„Ein in Urlaub befindlicher Soldat berichtet als Augenzeuge fürchterliche Grausamkeiten in dem besetzten Gebiet in Polen“, notierte der Laubacher Justizinspektor Friedrich Kellner am 28. Oktober 1941. Wie viele Einträge in den zwischen 1938 und 1945 regelmäßig geführten Tagebüchern Kellners zeigt auch dieser, wie viel über die NS-Verbrechen selbst in der oberhessischen Provinz bekannt sein konnte. Zugleich dokumentiert das Diarium Kellners inneren Protest gegen den Nationalsozialismus, den er angesichts der Gefahren offener Opposition im Verborgenen festhielt.
Genau 85 Jahre nach Abfassung dieses Eintrags, am 28. Oktober 2026, bildete er einen Ausgangspunkt für einen Studiennachmittag mit Schüler:innen des Laubach-Kollegs. Dr. Anika Binsch und Jennifer Ehrhardt (AHL) leiteten den Workshop in Kooperation mit Christoph Koch, Schulpfarrer und Schulseelsorger des Oberstufengymnasiums.
Der Nachmittag begann an einem zentralen Wirkungsort Kellners: im ehemaligen Amtsgericht Laubach, in dem er von 1933 bis 1947 als Geschäftsleiter tätig war. Dort erhielt die Gruppe eine Einführung in seine Biografie und seine Tagebücher. Auch Stadtverordnetenvorsteher Joachim Kühn besuchte die Gruppe und richtete ein Grußwort an die Schüler:innen.
Anschließend wechselte die Gruppe in die Räume des Laubach-Kollegs. Hier stand zunächst die Frage im Mittelpunkt, was unter „Widerstand“ zu verstehen ist und welche Formen dieser im Nationalsozialismus annehmen konnte. Die Schüler:innen sammelten dazu Begriffe und erarbeiteten Unterschiede zwischen passivem und aktivem Widerstand. Vor diesem Hintergrund wandten sie sich im zweiten Teil des Nachmittags dem eingangs zitierten Tagebucheintrag zu. Ausgehend von der Überlegung, dass Widerstand Wissen voraussetzt, diskutierten sie, welche Informationen über die Massenmorde der damaligen Bevölkerung zugänglich waren.
Zum Abschluss rückte die eigene Familiengeschichte in den Blick. Anhand von Fotos und Gegenständen, die die Schüler:innen zur Vorbereitung recherchiert und mitgebracht hatten, gingen sie familiären Überlieferungen und biografischen Lücken nach. Dabei wurde deutlich, dass eine Geschichte wie die Kellners nicht die Regel war und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit häufig auch Fragen aufwirft, die sich nicht ohne Weiteres beantworten lassen.
Die Beschäftigung mit Kellners Aufzeichnungen verband so die Frage nach dem damaligen Wissen mit der nach den Möglichkeiten und Grenzen widerständigen Handelns. Zugleich verdeutlichte sie die Bedeutung demokratischen Engagements in der Gegenwart: Gerade weil Widerstand unter den Bedingungen einer Diktatur mit erheblichen Gefahren verbunden ist, gilt es, sich für den Erhalt der Demokratie einzusetzen, bevor es zu spät ist.
Mehr über die an der AHL erarbeitete Edition der Tagebücher Friedrich Kellners, die 2011 unter dem Titel „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“ in zwei Bänden im Wallstein Verlag erschien, erfahren sie hier auf unsere Homepage.