Der Hermann-Levi-Saal im Gießener Rathaus war bis auf den letzten Platz gefüllt: Rund 150 Gäste folgten am 14. Juli der Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur (AHL), der Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer e. V., des Kulturamts Gießen sowie des Polizeipräsidiums Mittelhessen, um Dr. Eva Umlauf zuzuhören. Die Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees und eine der jüngsten Überlebenden des Holocaust stellte im Gespräch mit Dr. Anika Binsch (AHL) ihr aktuelles Buch „Genau so fängt es an“ (2026) vor. Dabei verband sie ihre persönliche Lebensgeschichte mit einem eindringlichen Appell, demokratische Werte entschlossen zu verteidigen.
Ihre Mutter habe sie einst ein „Zeichen des Lebens in Zeiten des Todes“ genannt. Geboren 1942 als Eva Hecht im Arbeitslager Nováky in der Slowakei, wurde Umlauf im Alter von knapp zwei Jahren nach Auschwitz deportiert. Dass sie überlebte, ist einem Zufall zu verdanken: Ihr Transport erreichte das Konzentrations- und Vernichtungslager erst, nachdem die systematischen Morde in den Gaskammern angesichts der heranrückenden Roten Armee eingestellt worden waren. Ihre tätowierte Nummer A-26959, ein „Stempel der Entmenschlichung“, trägt Umlauf bis heute. „Die Nummer gehört zu mir. Ich erinnere mich nur an mich mit dieser Nummer“, erklärte sie. Von ihrer Familie überlebten nur sie und ihre Mutter; ihre Schwester wurde im April 1945 geboren. Nach der Rückkehr nach Trenčín führte ihr Lebensweg sie später nach München, wo Umlauf mit ihrem ersten Mann ein neues Leben begann.
Aus diesen Erfahrungen heraus blickt Umlauf mit großer Sorge auf die Gegenwart. Geprägt von zwei Diktaturen – der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und dem kommunistischen Regime hinter dem Eisernen Vorhang – erkenne sie Entwicklungen, die sie alarmieren. „Die Angst ist wieder da“, sagte sie. Gemeint sei die Furcht vor einer erneuten Entgrenzung des Hasses.
Als tiefen Einschnitt bezeichnete sie den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der ihr Sicherheitsgefühl auch in Deutschland nachhaltig erschüttert habe. Seither sei eine deutliche Zunahme von Straftaten gegen Jüdinnen und Juden zu beobachten. „Antisemitismus ist salonfähig geworden“, resümierte Umlauf. Besorgt äußerte sie sich zudem über den politischen Erfolg der AfD, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz mindestens in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuft wird.
Diese Gegenwartsdiagnose bildet den Ausgangspunkt ihres neuen Buches und führte zugleich zur zentralen Frage des Abends: Was bedeutet „Nie wieder!“ heute? Bereits in seiner Begrüßung hatte Prof. Sascha Feuchert darauf hingewiesen, die Gesellschaft befinde sich „mittendrin in einer Entwicklung, die in vielerlei Hinsicht besorgniserregend“ sei. Torsten Krückemeier, Präsident des Polizeipräsidiums Mittelhessen, betonte in seinem Grußwort, Demokratie sei keine Selbstverständlichkeit. Mit dem Ende der Zeitzeugenschaft dürfe die Erinnerung nicht aufhören: „Gerade dann beginnt unsere Aufgabe. Wir müssen weitererzählen, wir müssen widersprechen, wir müssen Haltung zeigen und unsere Demokratie gemeinsam schützen.“
Im weiteren Verlauf sprach Umlauf auch über die langfristigen Folgen von Gewalt und Verfolgung. Als Kinderärztin und Psychotherapeutin sprach sie – ohne historische Gleichsetzungen vorzunehmen – von „verwundeten Opfer-Menschen“ und „verwundeten Täter-Menschen“, deren Erfahrungen als „Gefühlserbschaft“ über Generationen hinweg nachwirkten. Wer diese Prägungen verstehe, könne gesellschaftliche Entwicklungen besser einordnen. Seit vielen Jahren setzt sie sich als „Zeitenzeugin“ dafür ein, diese Zusammenhänge zu vermitteln. Nahezu täglich spricht sie an Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen über ihre Lebensgeschichte. Zugleich verschwieg sie an diesem Abend ihre Zweifel nicht: „Ich gehe in die Schulen, ich mache Lesungen, ich bemühe mich – und die Zahlen der AfD wachsen und wachsen. Ist die Arbeit umsonst?“ Ihre Antwort fiel jedoch eindeutig aus: „Nichts zu machen, ist gar keine Option.“
Ihre Hoffnung schöpfe sie vor allem aus den Begegnungen mit jungen Menschen. An sie richtete sie auch ihren eindringlichsten Appell. Mit hörbar brüchiger Stimme, aber großer Klarheit rief sie dazu auf, wachsam zu bleiben und demokratische Werte zu verteidigen: „[A]chtet auf die Wahrheit. Sie ist die erste, die verloren geht – und die letzte, die man zurückgewinnt.“
Die Veranstaltung endete mit lang anhaltendem Applaus und Standing Ovations. Die von der Rickerschen Buchhandlung angebotenen Exemplare von Umlaufs Autobiografie „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ (2016) sowie ihres aktuellen Buchs waren rasch vergriffen und von der Autorin signiert.
Wir bedanken uns herzlich bei Frau Dr. Umlauf für ihren Besuch in Gießen und den augenöffnenden Abend! Unser Dank gilt ebenso unseren Kooperationspartnern für die vertrauensvolle und gelungene Zusammenarbeit!
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Auch in der Presse fand die Veranstaltung Resonanz. In der Gießener Allgemeinen erschien am 16. Juli ein Beitrag mit dem Titel „Die Zerbrechlichkeit der Demokratie“, der hier in voller Länge abgerufen werden kann. Am selben Tag veröffentlichte der Gießener Anzeiger den Artikel „Auschwitz-Überlebende Eva Umlauf hofft auf die nächste Generation“, zu dem Sie hier gelangen. Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete Thorsten Winter; sein Beitrag „Als Kind dachte sie, jeder hat eine Nummer am Unterarm“ vom 17. Juli ist hier zu finden. In der Rubrik „Stadtgespräch“ des Gießener Anzeigers griff Benjamin Lemper die Veranstaltung am 18. Juli zudem kommentierend unter der Überschrift „Demokratie kann und muss anstrengend sein“ auf.