am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Erika Mann: Zehn jagen Mr. X

Erstmals in englischer Sprache erschien Erika Manns „politisches Kinderbuch [...] für Knaben und Mädchen von 9 bis 15“ (Nachwort von Uwe Neumann, S. 257), wie sie es selbst in einem Brief vom Mai 1942 nannte, im Herbst 1942 in New York unter dem Titel „A Gang of Ten“. Auch wenn das Buch sich explizit an Kinder richtete, hoffte sie jedoch auch, „die durch und durch Erwachsenen, die sich, was politische Einsicht angeht, noch immer in rauhen Mengen auf dem Niveau von nicht durchaus gutartigen Knaben und Mädchen tummeln, mit meinem Selbstgemachten zu erreichen“ (ebd.). Dieser Wunsch ist wohl damals nicht in Erfüllung gegangen. Die gleichzeitig geplante deutschsprachige Ausgabe „Kinder der Neuen Welt“ ist aus unbekannten Gründen nie erschienen. Auf Deutsch konnte das Buch erstmals 1990 im Kinderbuchverlag der DDR herausgegeben werden, blieb jedoch wohl weitgehend unbeachtet. Nach einer weiteren deutschen Ausgabe im Arco-Verlag 2011 liegt nun auch im Rowohlt-Verlag, der sämtliche Werke Erika Manns publiziert, eine deutsche Ausgabe vor. 

Entstanden ist die Geschichte Anfang der 1940er Jahre, während sich Erika Mann in Kalifornien im Exil befand. Schauplatz ist die dort ebenfalls angesiedelte fiktive kleine Stadt El Peso. Im Frühling 1942, „ein paar Monate nach Pearl Harbor“ (S. 14), ist in der Schule ‚Neue Welt’, „eine Welt, in der Kinder in der Gemeinschaft von Kindern leben und aufwachsen, ein richtiger Kinderstaat, von Kindern organisiert, regiert und in Gang gehalten“ (S. 12), das Kriegsgeschehen zunächst noch weit weg in Europa. Durch den nahegelegenen Stützpunkt der Küstenwache und das neu errichtete Flugzeugwerk erhält der Ort jedoch viel Zustrom von Menschen, „die hier gar nicht wohnen“ (S. 10). Auch die meisten Schüler der ‚Neuen Welt’ sind aus anderen Teilen des Landes gekommen, weil ihre Väter nach El Peso gerufen wurden, um Flugzeuge zu bauen. Mit dem Eintreffen einiger neuer Kinder aus den kriegführenden alliierten Ländern, die Fürchterliches erlebt haben und für die der Krieg und die Schrecken des Nationalsozialismus ganz nah sind, entsteht bald die Gemeinschaft der ‚Vereinten Kinder’ (nach dem Vorbild der Vereinten Nationen, die 1942 mit einer Deklaration von 26 Staaten ihren Anfang nahm). Da ist der norwegische Junge Björn, der Engländer George, der Russe Iwan, die Französin Madeleine, der Niederländer Rombout und der Chinese Tschutschu, die dank „Akobekall“ (S. 30), dem ‚Amerikanischen Komitee für die Betreuung von Kindern aus alliierten Ländern’ nach El Peso gelangen. Nach kurzen Anfangsschwierigkeiten freunden sie sich mit den amerikanischen Kindern Chris und Betsy, deren Eltern jeweils im Flugzeugwerk arbeiten, und Nelson, dem anfänglich etwas überheblichen und isolierten Sohn des Präsidenten des Flugzeugwerks, Mr. Sheepbot, an. Bald kommt auch noch der deutsch-jüdische Junge Franz hinzu, der mit seinen Eltern aus Deutschland geflüchtet ist, nachdem es dem Vater gelungen war, aus einem Lager zu entkommen. In den USA gelten sie jedoch als ‚feindliche Ausländer’ und dürfen daher die ‚Fünfmeilenzone’ rund um den Wohnort nicht verlassen. 

Zusammen mit den neuen Kindern taucht auch der mysteriöse Mr. X auf, der – so wird bald klar – nichts Gutes im Schilde führt. So wird etwa auf einem Kriegsschiff ein Feuer gelegt – für das Franz als deutscher Junge zunächst kurzzeitig unter Verdacht gerät – und es ereignet sich ein Einbruch im Haus von Mr. Sheepbot, wo wichtige und geheime Dokumente liegen. Mit etwas Unterstützung durch die Ich-Erzählerin des Romans, einer Reporterin, die als Korrespondentin für eine Zeitung in Washington arbeitet und die sowohl außenstehende (aber nicht allwissende) Beobachterin als auch den Kindern eine wohlgesonnene Freundin ist, gelingt es den zehn Kindern schließlich die Identität von Mr. X, einem deutschen Spion, und seinen beiden Komplizen aufzudecken und diese schließlich sogar in einer mutigen und gleichermaßen gefährlichen wie waghalsigen Aktion zu stellen. 

Das Unheil, das die Nationalsozialisten überall in Europa anrichten, wird im Verlauf der Handlung immer wieder thematisiert, auch durch die Gespräche der Kinder. So schildern drei der neu Angekommenen in einem von den Kindern selbst initiierten ‚Geschichtenwettbewerb’, bei dem sie sich „sehr wahre Geschichten“ (S. 59) erzählen, eindrücklich, warum sie aus Europa geflohen sind. Rombout erzählt von der Invasion der Deutschen in den Niederlanden, bei der seine Mutter und sein kleiner Bruder ums Leben kamen. Iwans Geschichte handelt von seiner Flucht aus Russland nach Schweden – über das feindliche Finnland. Um den Nazis nichts zu hinterlassen, das ihnen helfen kann, den Krieg weiterzuführen, verbrannten und zerstörten sie vorher ihr Haus und alles, was sie besaßen. George berichtet von den deutschen Luftangriffen in England, seine Eltern sind beide bei der Royal Air Force. Weil er nach einem Fliegerangriff tapfer half, die Toten „auszubuddeln“ (S. 61), wurde er vom Komitee für die Fahrt nach Amerika ausgewählt. Auf der Überfahrt wurde ihr Schiff mit Hunderten von Kindern an Bord von den Nationalsozialisten bombardiert und versenkt. George überlebte als einer der wenigen nur knapp. 

Den Krieg der Alliierten gegen das faschistische Deutschland stellt Mann dabei als eine notwendige und gerechte Sache dar. So betonen alle Kinder in ihren Erzählungen, wie wichtig der Kampf und der Sieg über die Nationalsozialisten für sie sind. „Wir müssen siegen, und wir müssen sie schlagen. Ich würde alles tun, alles, um dabei mitzuhelfen“ (S. 66), so etwa das Fazit von George. Neben ihrer Jagd auf Mr. X engagieren sich die Kinder außerdem sehr erfolgreich im Kriegshilfeeinsatz etwa durch Altmaterialsammlungen und den Kauf von Kriegsanleihen, zu dem sie die Erwachsenen ‚überreden’. Denn: „Der Krieg hatte die ganze Gang verändert und auch alle anderen Kinder hier oben. [...] Der Krieg war nun zu ihnen nach Hause gekommen, nichts weiter; sie wussten, er musste gewonnen werden, und sie hatten entdeckt, wie er einzig zu gewinnen war. Sie hatten begriffen, dass der Sieg von jedem Einzelnen von uns abhing und dass er nur in gemeinsamer Anstrengung errungen werden konnte“ (S. 149). Gemeinsam verhindern sie schließlich auch den finsteren Plan von Mr. X und seinen Komplizen, die im Auftrag der Nationalsozialisten einen Anschlag auf das Flugzeugwerk planen. 

Erika Mann ist mit „Zehn jagen Mr. X“ eine ebenso spannende wie einfühlsame Erzählung über eine Gruppe von Kindern gelungen, die sich nicht nur mutig und entschlossen allen möglichen Gefahren stellen, sondern auch erfolgreich ihre Konflikte mit- und untereinander lösen und mit viel Toleranz, Einfühlungsvermögen und Klugheit in ihrer Schule eine neue, bessere Welt erschaffen. Kritisch anzumerken ist allenfalls die stereotype und klischeehafte Darstellung des Hoteltürstehers Mr. Horatio Roosevelt Fairchild, eines „gutaussehende[n], ganz in Purpurrot gekleidete[n]Farbige[n]“ (S. 76) mit blitzend weißen Zähnen und „goldene[m] Herz[en]“ (S. 76). Er versieht nicht nur seinen Dienst stets freundlich und aufmerksam, sondern stellt auch sprichwörtlich das Ziel der Kinder, Mr. X und seine Komplizen zu fassen, über sein eigenes Leben. Bei der Verfolgungsjagd, die den Höhepunkt und die Auflösung der Geschichte um die Verbrecher bringt, dient er den Kindern und der Ich-Erzählerin mit seinem Auto als Chauffeur. Dabei wird er angeschossen und schwer verwundet. Er möchte jedoch nicht, dass die Verfolgung seinetwegen abgebrochen wird, damit ein Arzt geholt werden kann. Die Journalistin bittet Chris, der unbedingt bei Horatio bleiben will, schließlich seinem Wunsch zu entsprechen. „‚Er hat immer alles getan, worum wir ihn gebeten haben. Immer’“, so ihre Begründung. Horatio überlebt glücklicherweise und wird als Held gefeiert. Aus heutiger Perspektive mutet die Figur jedoch etwas positiv überzeichnet und idealisiert an. 

Insgesamt ist „Zehn jagen Mr. X“ jedoch eine Geschichte für Kinder – und Erwachsene –, die es mehr als verdient hat, nun endlich wahrgenommen zu werden. Das empfohlene Lesealter ist ab 12 Jahren. Für geübte Leser oder begleitet durch etwa Eltern oder Lehrer ist sie aber durchaus auch schon für das Grundschulalter geeignet. Sach- und Worterklärungen finden sich im Anhang. Die implizite Botschaft der Erzählung, dass Demokratie, Toleranz und Frieden der Anstrengung jedes Einzelnen bedürfen und dass mit gemeinschaftlicher, aufrichtiger und wohlwollender Anstrengung viel mehr erreicht werden kann als mit eigennützigem Verhalten und destruktiven Handlungen, ist nach wie vor von großer Relevanz.

Von Charlotte Kitzinger (JLU Gießen)

Erika Mann: Zehn jagen Mr. X
Übersetzung aus dem Englischen von Elga Abramowitz.
Hamburg bei Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 2019.
270 Seiten, 15 Euro
ISBN 978 3 499 21851 4


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