am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Julius H. Schoeps: Düstere Vorahnungen. Deutschlands Juden am Vorabend der Katastrophe

Unzählige Werke haben sich inzwischen damit befasst, wie es zum Holocaust kommen konnte, deren Kern die organisierte Ausgrenzung, Verfolgung und der Massenmord an den deutschen und europäischen Juden war. Der Historiker Julius H. Schoeps geht in seinem Buch „Düstere Vorahnungen“ ebenfalls dieser Frage nach. Er beschäftigt sich dabei vor allem mit den Anfangsjahren des Nationalsozialismus von 1933 bis 1935 aus der Perspektive der jüdischen Bevölkerung in Deutschland. Deren zum Teil sehr unterschiedlichen Positionen hat er zum einen anhand der einschlägigen Forschungen und historischen Dokumente, aber auch aus individuellen Erinnerungen, Tagebüchern, Briefen, Zeugnissen und anderen „Ego-Dokumente[n]“ (S. 11) rekonstruiert. So soll ein „plastisches Bild“ (S. 11) der Befürchtungen und „Befindlichkeiten der jüdischen Bevölkerung in den ersten Jahren des NS-Regimes“ (S. 11) gezeichnet werden. Schoeps betont im Vorwort, es gehe ihm nicht darum, wirklich neue Entdeckungen und Forschungsergebnisse vorzustellen, sondern darum, ein „Narrativ der Zusammenschau“ (S. 13) zu präsentieren, Fakten und Erkenntnisse sinnvoll zu bündeln und um persönliche Erinnerungen Betroffener zu ergänzen. Ein wichtiges Anliegen ist es ihm ebenso, die teilweise stark kritisierten Positionen seines Vaters, dem Professor und Verleger Hans-Joachim Schoeps, zu erklären und diesen in Teilen zu rehabilitieren. Schoeps stand als Jude, der sich jedoch vor allem als deutscher Patriot begriff, dem Nationalsozialismus zunächst eher positiv gegenüber. 1933 gründete er den Verein „Der deutsche Vortrupp. Gefolgschaft deutscher Juden“, der national gesinnte Juden in den Nationalsozialismus integrieren sollte. Im weiteren Verlauf und mit zunehmender eigener Gefährdung revidierte Schoeps diese Einschätzung jedoch, wie nun sein Sohn darlegt. 1938 musste Hans-Joachim Schoeps nach Schweden ins Exil fliehen, seine Eltern kamen im Konzentrationslager um. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück, sah sich jedoch in den 1960er Jahren als „jüdischer Obersturmbannführer“ (S. 15) oder „Heil-Hitler-Jude“ (S. 15) diffamiert, wie Julius Schoeps anführt. Obgleich er nicht mit allen Positionen seines Vaters übereinstimme, sei es ihm mit seinem Buch ebenfalls ein Anliegen, seinem Vater, wie auch anderen einzelnen Personen, „posthum Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“ (S. 17), betont Schoeps Junior. 

In sieben Kapiteln zeichnet der Autor jedoch vor allem ein differenziertes Bild der sehr verschiedenen Wahrnehmungen deutscher Juden von der zunehmenden Bedrohung durch die Nationalsozialisten. Deutlich wird, dass diese keineswegs eine homogene Gruppe waren. Zwischen Assimilation und uneingeschränktem Bekenntnis zu Deutschland auf der einen Seite und zionistischen Bewegungen auf der anderen Seite, zwischen bekennenden und säkularen Juden, zum Christentum Konvertierten und orthodoxen ‚Ostjuden’ gab es eine Vielfalt an Positionen und Überzeugungen, jedoch keinen einheitlichen und verbindenden Konsens, wie Schoeps anhand zahlreicher Beispiele zeigt. So werden neben der Stimme von Hans-Joachim Schoeps, die das gesamte Buch durchzieht, eine Vielzahl von Positionen vorgestellt und Personen zitiert, wie etwa Viktor Klemperer, Kurt Tucholsky, Arnold Zweig, Leo Baeck, Martin Buber, Willy Cohn, Albert Einstein, Max Liebermann, Theodor Lessing, Felix Fechenbach, Albert Herzfeld, Arnold Zweig und Kurt R. Grossmann, um nur einige wenige zu nennen. Schoeps zeigt, dass die jüdisch-deutsche Bevölkerung hin- und hergerissen war in ihrer Einschätzung der Lage und hinsichtlich der Frage, wie man sich angesichts der wachsenden Bedrohung verhalten sollte. Einzelne Stimmen warnten durchaus vor der sich anbahnenden Katastrophe, wie etwa Theodor Lessing oder Kurt Tucholsky aus dem schwedischen Exil. Vielfach „plädierte man jedoch für Besonnenheit und Abwarten“ (S. 77). Auch unter dem zunehmenden Druck und der wachsenden Angst nach den Ereignissen im Frühjahr 1933, in deren Folge die Übergriffe auf Juden rapide zunahmen und antijüdische Gesetze das öffentliche, kulturelle und private Leben der deutschen Juden mehr und mehr einschränkten, habe vielfach noch die Einstellung geherrscht, dass diese ihre Loyalität gegenüber Deutschland beweisen sollten. So wie Hans-Joachim Schopes seien auch viele andere „zweifellos einer Fehleinschätzung der damaligen politischen Lage“ (S. 157) aufgesessen. Sein Vater und andere hätten etwa die massenweise Entlassungen von jüdischen Rechtsanwälten, Ärzten, Hochschullehrern und vielen anderen Berufsgruppen hingenommen und sogar eingeräumt, der Anteil der Juden in bestimmen Berufen sei überproportional hoch. Sie hofften, so Schoeps, dass eine Anpassung den vollständigen Ausschluss der Juden aus der Gesellschaft verhindern würde. Flucht ins Ausland und Angst vor einer ungewissen, unsicheren Existenz und Zukunft seien vielfach bedrohlicher erschienen als ein Ausharren in Deutschland, zumal die Betroffenen durch die vom NS-Staat verfügte Ausbürgerung der Flüchtlinge und den legalisierten Raub faktisch vielfach staatenlos, rechtelos und mittellos geworden seien. 

Schoeps legt außerdem dar, dass es allen Widrigkeiten und Uneinigkeiten zum Trotz durchaus Bemühungen gab, sich als Juden in Deutschland zu behaupten. Während nur wenige in den antifaschistischen Widerstand abtauchten und es den „meisten deutschen Juden [...] außerordentlich schwer[fiel], Positionen zu beziehen und sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen“ (S. 424), sahen einige eine Möglichkeit der Selbstbehauptung in kulturellen Vereinigungen. Neben jüdischen Schulen und Sportvereinen blieb aufgrund der vollständigen Vertreibung jüdischer Autoren und Kulturschaffender aus dem Publikationswesen und Kulturleben nach 1933 – vorläufig noch –, nur die Möglichkeit, sich in rein jüdischen Verlagen und Kulturbetrieben zu organisieren. So bemühte sich besonders der ‚Jüdische Kulturbund’ darum, einerseits arbeitslosen Künstlern eine Erwerbsmöglichkeit zu verschaffen und andererseits durch das Angebot an kulturellen Aufführungen, Vorträgen und Veranstaltungen, Verbundenheit und jüdisches Selbstbewusstsein zu manifestieren. Auch einige wenige jüdische Zeitungen und Zeitschriften dienten zwischen 1933 und 1938 unter dem NS-Regime der Selbstvergewisserung und dem Informationsbedürfnis der jüdischen Bevölkerung. Dabei seien diese im Ton eher zurückhaltend geblieben. Manche Ereignisse seien ganz beschwiegen worden, so Schoeps, andere seien in einer Art Binnensprache zwischen den Zeilen vermittelt worden. Die zentrale Frage in den Jahren 1933 bis 1935 sei die des Bleibens oder Gehens gewesen. Da ‚arische’ Hausangestellte unter 45 Jahren nicht mehr in jüdischen Haushalten beschäftigt werden durften, sei auch das Thema der Hausangestellten offenbar oftmals wichtiger gewesen als die politischen Tagesereignisse, „die man zwar zur Kenntnis nahm, aber oft achselzuckend verdrängte“ (S. 478). 

Eine befriedigende Antwort auf die Frage, warum sich deutsche Juden in den Anfangsjahren des NS-Regimes nicht entschiedener zur Wehr setzten, gäbe es nach wie vor nicht, so fasst Schoeps zusammen. Die nicht vorhandene Gruppenidentität, durch die jahrhundertelange Verfolgungsgeschichte eingeübte Passivität und Resignation sowie fehlender Rückhalt in der deutschen Bevölkerung und die Unterschätzung der Gefahr seien mögliche – und bereits vielfach diskutierte – Gründe: „Wer nicht gerade revolutionärer Marxist, radikaler Pazifist oder Zionist war, hatte kaum die Möglichkeit zu einer Fundamentalopposition gegenüber dem Staat zu finden“ (S. 490), ebenso wenig wie die Mehrzahl der nichtjüdischen Deutschen. 

Julius H. Schoeps ausführliche Zusammenstellung zur Situation der deutschen Juden am Vorabend der Katastrophe, die mit einem großen Anmerkungsapparat und Quellen- und Literaturverzeichnis sowie einem Personenregister versehen ist, enthält in weiten Teilen bereits bekannte Fakten und historische Erkenntnisse. Wie er bereits im Vorwort darlegt, geht es Schoeps jedoch nicht darum, gänzlich neue Ergebnisse zu präsentieren. 

Er möchte sehr verschiedene persönliche – und durchaus widersprüchliche – Erinnerungen präsentieren, ein „buntes Mosaik“ (S. 13), zu dem auch die umstrittenen und vielleicht auch missverstandenen Positionen seines Vaters gehören. In seiner Gesamtheit soll so „ein verlässliches Bild von den damaligen Vorgängen und Geschehnissen entstehen“ (S. 14). Dieses Anliegen ist auf informative, fundierte und spannende Art gelungen. 

Von Charlotte Kitzinger, JLU Gießen

Julis H. Schoeps: Düstere Vorahnungen. Deutschlands Juden am Vorabend der Katastrophe.
Berlin: Hentrich & Hentrich, 2018.
612 Seiten, 35 Euro
ISBN 978-3-95565-273-9

 


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