am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Monika Jesenitschnig: Holocaust, Trauma und Resilienz. Eine entwicklungspsychologische Studie am Beispiel von Ruth Klügers Autobiografie

Mit dem Begriff Resilienz wird die Fähigkeit eines individuellen Menschen beschrieben, Krisen durch den Rückgriff auf individuelle und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für persönliche Entwicklungen zu nutzen. Die Bezeichnung ist bereits seit den 1950er Jahren bekannt. In einer Pionierstudie dazu hat die Psychologieprofessorin Emmy Werner von 1955 bis 1999 mit ihrem Team den Einfluss einer Vielzahl von biologischen und psychosozialen Risikofaktoren auf die Entwicklung von 698 Kindern, die 1955 auf der Insel Kauai (Hawaii) geboren wurden, untersucht. 

Monika Jesenitschnig hat sich nun in einer entwicklungspsychologischen Untersuchung aus einer Lebensspannenperspektive – diese berücksichtigt die multidimensionalen Entwicklungen und Einflüsse einer Person in ihrer gesamten Lebenszeit – und ausgehend vom Hans Keilsons Konzept der sequentiellen Traumatisierung anhand der autobiografischen Werke „weiter leben“ und „unterwegs verloren“ von Ruth Klüger mit den Ressourcen, Strategien und Faktoren auseinandergesetzt, die Klüger halfen, ihre Verfolgungs-, Deportations- und Konzentrationslagererfahrung während des Holocaust zu überleben. Sie untersucht weiterhin, wie sich diese traumatischen Erlebnisse, die einen „fundamentalen Bruch im Weltverständnis implizieren“ (S. 17), nach der Befreiung auf Klügers weiteres Leben ausgewirkt haben, welche „Resilienzprozesse und Vulnerabilitäten“ (S. 21) sich manifestiert haben. Jesenitschnig möchte ihre Studie dabei als einen Beitrag zur Erweiterung des Resilienzkonzepts verstanden wissen sowie als Denkanstoß für psychotherapeutische und sozialpolitische Arbeit. Neu ist vor allem, dass Jesenitschnig, die Psychologie und Germanistik studiert hat, dies anhand schriftlich-narrativer und mittels literaturwissenschaftlicher wie psychologischer Ansätze unternimmt. Sie liest die Texte Klügers dabei vor allem aus der Perspektive der Salutogenese, konzentriert sich also auf die Ressourcen, Schutzfaktoren und Adaptionsfähigkeit, die es Klüger ermöglichten, nach dem Holocaust weiterzuleben und ein ‚funktionierendes’, ‚erfolgreiches’ Leben zu führen. 

Im ersten Teil der Arbeit stellt Jesenitschnig zunächst den Holocaust aus historischer, ideengeschichtlicher und psychologischer Sicht vor. Zudem widmet sie sich den Konzepten und Definitionen des Psychotraumas, der Resilienz und dem posttraumatischen Wachstum. Dabei erläutert sie sowohl den Begriff Holocaust, den sie „in pragmatischer Herangehensweise“ (S. 27) synonym zum Begriff Shoah verwendet, und untersucht dessen ideologische Grundlagen des Rassismus, Antisemitismus und der NS-Herrschaftsutopie. Sie bietet darüber hinaus eine kurze Chronologie der Judenvernichtung, den sie als „einen Prozess kumulativer Radikalisierung und Eskalation“ (S. 33) versteht, und erläutert die spezifischen Merkmale des Holocaust, zu denen sie wesentlich die „Systematik, die Zielgerichtetheit und umfassende Strategie“ (S. 36) des bürokratischen und arbeitsteiligen Staatsverbrechens zählt. Als wesentliche psychologische Voraussetzungen für die massenhafte Gewalt sieht sie, dass diese durch Befehle autorisiert war, dass die Handlungen zur Routinesache wurden und die Opfer einem „Prozess der Dehumanisierung“ (S. 28) unterlagen. 

Jesenitschnigs Definition des Psychotraumas folgt den einschlägigen Konzepten, die darunter im Wesentlichen ein belastendes Ereignis oder extreme Bedrohungssituation verstehen, dem das Individuum zunächst hilflos gegenübersteht und die seine Weltsicht und sein Selbstverständnis erschüttern. Die Schwere und Form dieser Psychotraumatas können dabei sehr variieren, ebenso wie die langfristigen Folgen und damit verbundenen Symptome oder ‚Verformungen’. Zu den traumatisierenden Faktoren des Holocaust zählen eine Vielzahl an unterschiedlichen und sequentiellen extremen Erfahrungen – der Verlust der gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen, schließlich sogar des Familienverbandes, ständige Bedrohung mit Trennungs- und Todesangst, das ohnmächtige Ausgeliefertsein, völlige Schutz- und Rechtlosigkeit, das (Mit)Erleben von Erniedrigung, Entmenschlichung, Zwangsarbeit, Folter und Mord, kurz die Zerstörung von Identität und körperlicher sowie seelischer Integrität.

Wesentlich hat Hans Keilson mit seiner Langzeitstudie zur sequentiellen Traumatisierung bei Kindern (erschienen 1979), die er an jüdischen Kriegswaisen durchgeführt hat, dazu beigetragen, eine „möglichst systematische Analyse des massiv-kumulativen Traumatisierungsgeschehens zu erstellen“ (S. 59). Darauf aufbauend widmet sich Jesenitschnig mit Blick auf Ruth Klüger, die schon seit früher Kindheit der Verfolgung ausgesetzt war und im Alter von elf bis dreizehn Jahren in verschiedenen Lagern interniert war, besonders den Auswirkungen des Holocaust-Traumas auf Kinder und Jugendliche. Da diese noch kein sicheres Identitätsgefühl entwickeln konnten, wird für sie die „extreme Belastungssituation zum integralen Bestandteil ihrer physischen und psychischen Entwicklung“ (S. 61), stellt sie mit Keilson fest. Je jünger das Kind war, desto weniger Möglichkeiten standen ihm zur Verarbeitung des Traumas zur Verfügung, sondern dies wurde Teil seiner psychischen und physischen Entwicklung. Auch die Spätfolgen des Holocaust-Traumas im Alter stellt Jesenitschnig dar. Das altersspezifische Erinnern, Überdenken und die allmähliche Reintegration des früheren Lebens sei für früh traumatisierte in dieser Lebensspanne sehr schwierig, „weil alte Wunden wieder aufgerissen werden und das prekäre psychische Gleichgewicht dadurch gefährdet wird“ (S. 70). Soziale Isolation, Einsamkeit und zunehmende Hilflosigkeit könnten zu wiederauftretenden Traumafolgestörungen führen. 

Der Mensch hat jedoch auch unterschiedliche Ressourcen, die ihn stärken und zur Selbsterhaltung beitragen. Die Salutogenese sieht den Kern dieser Schutzfaktoren im Kohärenzgefühl, das sich wesentlich aus der Verstehbarkeit der eigenen Lebenswelt, der Handhabbarkeit der Anforderungen und der Sinnhaftigkeit oder Bedeutsamkeit des eigenen Lebens zusammensetzt. Auch die Resilienzforschung beschäftigt sich mit der psychischen Widerstandsfähigkeit und positiven Anpassung, den Schutzfaktoren des Menschen, wie Jesenitschnig anhand der Geschichte und den zentralen Konzepten der Resilienzforschung darlegt. Je mehr Schutzfaktoren zusammenkommen, desto besser seien die Bewältigungsmöglichkeiten schwieriger Lebensbedingungen. Bei Überlebenden des Holocaust seien es vielfach Bindungen untereinander, etwa in Netzwerken und Organisationen, die ein Gefühl von Zugehörigkeit vermittelten. Auch der Aufbau eines neuen Lebens, beruflicher Erfolg und die Gründung von Familien seien stabilisierende Faktoren, auch wenn diese Beziehungen oft mit Ambivalenzen behaftet seien. Der französische Psychiater und Resilienzforscher Boris Cyrulnik, der als Kind selbst im Holocaust seine Eltern verloren und in Verstecken überlebt hat, sieht neben sicheren Bindungen vor allem Kreativität und Geschichten als eine für ihn wichtige Lebensstrategie. 2013 hat Cyrulnik in seinem autobiografischen Zeugnis seine persönlichen Ressourcen und Bedingungen für die eigene Widerstandskraft untersucht und so wesentliche Erkenntnisse zur Resilienzforschung beigetragen, wie Jesenitschnig darlegt. Wie unter anderem sein Beispiel zeige, könne das Sprechen und Erzählen über die Ereignisse „viel mehr als eine Katharsis“ (S. 103) sein, sondern auch das Erfüllen einer Mission mit Blick auf die Zukunft. Es könne – als ein Prozess der Restrukturierung und als Transformationsprozess – auch dazu beitragen, (neuen) Sinn zu erzeugen und die Ereignisse in die Lebensgeschichte zu integrieren, folgert Jesenitschnig. 

Im zweiten empirischen Teil stellt sie neben den methodischen Grundlagen der Arbeit in einer biografischen Einzelfallanalyse Klügers Bewältigungsstrategien und resilienten Umgang mit den extremtraumatischen Erfahrungen im Holocaust aus einer hermeneutischen Perspektive anhand ihrer autobiografischen Werke „weiter leben“ und „unterwegs verloren“ vor. Sie untersucht dabei, welche Schutz- aber auch Risikofaktoren sich darin für die Zeit der Kindheit vor der Deportation finden lassen und welche Strategien Klüger halfen, die Konzentrationslager zu überleben. Auch den resilienten Verhaltensweisen und Vulnerabilitäten nach dem Krieg geht sie anhand der Bücher nach. 

Klügers Erfahrungen im bürgerlichen Elternhaus mit hohem Bildungsniveau vor dem Krieg charakterisiert Jesenitschnig als ambivalent und von Misstrauen den Erwachsenen, vor allem der Mutter gegenüber, geprägt. Es fänden sich daher sowohl Schutz- als auch Risikofaktoren. Literatur und insbesondere Gedichte seien ihre persönliche Ressource, die ihr Trost und Zuflucht böten, ebenso wie ihre Intelligenz und Sprachkompetenz, ihr Wissendrang und ihre Kreativität. In Theresienstadt sei es neben der Literatur vor allem der Zusammenhalt unter Gleichaltrigen und das Gemeinschaftsgefühl, die – den widrigen Umständen zum Trotz –, Freundschaften und eine jüdische Identität bedeutet hätten. Auch in Auschwitz sei Lyrik wegen der tröstenden Funktion ein zentrales Überlebensmittel gewesen. In Christanstadt, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, bekommt Klüger eine Pflegeschwester und Freundin, zusammen mit der Mutter bildeten die drei Frauen eine ‚kleine Familieneinheit’, die ihnen vielleicht das Leben gerettet habe. Auch nach dem Krieg blieben Bildung und Freundschaft für Klüger von wesentlicher Bedeutung und seien ein wichtiger Resilienzfaktor, so macht Jesenitschnig aus. Die Bindung zu ihrer Mutter sei dabei zeitlebens schwierig geblieben, wie sich auch die zu anderen Menschen, etwa den Söhnen, vielfach ambivalent und widersprüchlich gestaltet habe.
Klüger sei auf der Suche nach Erkenntnis und Erklärung für das Erlebte. „Lernen, Bildung und Rationalität stellen für Klüger wichtige Ressourcen und sinnstiftende Aspekte menschlichen Lebens dar“ (S. 181). Als Professorin und Literaturwissenschaftlerin sei Ruth Klüger erfolgreich, als Autorin habe sie sehr große Anerkennung erfahren. Jedoch fühle sie sich vor allem von männlichen Kollegen immer wieder ignoriert, unterschätzt oder instrumentalisiert. Ihre Ehe, aus der die beiden Söhne hervorgingen, sei gescheitert, das problematische Verhältnis zu Deutschland, ebenso wie zu ihrer Geburtsstadt Wien, geblieben. Klügers Leben sei „in vielen Bereichen und Facetten untrennbar mit dem Vergangenen verwoben und wird durch das extreme Trauma der jüdischen Katastrophe permanent beeinflusst“ (S. 238). Die Gespenster der Vergangenheit seien allgegenwärtig. Klüger bekenne, dass eine Aufarbeitung der Vergangenheit nicht gelungen sei und nicht gelingen werde, sie kaschiere ihre „vielfach verletzte und in hohem Maße verletzliche Persönlichkeit“ (S. 238) nicht und lege ihre Ambivalenzen und Kränkungen schonungslos offen, so Jesenitschnigs Fazit. 

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive enthalten Jesenitschnigs Untersuchungen letztlich wenig wirklich neue Erkenntnisse über das autobiografische Werk Ruth Klügers. Ein großer Wert und die Relevanz der Arbeit liegen jedoch darin zu zeigen, dass sich autobiografische Literatur zum Holocaust sehr gut dafür eignen kann, Erkenntnisse über (extrem) traumatische Erfahrungen zu vermitteln und auch in der Entwicklungspsychologie und Resilienzforschung Beachtung finden kann und sollte. Viel zentraler noch ist darüber hinaus die Einsicht, dass die Literatur – das Zeugnis wie die Fiktion – selbst ein Instrument der Resilienz und ein wesentlicher Resilienzfaktor sein kann. Narration und Kreativität sind dabei Möglichkeiten, Distanz und dadurch einen anderen Zugang zu den Ereignissen herzustellen. Sie können ermöglichen, sich über die historischen Ereignisse zu stellen, in denen ein Mensch ohnmächtig, ausgeliefert und physisch wie psychisch bedroht war. 

Von Charlotte Kitzinger, JLU Gießen

Monika Jesenitschnig: Holocaust, Trauma und Resilienz. Eine entwicklungspsychologische Studie am Beispiel von Ruth Klügers Autobiografie.
Gießen: Psychosozial-Verlag, 2018.
263 Seiten, 32,90 Euro
ISBN 978-3-8379-2807-5


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