am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Allgemeine Zeitung Mainz: 07.01.2006: "Gebrauche es wie eine Waffe"

12.08.2010

Die Tagebücher des Friedrich Kellner – Dokument des inneren Widerstands

Kurz vor seinem Tod drückt Friedrich Kellner1968 in Mainz seinem Enkel Scott einen Schatz in die Hand: ein Tagebuch, heimlich geführt in der Nazi-Diktatur. Für den Texaner Scott Kellner (64) ist die Veröffentlichung des Zeitdokuments zur Lebensaufgabe geworden. In der "George Bush Presidential Library and Museum“ in Texas wurde es bereits ausgestellt, an der Uni Gießen wird derzeit eine Publikation vorbereitet.

Von Frank Schmidt-Wyk

Ausgerechnet hier. Ein Trafohäuschen vor dem Seniorenheim in der Mainzer Göttelmannstraße. Auf die Stahltür hat jemand ein Hakenkreuz gesprüht und: "Juden raus“. Für Prof. Scott Kellner keine große Sache – einerseits. Es ist das einzige Mal, dass er auf Nazi-Propaganda stößt, während er für ein paar Wochen Deutschland besucht. "Wir haben zu Hause auch Probleme mit so was. Ich bin nicht hier, um den Finger zu heben.“ Andererseits: Für den 64-Jährigen ist der Anblick schon erschütternd. In dem Seniorenheim hatte ihm der Großvater 1968 sein Vermächtnis übergeben, ein zehnbändiges Tagebuch, heimlich geschrieben in den Jahren des Zweiten Weltkriegs 1939 bis 1945. "Gebrauche es wie eine Waffe gegen den Neo-Faschismus“, sagte Friedrich Kellner seinem Enkel damals. Die Schmiererei an diesem Ort zeigt Scott Kellner 37 Jahre später vor allem eines: Wie wichtig es ist, diese Waffe endlich scharf zu machen, sie unter die Menschen zu bringen.

Friedrich Kellner, geboren 1885, blieb auch in der Diktatur des Nationalsozialismus nicht nur ein der Moral und Gerechtigkeit verpflichteter, sondern auch ein denkender Mensch – was ihn von vielen Zeitgenossen unterschied. Er hatte das menschenverachtende Wesen des Nationalsozialismus früh erkannt und nicht gezögert, sich ihm in den Weg zu stellen. Damals, in der Phase des Übergangs von der Weimarer Republik zur Diktatur, Anfang der 30er Jahre, warb Kellner Mitglieder für die Mainzer SPD, ging in die Gaststätten, hielt Reden auf öffentlichen Plätzen. Reden gegen Hitler. Wegen seiner bekannt regimefeindlichen Einstellung wurde er 1933 , nach der Machtergreifung, von seinem Posten als Justizbeamter am Amtsgericht davon gejagt.

Mit Frau Pauline und dem einzigen Kind Friedrich fand Kellner in Laubach bei Gießen eine neue Heimat und eine Anstellung als Geschäftstellenleiter des dortigen Amtsgerichts. Um ihn dem Einfluss der Nazis zu entziehen, schickte er seinen Sohn 1935 in die USA, wo 1941 Scott zur Welt kam. Als Hitler 1939 den Krieg vom Zaun brach, ging Friedrich Kellner senior daheim in Laubach in den inneren Widerstand und dazu griff er einfach zu Stift und Papier. So steht es auf dem Einband der Tagebücher: "Mein Widerstand“ und so begriff Friedrich Kellner seine heimliche Schreiberei – öffentliche Agitation gegen das Regime wäre im SS-Staat Selbstmord gewesen. Gleichwohl wusste Kellner genau, dass ihm der Henker, mindestens das Konzentrationslager drohte, würden seine Kladden entdeckt. Denn was er da zu Papier brachte, war in der Lesart der Machthaber nichts anderes als Hochverrat und Wehrkraftzersetzung.

Nach dem Krieg übernahm Sozialdemokrat Friedrich Kellner eine tragende Rolle in der Kommunalpolitik, doch die Tagebücher blieben sein Geheimnis – bis 1960 überraschend Enkel Scott aus Amerika vor der Tür stand, den der Großvater bis dahin nie gesehen hatte. Sie ihm anzuvertrauen, dazu rang er sich erst acht Jahre später durch – in Mainz, wohin Friedrich und Pauline Kellner inzwischen zurückgekehrt waren.

Rund 700 Eintragungen in zehn Bänden kamen in den letzten sechs Jahren des "Dritten Reichs“ zusammen. Anders als der jüdische Dresdner Professor Viktor Klemperer in seinem berühmten Geheim-Tagebüchern, schrieb Kellner weniger über den Alltag als über große Politik. Vor allem ging es ihm darum, die allgegenwärtige Propaganda als Lügenmaschinerie zu entlarven. Dazu bediente er sich einer Art Collagentechnik, konfrontierte die offizielle Wahrheit in Form von Zeitungsartikeln und Zitaten mit eigenen Wahrnehmungen – denen eines Justizbeamten, der auch Einsicht in Polizei- und Gerichtsakten hatte. Und das macht die Tagebücher des Friedrich Kellner nach Ansicht von Experten so wertvoll.

Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen bereitet eine wissenschaftliche Edition vor – im Jahr 2007 soll es so weit sein. Längst nicht der einzige Erfolg, den Scott Kellner bei der Verwirklichung seiner Lebensaufgabe vorweisen kann: Im Heimatmuseum Laubach war in diesem Herbst eine Ausstellung zu sehen, für den Sommer 2006 ist eine im Holocaustmuseum von Houston, Texas geplant. Danach sollen die Tagebücher auf eine Tournee durch weitere amerikanische Museen gehen und auch den Weg nach Europa antreten. Und Scott Kellner hatte wegen einer Verfilmung sogar mal Kontakt mit Hollywood-Star Kirk Douglas aufgenommen: Der signalisierte Interesse, hätte dazu aber gerne mit dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington zusammengearbeitet. Das Projekt scheiterte, weil Scott Kellner die Tagebücher nicht aus der Hand geben wollte; Auszüge sollen aber demnächst in bestehende Dauerausstellungen des Museums integriert werden. Außerdem hat der Enkel erreicht, dass die "Kellner Diaries“ in seiner Heimatstadt College Station in der "George Bush Presidential Library and Museum“ des Präsidentenvaters George Bush senior für zwei Monate gezeigt wurden.

Als Scott Kellner im September für einige Tage nach Deutschland kam, unter anderem, um in Mainz auf Spurensuche zu gehen und die Ausstellung in Laubach zu besuchen, hatte er ein Team der TV-Gesellschaft CCI Entertainment mit Sitz in Toronto im Schlepptau. Konzernchef Leonard Asper will die Tagebücher im Kanadischen Museum für Menschenrechte zeigen, dessen Fertigstellung für das Jahr 2009 erwartet wird. Für den CCI-Dokumentarfilm "Mein Widerstand – Die Tagebücher des Friedrich Kellner“, der später weltweit vermarktet werden soll, drehten die Kanadier auch an den Mainzer Stätten auf dem Lebensweg des Friedrich Kellner: am Amtsgericht, auf dem Markt, an seinem Urnengrab auf dem Hauptfriedhof. Ja, und auch das werden die Fernsehbilder zeigen: ein Hakenkreuz auf der Stahltür einer Trafostation.

Internet

Website der Kellner-Tagebücher der "Bush Presidential Library and Museum“ an der A&M University in Texas: www.bushlibrary.tamu.edu/exhibits/kellner.php


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