„Diese Bilder verlangen unsere Aufmerksamkeit“, betonte Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher in seinem Grußwort zur Eröffnung der Wanderausstellung „Kunst gegen den Tod – Bilder aus Theresienstadt“ in der Gießener Universitätsbibliothek (UB). Zur Vernissage am 14. Oktober hatten die Arbeitsstelle Holocaustliteratur gemeinsam mit der UB, dem Generalkonsulat der Slowakischen Republik und der European Jewish Association (eja) eingeladen. Neben Becher sprachen UB-Leiterin Dr. Jana Schütte, Prof. Sascha Feuchert (AHL), Lawrence de Donges-Amiss (eja) sowie Kurator Imrich Donath, Honorargeneralkonsul der Slowakischen Republik für Hessen. Musikalisch gestalteten den Abend Georgi Kalaidjiev, Rova Yorulmaz und Marco Konrad.
Im Zentrum der Ausstellung stehen Gemälde, Skizzen und Zeichnungen, die zwischen 1941 und 1945 im Getto Theresienstadt entstanden. Die Arbeiten aus internationalen Archiven und Privatsammlungen sind auf großformatigen Transparenten reproduziert und durch biografische Porträts sowie historische Dokumente der Gedenkstätte Theresienstadt ergänzt. Zu den vertretenen Künstler:innen zählen unter anderem Friedl Dicker-Brandeis, Alfred Kantor, Bedřich Fritta, Helga Weissová, Leo Haas und Norbert Troller.
Theresienstadt wurde im November 1941, vor rund 85 Jahren, auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik errichtet. Die Nationalsozialisten bezeichneten es beschönigend als „Altersgetto“ und inszenierten es später als „Vorzeigelager“. Mit dieser propagandistischen Darstellung sollten die tatsächlichen Lebensbedingungen verschleiert werden. Für die inhaftierten Jüdinnen und Juden war Theresienstadt bis zu seiner Auflösung im Mai 1945 jedoch ein Ort von Hunger, Krankheit und Tod. Mehr als 155.000 Menschen durchliefen das Getto, etwa 35.000 starben, weitere 88.000 wurden in Vernichtungslager deportiert.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die ausgestellten Arbeiten ihre besondere historische Bedeutung. „Die Zeichnungen durchbrechen die inszenierte Lüge, sie zeigen, was die Propaganda verschweigen sollte“, sagte Becher. Die Künstler:innen hielten fest, was sie täglich erlebten: lange Essensschlangen, überfüllte Schlafräume und spielende Kinder, aber auch die Schrecken von Appellen, Transporten und Abschieden. Der NS-Propaganda setzten sie damit ihren eigenen, ungeschönten Blick entgegen.
Dass dieses Schaffen weit mehr war als ästhetischer Ausdruck, machte Prof. Sascha Feuchert in seinem Vortrag deutlich. Kunst in der „Hölle der Gettos und Konzentrationslager“ habe, so Feuchert, dazu gedient, Würde zu bewahren, Erlebtes zu dokumentieren und Zeugnis abzulegen. Zugleich sei sie eine Form kulturellen Widerstands gewesen: „Wer schrieb, wer formte, wer zeichnete, der widersetzte sich.“ Diesen Aspekt hob auch Kurator Imrich Donath hervor und bezeichnete die Werke als „Versuche, die Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten zu bewahren“, entstanden an einem Ort, an dem freier künstlerischer Ausdruck verboten war.
Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit seien auch heute keine Selbstverständlichkeiten, sondern müssten tagtäglich verteidigt werden, so der Tenor des Abends, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wort der Freiheit – Freiheit des Wortes“ der Slowakischen Kulturtage stattfand. „Erinnerung bedeutet auch, in der Gegenwart Haltung zu zeigen“, appellierte Becher. Angesichts des absehbaren Verlusts der Zeitzeug:innen mahnte eja-Botschafter de Donges-Amiss-Amiss, die Erinnerung wachzuhalten und sich für die Demokratie sowie für ein „wunderbares Miteinander“ einzusetzen.
Die Wanderausstellung ist noch bis zum 6. Januar 2027 zu den Öffnungszeiten der Universitätsbibliothek im dortigen Ausstellungsraum zu sehen. Anschließend wird sie im Landtag in Düsseldorf gezeigt. Der Eintritt ist frei.
Über die Vernissage berichteten am 15. Oktober sowohl der Gießener Anzeiger als auch die Gießener Allgemeine. Den Beitrag im Gießener Anzeiger können Sie hier nachlesen.