am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Birgit Körner sprach in Gießen über die Bedeutung des Holocaust für Ephraim Kishons israelische Satiren

03.06.2019

29. Mai 2019

Am 29. Mai war Dr. Birgit Körner zu Gast an der AHL. Ihr aktuelles Forschungsprojekt als Postdoc am Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel beschäftigt sich mit Ephraim Kishon, seinem Übersetzer Friedrich Torberg und der Funktion "jüdischen Humors" im bundesdeutschen Nachkriegsdiskurs. Darüber sprach sie auch in ihrem Vortrag in Gießen. 

Ephraim Kishon, der 1924 in Budapest geboren wurde und 2005 in der Schweiz verstarb, ist im deutschsprachigen Raum der wohl bekannteste Satiriker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke wurden in 37 Sprachen übersetzt und die Zahl der Gesamtauflage liegt bei mehr als 43 Millionen, wovon etwa 33 Millionen auf Deutsch erschienen sind. Birgit Körner erläuterte außerdem, dass die deutschen Texte Kishons maßgeblich von seinem Übersetzer Friedrich Torberg mitgeprägt wurden. Der deutsche Kishon sei gewissermaßen ein 'Gemeinschaftsprodukt' von Kishon und Torberg, so Körner.  

Erst in den 1990er Jahren hatte Kishon seine Überlebensgeschichte im Holocaust – zu der es unterschiedliche Versionen gibt, wie Körner ausführte – in Deutschland publik gemacht. Diese Erfahrungen waren auch eng mit seinem satirischen Schreiben verbunden. Sein Humorkonzept sei von seinen Überlebenserfahrungen abgeleitet, so Körner. Humor sei ein psychologisches Mittel der Abwehr, aber auch etwas Gestaltendes, Ermächtigendes. Kishon selbst schreibt in seinem Werk "Nichts zu lachen" von 1993: "Jemand der lacht, ist nicht besiegt. Solange ich lachen kann, bin ich ein Mensch mit Ehre." Humor sei für Kishon eine ganz persönliche Überlebensstrategie, ein Mittel , seine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Kishon war jedoch auch ein politischer Autor, skizzierte Körner weiter. So bezieht er sich etwa in seiner Satire "2 x 2 = Schulze" von 1963 auf den Eichmann-Prozess im Jahr 1961 und thematisiert hier den Schuldabwehrmechanismus der deutschen Tätergesellschaft.
Körner ging ebenfalls der Frage nach dem Bild von Kishon als 'Versöhnungsfigur' nach. Zu diskutieren sei, inwieweit sein Erfolg in Deutschland seine Versöhnungsbereitschaft ‚begünstigt’ und bestärkt habe. Er habe zudem deutlich zwischen der Generation der Täter und den späteren differenziert und statt von einer Kollektivschuld der Deutschen vielmehr von kollektiver Schande gesprochen. Außerdem habe er auch die europäische Dimension des Holocaust betont.

In Kishons Poetik ließen sich die Spuren, die die Holocausterfahrung bei ihm hinterlassen habe, zeigen, so das Fazit Körners. Es finden sich darin sowohl "unheimliche Stellen", die auf einer unterschwelligen Ebene Verfolgungserfahrungen thematisieren. Kishon bietet jedoch auch satirische Beiträge, die offenlegen, wie Antisemitismus und rhetorische "Entschuldungsstrategien" funktionieren.


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