am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Exkursion nach Łódź im Rahmen des deutsch-polnischen Seminars zu „Holocaustliteratur und das Getto Lodz/Litzmannstadt“ vom 17. bis 21. Mai 2026

Eine Kooperation der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU Gießen mit dem Institut für Germanistik der Universität Łódź und dem Polizeipräsidium Mittelhessen
 

Die Teilnehmenden der Exkursion nach Łódź 2026 / Foto: AHL
Die Teilnehmenden der Exkursion nach Łódź 2026 / Foto: AHL


Im Rahmen des deutsch-polnischen Seminars „Holocaustliteratur und das Getto Lodz/Litzmannstadt“ führte die Arbeitsstelle Holocaustliteratur (AHL) der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen in Kooperation mit dem Institut für Germanistik der Universität Łódź sowie dem Polizeipräsidium Mittelhessen vom 17. bis 21. Mai eine fünftägige Exkursion nach Łódź durch. Die Seminarleitung hatten Prof. Sascha Feuchert (AHL, JLU Gießen) und Prof. Krystyna Radziszewska (Universität Łódź) inne.

Im Zentrum der Studienfahrt standen die Geschichte des Gettos Lodz/Litzmannstadt sowie der deutsch-polnische Austausch. Zur inhaltlichen Vorbereitung fand am 18. April ein ganztägiger Seminarblock in Gießen statt, in dem sowohl die Stadtgeschichte von Łódź als auch die historischen Hintergründe des Gettos behandelt wurden. Einen weiteren wichtigen Impuls setzte ein digitales Zeitzeugengespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Dr. Dr. h.c. Leon Weintraub am 12. Mai, der eindrücklich von seinen Erfahrungen im Getto berichtete.

Teilgenommen haben Studierende der JLU Gießen aus den Lehramtsstudiengängen mit dem Unterrichtsfach Deutsch sowie Masterstudierende der Germanistik mit dem Schwerpunkt „Holocaust- und Lagerliteratur“. Ergänzt wurde die Gruppe durch Studierende der Universität Łódź, wodurch ein bilateraler Austausch ermöglicht wurde. Darüber hinaus beteiligten sich im Rahmen der „Allianz für Demokratie“ vier Angehörige des Polizeipräsidiums Mittelhessen an dem Programm.

Zentrale Arbeitsgrundlage für die Exkursion bildete die deutsch-polnische Anthologie „‚Ein Wunder, die Hand schreibt noch…‘: Zeugnisse aus dem Lodzer Getto“, die von Prof. Krystyna Radziszewska, Prof. Sascha Feuchert, Prof. Hans-Jürgen Bömelburg (JLU) und Dr. Monika Kucner (Universität Łódź) herausgegeben wurde. Die 2025 mit dem Preis des Rektors der Universität Łódź ausgezeichnete Publikation ermöglichte den Teilnehmenden einen unmittelbaren Zugang zu zeitgenössischen Quellen und diente als inhaltlicher Bezugspunkt während der Exkursion.

Die Gruppe bei der Stadtführung mit Prof. Radziszewska / Foto: Elisabeth Martha Notzon
Die Gruppe bei der Stadtführung mit Prof. Radziszewska / Foto: Elisabeth Martha Notzon

Der erste Seminartag begann mit einem von Prof. Radziszewska geleiteten Stadtrundgang. Ausgangspunkt war der Plac Wolności, von dem aus sich der Blick auf die Piotrkowska-Straße eröffnet, die Radziszewska als „Wirbelsäule von Łódź“ bezeichnete. Im weiteren Verlauf besuchte die Gruppe die Manufaktura, einen ehemaligen Industriekomplex, der heute als Kultur-, Einkaufs- und Freizeitareal genutzt wird. Anhand dieser Stationen wurde sowohl die historische Entwicklung der Stadt als auch das Spannungsfeld zwischen vergangener und gegenwärtiger Nutzung der Bauten veranschaulicht.


Besuch des Neuen Jüdischen Friedhofs / Foto: Elisabeth Martha Notzon
Besuch des Neuen Jüdischen Friedhofs / Foto: Elisabeth Martha Notzon

Mit dem jüdischen Leben in Łódź beschäftigten sich die Teilnehmenden intensiv am zweiten Seminartag. In einem einführenden Vortrag gab Prof. Radziszewska Einblicke in die Geschichte, Literatur und Kultur der jüdischen Bevölkerung der Stadt. Diese Themen wurden in anschließenden Arbeitsphasen sowie durch Kurzbeiträge der polnischen Studierenden vertieft. Am Nachmittag besuchte die Gruppe den Neuen Jüdischen Friedhof, wo Dr. Dariusz Dekiert die historische und gegenwärtige Bedeutung des Ortes erläuterte. Den Abschluss des Tages bildete der Besuch der Gedenkstätte am ehemaligen Bahnhof Radegast, der während der NS-Zeit als zentraler Ort für Deportationen in und aus dem Getto Lodz/Litzmannstadt diente.


Führung über das ehemalige Gettogebiet / Foto: Elisabeth Martha Notzon
Führung über das ehemalige Gettogebiet / Foto: Elisabeth Martha Notzon

Am dritten Seminartag standen zentrale Orte des ehemaligen Gettos im Fokus. Unter der Leitung von Dr. Joanna Podolska-Płocka (Universität Łódź) wurden u.a. das frühere Gebäude der Kriminalpolizei, der mutmaßliche Ort von Chaim Rumkowskis berühmter Rede an die Bewohner:innen des Gettos im Jahr 1942 sowie der Entstehungsort der Getto-Chronik aufgesucht. Im Anschluss führte Michał Adamiak über das Gelände des damaligen Kinder- und Jugendlagers in der Przemysłowa-Straße sowie in den „Park der Überlebenden“. Dabei wurden sowohl historische Kontexte als auch individuelle Schicksale thematisiert. Den Tagesabschluss bildete der Besuch des Marek-Edelman-Dialogzentrums, dessen Ausstellung die Teilnehmenden eigenständig erkundeten.


Austausch der polnischen und deutschen Polizeidelegation / Foto: Polizeipräsidium in Łódź
Austausch der polnischen und deutschen Polizeidelegation / Foto: Polizeipräsidium in Łódź

Der vierte Seminartag diente der vertieften Auseinandersetzung mit den zuvor gewonnenen Eindrücken. In deutsch-polnischer Tandemarbeit analysierten die Studierenden ausgewählte Texte aus dem Werk „‚Ein Wunder, die Hand schreibt noch…‘“ und diskutierten anschließend Fragen der Gedenkkultur. Im Mittelpunkt stand dabei die Überlegung, unter welchen Bedingungen Erinnerung sowohl für die lokale Bevölkerung als auch für Besucher:innen („Erinnerungstouristen“) nachhaltig vermittelt werden kann.

Parallel hierzu fand ein fachlicher Austausch zwischen den teilnehmenden deutschen Polizeikräften und Vertreter:innen der Woiwodschaftspolizei Łódź statt. Begleitet von der Seminarleitung und Prof. Rafał Zarębski, dem Dekan der Philologischen Fakultät, wurden im Rahmen eines Treffens im Hauptquartier der Polizeibehörde Fragen der internationalen Zusammenarbeit sowie aktuelle Herausforderungen im polizeilichen Alltag erörtert. Darüber hinaus wurden Aspekte der spezifischen historischen Prägung Łódźs für die lokale Polizeiarbeit erörtert.


Den Abschluss der Exkursion bildete eine gemeinsame Reflexion, in der die fachlichen Erkenntnisse und persönlichen Erfahrungen der vergangenen Tage zusammengeführt wurden. Neben inhaltlichen Ergebnissen standen insbesondere die Perspektiven des deutsch-polnischen Austauschs und individuelle Lernprozesse im Vordergrund.

Für die vielfältige Unterstützung bei der Durchführung der Studienfahrt möchten wir der Olga Alexandra Hübner-Stiftung, der JLU Gießen, dem Institut für Germanistik der JLU, dem Programm DAAD-Ostpartnerschaften, insbesondere Frau Maria Horkavtschuk, sowie der Universität Łódź unseren herzlichen Dank aussprechen. Ebenso danken wir Aleksandra Bak-Zawalski für ihre engagierte Mitwirkung bei der Organisation. Nicht zuletzt gebührt allen teilnehmenden Studierenden sowie den beteiligten Polizeikräften ein besonderer Dank für ihr aktives Engagement, das maßgeblich zum Gelingen der Exkursion beigetragen hat.


Ausführlichere Berichte zum polizeilichen Fachaustausch sind den Seiten der Universität Łódź hier und der Polizeibehörde Łódź hier in polnischer Sprache zu entnehmen. Über das digitale Gespräch mit Leon Weintraub berichten wir zudem hier.


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