Die Frage, ob Schulbesuche in NS-Gedenkstätten verpflichtend sein sollten, wird derzeit bundesweit wieder intensiv diskutiert. In Hessen hat die Debatte durch den Eklat um die Abimotto-Wahl an der Gießener Liebigschule besondere Brisanz erhalten. Infolge des Vorfalls setzte sich auch der Hessische Landtag im Juni 2025 mit der Frage auseinander, ob Gedenkstättenfahrten rechtsextremen Tendenzen unter Jugendlichen präventiv entgegenwirken können. Während die Landtagsmehrheit eine Verpflichtung ablehnte, sprach sich die SPD-Fraktion, vertreten durch Nina Heidt-Sommer, für verbindliche Besuche aus. Sie betonte jedoch, dass solche Fahrten nur dann einen nachhaltigen Beitrag zur Demokratiebildung leisten könnten, wenn sie bestimmten Mindeststandards gerecht und im Unterricht sowohl vor- als auch nachbereitet würden.
In einem öffentlichen Brief, der am 19. Juli 2025 im Gießener Anzeiger erschien, äußerten sich nun fünf Lehramtsstudierende der Justus-Liebig-Universität Gießen zu einer aus ihrer Sicht weiteren zentralen Voraussetzung: Zwar teilen sie die Einschätzung, dass Gedenkstättenbesuche ohne pädagogische Einbettung wenig bewirken, doch bemängeln sie die derzeit unzureichenden strukturellen Voraussetzungen für eine entsprechende Ausbildung im Lehramtsstudium. Insbesondere mangelt es bundesweit an finanziellen Mitteln, um die fundierte Qualifikation von Lehrkräften für die Planung und Durchführung von solchen Gedenkstättenfahrten sicherzustellen. „Wir wünschen uns daher vonseiten der Politik nicht nur Appelle, sondern konkrete Unterstützung“, betonen Leonie Gail, Isabelle Horn, Jonas Dröge, Franziska Lemmer und Piratanja Kanagalingam.
Die fünf Studierenden haben im Jahr 2024 selbst an einem bundesweit bislang einzigartigen Studienangebot der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen teilgenommen, das sie zu Teamerinnen und Teamern für Gedenkstättenfahrten qualifizierte. Auf Grundlage dieser Erfahrung fordern sie die Einrichtung bundesweiter Förderprogramme, die sowohl Ausbildungsfahrten als auch die didaktische Fortbildung (angehender) Lehrkräfte gezielt unterstützen und finanziell absichern. „Denn ohne gut ausgebildete Lehrer bleiben alle Initiativen letztlich wirkungslos“, so ihr Fazit.
Der Artikel der Studierenden mit dem Titel „Ohne Fördermittel keine qualifizierte Begleitung“ erschien am 19. Juli 2025 im Gießener Anzeiger (Nr. 165, S. 32). Weitere Hintergründe zur Landtagsdebatte bietet der Beitrag „Für verpflichtende Gedenkstättenbesuche plädiert“, ebenfalls veröffentlicht im Gießener Anzeiger und hier online abrufbar.