am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Bericht: 20 Jahre Arbeitsstelle Holocaustliteratur und Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung: ein Abend zur Erinnerungskultur - Presseberichte erschienen

26.11.2018

22. November 2018

Arbeitsstelle Holocaustliteratur und Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung feierten am 22. November 2018 ihr 20-jähriges Bestehen mit einem Abend zur Erinnerungskultur – Berichte im Gießener Anzeiger und in Gießener Allgemeine Zeitung erschienen, Interview im Hessischen Rundfunk gesendet

Etwa 200 Gäste waren in den Vorlesungssaal der Alten UB in Gießen gekommen, um mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich ihren 20. Geburtstag zu feiern. Genau zwei Jahrzehnte seien vergangen, so Prof. Dr. Sascha Feuchert in seiner Begrüßungsrede, seit die Arbeitsstelle im Wintersemester 1998/1999 als interdisziplinäre Einrichtung am Institut der Germanistik der JLU Gießen gegründet worden sei – nach viel Überzeugungsarbeit und auch gegen die vorherrschenden etablierten Strukturen. Es habe jedoch auch große Unterstützung gegeben, am Institut und in der Universität, aber auch maßgeblich durch die Chambré-Stiftung, die nur wenig vorher gegründet worden war, und besonders durch den 2014 leider verstorbenen geschäftsführenden Direktor Dr. Klaus Konrad-Leder. Die finanzielle Förderung der Stiftung habe entscheidend zur Gründung der AHL beigetragen und ist bis heute eine tragende Säule der Arbeitsstelle. Auch weitere Unterstützer, wie etwa der Förderverein der AHL, seien von zentraler Bedeutung für die Einrichtung, ohne diese Spendengelder seien viele Projekte nicht umsetzbar. Feuchert dankte auch den Verlagen Metropol und Wallstein, die viele der Publikationen überhaupt erst ermöglicht haben. Vor allem jedoch seien es engagierte Studierende, die die AHL zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Gerade in einer Zeit, in der ein zunehmender Rechtruck in der Gesellschaft zu verspüren sei und  Kräfte am rechten Rand eine andere Erinnerung wollten, die weniger von den Opfern spreche, sei diese Arbeit besonders wichtig. Ziel sei es deshalb – auch über das Jahr 2021 hinaus – das Erreichte zu sichern und fortzuführen. Dank der Initiative von Universitätspräsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee fördert das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) den Ausbau der AHL bis 2021. 
Auch Prof. Dr. Verena Dolle (Vizepräsidentin der JLU Gießen) betonte in ihrem Grußwort, dass es angesichts des immer deutlich sichtbareren Antisemitismus in der Gesellschaft von zentraler Bedeutung sei, Räume für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust zu schaffen und die Erinnerungskultur gesellschaftlich zu pflegen. Für Staatsminister a.D. Karl Starzacher (Vorsitzender der Chambré-Stiftung und Vorsitzender des Hochschulrats der JLU) ist die politische und gesellschaftliche Relevanz und Aufgabe der AHL so deutlich und wichtig, wie er in seiner Ansprache betonte, dass er sich nicht vorstellen könne, dass die hessische Landesregierung die AHL nach 2021 nicht weiter fördern werde. 

Überleitend zum Podiumsgespräch über die Herausforderungen der aktuellen Erinnerungskultur des Holocaust zwischen Prof. Dr. Sybille Steinbacher (Leiterin des Fritz Bauer Instituts, Professorin an der Universität Frankfurt), Dr. Franziska Augstein (Journalistin und Publizistin) und Prof. Dr. Sascha Feuchert las die Schauspielerin Antje Tiné (Stadttheater Gießen) Auszüge aus Ruth Klügers autobiografischem Werk „weiter leben“. David Safier, der ebenfalls für das Podiumsgespräch vorgesehen war, konnte krankheitsbedingt leider nicht teilnehmen.
Die ausgewählten Passagen aus „weiter leben“ bringen Klügers Überlegungen zur Erinnerungskultur und ihre ambivalente und kritische Haltung gegenüber dem heutigen „Ort“ Auschwitz zum Ausdruck. Einig waren sich Steinbacher und Augstein, dass Ruth Klügers kritischer Blick ihren eigenen konkreten historischen Erfahrungen geschuldet sei, aber eher ein Blick aus der Perspektive der 1990er Jahre auf die Gedenkstätten sei, als ein heutiger. Eine Erinnerungskultur und das Bewusstsein dafür, so Steinbacher, habe sich erst entwickeln und gesellschaftlich etablieren müssen. Es sei ein Prozess gewesen, der erst in den 1980er Jahren wirklich begonnen habe. Klüger sei gegen ritualisiertes Gedenken, ergänzte Augstein, dagegen, dass „Horror in Kultur umgewandelt“ würde. Es sei ein schmaler Grad und Aufgabe der Gedenkstättenpädagogen, dies zu verhindern, was heute auch mehrheitlich der Fall sei. 

Feuchert thematisierte, ob die Gedenkstätten heute – als teilweise „überlaufene Touristenorte“ – ein wirksames Mittel gegen Antisemitismus und den Rechtsruck in der Gesellschaft sein könnten. Steinbacher bemängelte, dass Gedenkstätten vielfach die Rolle von „Hilfsschulen“ erhielten, was zu einer Überforderung dieser Orte führe. Historisch-kritische Aufarbeitung sei „eine gesellschaftliche Aufgabe“ und könne nicht nur allein von Gedenkstätten geleistet werden. Erinnern dürfe sich nicht „im Ritual und normativer Rhetorik“ erschöpfen sondern erfordere die kritische Auseinandersetzung. Augstein betonte, die Gedenkstätten könnten sicherlich nicht den politischen Diskurs ersetzen, aber sie könnten helfen und seien nützlich und wichtig. 

Mit dem seit Jahren vielfach thematisierten Verschwinden der Zeitzeugen stehe die Erinnerungskultur vor besonderen Herausforderungen der Um- und Neugestaltung. Die Frage sei, wie dieser Wechsel aussehen könne und solle, so stellte Feuchert zur Diskussion. Steinbacher führte aus, dass der ‚Abschied’ von den Zeitzeugen bereits ein Prozess der letzten zehn Jahre sei. Auch die Gedenkstätten bereiteten sich seit ebenso langer Zeit darauf vor. Zwar hätten Zeitzeugen eine enorme Deutungsmacht, doch ihre Geschichten werden uns bleiben, so betonte sie. Die Rolle von Zeitzeugen habe sich durch die zunehmend mediale Inszenierung von Zeitzeugenschaft ohnehin schon lange verändert. Dabei dürfe man den kritischen Blick nicht verlieren. Zeitzeugen seien eine Quelle und könnten auch eine schwierige Quelle sein. Augstein dagegen kritisierte den häufig „falschen Einsatz“ der Zeitzeugen. „In dem Moment, wo der Begriff Zeitzeuge publik geworden ist, war der Zeitzeuge schon ein Fetisch“, spitzte sie zu. Der Zeitzeuge sei zu einem Medienphänomen geworden und es werde so getan, als „wäre die Weisheit des Grals in ihn gesetzt“.  Vielfach würden diese sogar "ausgebeutet" und "missbraucht", um eine „Lust am Horror zu befriedigen“. Feuchert widersprach dieser Einschätzung deutlich, für ihn sei die Bedeutung von Zeitzeugen erheblich mehr als „Gruselgeschichten“ zu erzählen. Sie seien in der Pädagogik wichtige Stimmen und „notwendige Gegenstimmen“. Daher würden die Geschichten von Überlebenden immer eine zentrale Rolle spielen. 

Ein wesentliches Medium, um das Vermächtnis der Zeitzeugen auch in Zukunft zu wahren, werde die Literatur sein, so Feucherts Annahme. Er stellte zur Diskussion, inwiefern zukünftig literarische Aktualisierungen durch Fiktionalisierungen notwendig seien, um die Erinnerung an den Holocaust lebendig zu halten. Die Werke von Semprun, Kertész oder Klüger zählten zur Weltliteratur, die jede Generation erneut lesen sollte, so Augstein. Sie gehe jedoch davon aus, dass die Bücher, die „einem wirklich im Herzen packen“ nur von Menschen wie Primo Levi geschrieben sein könnten, die den Holocaust selbst erlebt hätten. Auch Steinbacher zeigte sich skeptisch in Bezug auf einige Fiktionalisierungen, die etwa in jüngster Zeit in Frankreich erschienen seien und eine Vermischung von historischen Fakten und Fiktion aufweisen. 
Abschließend sprachen Steinbacher und Augstein über ihren jeweiligen Beitrag im Jubiläumsband der AHL, der anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Arbeitsstelle Holocaustliteratur im Sommer unter dem Titel „HolocaustZeugnisLiteratur. 20 Werke wiedergelesen" im Wallstein Verlag erschienen ist und von Sascha Feuchert und Markus Roth herausgegeben wurde. Sybille Steinbacher hat darin einen Beitrag zu Hermann Langbeins  „Menschen in Auschwitz" (1972) verfasst und Franziska Augstein zu Jorge Sempruns  „Die große Reise" (1963).

Im Gießener Anzeiger und in der Gießener Allgemeinen Zeitung sind jeweils ausführliche Artikel zur Jubiläumsfeier der AHL und der Chambré-Stiftung erschienen. Den Artikel im Gießener Anzeiger finden Sie hier, zum Artikel in der Gießener Allgemeinen Zeitung gelangen Sie hier. Ein Interview von Klaus Pradella mit Sascha Feuchert, Markus Roth (stellv. Leiter und Geschäftsführer der AHL) und Peter Reuter (Leiter der UB Gießen) wurde anlässlich des 20. Geburtstages der AHL am 22. November in hr4 gesendet. Zum Podcast gelangen Sie hier.


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