am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

„Meine Mundharmonika [rettete] unser Leben“ – Bericht zur Lesung aus den Erinnerungen von Zvi Cohen mit Schauspieler Dominic Fabio Betz und Rebecca Kaufmann (AHL)

01.05.2026

21. April 2026

Zvi Cohen spielt in der Sendung von Markus Lanz auf seiner Mundharmonika / Foto: Jennifer Ehrhardt
Zvi Cohen spielt in der Sendung von Markus Lanz auf seiner Mundharmonika / Foto: Jennifer Ehrhardt

Berlin, Theresienstadt, Israel – diese drei Orte prägen das Leben von Zvi Cohen. Seine Memoiren „Der Junge mit der Mundharmonika: Aus dem Ghetto Theresienstadt mit dem Zug in die Freiheit“, 2019 erstmals in deutscher Sprache in der gemeinsamen Schriftenreihe der AHL und der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung im Metropol Verlag erschienen, standen im Mittelpunkt einer Lesung am 21. April 2026 im JOKUS. Veranstaltet wurde der Abend von der AHL, der DEXT-Fachstelle sowie dem Jugendbildungswerk der Stadt Gießen. Der Schauspieler Dominic Fabio Betz las ausgewählte Passagen aus Cohens Erinnerungen, während Rebecca Kaufmann (AHL) die biografischen und zeitgeschichtlichen Hintergründe einordnete.

Zvi Cohen, 1931 als Horst Cohen in Berlin geboren, wuchs in einem von der jüdischen Kultur geprägten, aber nicht religiösen Elternhaus auf. Zwar beging die Familie jüdische Feiertage, verstand sich aber, wie Kaufmann betonte, „primär als deutsch“. Gleichwohl war Cohen bereits in jungen Jahren antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Wiederholt wurde er von Gleichaltrigen angegriffen, die er als „Hitler-Jungen“ in Erinnerung behielt. Aus Angst bat er seinen Vater, ihn auf dem Schulweg zu begleiten. Als er dennoch in dessen Beisein verprügelt wurde, blieb dem Vater nur, die Angreifer anzuflehen, aufzuhören, da jeder Widerstand lebensgefährlich gewesen wäre. „Mir fehlen noch heute die Worte, unser Gefühl der Erniedrigung und die Ohnmacht zu beschreiben“, so Cohen.

Trotz der sich zunehmend verschärfenden Lage blieb die Familie zunächst in Deutschland, denn wie so viele hoffte auch sie, dass sich die Situation beruhigen würde. Doch diese Hoffnung zerschlug sich jäh, als im Mai 1943 zwei SS-Männer in Abwesenheit der Eltern in deren Wohnung erschienen und den jungen Horst zwangen, seine Sachen zu packen. Er nahm seine Mundharmonika mit. Als die Männer ihn zum Spielen aufforderten, nutzte er dies, um Zeit zu gewinnen. „Ich spiele und spiele um mein Leben“, erinnert sich Cohen. Es gelang ihm, die Männer mit seinem Spiel hinzuhalten, bis die Eltern eintrafen. Bis heute ist er überzeugt, dass die Mundharmonika seine Familie rettete. Ein Videoeinspieler von Cohen aus einer ZDF-Sendung aus dem Jahr 2019 veranschaulichte den rund 40 Zuhörenden, dass er die damaligen Volkslieder noch immer beherrscht.

Am 19. Mai 1943 wurden die Familienmitglieder gemeinsam nach Theresienstadt deportiert. Cohen beschreibt das Getto, in dem insgesamt über 140.000 Jüdinnen und Juden unter unmenschlichen Bedingungen interniert waren, als „einem irren Alptraum entsprungen“. Doch sein Lebenswille blieb ungebrochen: „Ich will leben, und das hier überleben.“ Die Mundharmonika wurde erneut zu seinem Überlebenswerkzeug: Als Straßenmusikant erspielte er sich zusätzliche Brotkrumen und wurde Mitglied des Kinderorchesters, das die Oper „Brundibár” aufführte.

Besonders zynisch instrumentalisierte die SS Kultur und Kunst, als eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes das Getto besichtigte. Wie Kaufmann ausführte, inszenierten die Nationalsozialisten ein „minutiös geplantes“ Bild scheinbarer Normalität, das die Delegation täuschte und weitere Inspektionen schließlich verhinderte.

Eines der prägendsten Erlebnisse schildert Cohen aus dem November 1944: Er erhielt den Auftrag, die Asche Verstorbener zum Flussufer am Rande des Gettos zu bringen und dort zu verstreuen. Unter den beschrifteten Kartons entdeckte er die sterblichen Überreste seiner Großeltern, die im Mai desselben Jahres im Getto verhungert waren. „Als wir ans Ufer kommen, segne ich meine Großeltern mit einem letzten Abschiedsgebet und schütte ihre Asche eigenhändig in den Fluss“, berichtet er. Dieser Ort in Theresienstadt ist für ihn bis heute von besonderer Bedeutung: „Dass ich meine Großeltern persönlich bestatten […] konnte, ist für mich einer der Höhepunkte meines Lebens.“

Bewusst endete die Lesung mit einem weiteren Wendepunkt: Durch einen glücklichen Zufall gelangte die Familie mit einem Zug aus Theresienstadt in die Schweiz. Das Ankommen dort beschreibt er als Übergang „von der Hölle ins Paradies“. Später emigrierte er nach Palästina und nahm den Namen Zvi Cohen an. Heute lebt der 94-Jährige in einem Kibbuz in Israel und sieht es als seine Aufgabe, über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuklären: „Man darf nicht vergessen, dass es geschah, dass die Möglichkeit besteht. Wegen Rechtsextremismus, wegen Rassismus, wegen Hass, dass das wieder wachsen kann.“

Unser herzlicher Dank gilt dem Schauspieler Dominic Fabio Betz sowie allen Kooperationspartnern für die gelungene Durchführung der Lesung!

Berichte über die Veranstaltung erschienen am 23. April in der Gießener Allgemeinen (Nr. 94, S. 25) sowie am 24. April im Gießener Anzeiger (Nr. 95, S. 29).

Weitere Informationen zum Buch sowie Bestellmöglichkeiten finden sich hier auf der Website des Metropol Verlags.


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