am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Nachbericht: Zeitzeuge Dr. Leon Weintraub sprach im Mai 2026 mit Teilnehmenden des Exkursionsseminars „Holocaustliteratur und das Getto Lodz/Litzmannstadt“ über sein 100-jähriges Leben und die Verantwortung des Erinnerns

01.06.2026

12. Mai 2026

Foto: Aileen Carvelli (AHL)
Foto: Aileen Carvelli (AHL)

Am 12. Mai 2026 war der Zeitzeuge Dr. Leon Weintraub digital zu Gast im Exkursionsseminar „Holocaustliteratur und das Getto Lodz/Litzmannstadt“, das von Prof. Sascha Feuchert in Kooperation mit Prof. Krystyna Radziszewska (Universität Łódź) im Rahmen des Master-Schwerpunkts „Holocaust- und Lagerliteratur“ an der JLU jährlich angeboten wird. Den Teilnehmenden, die sowohl vor Ort im Philosophikum I als auch online zugeschaltet waren, berichtete der heute 100-Jährige von seiner Kindheit und Jugend unter NS-Verfolgung, dem (Über-)Leben im Getto Lodz/Litzmannstadt und weiteren nationalsozialistischen Lagern sowie seinem Weg zurück ins Leben nach dem Krieg.

Geboren 1926 in Lodz als Sohn einer jüdischen Familie, erlebte er im Alter von 13 Jahren den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen. Wenige Monate später wurde seine Familie in das Getto Lodz/Litzmannstadt zwangsumgesiedelt. Im Gespräch schilderte er den von Entbehrung und Zwangsarbeit geprägten Alltag im Getto sowie seine Erinnerungen an die sogenannte „Große Sperre“ im Jahr 1942, als Tausende Menschen in das Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) verschleppt wurden. Weintraub überstand die Jahre im Getto, wurde jedoch später nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort entging er der Ermordung nur, weil er sich unbemerkt einem Gefangenentransport anschließen konnte. „Diese wenigen Schritte an diesem Tag haben mir das Leben gerettet“, erklärte er rückblickend, sonst „wäre ich nicht mehr hier“. Nach Auschwitz musste er noch drei weitere Konzentrationslager durchlaufen, bevor ihm im April 1945 die Flucht gelang.

Nach dem Krieg nahm Weintraub im Jahr 1946 in Göttingen ein Medizinstudium auf, obwohl er aufgrund der Verfolgung kein Abitur hatte ablegen können. Ab 1950 arbeitete er als Gynäkologe in Warschau. Er begründete seine Berufswahl mit dem Wunsch, nach den Erfahrungen von Verfolgung und Tod dabei zu helfen, Leben zu schenken. Im Zuge der antisemitischen Kampagne in Polen emigrierte er 1969 nach Schweden, wo er bis heute lebt.

Seit seinem Ruhestand widmet sich Dr. Weintraub intensiv der historischen Bildungsarbeit. Das Erinnern und Aufklären über die Vergangenheit versteht er als „innere Verpflichtung“. Als Zeitzeuge spricht er weltweit über seine Erfahrungen und stemmt sich gegen unmenschliche Haltungen und Diskriminierung. In seinem Appell an die Seminarteilnehmenden warnte er vor aktuellen weltweiten Entwicklungen, die eine „so viel Elend verursachende Ideologie“ wie den Nationalismus erneut salonfähig machen – auch „im Land der Täter – das ist das Furchtbarste“, so Weintraub. Mit Nachdruck betonte er: „Nehmt diese Leute ernst, sie meinen, was sie sagen. Tut alles, damit sie nicht die Macht ergreifen.“

Das Zeitzeugengespräch war zugleich ein zentraler Bestandteil der Vorbereitung auf die diesjährige Exkursion nach Łódź, die vom 17. bis 24. Mai stattfand. Vor Ort setzten sich die Teilnehmenden gemeinsam mit polnischen Studierenden mit der Geschichte des ehemaligen Gettos Lodz/Litzmannstadt und seinen Spuren im heutigen Stadtbild auseinander. Ein ausführlicher Bericht zur Studienfahrt folgt in Kürze.


Das Team der Arbeitsstelle Holocaustliteratur sowie alle Teilnehmenden möchten sich ganz herzlich bei Dir, lieber Leon, für das Gespräch und Dein unermüdliches Engagement bedanken. Deine Erinnerungen und Mahnungen werden uns noch lange begleiten.


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Arbeitsstelle Holocaustliteratur
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arbeitsstelle@holocaustliteratur.de
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