am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Mordechai Strigler: Werk C. Ein Zeitzeugenbericht aus den Fabriken des Todes

„Werk C. Ein Zeitzeugenbericht aus den Fabriken des Todes“ ist der dritte Band der Tetralogie „Verloschene Lichter“ von Mordechai Strigler. Er wurde 1918 geboren und überlebte während des Nationalsozialismus zwölf Gettos, Arbeits- und Konzentrationslager. Nach der Befreiung 1945 emigrierte er nach Paris und begann dort an seiner Tetralogie zu schreiben. Er war ein erfolgreicher jiddischer Autor und verstarb im Jahr 1998. Nun erscheinen seine Bücher auch in deutscher Übersetzung, sodass auch jiddischsprachige Erinnerungsliteratur vermehrt in den deutschen Erinnerungsdiskurs einfließt. 

1933 begann die als kleine Lampenfirma gegründete HASAG (Hugo Schneider Aktiengesellschaft), Munition für die Infanterie und die Luftwaffe der Wehrmacht herzustellen. Im August 1942 wurde im besetzten Polen das Arbeitslager Skarżysko-Kamienna errichtet. Werk C war die Abteilung der Firma, in der Mechele und weitere Inhaftierte zur Zwangsarbeit eingeteilt werden. Während sich der Band „Die Fabriken des Todes“ mit dem Arbeitsalltag und den Lebensumständen der Inhaftierten beschäftigte, setzt Strigler den Fokus jetzt auf Analysen des kulturellen und gesellschaftlichen Daseins in Werk C in den Monaten von September 1943 bis März 1944. 

Der Protagonist Mechele ist eine fiktive Figur, die jedoch auf Striglers Erfahrungen basiert und teilweise autobiografische Züge trägt. Sowohl Strigler als auch Mechele hatten nie einen Funktionsposten in Werk C inne. Strigler fiktionalisiert seinen Zeitzeugenbericht, um so Erfahrungen aus der Mitte der Häftlingsgesellschaft darstellen zu können. 

In Werk C sind sowohl Frauen als auch Männer inhaftiert und es gibt eine starke Hierarchie innerhalb der Lagergesellschaft. Ganz oben steht eine Familie, die sich um die Verwaltung kümmert. Neben dieser gibt es einige Gefangene, die zur Prominenz im Lager zählen. Der Handlungsverlauf wird immer wieder durch eine Charakterisierung einzelner dieser Lagerpersönlichkeiten durchbrochen. Dabei wird das Leben der Figuren vor dem Lager und während der Inhaftierung dargestellt. Auf diese Weise können die LeserInnen die Menschen, denen Mechele begegnet, die ihm helfen oder ihm zusetzen, besser einschätzen. Sobald ein neuer Charakter eingeführt wird, erhalten die LeserInnen Informationen, die für die weitere Handlung hohe Relevanz haben.

Im Herzen des Berichts steht ein Theaterstück, welches Mechele schreibt. In diesem Stück wird unter anderem die Lagerprominenz kritisiert, wodurch er für das ganze Lager interessant wird. Immer wieder begegnen ihm Menschen, die ihn für seine Arbeit loben und ihm bessere Arbeitsbedingungen innerhalb des Lagers ermöglichen. Einzelne Familienmitglieder der Lagerprominenz betrachten ihn zunächst sehr kritisch, doch Mechele gewinnt immer mehr einflussreiche Menschen für sich. Gegen Ende des Berichts soll er für einen neu ankommenden Transport ein neues Stück schreiben, um diesem einen guten Empfang zu bereiten. 

Der Zeitzeugenbericht behandelt die großen menschlichen Themen, wie etwa Liebe, Solidarität, Eifersucht, Verlust und Tod. Mechele lässt dabei auch tief in seine eigene Gefühlswelt blicken. Er bekommt mit, wie ein Kind im Lager zur Welt kommt und welche Probleme damit ausgelöst werden. So handelt das zweite Stück von den Kindern, die innerhalb des Lagers zur Welt kommen und doch nicht überleben können und dürfen. 

„Werk C“ zeichnet ein gelungenes Bild von dem, was Menschen in Extremsituationen bewegt, wie sie es bewerkstelligen, einen Alltag in der Gefangenschaft zu finden und wie sie es schaffen, trotz allem ‚weiterzumachen‘; wie Kultur in Form eines Theaterstückes eine Wirkung auf die ZuschauerInnen hinterlassen kann und wie hilfreich es sein kann, dass ein Mensch die Gefühle vieler verschriftlichen kann: „Er hatte einen ganzen Berg schwerwiegende Worte aufgeschrieben, unter denen sich jetzt alle hier wanden“ (S. 333). Wie in den vorherigen beiden Bänden schafft es Strigler auch hier, seine LeserInnen zu rühren und mit klaren Worten die verstörenden und unmenschlichen Arbeitsbedingungen darzustellen und um den sozialen Bereich zu erweitern. Das macht auch die neueste Übersetzung Striglers zu einem wichtigen Buch für die Aufarbeitung und das Bewahren von Wissen über den Holocaust.

Von Sandra Binnert (JLU Gießen)

Mordechai Strigler: Werk C. Ein Zeitzeugenbericht aus den Fabriken des Todes. Hg. von Frank Beer. Übers. von Sigrid Beisel.
Springe: zu Klampen Verlag, 2019.
460 Seiten, 32 Euro
ISBN 978-3-86674-595-7

 

 

 

 


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