlands aufgezeigt werden.

Deutlich wurde am Ende der Tagung – vor allem auch durch die Zusammenfassung der Tagungsbeobachterin Mará do Mara Castro Varela (Professorin für Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Gender und Queer Studien an der Alice Salomon Hochschule in Berlin) – , dass es bislang offenbar schwierig ist, die komplexen und heterogenen Strukturen von Antisemitismus, Antiislamismus und Rechtspopulismus gleichzeitig und gleichberechtigt in den Blick zu nehmen und darüber zu sprechen, ohne jeweils Gruppen oder Personen auszugrenzen oder zu pauschalisieren. Sowohl für die Wissenschaft als auch für die Pädagogik wird es daher von entscheidender Bedeutung sein, so resümierte Castro Varela, die Emotionen und Affekte, die ganz wesentlich die Diskussion und Wahrnehmung dieser Phänomene bestimmen, zum Bestandteil der wissenschaftlichen Untersuchung und der pädagogischen Arbeit zu machen. Man müsse, so ihr Vorschlag, wieder mehr Wissenschaftskritik wagen und lernen Widersprüche auszuhalten und zu artikulieren.    


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