Wie kann das Gedenken an den Holocaust gestaltet werden und welche Verantwortung trägt dabei jede:r Einzelne? Diesen Fragen widmete sich eine Veranstaltung der YOUnesco-AG der Humboldtschule in Bad Homburg zum Thema „Erinnerungskultur. Wie erinnern wir im 21. Jahrhundert?“ am 10. Juni 2026. Unter der Moderation von SWR-Reporter Wolfgang Seligmann diskutierten Prof. Sascha Feuchert (AHL), Dr. Martin Liepach (Fritz Bauer Institut), Wolfram Juretzek (Initiative Stolpersteine Bad Homburg e.V.) und Dr. Kurt Grünberg (Psychoanalytiker) als Vertreter aus Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft über aktuelle Herausforderungen und Perspektiven der Vermittlungsarbeit in einer Zeit, in der immer weniger Überlebende selbst berichten können und antisemitische Einstellungen weit verbreitet sind.
Zu Beginn betonten die betreuenden Lehrpersonen der YOUnesco-AG, Madeleine Rohe und Philipp Kütemeier, dass Erinnerung nicht am Ausgang einer Gedenkstätte ende, sondern dort im Grunde erst beginne. Sie gaben Einblicke in die umfangreiche Arbeit der AG, deren Teilnehmende die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau bereits zweimal besucht und sich nun für dieses öffentliche Podium entschieden hatten. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Initiative Stolpersteine Bad Homburg e.V., dem Verein für Geschichte und Landeskunde Bad Homburg sowie der Arbeitsstelle Holocaustliteratur statt und wurde von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung sowie der Taunus Sparkasse unterstützt.
Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Frage, wie Erinnerungsarbeit unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen fortgeführt werden kann. Studien zufolge weist das deklarative Wissen vieler Jugendlicher über die NS-Zeit besorgniserregende Lücken auf, obwohl viele Schüler:innen das Gefühl haben, das Thema ständig zu behandeln. Gleichzeitig zeigen aktuelle Untersuchungen ein anhaltend großes Interesse junger Menschen an der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass Bildungsinstitutionen heute vor großen Herausforderungen stehen: Die Vermittlung historischen Wissens müsse sich verstärkt mit Desinformation, Verschwörungserzählungen sowie den Dynamiken sozialer Medien auseinandersetzen. Zugleich müsse und solle die Erinnerungskultur an veränderte Medien- und Lebenswelten angepasst werden, damit in Zukunft das gesellschaftlich bedeutsame Sprechen über den Holocaust von nachfolgenden Generationen fortgeführt wird.
In diesem Zusammenhang wurden Potenziale und Grenzen digitaler Formate diskutiert. Als besonders problematisch wurden Entwicklungen im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz benannt, da KI-generierte Falschinformationen und vermeintlich historische Bildmaterialien zunehmend schwer als solche zu erkennen sind und zur Verzerrung von Geschichtsbildern beitragen können. Feuchert verwies zudem auf den in den sozialen Netzwerken verbreiteten Hashtag „271k“, der zur Relativierung und Leugnung des Holocaust genutzt wird. Er appellierte daher vor allem an die anwesenden Schüler:innen: „Ihr seid die Expert:innen, seid mutig, seid kritisch, nutzt diese Plattformen und setzt Gegennarrative“.
Einigkeit bestand ferner darin, dass Schulen auch künftig zentrale Orte historischer Bildung und demokratischer Wertevermittlung bleiben werden. Hervorgehoben wurde die Bedeutung einer fächerübergreifenden Verankerung von Erinnerungskultur im schulischen Kontext. Dabei seien zudem Maßnahmen und Aktivitäten von großer Relevanz, die über den schulischen Kontext hinausreichen.
Am Ende der Veranstaltung hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, in den Austausch mit den Experten zu treten. Aus dem Publikum wurden Fragen zur Weitergabe von Traumata über Generationen hinweg, zur gesellschaftlichen Wirkung von Gedenkarbeit sowie zum Umgang mit aktuellen politischen Entwicklungen gestellt. Die Veranstaltung machte deutlich, dass historisches Lernen ohne die unmittelbare Präsenz von Zeitzeug:innen möglich ist, sofern neue Vermittlungsformen entwickelt werden, die sowohl Wissen, Empathie und Verantwortungsbewusstsein gleichermaßen fördern.
Unter dem Titel „Wenn Zeugen verstummen“ erschien am 13. Juni zudem ein Bericht von Martina Dreisbach zur Podiumsdiskussion in der Taunus Zeitung (S. 24).