am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Lilly Maier: Auf Wiedersehen, Kinder! Ernst Papanek. Revolutionär, Reformpädagoge und Retter jüdischer Kinder

In ihrem reich bebilderten Buch, dessen Titel an Louis Malles Film „Auf Wiedersehen, Kinder!“ erinnert, geht Lilly Maier der Frage nach, wie sich der bisher weitgehend unbekannte Ernst Papanek von einem jungen Sozialdemokraten in Wien zu einem international anerkannten Reformpädagogen und Retter jüdischer Kinder entwickeln konnte. Das Buch besteht aus 22 Kapiteln und zeichnet Ernst Papaneks Weg spannend nach. 

Wer war Ernst Papanek? Papanek wurde am 20.8.1900 in Wien geboren, sozusagen in die „Welt von gestern“. Seine Familie war assimiliert jüdisch und stammte aus kleinbürgerlichem Milieu. Auf der Suche nach einem besseren Leben waren die Eltern aus Mähren nach Wien gezogen. Papanek wurde ein jugendlicher Rebell: als 14-Jähriger trat er in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei ein, schon als Schüler organisierte er Gymnasiasten und Studenten, um armen und verwahrlosten Kindern zu helfen – eine frühe Mischung aus Parkbetreuung und ‚street work‘. Man spielte miteinander, half Unterkunft und Nahrung zu finden, um das Vertrauen der Kinder zu gewinnen und sie zu sinnvollen Tätigkeiten zu bewegen. Hier ist wohl der Grundstock für Papaneks weitere reformpädagogische, dezidiert nicht anti-autoritäre Arbeit zu finden. 

Nach dem Ersten Weltkrieg begann er sich als Sozialarbeiter und Erzieher zu engagieren. Neben der Hilfe für Jugendliche richtete Papaneks humanitäres Engagement sich auch auf andere soziale Gruppen (etwa auf alte Menschen). Er bewegte sich in einem Netzwerk von einflussreichen Freunden und traf in seiner politischen Arbeit mit vielen bedeutenden Vertretern der Sozialdemokratie und des Austromarxismus zusammen. Lilly Maier schreibt, Papanek – nicht wirklich attraktiv – habe Charisma und große kommunikative sowie soziale Fähigkeiten gehabt, er sei ein begnadeter Redner und idealistischer Optimist gewesen (S. 25). Und so kann der Titel des zweiten Kapitels „Eben mal die Welt retten“ wohl als Motto für sein ganzes Leben gelten.

Papanek studierte Medizin, aber „dafür hatte er keine Zeit“, so sagte Lene Goldstern, seine aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammende Frau, selbst Ärztin und über lange Zeit verantwortlich für den finanziellen Erhalt der Familie mit zwei Söhnen. Denn ab 1934 lebte Papanek im Exil, er engagierte sich für das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie und wurde in Danzig von den Nazis festgenommen. Helfer retteten ihm das Leben. Anfang 1938 fuhr er nach Wien in der Hoffnung auf die geplante Volkabstimmung, die dann nicht mehr stattfand. Erst ab Juli 1938 kam die Familie wieder in Frankreich zusammen. Im Oktober 1938 wurde Papanek mit der Leitung von vier Kinderheimen des OSE („Oeuvre de secours aux enfants“), einer Organisation zur Rettung von Kindern, beauftragt. Im Februar 1939 erhielten 200 zumeist jüdische Kinder zwischen zwei und 15 Jahren Visas, die Hälfte von ihnen kamen aus Wien; für das Frühjahr 1939 waren weitere 800 geplant, aber die französische Regierung hatte Angst vor dem Krieg und davor, noch mehr jüdische Kinder ins Land zu lassen, deshalb reisten nur ca. 100 Kinder illegal mit rückwirkenden Visas ein, die ihnen erst in Frankreich ausgestellt wurden.

Bei diesem „französischen Kindertransport“, über den weniger bekannt ist als über die nach Großbritannien, versuchte Papanek mit seiner Pädagogik den Auswirkungen der Angst und Traumatisierung entgegenzuwirken: er wollte den Kindern eine positive Einstellung zu ihrer Ursprungskultur und Sprache, Deutsch, vermitteln. Sie sollten wissen, dass es nicht nur Nazis gab, sondern auch Beethoven, Mozart und Brahms. Sein Ansatz ähnelte dem Anna Essingers, der bekannten Reformpädagogin, die ab 1933 die „Bunce School“ in Großbritannien leitete und vielen Kindern der britischen Kindertransporte ein Heimatgefühl vermittelte (was man in Zeitzeugenberichten nachlesen kann, vgl. dazu z.B. auch Eva-Maria Thüne „Gerettet. Berichte von Kindertransport und Auswanderung nach Großbritannien“, Berlin & Leipzig 2019). Sowohl bei den Kindertransporten nach England als auch bei dem nach Frankreich gab es eine Reihe von vergessenen Helfern. Lilly Maier betont zurecht, dass viele Namen noch erinnert werden sollten.

Papanek musste 1939 für zwei Monate in ein Lager für unerwünschte Ausländer – ähnlich auch hier dem Schicksal vieler Emigranten in Großbritannien, die als „enemy alien“ eingestuft wurden. Erst ab Frühsommer 1940 sollte die langsame Übersiedlung in ein neues Heim in Südfrankreich (Montintin) möglich werden. Nachdem die Kinder in Sicherheit waren, reisten die Papaneks weiter. Papanek wurde am 16. Juni 1940, dem Tag, an dem Pétain zum Staatschef ernannt wurde, von der örtlichen Polizei darüber informiert, dass sein Name auf einer Verhaftungsliste mit politisch unerwünschten Personen sei. Die Situation spitzte sich zu, doch zwei Tage später konnte die Familie Papanek zusammen mit anderen durch die Hilfe von Einheimischen in ein Versteck gebracht werden. Die Visas Papaneks und seiner Familie für die USA waren inzwischen verfallen, durch ein Sonderkontingent eröffnete sich dennoch eine Möglichkeit und die Papaneks verließen im August 1940 Marseille illegal Richtung Spanien, am 14. August erreichten sie Lissabon und am 12. September kamen sie in New York an. Es war ein schwieriger Anfang, bei dem es für Papanek zunächst weiterhin um die Rettung von Kindern ging, um die Suche nach deren Verwandten in den USA, die den Kindern in Frankreich ein Affidavit hätten geben können. Trotz vieler Versuche kam ein Kindertransport in die USA nicht zustande. Einige der in Frankreich betreuten Kinder schafften es dennoch, in die USA zu gelangen. Sie wurden aber nicht in Heimen untergebracht, wie Papanek es vorschlug, sondern in Familien, wo ein totaler Bruch mit ihrer Vergangenheit erwünscht war.

Ernst Papanek, nun 41 Jahre alt, begann an der Columbia University ein Studium, um Sozialarbeiter zu werden. Seine Abschlussarbeit trug den Titel: „On Refugee Children: A Preliminary Study“, in der es um die Eingewöhnung von Flüchtlingskindern ging; ab 1943 arbeitete er in der „Children’s Aid Society“. Lene Papanek bereitete sich auf die Approbation als Ärztin in den USA vor. Die Papaneks wohnten nun in Queens und führten zum ersten Mal eine Art „normales“ Familienleben. Im Frühjahr 1946 reiste Papanek zum ersten Mal nach Kriegsende nach Europa und verfasste einen umfangreichen Bericht über Flüchtlingslager und Kinderheime in Deutschland, Frankreich, Holland und der Tschechoslowakei. Sein Heimatstadt Wien besuchte er jedoch nicht.

Papanek arbeitete dann mit Jugendlichen in Brooklyn und leitete von 1949 bis 1958 die „Wiltwyck School for Boys“, wo 80-100 Jungen zwischen acht und zwölf Jahren einen Schul- und Therapieplatz hatten. Dort setzte er viele pädagogische Elemente um, die er bereits in Wien und Frankreich entwickelt hatte: zahlreiche Sport- und Freizeitaktivitäten sowie eine Schülermitverwaltung, die das Aufbrechen autoritärer Strukturen sowie die Aufhebung von Rassenunterschieden zum Ziel hatten. Seine Arbeit war erfolgreich und fand sogar die Anerkennung durch Eleanor Roosevelt, die die Schule förderte. Im letzten Abschnitt seiner Karriere wurde Papanek Professor für Pädagogik am Queens College. Seine wichtigsten Werke aus dieser Zeit sind seine Dissertation „The Austrian School Reform“ und der Bericht über die Arbeit mit den Kindern in Frankreich „Out of the Fire“. 1973 starb Papanek bei einem Besuch in seiner Heimatstadt Wien. Eine späte Anerkennung kam 1978, als ein Wohnhof in Wien nach ihm benannt wurde. 

Kaum jemand anders als die Journalistin und Historikerin Lilly Maier, geboren 1992, könnte diese Biographie so abwechslungsreich präsentieren. 2018 erschien ihr Buch „Arthur und Lilly. Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende“, die Biografie eines der Kinder, die Ernst Papanek gerettet und betreut hatte. Maier hatte dadurch ein immenses Hintergrundwissen. Durch ausgiebige Archivsuche in Wien, den Niederlanden, in Frankreich, Ungarn, Portugal und den Vereinigten Staaten, sowie durch Gespräche mit der Familie Papaneks und vielen Zeitzeugen und die Analyse von Briefen und Dokumenten, konnte sie mit der ihr eigenen Vorstellungskraft und ihrem Einfühlungsvermögen die Bruchstücke in einem Wechselspiel zwischen Bericht und Reflexion zu einer detaillierten Geschichte zusammenzufügen. Und das Interesse an Ernst Papanek scheint zu wachsen: Seit der Jahrtausendwende wurde seine Arbeit langsam wiederentdeckt, es sind verschiedene Studien erschienen, noch für dieses Jahr ist eine weitere von Frank Jacob, Professor of Global History in Norwegen angekündigt.

Von Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Universität Bologna (evamaria.thune@unibo.it)

Lilly Maier: Auf Wiedersehen, Kinder! Ernst Papanek. Revolutionär, Reformpädagoge und Retter jüdischer Kinder.
Wien: Molden Verlag, 2021 
302 Seiten, 28,00 Euro
ISBN: 9783222150487


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