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Bericht zur Lesung: ′Gerüchte - Hetze - Hass. Verliert die demokratische Gesellschaft ihre Mitte?′ mit Prof. Dr. Wolfgang Benz - Artikel im Gießener Anzeiger erschienen

Am 29. November 2016 hatten die Hessische Landeszentrale für politische Bildung und die Arbeitsstelle Holocaustliteratur zur Buchvorstellung und Diskussion "Gerüchte - Hetze - Hass. Verliert die demokratische Gesellschaft ihre Mitte?" mit dem renommierten Historiker Wolfgang Benz in den Biologischen Hörsaal der JLU Gießen eingeladen.

Nach einführenden Worten von Felix Münch von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und Anika Binsch von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur sprach Wolfgang Benz über aktuelle Strömungen von Politikverachtung, die durch einige – oftmals als "Wutbürger" bezeichnete  –  Menschen aggressiv demonstriert wird, und Bewegungen, die mit antimodernen Parolen Stimmung machen. Argumente und Vernunft fruchten bei ihnen meist nicht. Ziel dieser Bewegungen ist ein auf Demagogie begründeter grundsätzlicher Dissens und Polarisierung. Hass und die Dämonisierung alles Fremden treiben sie an. Gerüchte werden bei ihnen zu ausgrenzenden Gewissheiten und Wahrheiten. Bedrohungsszenarien werden politisch inszeniert. Dabei sind ihre Feindbilder vor allem der Islam. Differenzierungen und der Wille, Menschen vor allem und zuerst als Individuen und die Welt als vielschichtig und komplex anzunehmen, sind nicht vorhanden.

Im anschließenden Gespräch mit Anika Binsch sprach Benz unter anderem über mögliche wirksame Mittel gegen diese Form von Hetze und Demagogie, die sich keineswegs an den Rändern der Gesellschaft formiere, sondern sich aus der Mitte der Gesellschaft heraus entwickele. Mit Vernunft und Diskussionen komme man gegen diese Menschen meist nicht mehr an, betont er. Wenn überhaupt, so Benz, könne nur eine Gelassenheit helfen, die diesen Tendenzen mit demokratischen Mitteln und Argumentationen begegne. "Vernunft muss jeden Tag aufs Neue durchgesetzt werden", betont er dabei. Wichtig sei, sich der wilden Hysterie entgegenzustellen. Man dürfe nicht dauernd in Angst verfallen und dürfe auch durch zu aufgeblasene Berichterstattung nicht "Werbung" für diese Gruppierungen machen. Eine allzu angestrengte öffentliche Abwehr stelle dann möglicherweise eine Überbewertung dar. Stattdessen müsse man die Mehrheit in ihrer Haltung bestärken, dass von diesen Bewegungen nichts Gutes ausgehe. "Wenn wir aus der Geschichte lernen wollten", so sein Fazit, "gebe es ziemlich viele Exempel". In dem von Wolfgang Benz herausgegebenen und im Juni 2016 im Metropol-Verlag erschienenen Buch "Fremdenfeinde und Wutbürger" schreibt Benz dazu:

"Wenn wir um sechs Millionen ermordete Juden trauern, dann müssen auch wir die Lehre aus der Geschichte ziehen: Wenn Flüchtlinge, die heute bei uns Hilfe begehren, abgewiesen werden, weil wir lieber unter uns bleiben möchten, weil wir sie als gefährliche Fremde sehen und unsere Ruhe in der Festung Europa haben wollen - wenn wir so reagieren, dann haben wir nichts gelernt und wandeln unter dem frommen Lippenbekenntnis, dass sich die Barbarei nie wiederholen dürfe, in den Spuren der Nationalsozialisten und derer, die ihnen Beifall gespendet haben und die dann später scheinheilig wurden." (Benz: Fremdenfeinde und Wutbürger, S. 14.)

Ein Bericht über die Veranstaltung ist am 2. Dezember 2016 im Gießener Anzeiger erschienen. Zum Bericht gelangen Sie hier.


Erinnerungen von Ruth Barnett erscheinen im Dezember 2016 in der Schriftenreihe der Chambré-Stiftung und der AHL im Metropol-Verlag

Als Vierjährige gelangte Ruth Barnett 1939 mit ihrem Bruder in einem Kindertransport nach Großbritannien. Der jüdische Vater entkam nach Shanghai, während die nicht-jüdische Mutter in Deutschland verblieb. Erst 10 Jahre später sah Barnett ihre Eltern wieder.
Unter dem Titel "Person of No Nationality. A Story of Childhood Loss and Recovery" erschienen Barnetts Erinnerungen an ihre Kindheit bereits 2009 in England. Anschaulich erzählt sie darin von ihrer schwierigen Existenz als heimat- und staatenloses Mädchen in der Fremde, von ihren Jahren in Heimen und Pflegefamilien. Nach dem Krieg wurde Ruth gegen ihren Willen nach Deutschland zu ihren Eltern zurückgeholt, durfte aber nach England zurückkehren als deutlich wurde, wie unwohl sie sich in Deutschland und bei ihren leiblichen Eltern, von denen sie sich völlig entfremdet hatte, fühlte. Deutschland besuchte sie von da an nur noch in den Ferien. Nach dem Studium heiratete Ruth ihren jüdischen Freund und konvertierte zum Judentum. Sie bekamen 3 Kinder und 2008 feierten sie goldene Hochzeit. Ruth Barnett war 19 Jahre lang Lehrerin und 28 Jahre lang als Psychotherapeutin tätig. Bis heute erzählt sie ihre Geschichte häufig in Schulklassen und vor Studenten.

Anfang Dezember 2016 erscheint das Buch nun auch erstmals in deutscher Übersetzung in der gemeinsamen Schriftenreihe der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur "Studien und Materialen zur Holocaust- und Lagerliteratur" unter dem Titel "Nationalität: Staatenlos. Die Geschichte eines Kindertransportes" im Metropol-Verlag

Seit Ursula Krechels Roman "Landgericht" ist Barnetts Lebensgeschichte einer großen Leserschaft bekannt. Der Roman erzählt den Lebensweg der Familie des jüdischen Richters Richard Kornitzer - er war der Vater von Ruth Barnett. Mit Ruth Barnetts Bericht liegt nun die Geschichte auch aus der Sicht der Tochter vor. Das ZDF hat den preisgekrönten Roman von Ursula Krechel 2016 unter der Regie von Matthias Glasner verfilmt. Der Zweiteiler soll voraussichtlich im Januar oder Februar 2017 im ZDF ausgestrahlt werden. Weitere Informationen zum Film finden Sie hier.


Sascha Feuchert hat die Vertretung der neuen Professur an der JLU Gießen mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur übernommen

Seit dem 1. Oktober 2016 vertritt Sascha Feuchert die neue Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftungsprofessur für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur und ihre Didaktik am Institut für Germanistik der JLU Gießen. Das Berufungsverfahren läuft aktuell noch.



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