am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Schauspieler Dr. Roman Kurtz und Stadttheaterdramaturg Tim Kahn waren zu Besuch in Prof. Dr. Sascha Feucherts Seminar "Auschwitz vor Gericht und auf der Bühne"

22.05.2023

19. Mai 2023

Dramaturg Tim Kahn (l.) und Schauspieler Dr. Roman Kurtz (r.) / Foto: Jennifer Ehrhardt
Dramaturg Tim Kahn (l.) und Schauspieler Dr. Roman Kurtz (r.) / Foto: Jennifer Ehrhardt

Im Stadttheater Gießen wird derzeit eine Theateradaption des preisgekrönten Films „Der Staat gegen Fritz Bauer“ in einer Inszenierung von Jenke Nordalm und Tim Kahn aufgeführt. Das Politdrama handelt von der akribischen Fahndung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (gespielt von Dr. Roman Kurtz) nach Adolf Eichmann, einem der zentralen Organisatoren des Holocaust, der vor Gericht gestellt werden soll. Doch so entschlossen wie Bauer für die Verurteilung von NS-Kriegsverbrecher:innen kämpft, so vehement versuchen auch die mit ehemaligen Nationalsozialisten gespickten Behörden, ihn mit allen Mitteln aufzuhalten.

Am Freitag, den 19. Mai 2023, hatten Lehramts- sowie Masterstudierende nun im Rahmen des im Sommersemester 2023 angebotenen Seminars „Auschwitz vor Gericht und auf der Bühne“ die Gelegenheit, mit einem Mitglied des Ensembles, Schauspieler Dr. Roman Kurtz, und dem Stadttheaterdramaturgen Tim Kahn über die einzigartige Inszenierung zu sprechen, die sie eine Woche zuvor gemeinsam angesehen hatten. Das von Prof. Dr. Sascha Feuchert geleitete Seminar beschäftigt sich mit der epochalen Bedeutung des Eichmann-Prozesses in Jerusalem (1961) und des Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963) sowie mit der Frage, welche literarischen Debatten die Prozesse um die Darstellung von „Auschwitz“ (als Synonym für die Verbrechen, die heute mit den Begriffen „Holocaust“ und „Shoah“ umschrieben werden) auf der Bühne (mit-)ausgelöst haben. 

Die aktuelle Spielzeit des Gießener Stadttheaters, die u.a. unter dem Motto „Jahr der Erinnerungskultur“ steht, widmet sich Themen wie Rassismus, Antisemitismus und rechts motivierter Gewalt. Mit verschiedenen Aufführungen, Lesungen und Podiumsgesprächen wird so erprobt, „Theater als widerständige Erinnerungsarbeit“ zu etablieren. Dabei geht es auch in den Stücken um Figuren, die sich auf besondere Weise gegen den Terror oder für die Freiheit eingesetzt und dabei, wie Kahn erläuterte, „auf sehr unterschiedliche und jeweils eigene Art Fußabdrücke in der Geschichte des Bundeslandes Hessen hinterlassen haben“. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der heute für seine juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess, erinnert wird, gehört zweifellos zu diesen historischen Persönlichkeiten. Roman Kurtz berichtete, dass ihm während der intensiven Vorbereitung auf seine Rolle einmal mehr bewusst geworden sei, dass Bauer „nicht die Vergangenheit bearbeitete“, wie ihm so oft vorgeworfen wurde, sondern „ungemein zukunftsgewandt“ war. „In all seinem Tun hat er eine Erinnerungskultur vorbereitet“, ergänzte Kahn, „und zwar ein kollektives Erinnern“, denn er habe bewusst versucht, Eichmann vor ein deutsches Gericht zu stellen, um die deutsche Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren. Dies als „Racheakt“ abzutun, würde ihm nicht gerecht; sein Streben sei vielmehr Ausdruck seines gelebten Humanismus, seines steten Kampfes für die Demokratie und „gegen die Strukturen des Schweigens“, so Kurtz. Somit vertritt und steht Bauer für Werte, die auch heute noch von großer Dringlichkeit sind. 

Die Fragen der Studierenden betrafen sowohl die Vorbereitung auf und Herausforderung bei der Darstellung einer historischen Figur als auch die Fassungsarbeit sowie einzelne Inszenierungsentscheidungen, u.a. vor der Vergleichsfolie des Films. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Bedeutung des Theaters als Medium, um „Auschwitz“ auf der Bühne darzustellen. Kahn betonte, dass es vor dem Hintergrund des Wegfalls der Zeitzeug:innen-Generation immer dringlicher werde, diese Geschichte(n) – egal in welchem Format – zu erzählen. Das Theater habe jedoch im Vergleich zu anderen medialen Räumen die Möglichkeit, so die beiden Experten, „die unbequemeren Fragen zu stellen“, zu „emotionalisieren, aber auch an Emotionen zu scheitern“ sowie eine Unmittelbarkeit für das und zum Publikum herzustellen. Es ermögliche den Zuschauer:innen, in die Geschichte einzutauchen und sich mit den moralischen und ethischen Fragen auseinanderzusetzen.  

Im Namen aller Beteiligten bedanken wir uns ganz herzlich für das Gespräch und die gewährten Einblicke hinter die Kulissen der Produktion!

Das Stück „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist noch bis Juli 2023 im Großen Haus des Stadttheaters Gießen zu sehen. Weitere Informationen finden Sie hier


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