am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Sharon E. McKay: Die letzte Haltestelle.

Ist der Holocaust ein Thema für Neunjährige?
In den hessischen Lehrplänen ist das Thema im Geschichtsunterricht zwar erst für viel höhere Altersstufen vorgesehen, aber mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Kinderbüchern zu diesem Thema, die sich an viel jüngere Kinder richten. Eine dieser Publikationen ist „Die letzte Haltestelle“ von Sharon E. McKay, sie ist nach Angaben des Verlags bereits für Neunjährige geeignet. In dem Kinderbuch wird das Schicksal eines jüdischen Mädchens im besetzten Holland beschrieben, das während der Flucht ihre Mutter verliert und daraufhin von Fremden gerettet wird. Zivilcourage, Mut und Menschlichkeit sind die zentralen Themen in der Geschichte. Eine Vielzahl an Illustrationen von Timo Grubing, der bereits zahlreiche Kinderbücher bebildert hat, begleiten die jungen Leserinnen und Leser während der Lektüre.

Das Vorwort „Als Fremde Retter waren“ legt bereits von Beginn an ein zentrales Motiv des Romans fest und appelliert an seine jungen Leserinnen und Leser. Denn der Roman thematisiert nicht ‚nur‘ Schrecken und Gewalt, sondern auch Solidarität, Mitgefühl und Menschlichkeit. Dieser Appell nach Zivilcourage und Solidarität – der nicht zuletzt in der heutigen Zeit von enormer zivilgesellschaftlicher Relevanz ist – wird während der gesamten Lektüre immer wieder deutlich.
 Die fiktionalen Figuren und ihre jeweiligen Lebensgeschichten stehen stellvertretend für das Schicksal vieler Menschen im Nationalsozialismus und bilden den Verlust der Kindheit, die zerstörten Familien, Heimatlosigkeit und Verfolgung auf fiktionale, aber (weitgehend) realitätsnahe und gleichzeitig kindgerechte Weise ab. Die Geschichte ist dabei in 20 Kapitel gegliedert, in denen aufeinanderfolgende Zeitsprünge, die durch entsprechende Überschriften kenntlich gemacht sind, stattfinden. Diese Zeitspanne umfasst die Jahre 1942 bis 1973 und beschreibt damit fast das gesamte Leben von Beatrix. Die Kindheit des jungen Mädchens ist von Flucht und Angst geprägt, denn sie und ihre Mutter leben als Jüdinnen im besetzten Amsterdam. Eines Tages wird Beatrix von ihrer Mutter getrennt, doch zum Glück trifft sie auf die Brüder Hans und Lars, die sie aufnehmen und gemeinsam mit zwei Frauen aus der Nachbarschaft, der älteren Frau Vos und der jungen Lieve, vor den Nationalsozialisten verstecken. Trotz der andauernden Gefahr und der traumatischen Trennung von der Mutter findet die kleine Beatrix bei ihren vier Rettern ein neues Zuhause. Jedoch ist der Widerstand nicht ungefährlich: Eines Tages wird das Haus von Lieve durchsucht und die junge Frau wird von den Nationalsozialisten verschleppt und deportiert, weil ihr Mann als ‚Verräter‘ gilt. Den Brüdern und Frau Vos gelingt es dennoch mit viel Mut und Anstrengung, Beatrix bis zum Ende des Krieges zu schützen. Zum Schluss findet das junge Mädchen sogar seine Mutter wieder.

Die Sprache des Romans ist einfach, beinhaltet viele kurze Sätze und ist insgesamt sehr adressatengerecht. Trotz dieser sehr am kindlichen Wortschatz orientierten Sprache, gelingt die glaubhafte Übermittlung von, Gefühlen und Inhalten sehr gut. Dies wird (nicht zuletzt) auch mithilfe der Illustrationen ermöglicht, die das Buch begleiten und dabei ebenfalls zum Verständnis beitragen. Es lässt sich sogar sagen, dass die schwarz-weißen Bilder in ihrer Intensität über den Inhalt im Text noch hinausgehen. Die Zeichnungen sind vielfältig und abwechslungsreich und variieren zwischen einem Comicstil und der Anlehnung an Fotografien.

Die Eingangsfrage „Ist der Holocaust ein Thema für Neunjährige?“ kann jedoch nicht normativ beantwortet werden. Für den vorliegenden Roman lässt sich jedoch zunächst festhalten, dass es der Autorin weitestgehend gelingt, auf kindgerechte, aber nicht verharmlosende Weise, die Verfolgung im Nationalsozialismus zu beschreiben. Jedoch muss mit jungen Leserinnen und Lesern diesbezüglich problematisiert werden, dass ein Leben im Versteck bzw. im Untergrund keinesfalls so leicht war, wie es im Roman beschrieben wird. Wie bereits erwähnt wurde, konzentriert sich die Geschichte auf die Verfolgung der Juden und die Darstellungen verzichten – und das ist bei dieser Altersgruppe auch angemessen – auf die explizite Abbildung und Ausführung von Gewalt und Vernichtung. Dieses ‚Ausklammern‘ entspricht der kindlichen Sprache und der Gesamtmotivation des Textes, den Holocaust auf kindgerechte Weise zu vermitteln, allerdings gelingt es nicht, dies konsequent durchzuführen. So taucht beispielsweise an einigen Stellen der Begriff „Konzentrationslager“ auf, was wohl unweigerlich dazu führen muss, dass die Kinder hier vertiefende Fragen stellen werden. Gewalt und Vernichtung können also nicht gänzlich ‚ausgeklammert‘ werden. Dies macht auch die (generelle) Problematik von Holocaustliteratur für diese junge Adressatengruppe deutlich: Die ‚zensierten‘ Darstellungen verhindern zwar eine Traumatisierung und Überforderung bei den Schülerinnen und Schülern, aber es besteht auch die Gefahr der Bildung eines ‚gefährlichen Halbwissens’. So gehörte nun mal nicht ‚nur’ die Verfolgung, sondern auch – und vor allem – der Massenmord zum Holocaust. Es ist somit wichtig und auch unumgänglich, die ‚Ausklammerungen‘ auf kindgerechte Weise ‚aufzufüllen‘. Gewiss muss auf ausführliche Beschreibungen von Tod, Gewalt und Folter weiterhin verzichtet werden, aber eine ‚grobe‘ Beschreibung der Konzentrationslager ist bei dieser Thematik unumgänglich und auch pädagogisch vertretbar. So haben auch schon Grundschulkinder – durch Medien etc. – eine ungefähre Vorstellung von Krieg und Leid und können sich – ohne emotional überfordert zu werden – mit entsprechender Thematik auseinandersetzen. Weiter muss darauf geachtet werden, dass es zu keiner inhaltlichen Überforderung kommt. So setzt die Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex ein großes historisches und politisches Vorwissen voraus. Die historische Zeit, die Kriegsphasen und Begriffe müssen im Vorfeld erklärt werden. Hilfreich können dabei die Informationen im Nachwort sein, wobei eine bloße Lektüre der entsprechenden Seiten im Nachwort wohl nicht ausreichend sein dürfte. Insgesamt machen die inhaltliche sowie die emotionale Ebene deutlich, dass der Text eine pädagogische Begleitung in Form von zusätzlicher Recherche und/oder intensiver Gespräche erfordert. Die Lektüre eignet sich – trotz der adressatengerechten Darstellung – daher nicht für jedes neunjährige Kind. Insgesamt kann sie (jedoch) bei entsprechender Vor- und Nachbereitung sowohl historisches, literarisches sowie empathisches Lernen ermöglichen.

 

Von Annika Welle

 

Sharon E. McKay: Die letzte Haltestelle.

München: cbj, 2017.

176 Seiten, 14,99 Euro.

ISBN: 978-3-570-17250-6.

 

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