Als Justizinspektor am Amtsgericht Laubach und überzeugter Sozialdemokrat erlebte Friedrich Kellner (1885–1970) die schrittweise Aushöhlung des Rechtsstaats während der nationalsozialistischen Herrschaft – und dokumentierte das NS-Unrecht von 1938/1939 bis 1945 in geheimen Tagebüchern. Mit dem Ziel, „augenblickliche Stimmungsbilder“ aus seiner Umgebung festzuhalten, notierte er akribisch, was er sah, hörte, empfand und dachte. Darüber hinaus sammelte er propagandistische Zeitungsartikel, klebte sie in sein Diarium und versah sie mit ausführlichen Kommentaren. So entstand eine private Chronik, die auf eindringliche Weise von Widerstand und Zivilcourage angesichts der nationalsozialistischen Diktatur zeugt.
Fünfzehn Jahre nach der Erstveröffentlichung der Tagebücher in Deutschland wurde am 22. Oktober dem Vermächtnis von Friedrich Kellner mit einer szenischen Lesung und einer Vortragsveranstaltung in der voll besetzten Evangelischen Stadtkirche Laubach gedacht. Zu dem Abend hatten auf Initiative des Laubacher Stadtverordnetenvorstehers Joachim M. Kühn die Arbeitsstelle Holocaustliteratur (AHL), die Stadt Laubach, das Regionalbüro Wiesbaden der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die Evangelische Kirchengemeinde Laubach, die Friedenskooperative Grünberg-Laubach-Mücke sowie das Bündnis „Laubach steht auf“ eingeladen. Percussionistin Sandra Elischer gestaltete den musikalischen Rahmen.
Bereits in den einleitenden Grußworten wurde deutlich, dass Kellners Aufzeichnungen nicht nur ein historisches Zeugnis sind, sondern auch für die Gegenwart eine wichtige Botschaft bereithalten. Katharina van Zanten (FES), die zugleich durch den Abend führte, würdigte Kellner als einen Menschen, der festgehalten habe, „was andere nicht sehen oder wahrhaben wollten“. Er habe die nationalsozialistische Propaganda durchschaut und als solche entlarvt. Auch heute brauche die Demokratie Menschen, die bereit sind, „im privaten und öffentlichen Raum Verantwortung zu übernehmen, auch dann, wenn es mal unbequem wird“.
Ähnlich deutliche Worte fand auch Bürgermeister Matthias Meyer mit Blick auf die aktuellen politischen Entwicklungen. Eine Demokratie sei nur dann wehrhaft, wenn sie sich ihren Feinden entgegenstelle. Mit einem Zitat Kellners machte er deutlich, dass dieser „Kampf“ gegen rechtsextreme Kräfte auch heute erhebliche „Nervenkraft“ erfordere. Dennoch lohne sich dieser Einsatz. „Lassen Sie uns gemeinsam einstehen für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, für die Rechte und den Schutz jedes Einzelnen. Das ist es wert, denn es ist das Vermächtnis derer, die vor uns dafür gekämpft haben“, appellierte Meyer.
In einem von Pfarrer Jörg Niesner verlesenen Grußwort dankte Robert Martin Scott Kellner, der in Texas lebende Enkel von Friedrich Kellner, für den Tribut, der seinem Großvater und seiner Großmutter Paulina, die „ihn inspirierte und zu ihm stand“, gezollt wurde. Er zeigte sich „überglücklich“ über die positive Resonanz auf das Tagebuch, gerade in jener Stadt, die seinen Großvater einst so verhasste. Zudem schilderte er, wie Friedrich Kellner ihm zwei Jahre vor seinem Tod im Jahr 1970 die Tagebuchaufzeichnungen anvertraut hatte. Knapp vier Jahrzehnte später wurde das außergewöhnliche Zeitzeugnis im Rahmen eines wissenschaftlichen Editionsprojekts an der AHL erstmals einer deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Damit schlug das Grußwort die Brücke zum eigentlichen Kern des Abends, den Tagebuchaufzeichnungen selbst. An einem Schreibtisch sitzend, ließ Dr. Roman Kurtz vom Stadttheater Gießen Kellners Gedanken und Beobachtungen in einer eindringlichen szenischen Lesung lebendig werden. Die ausgewählten Einträge verdeutlichten insbesondere Kellners Kritik an der Bereitschaft vieler Menschen, die nationalsozialistische Propaganda unreflektiert für wahr zu halten. Bereits 1939 hielt er fest, dass die Deutschen den „Giftkelch“ wohl bis zum bitteren Grund austrinken müssten, damit ihnen endlich die Augen aufgingen. Mit bemerkenswerter Klarheit erkannte er, wie sein Land zunehmend ins Verbrecherische abglitt. Er erfuhr früh von den Gräueltaten, die sich im Osten Europas ereigneten. So berichtete er am 28. Oktober 1941 von den Schilderungen eines heimgekehrten Soldaten, der von Judenerschießungen im Osten erzählt hatte. Seine Aufzeichnungen belegen somit eindrücklich, dass Informationen über die NS-Verbrechen selbst in einer kleinen oberhessischen Provinz verfügbar waren.
In seinem abschließenden Vortrag erläuterte Prof. Sascha Feuchert, der die Tagebücher vor fünfzehn Jahren mitherausgegeben hatte, wie sich seine Sicht auf sie im Laufe der Zeit verändert hat. Bei der ersten Beschäftigung habe er sie vor allem als historisches Dokument verstanden, das verdeutliche, was der Einzelne während der NS-Zeit hätte „wissen können, wenn er hätte wissen wollen“. Heute reiche ihre Bedeutung und Aussagekraft jedoch weit darüber hinaus. Die Parallelen zur Gegenwart seien „so manches Mal erschreckend“. Feuchert mahnte: „Wir müssen anerkennen, dass die Bedrohung real ist, dass es wieder viele Menschen gibt, die demokratische Werte nicht schätzen, denen Kompromisse nur noch lästig sind und die wieder ein Menschenbild haben, das ein ‚Wir‘ und ein ‚Die‘ kennt.“
Kellners Aufzeichnungen wären, wären sie in die falschen Hände geraten, als Dokumente seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus lebensgefährlich für ihn gewesen. Nachdem ihm klar geworden war, dass öffentliche Stellungnahmen gegen das Regime zu gefährlich waren, entschloss er sich, seinen Widerstand im Verborgenen fortzusetzen und seine Eindrücke in Tagebüchern festzuhalten. Nach dem Ende des Nationalsozialismus beschrieb er seinen Antrieb mit folgenden Worten: „Ich konnte die Nazis damals nicht in der Gegenwart bekämpfen. Also entschloss ich mich, sie in der Zukunft zu bekämpfen. Ich wollte zukünftigen Generationen eine Waffe gegen jedes Wiederaufleben solchen Unrechts geben.“
Gerade darin sieht Feuchert die bleibende Bedeutung von Kellners Vermächtnis. Er ist überzeugt, dass Kellner uns heute „nicht nur sagen [würde], was wir verhindern müssen, sondern auch, was wir noch immer bewahren können: Eine einzigartige Demokratie, die – trotz all ihrer Macken und Unzulänglichkeiten – uns ein Leben ermöglicht, wie es sich die vielen, vielen Freiheitskämpfer [in der Geschichte] erträumt hätten.“ Kellners Tagebuch sei ein stiller Kampf gewesen zu einer Zeit, als die Demokratie bereits beseitigt war. „Wir aber haben es noch selbst in der Hand“, schloss Feuchert, „und Friedrich Kellner im Geiste an unserer Seite.“
Mit dieser eindringlichen Botschaft klang der Abend aus. Im Anschluss bot sich im Gemeindesaal der Evangelischen Kirchengemeinde Laubach Gelegenheit zum Austausch.
Über die Veranstaltung berichtete auch die regionale Presse ausführlich. Am 24. Oktober erschien unter dem Titel „Tagebuch als Waffe gegen Rechts“ ein Bericht von Klaus Kächler im Gießener Anzeiger, den Sie hier nachlesen können. Am selben Tag veröffentlichten die Gießener Allgemeine und die Alsfelder Allgemeine den Artikel „Ein Tagebuch als Waffe“ von Constantin Hoppe. Audiovisuelle Eindrücke der Lesung teilte „Insta-Pfarrer“ Jörg Niesner in mehreren Videos hier auf seinem Instagram-Kanal @wasistdermensch.
Wenige Tage zuvor, am 20. Oktober, erschien in der Alsfelder und der Gießener Allgemeinen Zeitung zudem ein Interview mit Prof. Feuchert über Kellners Beobachtungen zur NS-Herrschaft, ihre Gegenwartsbedeutung und den wissenschaftlichen Wert der Tagebücher. Der Beitrag ist u.a. hier auf den Seiten der Gießener Allgemeinen zu finden.