am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

„Dieses Buch ist für sie“ – Judith Hermann sprach in Gießen über ihr neustes Werk, die SS-Vergangenheit ihres Großvaters und die Leerstellen in der Familiengeschichte

23.10.2026

13. Oktober 2026

Judith Hermann (l.) und Falko Hennig (r.) / Foto: Jennifer Ehrhardt
Judith Hermann (l.) und Falko Hennig (r.) / Foto: Jennifer Ehrhardt

Im Rahmen des Literaturfestivals Leseland Hessen stellte die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Judith Hermann am 13. Oktober 2026 ihr jüngstes Werk „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ (2026) im ausverkauften Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses vor. Die 1970 in West-Berlin geborene Autorin widmet sich darin der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Großvaters und dem jahrzehntelangen Schweigen in ihrer Familie. Im Gespräch mit Falko Hennig von der Kempowski-Gesellschaft gab sie Einblicke in die Entstehung des Buches, in ihre Recherchen sowie in den Umgang ihrer Familie mit einer belasteten und belastenden Vergangenheit.

Schon in ihrem 2023 erschienenen Vorgängerwerk „Wir hatten uns alles gesagt“ hatte Hermann eine Szene geschildert, in der ein Familienabend anlässlich der Erstausstrahlung der US-amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“ im Jahr 1979 im „totalen Schweigen“ endete. Schon damals, so Hermann, sei ihr klar gewesen, dass sie zu dieser Episode zurückkehren müsse. Das neue Werk versteht sie daher als „Geschwisterbuch“ zum vorherigen: Es setzt eine zutiefst persönliche Auseinandersetzung fort, die in der Familie lange nicht möglich war. Wo dabei die Grenze zwischen Realität und Fiktion verläuft, ließ Hermann bewusst offen. Sie betonte jedoch, dass die Figuren ihrer Angehörigen literarisch gestaltet und nicht mit den realen Personen gleichzusetzen seien.

Im Zentrum des Buches steht der Großvater mütterlicherseits, den Hermann nie kennengelernt hat; er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Nachweislich trat er 1932 der NSDAP bei, gehörte der Waffen-SS an und war während des Zweiten Weltkriegs im polnischen Radom stationiert. Seine SS-Zugehörigkeit war in der Familie zwar bekannt, über seine Vergangenheit wurde jedoch kaum gesprochen. Er sei eine „Leerstelle“, ein „blinder Fleck“, der „Cold Case“ der Familiengeschichte, erklärte Hermann.

Von einer Kiste mit beschrifteten Fotografien auf seine Spur gebracht, reiste sie nach Radom, wo sich der Großvater im Sommer 1941 aufgehalten hatte. Die Stadt im südöstlichen Polen war damals der Brutalität der deutschen Besatzung ausgeliefert, Hunderte Jüdinnen und Juden wurden in einem Getto zusammengepfercht. Hermann ist überzeugt, dass ihr Großvater ein Täter gewesen sein muss. Zugleich benennt sie die Grenzen ihrer Suche: Trotz zahlreicher Besuche in Museen und Archiven bleibt vieles Mutmaßung. Auch die Mutter eröffnet ihr keinen Zugang zum Großvater: Sie wolle „die Bindung nicht zerreißen“, vermutet Hermann, und verschließe sich deshalb dem Gedanken an seine Vergangenheit. Für sie war er der liebevolle „Vati“.

Auch die Passagen, die Hermann im Laufe des Abends las, drehten sich um Unausgesprochenes, um Themen, die in der Familie tabuisiert wurden und nicht oder nicht angemessen besprochen wurden. Zwar habe die Veröffentlichung des Buches die Bereitschaft erhöht, über den Großvater zu sprechen, doch viele Gespräche seien weiterhin ausgeblieben.

Hermann weiß, dass sie mit ihrer Suche nach dem Ungesagten und Verdrängten in der eigenen Familiengeschichte „alles andere als allein“ ist. Abgeschlossen sei ihre Auseinandersetzung auch nicht: Das Buch sei zwar geschrieben, die Aufarbeitung aber noch nicht beendet. Auf die Frage aus dem Publikum, ob sich bereits die vierte Generation der Familie mit dem Werk beschäftigt habe, antwortete sie, dass dies bislang nicht geschehen sei. Zugleich machte sie deutlich: „Dieses Buch ist für sie.“ Ihre Zeit werde noch kommen.

Wir danken der Kempowski-Gesellschaft, dem Literarischen Zentrum Gießen, dem Institut für Germanistik der JLU Gießen und dem Kulturamt der Stadt Gießen herzlich für die gelungene Zusammenarbeit und den anregenden Abend. Unser Dank gilt ebenso dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und hr2-kultur für die Unterstützung der Veranstaltung.


Am 15. Oktober berichteten sowohl der Gießener Anzeiger als auch die Gießener Allgemeine über die Veranstaltung. Der Beitrag des Gießener Anzeigers ist hier online verfügbar.


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