Zu einer ebenso persönlichen wie zeitgeschichtlichen Spurensuche nahm die Autorin Roswitha Quadflieg am 24. April 2026 die Gäste im gut besuchten Margarete-Bieber-Saal der JLU Gießen mit. Auf Einladung der AHL, des Literarischen Zentrums Gießen und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung stellte sie dort ihr neues Buch „Ich will lieber schweigen“ (Kanon, 2025) vor. Darin tritt sie in ein Zwiegespräch mit ihrem berühmten Vater Will Quadflieg (1914–2003), der zu den bedeutendsten deutschsprachigen Bühnenkünstlern des 20. Jahrhunderts zählt.
Seine Karriere allerdings begann 1934/35 am Stadttheater Gießen, wo er unter anderem in dem NS-Tendenzstück „Opferstunde“ mitwirkte. Das Engagement Quadfliegs in dieser Produktion blieb in bisherigen Biografien jedoch weitgehend unbeachtet. Mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod setzt sich Roswitha Quadflieg nun mit dem Wirken ihres Vaters während der NS-Zeit auseinander und stellt ihm Fragen, die sie ihm, wie Moderator Prof. Sascha Feuchert an diesem Abend betonte, „zu Lebzeiten in dieser Deutlichkeit und Dringlichkeit nie gestellt hat“.
Dabei rückten im Verlauf des Gesprächs sowohl die historische Dimension als auch die persönliche Beziehung zwischen Vater und Tochter in den Fokus. Quadflieg erinnere sich an einen Mann, „der von allen Leuten geliebt wurde […], den alle verehrt haben – und das fand man als Kind natürlich toll“. Zugleich beschrieb die 1949 in Zürich geborene Autorin das Verhältnis als ambivalent: Nach der Trennung der Eltern, die sie im Jugendalter erlebte, brach der Kontakt über viele Jahre ab; erst in den 1990er-Jahren kam es wieder zu sporadischen Begegnungen.
Den eigentlichen Anstoß für ihr Buch gab schließlich ein unerwarteter Fund im Nachlass ihrer Mutter. In einer jahrzehntelang unberührten Umzugskiste mit der Aufschrift „Briefe und Kurioses“ entdeckte sie neben Hunderten Briefen und Dokumenten auch die Tagebuchaufzeichnungen ihres Vaters aus den letzten Monaten des NS-Regimes und den ersten Wochen der Nachkriegszeit. Die 103 Tage umfassenden Einträge wurden für sie zum Anlass, sich schreibend mit ihm auseinanderzusetzen und die im Buch wiedergegebenen Aufzeichnungen mit eigenen Gedanken, Erinnerungen und Fragen zu kommentieren.
Im Zentrum dieser Auseinandersetzung stehen insbesondere die Widersprüchlichkeiten und Leerstellen in den Tagebuchnotizen. Immer wieder thematisiert Quadflieg das Leid und die Zerstörung jener Zeit, die in den Aufzeichnungen ihres Vaters kaum zur Sprache kommen. In einer der Lesepassagen heißt es: „Manchmal sehe ich beim Lesen deiner Zeilen einen Menschen vor mir, der über Schutt, Trümmer und Tote davonstolpert, hinter sich eine Flammenwand – einen, der immer davonkommt.“ An anderer Stelle fragt sie: „Hast du vielleicht schon zu viel Zerstörung gesehen? Oder nimmst du es nicht wahr, weil du ja auf einem anderen ‚Planeten‘ unterwegs bist?“ Spätestens nach den Pogromen von 1938 hätten „Gesinnung und Brutalität“ des Regimes offensichtlich sein müssen – und doch habe dies bei vielen, „ganz eindeutig auch bei dir, kein Umdenken herbeigeführt“, so Quadflieg über ihren Vater.
An diesen Punkt knüpfte auch Sascha Feuchert in der Diskussion an. Wie er hervorhob, inszeniere sich Will Quadflieg in seiner Autobiografie als regimefern, während die Tagebuchnotizen ein anderes Bild zeichneten: „Er ist sicherlich kein überzeugter, glühender Nationalsozialist, aber […] diese Ideologie ist tief in ihn eingedrungen.“ In der Adenauer-Ära habe sich Quadflieg selbst als „Mitläufer“ dargestellt – eine Einordnung, die seine Tochter ihm nicht abnehmen will: „Er war kein Mitläufer […], er ist nicht als solcher eingestuft worden.“ Dennoch machte Roswitha Quadflieg zum Abschluss noch einmal deutlich, dass es ihr letztlich nicht um ein moralisches Urteil gehe: „Anklage zu erheben, steht mir nicht zu, das war auch nicht der Anlass für diese ‚Reise‘. Ich kenne dich ja viel zu wenig. Daher: Welch ein Fund, dieses Tagebuch!“
Ein besonderer Dank gilt Roswitha Quadflieg für den eindrucksvollen Abend sowie dem Literarischen Zentrum Gießen und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung für die Zusammenarbeit!
Die Veranstaltung wurde zudem in der Gießener Allgemeinen (Nr. 97, S.7) sowie hier im Gießener Anzeiger besprochen.