am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur trauert um Anna Szałaśna

20.02.2026

Mit großer Betroffenheit und Trauer haben wir vom Tod Anna Szałaśnas erfahren, die vor wenigen Tagen im Alter von 99 Jahren verstorben ist. Als Zeitzeugin stand sie wiederholt im Austausch mit Studierenden der JLU Gießen, die an der jährlichen Exkursion der AHL in die Gedenkstätte Auschwitz teilnahmen. Wir werden Anna Szałaśna in tiefem Respekt und großer Dankbarkeit in Erinnerung behalten. Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt ihren Angehörigen und allen, die ihr verbunden waren.

Anna Szałaśna wurde am 31. Oktober 1926 in Chryplin (heutige Ukraine) geboren und besuchte die Musikschule in Stanisławów. Später zog sie mit ihrer Familie nach Lemberg, anschließend nach Posen und Thorn. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste die Familie nach Warschau umziehen. Der Zug, mit dem sie dorthin unterwegs waren, wurde beschossen und Anna erlitt eine schwere Beinverletzung. Nach langer Behandlung mussten die Ärzte ihr Bein schließlich amputieren.

Wenig später, nachdem ihr Vater verhaftet worden war, kam auch Anna Szałaśna im Jahr 1943 wegen kritischer Äußerungen gegenüber der deutschen Besatzung ins Gefängnis von Tarnów. Da sie kein Geständnis ablegte, wurde sie anschließend in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung kam sie mit viel Glück und der Hilfe einer Pflegerin in den Häftlingskrankenbau und erhielt eine „Schonungskarte“, die sie von den Appellen und der Arbeit befreite.

Im August 1944 wurde sie in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert und zur Zwangsarbeit in den Siemens-Werken eingesetzt. Nach der Befreiung des Lagers im April 1945 gelangte sie mit Hilfe des Roten Kreuzes nach Schweden. 1946 kehrte sie in ihre Heimat zurück, um in Posen ein Studium der Musikwissenschaft aufzunehmen. 1959 zog sie nach Warschau, wo sie viele Jahre am Institut für Kunst der Polnischen Akademie der Wissenschaften tätig war und sich insbesondere der ethnischen Musikwissenschaft widmete.

Über Jahrzehnte engagierte sich Anna Szałaśna als Zeitzeugin in der Erinnerungsarbeit. Noch im Jahr 2020 sprach sie mit Gießener Studierenden, als sie der Einladung eines Seminars der Arbeitsstelle Holocaustliteratur folgte, das in Oświęcim und auf dem Gelände der Gedenkstätte stattfand. Immer wieder suchte sie das Gespräch mit jungen Menschen und berichtete eindringlich von ihren Erlebnissen. „Ihre Worte, die sie bei Treffen mit Jugendlichen wiederholte, werden uns für immer in Erinnerung bleiben. Es waren die Worte ihres Vaters: ‚Wichtig ist, was für ein Mensch du bist, nicht welche Nationalität du hast‘, zu denen sie hinzufügte: ‚Meine Erfahrungen haben daran nichts geändert.‘“ Dies teilte die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz in den sozialen Medien mit.


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