am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Marina B. Neubert: Kaddisch für Babuschka

In den letzten Jahren wird in verschiedenen Disziplinen und gesellschaftlichen Bereichen vermehrt über die transgenerationelle Weitergabe von traumatischen Erfahrungen des Holocaust gesprochen und geforscht. Darunter versteht man ganz allgemein die Übertragung eines Traumas, das eine bestimmte Person erfahren hat, auf deren Kinder und die nachfolgenden Generationen. Auch in der aktuellen Literatur, die zum Diskursfeld der Holocaustliteratur gehört, wird das Thema häufig direkt oder indirekt verhandelt. So auch im Roman „Kaddisch für Babuschka“ von Marina B. Neubert.
Die Ich-Erzählerin ist eine im Berlin der Gegenwart lebende jüdische Schriftstellerin mit Wurzeln in Lemberg, die Jahrzehnte nach den Ereignissen des Holocaust geboren ist. Die äußere Handlung des Romans umfasst lediglich vier Tage im Leben der Protagonistin und ist ausschließlich in der erzählerischen Gegenwart angesiedelt sowie auf einer zweiten, ebenfalls in der Gegenwart verorteten parallelen Ebene in dem Romanmanuskript der Ich-Erzählerin. Als weitergegebene Familienwunde durchdringt der Holocaust jedoch die gesamte Handlung und bestimmt wesentlich die Handlungen und Erfahrungen der verschiedenen Akteure und vor allem die Kommunikationsstrukturen und Beziehungen zueinander. Explizit wird der Holocaust dabei lediglich an einigen wenigen Stellen thematisiert. Getragen wird der Roman vor allem durch eine Fülle äußerst ambivalenter Erinnerungen und Empfindungen sowohl der Ich-Erzählerin als auch ihrer Romanfigur Hannah und ihren jeweils schmerzhaften Auseinandersetzungen mit ihren Großmüttern und Müttern.

Nach dem Tod der Großmutter reist die Ich-Erzählerin sofort nach Lemberg, der Stadt, die sie zwanzig Jahre zuvor fluchtartig verlassen und seitdem nicht wieder besucht hat. Der Stadt, die sie jedoch besser kennt „als alles andere auf der Welt“ (S. 20). Einer Stadt, die so viele Namen und Identitäten hat: „Man sagt, jeder Name hat sein Schicksal. Im polnischen Lwów ist meine Großmutter geboren und im habsburgischen Lemberg die Urgroßmutter. Hätte es im mittelalterlichen Leopolis einen Juden gegeben, wären wir bestimmt mit ihm verwandt. Meine Mutter und ich sind im sowjetischen Lvov geboren. Und wäre ich selbst Mutter geworden, hätte ich meine Tochter im ukrainischen Lviv zur Welt gebracht“ (S. 20).
Parallel besucht ihre Romanfigur Hannah ebenfalls in Lemberg die lange tot geglaubte Großmutter. In den nun folgenden vier Tagen, in denen die Ich-Erzählerin sich auf eine Spurensuche nach dem Leben der verstorbenen Großmutter begibt und sich den zahlreichen fragmentarischen Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend hingibt, unternimmt ihre Romanfigur Hannah einen ähnlichen Versuch, ihrer noch lebenden, aber völlig unbekannten Babuschka näher zu kommen. Die Mutter hatte vierzig Jahre lang ein Doppelleben zwischen Berlin und Lemberg geführt und die eigene Mutter der Tochter gegenüber für tot erklärt. Die Ich-Erzählerin dagegen ist bei der Großmutter aufgewachsen, hat sie jedoch seit ihrer ‚Flucht’ aus Lemberg nicht mehr gesehen. Die Mutter – Sopranistin am Bolschoi Theater in Moskau – hatte ihre Tochter schon in ganz jungen Jahren bei der Großmutter zurückgelassen.

Das Verhältnis zwischen der Ich-Erzählerin und ihrer Mutter ist grundsätzlich geprägt von zahlreichen Konflikten, Missverständnissen, Kommunikationsstörungen, Schuldgefühlen und enttäuschten Erwartungen. Diese sind so tief und unentwirrbar, dass jeder Versuch der Annäherung scheitert. So auch bei der aktuellen Begegnung nach dem Tod der Großmutter. Der innige Wunsch beider Seiten nach Nähe und Liebe, nach Verständnis, Akzeptanz und wohl auch Trost wird immer wieder durch gegenseitige Zurückweisungen, Vorwürfe, Härte und Rückzug zerstört. „Immer wenn wir uns lange nicht gesehen haben, nennt sie mich in der ersten halben Stunde mein Vögelchen. Dann gewöhnt sie sich an meine Anwesenheit und das Vögelchen flattert weg“ (S. 60), stellt die Ich-Erzählerin fest. Unterstellungen, Rechtfertigungen und das Beharren auf der eigenen Variante der Vergangenheit prägen den ständigen, zermürbenden Kampf zwischen den beiden. So behauptet die Mutter, die Großmutter habe noch mit ihr in ein Wellnesshotel fahren wollen und sei so gerne gereist. Die Ich-Erzählerin weiß jedoch: „Großmutter hat Lemberg nach dem Krieg nie wieder verlassen. Erst vor zwölf Jahren ließ sie sich auf eine etwas längere Fahrt ein, als mein Vater sie in ihr neues Domizil in den Karpaten brachte. Ansonsten war ihr der Gedanke, sich in einen Zug oder in ein fremdes Auto zu setzen, unerträglich. Sie fürchtete sich vor dem Transport. Meine Mutter weiß das. [...] Sie weiß alles. Aber zugeben will sie es nicht“ (S. 64). Der Versuch der Ich-Erzählerin die Sachen der Großmutter durchzugehen und ebenso die eigenen Dinge aus der Kindheit, die von der Großmutter sorgsam aufbewahrt wurden, wird von der Mutter als Übergriff und Lieblosigkeit aufgefasst. Sie dürfe nichts anfassen, befiehlt sie, alles müsse bleiben, wie es sei. Die Großmutter habe alles ein Leben lang gesammelt und nichts weggeworfen. Der Hinweis der Ich-Erzählerin, dass es ja auch ihre Sachen seien, wird von der Mutter aufgebracht mit den Worten „Nichts ist hier deins“ (S.76) kommentiert und mit der wütenden Frage verbunden: „Bist du schon einmal nackt durch den Schnee gelaufen? [...] Antworte!“ (S. 77) Die Erlebnisse ihrer Mutter symbiotisch für sich in Anspruch nehmend, wirft sie der Tochter vor: “Du hasst mich!, schreit sie. Genauso wie du deine Großmutter gehasst hast! [...] Du hasst uns alle!“ (S. 78)

Erst nach und nach offenbart sich dem Leser ein kleiner Ausschnitt aus der Lebensgeschichte der Großmutter. Die Ich-Erzählerin hat dieser versprochen nach ihrem Tod zwei Steine auf ihr Grab zu legen: einen aus der Ruine der Synagoge in Lemberg und einen aus der Rappoportstraße vor dem Haus, in dem die Großmutter vor dem Krieg gelebt hat. Beides liegt im ehemaligen jüdischen Viertel und späteren Getto Lembergs. Hier wurde der Großvater der Ich-Erzählerin im Sommer 1941 von einem Milizmann erschossen als er versuchte, einem jüdischen Waisenkind das Leben zu retten. Die Großmutter war gerade achtzehn Jahre und ihre Tochter zwei Wochen alt.
Das gleiche Schicksal teilt Hannahs Großmutter. Und ähnlich wie die Ich-Erzählerin sucht auch Hannah die Rappoportstraße auf. Sie folgt heimlich ihrer Großmutter, die sich jeden Morgen mit einem Klappstuhl auf den Weg dorthin macht, um von der gegenüberliegenden Straßenseite aus eine Weile ihr ehemaliges Zuhause zu beobachten. Hannahs Großmutter und die kleine Tochter wurden schließlich in das Vernichtungslager Belzec deportiert, erfährt der Leser, durch ein Wunder überlebten sie beide: „Doch die Mutter konnte sich an das Wunder nicht mehr erinnern: Es war zu groß, und sie war zu klein“ (S. 131). Die traumatischen und vor allem unbewusst übertragenen Erfahrungen der Großmutter wurden jedoch – so vermittelt es der Roman – in beiden Fällen vor allem als diffus wahrgenommene Emotionen der Schuld, Wut und Trauer an Tochter und Enkeltochter weitergegeben.

Einfühlsam und melancholisch erzählt der Roman in meist kurzen Sätzen und Dialogen die komprimierte und verdichtete Familiengeschichte der Ich-Erzählerin und ihrer Romanfigur Hannah. Durch die Verknüpfung der beiden Erzählungen und den Reflektionen der Ich-Erzählerin ergeben sich im Roman zwei verwandte, aber doch unterschiedliche Szenarien eines Versuchs, mit der eigenen und der Vergangenheit der Familie, den ererbten und selbst erworbenen Schuldgefühlen umzugehen. Dabei sind natürlich beide Entwürfe schon allein dadurch untrennbar miteinander verbunden, dass Hannah die literarische Erfindung der Ich-Erzählerin ist, wie auch ihre Mutter vorwurfsvoll bemerkt: „‚Weißt du, warum du niemanden außer Hannah brauchst?’“, wirft sie ihr vor, „‚[w]eil sie genau das macht, was du willst’“ (S. 163).
Auch wenn Hannah sich am Ende von einer lebenden Großmutter verabschieden kann und dieser sogar etwas näher gekommen zu sein scheint – schließlich findet zudem noch so etwas wie ein beinahe versöhnendes Telefongespräch mit ihrer Mutter statt –, gelingt es letztlich weder Hannah noch der Ich-Erzählerin das Schweigen über die Vergangenheit zu brechen und sich aus ihren Verstrickungen zu befreien. Der Roman „Kaddisch für Babuschka“ zeigt damit eindrücklich, dass auch in der dritten Generation nach dem Holocaust diese Ereignisse noch ganz wesentlich und grundlegend die (Familien)geschichten der Opfer prägen und ihre Gegenwart bestimmen (können).

Marina B. Neubert: Kaddisch für Babuschka.
Berlin: AvivA Verlag, 2018.
189 Seiten, Preis 18 Euro.
ISBN 978-3-932338-70-0

Von Charlotte Kitzinger, JLU Gießen


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