am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

„Tod war das Gegebene, Leben war die Ausnahme.“ - Zeitzeugengespräch mit Leon Weintraub und Jens-Jürgen Ventzki

28.09.2026

24. September 2026

Am 24. September 2026 fand ein online geführtes Zeitzeugengespräch mit dem Holocaustüberlebenden Leon Weintraub und dem ‚Täterkind‘ Jens-Jürgen Ventzki statt. Eingeladen hatte die Bildungsstätte Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt. Moderiert wurde die Veranstaltung von Shania Timpe, die in einer etwa zehnminütigen Lesung die Rahmenbedingungen umriss, die im Getto Lodz/Litzmannstadt herrschten: das, was man erzählen könnte.

Leon Weintraub, fast 101-jährig, berichtete etwa eine Stunde lang über seine Erinnerungen an die Zeit, die er im Getto Lodz/Litzmannstadt und anderen Lagern in NS-Deutschland verbringen musste. Er ging kurz auf die deutsche Gettoverwaltung unter Hans Biebow ein, um recht bald auf sein eigenes Leben im Getto und das seiner Familie zu sprechen zu kommen: den Umzug, die Enge, den Hunger, die Arbeit in den Ressorts (Metallressort II, Elektroabteilung). Er sprach über heftige Episoden der Unmenschlichkeit und Demütigung, die er beobachtet habe. Im Hinblick auf den umstrittenen Judenältesten Mordechai Chaim Rumkowski gab er zu bedenken: „Nicht jeder ist als Märtyrer geboren.“

Nach der Räumung des Gettos im August 1944, der er trotz Versuchen, sich zu verstecken, nicht entging, wurde Weintraub nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Fahrt mit dem Zug war eine Tortur – man habe sich allenfalls auf Leichen setzen können. In Auschwitz rettete ihn ein waghalsiges Manöver vor dem sicheren Tod. Er habe sich unter eine Gruppe nackter Männer gemischt, so Weintraub, die für einen Arbeitseinsatz ‚vorbereitet‘ worden seien; mit diesen habe er Auschwitz verlassen können. Der weitere Leidensweg habe ihn in die KZ Groß Rosen, Flossenbürg und Natzweiler-Struthof geführt. Die Befreiung habe er in Donaueschingen im Schwarzwald erlebt. Rückblickend sagte Weintraub: „Tod war das Gegebene, Leben war die Ausnahme.“

Nach dem Krieg nutzte er die Möglichkeit, in Göttingen ein Medizinstudium aufzunehmen (ohne Abitur!) und wurde Gynäkologe. Nach Jahren von Krankheit und Tod habe er, „Menschen zum Leben verhelfen“ wollen. Weintraub praktizierte jahrelang als Arzt in Polen, bis ihn die dortigen antisemitischen Kampagnen 1968 zur Emigration zwangen. Seither wohnt er in Schweden.

Im sich anschließenden Gespräch schilderte Leon Weintraub, wie er dazu kam, als Zeitzeuge öffentlich aufzutreten. Eindringlich warnte er vor der menschlichen Überheblichkeit: der Einteilung in „Übermenschen“ und „Untermenschen“. Es breite sich in diesen Zeiten ein „krankhafter Nationalismus“ aus, dem man etwas entgegensetzen müsse.

In der zweiten Hälfte der Veranstaltung berichtete Jens-Jürgen Ventzki, selbst 1944 in Lodz/Litzmannstadt geboren, über seine Familiengeschichte und den Versuch ihrer Aufarbeitung. Sein Vater, Werner Ventzki, war 1941–1943 Oberbürgermeister der Stadt. Diesen schilderte er als rhetorisch bewanderten Parteigänger der Nationalsozialisten, der innerhalb des Systems rasch aufgestiegen sei. Nach dem Krieg wurde er im Zuge der Entnazifizierung als ‚Mitläufer‘ eingestuft und machte danach Karriere in verschiedenen Bundesministerien in Bonn, Kiel und Berlin. Er starb 2004 in Detmold.

Jens-Jürgen Ventzki betonte, dass seine eigene Ausgangslage gegenüber jener von Leon Weintraub eine diametral entgegengesetzte gewesen sei: hier das sauber gewickelte Kind, dort der im Elend des Gettos lebende junge Mann – gleichzeitig. Im Weiteren schilderte Ventzki, wie er peu à peu von der NS-Vergangenheit des Vaters erfahren habe, wie er begonnen habe, in der dunklen Familiengeschichte zu recherchieren. Aus Begegnungen mit Holocaustüberlebenden seien freundschaftliche Beziehungen entstanden. So sei er etwa auch mit seiner Frau einer Einladung von Michael Moshe Checinski und Tosia Checinski nach Israel gefolgt. Ventzki machte auch auf ein Filmprojekt des Bayerischen Rundfunks aufmerksam, in dem Leon Weintraub, Julie Lindahl, deren Großvater ein SS-Mann war, und er selbst gemeinsam über ihre Erinnerungen sprechen: „Das Schweigen brechen. Ein Holocaustüberlebender und Täterkinder im Gespräch“ (2021); vgl. https://www.fernsehserien.de/filme/das-schweigen-brechen.

Die Frage, ob es eine Vernetzung der ‚Täterkinder‘ gäbe, beantwortete Jens-Jürgen Ventzki eher vorsichtig: „Ich kann niemanden verpflichten, darüber [d.i. über die eigene Familienbiografie] zu sprechen.“ Dennoch – es gäbe einzelne Kontakte. Als Schlussaspekt betonte er die Rolle der Gedenkpädagogik, insbesondere im Hinblick auf junge Menschen. Die etwa dreistündige Veranstaltung endete nachdenklich mit Ventzkis Hinweis auf Willy Brandts „Kniefall zu Warschau“.

Verfasserin: Elisabeth Turvold


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