Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2006Inhalt:
Augsburger Allgemeine Zeitung, 16.12.2006: Die tägliche Chronik als Überlebensspiel
Gießener Allgemeine Zeitung, 28.11.2006: „Ein Menschenleben ist kurz – und könnte so schön sein“
Gießener Anzeiger, 18.11.2006: Mitarbeiterin an "unvorstellbarem Projekt"
Gießener Anzeiger, 08/2006: Die Tagebücher des Friedrich Kellner
Gießener Anzeiger, 07.07.2006: Kempowski: Die Form ist der höchste Inhalt
Gießener Anzeiger, 04.07.2006: "Gewissen Deutschlands" sei lange verkannt worden
Gießener Allgemeine Zeitung, 23.06.2006: Veranstaltungen zu Walter Kempowski
Frankfurter Rundschau, 24.05.2006: Arbeitsstelle Holocaustliteratur - Universität Lodz ehrt Gießener Wissenschaftler
Gießener Anzeiger, 19.05.2006: "Nachgereichte Grabsteine" für die Opfer
Gießener Anzeiger, 10.05.2006: Hohe Auszeichnung für Herausgeber der Ghetto-Chronik
Gießener Anzeiger, 26.04.2006: Flug ins polnische Lodz sollte nach "Litzmannstadt" führen
Gießener Anzeiger, 18.02.2006: "Man muss nichts Endlösung nennen"
Gießener Anzeiger, 17.02.2006: Bevor die Nazis aus Oswiecim das KZ Auschwitz machten
Allgemeine Zeitung Mainz, 07.01.2006: "In dieser Kombination einmalig"
Allgemeine Zeitung Mainz, 07.01.2006: "Gebrauche es wie eine Waffe"
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Aus: Augsburger Allgemeine Zeitung, 16.12.2006:
Die tägliche Chronik als Überlebensspiel
Augsburger Elitestudiengang „Ethik der Textkulturen“ beschäftigt sich mit der Edition der Lodzer Gettochronik (1941-1944)
Von Alois Knoller
Sie umfasst 2000 maschinenschriftliche Seiten und ist der vermutlich größte zusammenhängende Text des Holocausts. Von 1941 bis 1944 registriert die Lodzer Gettochronik penibel Tag für Tag die Ereignisse in einer mit Stacheldraht umzäunten Stadt für 100 000 hungernde, ausgezehrte jüdische Menschen. Sascha Feuchert (Arbeitsstelle Holocaustliteratur in Gießen) ist einer der Herausgeber dieser Chronik. An der Universität Augsburg berichtete er über das Projekt.
Mit den Studenten des Elitestudienganges „Ethik der Textkulturen“ diskutierte er diese Art des Bewahrens von Erinnerungen, die den Opfern Namen verleiht und das unmittelbare Erleben einer schier unerträglichen Situation reflektiert. Feuchert: „Die Verfasser sahen in vier Jahren 45 000 Menschen sterben. Wie sollten sie darüber schreiben?“
Die Gettochronik, am 12. Januar 1941 auf Polnisch begonnen und ab Ende 1942 deutsch fortgeführt bis zum 30. Juli 1944, war für Leser in der Zukunft geschrieben. Sie lagerte im Archiv der Gettoverwaltung, nur wenige wussten von ihrer Existenz. „Die Texte waren sehr vorsichtig formuliert ohne einen Vorwurf gegen die Deutschen“, sagt Feuchert. Es gab sogar eine eigene Zensurstelle. Die Verfasser mussten ständig mit Entdeckung rechnen. Allerdings wurden die gestrichenen Passagen in Lodz auch aufgehoben. Mit den Varianten der Chronik füllen sie nochmals 6000 Blatt.
Die Einträge in der Gettochronik, die in einer Art Zeitungsredaktion entstanden sind, liest Sascha Feuchert als Ausdruck der Selbstbehauptung. Es sollte als Material für die spätere Schilderung der Gettogeschichte dienen. Exakt sollte sie sein. Manches wurde anderntags berichtigt. Die Unmittelbarkeit des täglichen Eintrags macht die Lodzer Getto Chronik zu einem einzigartigen Dokument, „Sie wussten nicht, was morgen geschieht.“
Gewöhnt an eine Vielzahl von Statistiken, die von den deutschen Besatzern angefordert wurde, beginnt auch die Chronik mit Wetter, Sterbefällen, Geburten, Festnahmen und Bevölkerungsstand. Es folgen Tagesneuheiten von Verwaltungsakten, Nachrichten aus den Gettobetrieben, die für die Wehrmacht, die SS, aber auch zivile Firmen im Reich produzierten. Die Rubrik Sanitätswesen registrierte sämtliche Erkrankungen, im „kleinen Gettospiegel“ brachten die Journalisten Oskar Singer aus Prag und Oskar Rosenfeld aus Wien feuilletonistische Miniaturen unter. Sogar die Gerüchte hielt die Chronik fest.
Mit eigenem Lexikon
Kann man die Chronik als verdeckten Widerstand lesen? „Es gibt Momente verhaltener Kritik an den Gettoältesten und dem Verwaltungsapparat“, erklärte Feuchert. Den zynischen Sprachgebrauch der Nazis übernahmen die „Chronikeure“, sprechen also vom „jungem disponiblen Menschenmaterial“. Ob entlarvende Ironie dahinter steckt, vermochte der Herausgeber nicht zu sagen. Immerhin bemühten sich die Autoren, für die Nachwelt verständlich zu sein. Zu der Chronik verfassten sie extra ein Lexikon der Gettobegriffe.
Feuchert nennt die Gettochronik auch ein „Überlebensspiel“. Die Zwangssituation werde fast vollständig ausgeblendet. „Das ist für uns wirklich irritierend.“ Gelegentlich macht sich die Erschütterung bemerkbar. Als im September 1942 alle Kinder bis zehn Jahre deportiert wurden, begannen die Gettobewohner zu ahnen, dass sie alle sterben würden. „Dieses Wissen beseitigte jegliche sprachliche Normalität“, beobachtet Feuchert. Die Chronik war der letzte Versuch, die Ereignisse zusammenhängend zu berichten. Manchmal flossen fiktionale Texte ein, um die ganze bedrückende Wirklichkeit zu fassen.
Die Lodzer Gettochronik wird im Oktober 2007 im fünf Bänden in Deutsch und Polnisch nach sieben Jahren Forschung ediert.
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 28.11.2006:
„Ein Menschenleben ist kurz – und könnte so schön sein“
Seminar der Arbeitsstelle Holocaustliteratur im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge – Aurelia Scheffel las „Lodz-Geschichte(n)“
Lich (arn). Als er die Nachrichtenerstattung über den Kosovo-Konflikt im Fernsehen sah, habe ihr Enkel sie gefragt, ob sich Polen, Deutsche und Juden immer noch gegenseitig tot schlagen, erinnert sich Aurelia Scheffel im Vorwort ihrer autobiografischen „Lodz Geschichte(n)“. Schon lange hatte sich die 1928 in Lodz geborene Erstlingsautorin vorgenommen, ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen zu Papier zu bringen und die Wahrheit zu erzählen. Am Samstag las sie auf Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität und der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge aus den zwölf heiter-humoristische bis traurig-nachdenklichen Episoden ihres Buches. Ihr Publikum waren Studierende des Proseminars „Holocaustliteratur im Unterricht“.
Der Erfolg dieser ersten Kooperation von Stiftung und Universität lässt sowohl Doris Nusko von Seiten der Chambré-Stiftung als auch Seminarleiterin Dr. Andrea Löw hoffen, dass weiterhin Lehrer das Ambiente der ehemaligen Synagoge speziell im Rahmen der Holocaust-Thematik nutzen werden.
Einem Bogen vom Beginn der Schulzeit 1936 bis zur Flucht der damals 18-Jährigen nach Oldenburg 1946 folgend, erlebten die Zuhörer dank Aurelia Scheffels lebendiger und temperamentvoller Vortragsweise manche für die ernste Seminarliteratur eher untypische Anekdote über nachbarschaftliche Feste und Fehden oder freundschaftliche Streiche. So wurde durchaus die Entschlossenheit beschmunzelt, mit der die Autorin dem gefürchteten Rechenunterreicht entging – Blindarmoperation aufgrund vorgetäuschter Bauchschmerzen eingeschlossen.
Diese Frau müssen ihre Studenten kennenlernen, war für Dr. Löw nach der Lektüre dieses Auszugs klar. Das oft beim Unterrichtsthema Nationalsozialismus herrschende Desinteresse sei durch persönlichen Kontakt mit Zeitzeugen zu beheben. „Auf diese Weise ist eine Rücknahme der Entindividualisierung der Opfer möglich. Durch die Erinnerungen Einzelner kann man die nicht greifbare Zahl von sechs Millionen Toten herunterbreche und neue Nähe schaffen.“ Nach Texten über das Ghetto in Lodz böten die „Lodz-Geschichte(n)“ eine kontrastierende Sichtweise des „Vorkriegs-Lodz“ und verdeutlichten das Ausmaß der Zerstörung.
Das harmonische Miteinander vor dem „Schicksalsjahr“ 1939 komme ihr im Nachhinein fast unwirklich vor, und angesichts des plötzlichen Misstrauens und der Feindseligkeiten, stellt Aurelia Scheffel mit Bedauern fest: „Es ist schade: Ein Menschenleben ist so kurz und könnte so schön sein! Trotzdem lehrt uns das Zeitgeschehen, dass die Menschen aus der Geschichte nicht klüger werden und weiter Hass in die Welt tragen!“
Der Wechsel von Freund zu Feind sei ihr als Kind völlig unverständlich gewesen. Polen bekamen halb so viele Essensmarken, „dabei hatten sie doch genauso viel Hunger wie wir.“ Die geliebten jüdischen Nachbarn, „unsere Bernsteins“ flohen über Nacht, „dabei hatten sie doch niemanden etwas getan.“ Der als Wache in ein Untersuchungsgefängnis für „politische Gefangene“ strafversetzte Vater, der durch die beobachteten Kriegsgräuel lange zuvor seine einstige Bewunderung für Hitler abgelegt hatte, wurde gegen Kriegsende nach Westen geschickt und gilt seither als vermisst. Sie selbst, ihre Mutter und die drei Brüder wurden nur knapp durch die rechtzeitig wieder aufgetauchten polnischen Vormieter vor der Erschießung auf dem heimischen Komposthaufen gerettet. Mit Schaudern erinnerte sich die Autorin an die Arbeit in einem Militärmagazin, wo sich oftmals noch Blut und Leichenteile in wiederzuverwertenden Uniformen fanden, und die Trauer über ihren tot geborenen kleinen Bruder, den sie eigenhändig aus der Leichenhalle holte und begrub, hinterließ die Zuhörer tief berührt. Die ständige Angst sei mit der Flucht vorbei gewesen.
Die durch die Ungleichbehandlung geschürte Wut zwischen den Volksgruppen sei verständlich, mit Schuldzuweisungen solle jedoch langsam Schluss sein, betonte Aurelia Scheffel am Ende des Lesung. „Man muss verzeihen. Nur vergessen darf man nicht. So etwas darf nie wieder geschehen.“
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Aus: Gießener Anzeiger, 18.11.2006:
Mitarbeiterin an "unvorstellbarem Projekt"
Lucille Eichengreen erhält Ehrendoktorwürde der JLU - Mitarbeit an Lodzer Ghetto-Chronik - Drei Bücher über Holocaust
Heidrun Helwig GIESSEN. In Dachau wurde ihr Vater Beno getötet. Ihre Mutter Sala verhungerte im Ghetto von Lodz, dem deutschen Litzmannstadt. Und ihre Schwester Karin wurde im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Davon berichtet Lucille Eichengreen in "Von Asche zum Leben". Den autoritär herrschenden "Ghettokönig" Mordechai Chaim Rumkowski beschreibt die gebürtige Hamburgerin in "Rumkowski, der Judenälteste von Lodz". Und an einzelne Frauen, die ihren Weg vor dem Krieg in der Hansestadt, im Ghetto in Lodz, im Vernichtungslager Auschwitz, in den Konzentrationslagern Neuengamme und Bergen-Belsen gekreuzt haben, erinnert die 81-Jährige in eindringlichen Porträts in "Frauen und Holocaust". Für diese literarischen Arbeiten sowie ihre unzähligen Vorträge an Schulen und Universitäten über den Holocaust wird Lucille Eichengreen die Ehrendoktorwürde der Justus-Liebig-Universität (JLU) verliehen. Denn verbunden ist die im kalifornischen Berkeley lebende Lucille Eichengreen der Gießener Universität schon seit vielen Jahren. Über das Internet kam sie mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur um Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert in Kontakt. Dort nämlich wurde damals gerade die Veröffentlichung von Reportagen und Essays aus dem Ghetto Lodz des später in Auschwitz ermordeten Schriftstellers und Journalisten Oskar Singer vorbereitet, als ein Mitarbeiter auf die Erinnerungen von Lucille Eichengreen stieß, die als Sekretärin von Singer gearbeitet hatte. Und mitgewirkt hat sie in dieser Funktion auch an der Lodzer Ghetto-Chronik, die gemeinsam von der Gießener Arbeitsstelle und dem Staatsarchiv Lodz im kommenden Jahr erstmals vollständig herausgegeben wird. Auf Deutsch und auf Polnisch wurde dieser rund 2000 Seiten umfassende Text von 15 Mitarbeitern - überwiegend Journalisten und Schriftstellern - im Ghetto Lodz erstellt. Akribisch notiert wurden darin wie in einer Zeitung die Ereignisse im Ghetto, Todesfälle, Selbstmordversuche, Verpflegungslieferungen, Wetter. Aber auch wild kursierende Gerüchte wurden festgehalten und eine Rubrik dem "Ghetto-Humor" gewidmet.
"Mit der Ehrendoktorwürde soll vor allem auch die Mitarbeit von Lucille Eichengreen an der Lodzer Ghetto-Chronik gewürdigt werden", sagt Dr. Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, im Gespräch mit dem Anzeiger. Ihr Mitwirken an diesem "unvorstellbaren Projekt". Zumal ohne die Unterstützung der 81-Jährigen das deutsch-polnische Editionsprojekt wohl niemals hätte verwirklicht werden können. "Lucille Eichengreen hat über das Entstehen der Chronik aus eigenem Erleben berichten können", ergänzt Privatdozent Dr. Jörg Riecke, ebenfalls Mitherausgeber der Lodzer Ghetto-Chronik. "Als eine der wenigen Überlebenden." Durch zahlreiche Hinweise und Hilfen habe sie es erst ermöglicht, Textstellen richtig zu verstehen, den Arbeitsalltag der Chronisten nachzuvollziehen und schließlich die Bedeutung des 2000 Seiten umfassenden Berichts richtig einschätzen zu können. Zudem hat Lucille Eichengreen, die als Cecilie Landau 1925 in Hamburg geboren wurde, den jungen Wissenschaftlern der JLU "Kontakte zu anderen Zeitzeugen vermittelt, hat immer wieder geholfen, eigentlich verschlossene Türen für uns zu öffnen. Dies ist auch eine wissenschaftliche Leistung, die kaum zu überschätzen ist", heißt es in dem Antrag auf Verleihung des "Dr. phil. h.c.". Voraussetzung für die Verleihung der Ehrendoktorwürde der geisteswissenschaftlichen Fachbereiche - denn allein die Fachbereiche können die Auszeichnung vergeben - sind "hervorragende wissenschaftliche Leistungen oder sonstige Verdienste um die Wissenschaft", lässt sich in der Promotionsordnung nachlesen.
Und eingeleitet wird das Verfahren durch einen schriftlichen Antrag an den Dekan. "Die Initiative dazu ist von Studierenden und der Fachschaft Germanistik mitangeregt worden", berichtet Sascha Feuchert. Und das vermag kaum zu überraschen. Denn immer wieder hat die 81-Jährige den weiten Weg von Kalifornien nach Mittelhessen auf sich genommen, um mit den Hochschülern über ihre Erlebnisse während der Nazidiktatur zu sprechen, um ihre literarischen Arbeiten zu analysieren, um zu diskutieren, inwieweit der Holocaust im kommunikativen Gedächtnis der Deutschen präsent bleiben wird und muss. Obendrein hat Lucille Eichengreen Seminare von Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert nach Lodz begleitet, hat den Studierenden die Orte gezeigt, an denen sich unvorstellbares Grauen abgespielt hat, an denen sie Mutter und Schwester verloren hat. Wohl für alle Mitreisenden unvergessliche Ereignisse.
Das Schreiben der Fachschaft Germanistik haben der Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU und sein Stellvertreter dann nur zu gern zum Anlass genommen, der Dekanin Prof. Monika Wingender tatsächlich einen Antrag auf Verleihung der Ehrendoktorwürde an Lucille Eichengreen vorzulegen. Und dann ging alles recht schnell. Noch vor Beginn der Semesterferien im Juli wurde der Antrag in erster Lesung behandelt. "Es gab ein intensives Bestreben im Fachbereichsrat, möglichst schnell abschließend über den Antrag zu entscheiden." Und tatsächlich wurde der endgültige Beschluss, den "Dr. phil. h.c." an Lucille Eichengreen zu verleihen dann einstimmig verabschiedet. Danach hat auch der Promotionsausschuss zugestimmt. "Wir waren ganz aus dem Häuschen", berichtet Erwin Leibfried. Und auch Lucille Eichengreen hat sich sehr über die unerwartete Ehrung gefreut. Denn von dem Vorschlag der Studierenden, dem Antrag der Verantwortlichen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Zustimmung der Universitätsgremien hat sie gar nichts gewusst. Umso überraschter war sie über die Nachrichten aus Gießen.
"Ein Teil meines Lebens""Für mich bedeutet diese Ehre, dass meine Bücher und meine Besuche in Schulen eine gewisse Bedeutung haben, ebenso wie meine Arbeit während des Krieges im Archiv für Dr. Oskar Singer und später in Gießen, als ich erklären und helfen konnte", betont sie im Interview. Und sie fügt hinzu: "Für mich ist es sehr wichtig, dass die Ghetto-Chronik veröffentlicht wird. Das ist ein Teil meines Lebens ebenso wie die beteiligten Menschen. Und ich war mehr drei Jahre in diesem Ghetto." Aber auch "die Universität Gießen fühlt sich geehrt, Ihnen die philosophische Ehrendoktorwürde anzutragen", heißt es in dem Schreiben von Prof. Erwin Leibfried an Lucille Eichengreen. "Wir ehren damit Ihre hohen Verdienste um die Erinnerung der Vergangenheit. Sie haben durch Ihre Vortragstätigkeit wesentlich dazu beigetragen, den Deutschen zu zeigen, was sie verbrochen haben." Der Festakt zur Verleihung der Ehrendoktorwürde wird vermutlich im Mai stattfinden. Die Präsentation der Edition der Lodzer Ghetto-Chronik ist für den Herbst geplant. Damit wird Lucille Eichengreen im nächsten Jahr gleich zweimal in Gießen erwartet. Und die Vorfreude darauf ist auf beiden Seiten sehr groß.
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Aus: Gießener Anzeiger, 08/2006:
Die Tagebücher des Friedrich Kellner
Ein Dokumentarfilm über den Laubacher Sozialdemokraten
LAUBACH (kr). Der Dokumentarfilm über die Tagebücher des früheren Laubacher Justizbeamten Friedrich Kellner ist seit einigen Wochen fertig. Die Dreharbeiten hatten im vergangenen Jahr unter anderem in Laubach und Mainz sowie in den USA stattgefunden. Der Fernsehfilm liegt vorerst in englischsprachiger Originalfassung vor. Er soll aber weltweit vermarktet werden. Auch mit deutschen Fernsehanstalten gab es schon Gespräche wegen einer Übernahme. Anhand von Standbildern aus der Film-DVD und Textauszügen des Inhalts dokumentiert der Gießener Anzeiger auf dieser Seite nicht nur Friedrich Kellners Widerstand gegen das Naziregime, sondern auch die Geschichte seiner Nachkommen.
Der Originaltitel des Films ist “My Opposition - Diaries of Friedrich Kellner³ (Mein Widerstand - die Tagebücher des Friedrich Kellners³. Er schildert zunächst den Werdegang des Mannes, der schon in Mainz gegen das Regime opponiert hatte und dann mit seiner Frau Pauline nach Laubach geflohen war. Auch hier aber geriet er schnell in Gefahr. Sein Versuch, etwas gegen die Gewalt während der Reichspogromnacht 1938 zu tun, scheiterte. Offen wurde ihm mit der Einweisung in ein KZ gedroht. Ab da führte Friedrich Kellner sein geheimes Tagebuch.
Im Film kommen auch deutsche Interviewpartner zu Wort, deren Beiträge im Originalton gezeigt, aber mit englischen Untertiteln versehen wurden. Dazu gehören die Erinnerungen von Else Seibert, die als Zehnjährige die Gewalt gegen Laubacher Juden während der Reichspogromnacht erlebte. Sie berichtet vom ungeheuren Lärm, den das Feuer der brennenden Synagoge machte und berichtet, wie die Splitter Glasfenster des jüdischen Gotteshauses bis auf die andere Straßenseite flogen. Karlheinz Rausch bemerkte beim Eintritt in das Gymnasium, wie stark dort alles politisiert war: “Mit zehn mussten wir ins Jungvolk und dann in die Hitlerjugend. Die unternahmen alle Anstrengungen, um uns für sich zu gewinnen Da begriff ich, wie seht die NSDAP die Schulen infiltriert hatte³.
Nicht als Zeitzeuge, sondern als stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur kommt Dr. Sascha Feuchert im Film zu Wort. Die Einrichtung der Justus-Liebig-Universität Gießen will die insgesamt zehn Bände umfassenden Tagebücher Friedrich Kellners wissenschaftlich bearbeitet herausgeben. Feuchert sagt im Film: “Friedrich Kellner wusste als Patriot, welche Auswirkungen all dies auf die deutsche Gesellschaft, auf das Deutschland, das er liebte, haben würde. Er wusste ganz genau, dass wir diesen Makel unserer Geschichte nie überwinden werden³.
Der Film “My Opposition³ enthält auch die tragische Geschichte von Friedrich und Pauline Kellners einzigem Kind, Fred (Karl Friedrich Wilhelm Kellner), der als Kind in die Ideologie der Nazis verstrickt wurde. Er wandte sich gegen die Überzeugung seiner Eltern. 1935 verließ er Deutschland und siedelte in die USA über, kam aber nicht mit dem Gefühl zurecht, ein Mensch ohne Vaterland zu sein. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück, aber dort wurde seine Unsicherheit nur noch stärker. Fred Kellner war nicht fähig, mit seinen zwiespältigen Loyalitäten fertig zu werden. 1953 nahm er sich das Leben. Er hinterließ seine beiden tief betrübten Eltern in Deutschland, sondern auch zwei Söhne und eine Tochter in den USA und eine weitere Tochter in Deutschland.
Freds Selbstmord war verheerend für seine Kinder. Seine französische Tochter brachte sich im Alter von 28 Jahren ebenfalls um. Die Kinder in den USA, die auch von ihrer Mutter verlassen wurden, wuchsen in einem Waisenhaus auf. Die Tochter blieb zeitlebens unglücklich und durchlebte eine Reihe von gescheiterten Beziehungen. Der älteste Sohn, der nach seinem Vater und Großvater Fred genannt wurde, ging auf haltlose Wanderschaft. Er behielt nie lange irgendeine Arbeit und schlug nirgends Wurzeln. Der jüngere Sohn, Robert Scott, hatte eine ungestüme Jugend. Er musste vom Jugendamt zur Räson gebracht werden. Auch in der US-Marine schlug er über die Stränge und entfernte sich unerlaubt von der Truppe, um seine Großeltern zu suchen. Erst, nachdem er sie 1960 in Laubach gefunden hatte, unter ihrer Anleitung und Ermutigung, bekam Scott sein Leben in den Griff. Friedrich Kellner schärfte seinem Enkel ein: “Du musst die schlechten Entscheidungen, die Dein Vater getroffen hat, wieder gutmachen durch die guten Entscheidungen, die Du in deinem Leben triffst³.
1970 freuten sich Friedrich und Pauline Kellner mit Scott, der seine Bachelor-Prüfung ablegte. Sie freuten sich wieder mit ihm, als Scott ihnen die Kopie eines Briefs der Universität von Massachusetts zeigte. Die nahm ihn in ihr Graduiertenprogramm auf, und 1973 schaffte er seinen Master-Grad. 1977 promovierte er schließlich.
Für alle Zeiten
Die Tagebücher sind auf gutem alterungsbeständigen Papier geschrieben. Aber die vielen Zeitungsausschnitte, die Friedrich Kellner angeklebt hat, enthalten viel Säure. Sie werden braun und spröde. Deswegen müssen die Original Tagebücher “entsäuert” werden, um sie im konservieren. Das geschieht durch Gesprühen mit einer Chemikalie, die die Säure im Papier neutralisiert. Ausgestellt werden die Originale künftig nur noch unter speziellen Glas, und so das die nicht übermäßig viel Licht ausgesetzt sind. Über das Film sagt Scott Kellner: “Mein Großvater hat mir gesagt, es sei wichtig, dass ich seinen Zweig der Kellner-Familie zu einem ehrenhaften Abschluss bringe, weil ich der letzte männliche Spross war. Er erkannte nicht, dass er selbst das tun würde. Seine bemerkenswerten Tagebücher, die Höhepunkte sowohl des Patriotismus als auch des Muts darstellen, stellen in gewissem Maße für die deutsche Nation eine Wiedergutmachung dar. Sie werden den Namen Friedrich Kellner für alle Zeit lebendig halten. Unsere Blutlinie wird also wahrhaft nie zu Ende gehen . .
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Aus: Gießener Anzeiger, 07.07.2006:
Kempowski: Die Form ist der höchste Inhalt
Gießener Studierende besuchten Schriftsteller in Bremen - Gespräche in lockerer Atmosphäre - Unbändiges Interesse
GIESSEN (rsh). "Walter Kempowski" lautet der Titel des Hauptseminars von Dr. Sascha Feuchert. Es findet derzeit am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen statt. Höhepunkt des Seminars ist zweifellos ein durch Feuchert initiierter Besuch bei eben jenem Schriftsteller, den Johannes Rau 2004 mit folgenden Worten ehrte: "Sie haben den Deutschen etwas geschenkt, was wohl kein anderes Volk hat: Ein lesbares Archiv seiner Hoffnungen und Irrtümer, ihrer Sehnsüchte und ihres Versagens."
Walter Kempowski lebt in dem kleinen Dörfchen Nartum bei Bremen. Haus Kreienhoop liegt etwas versteckt am Ende einer verwinkelten Straße, eingebettet in eine wunderbar idyllische Landschaft. Das Zentrum des Hauses bildet eine überdachte Terrasse, wo bei strahlendem Wetter eine gedeckte Kaffeetafel mit leckerem Zuckerkuchen auf die Seminarteilnehmer wartet. Bei der anschließenden Gesprächsrunde zeigt sich der 77-jährige Hausherr von vielen Seiten. Mit Humor lockert er die Situation auf, wobei der Lehrer Kempowski, der er bis zu seiner Pensionierung 1980 war, stets präsent ist. Er wirkt ein wenig blass und zerbrechlich, seine Aussagen dagegen sind kraftvoll und bestimmt - wie seine Literatur. "Die Form ist der höchste Inhalt", dies ist laut Kempowski die wichtigste Regel.
So scheint es nicht verwunderlich, dass er dreißig Jahre am kollektiven Tagebuch "Echolot" gearbeitet hat, dessen letzter Teil im Februar 2005 erschienen ist. Zuvor hat Kempowski in der "Deutschen Chronik" die Geschichte seiner Familie in Romanen festgehalten. Auf die Frage, warum er diese nicht als Autobiographien bezeichnet, antwortet er: "Das geht nicht. Was weiß ich schon von meiner Mutter und meinem Vater, den habe ich mit zehn das letzte Mal gesehen." Seine Antworten sind meist kurz und nicht selten haben sie mit der eigentlichen Frage nichts zu tun. Doch den dadurch ausgelösten Erzählungen Kempowskis, lauscht die Seminargruppe aufmerksam. Das Faszinierendste an Kempowski jedoch ist sein unbändiges Interesse. So stellt er immer wieder Fragen, die einem auf den ersten Blick etwas unwichtig erscheinen. Sei es, welches Thema die Studierenden im Deutsch-Abitur hatten oder welche Erinnerung sie an eine Wohnung haben, die sie einst mit den Eltern bewohnten. Kempowski steckt mitten in seinem neuesten Projekt und die Seminarteilnehmer nun auch. "Plankton" erinnert an viele kleine Momente, die Menschen in Deutschland erinnern. Es wird sein letztes Buch werden, sagt Kempowski, und, dass es ihn rasend mache, dass Menschen sterben und mit ihnen viele Erinnerungskostbarkeiten.
Doch zwischen all den wunderbaren Momenten verbirgt sich auch der verbitterte Kempowski, der Schriftsteller, der nie einen wichtigen Literaturpreis erhalten hat und dessen Werke in keinem Kanon enthalten sind. Nach einem Semester zu Walter Kempowski ist seine Verbitterung sehr gut nachvollziehbar. Seine außergewöhnliche Collagentechnik, seine schriftstellerische Disziplin und das dadurch entstandene Werk, machen ihn zu einem der bedeutendsten Autoren der gegenwärtigen deutschen Literatur, so die einhellige Meinung. Sicherlich auch deshalb befinden sich im Turm des Hauses zahlreiche Plaketten von prominenten Besuchern: Martin Walser, Siegfried Lenz, Erich Fried, Benjamin von Stuckrad-Barre, Ralph Giordano sind nur wenige der dort versammelten Namen.
Bei einer Führung durch Haus Kreienhoop zeigt Walter Kempowski sein Reich: Ein langer Büchergang mit Erstausgaben von Goethe und Schiller, Modellschiffe der Rostocker Familienreederei, Vitrinen, zahlreich mit Büchern und Erinnerungsstücken bestückt, die mit Kempowskis Schriftstellerei einhergehen. Der Rostock-Saal ist seit kurzem auch "Stiftungssaal". Im April, zu Kempowskis 77. Geburtstag, wurde eben jene Stiftung gegründet, die Haus Kreienhoop eines Tages der Öffentlichkeit zugänglich machen soll. Die Seminarteilnehmer sind sich einig, dass dies wünschenswert ist. Eines wird dann aber fehlen, die Seele des Hauses. Der Schriftsteller Walter Kempowski.
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Aus: Gießener Anzeiger, 04.07.2006:
"Gewissen Deutschlands" sei lange verkannt worden
Prof. Carla Damiano von der University of Wisconsin referierte über den Schriftsteller Walter Kempowski - Lernprozess des Lesers intendiert
GIESSEN (sk). Walter Kempowski - Autor von Werken wie "Tadellöser und Wolf" und "Uns geht´s ja noch gold" - sei lange verkannt gewesen, doch inzwischen erkennen Kritiker wie Publikum seine Leistungen an. So lautet das Fazit von Carla Damiano, Professorin für deutsche Sprache und Literatur an der University of Wisconsin in Michigan, während ihres Vortrages über Kempowski und sein Werk "Echolot" auf einer Veranstaltung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und des Sonderforschungsbereiches Erinnerungskulturen der Justus-Liebig-Universität (JLU). Als "Gewissen Deutschlands" sei er bezeichnet worden, er, der das Geschehen des Nationalsozialismus auf "persönlichem und nationalem Niveau" dargestellt habe. Durch seine Technik der "literarischen Montage" lasse er Mitwirkende in seinem inzwischen zehn Bände umfassenden Werk "Echolot" mit ihren eigenen Stimmen sprechen. Außer einer Art Vorwort sei keine Zeile von ihm, es handele sich um eine Anordnung von Dokumenten wie Tagebüchern, Briefen und Briefen. Soldaten, Hausfrauen, ermordete Juden, Nationalsozialisten, Widerstandskämpfer im In- und Ausland - sie alle kämen zu Wort. Die Leistung Kempowskis sieht Carla Damiano in der "Schaffung eines Mosaikes", in der Anordnung der Dokumente. Als Ergänzung zu dem Monumentalwerk habe Kempowski einen Tagebuchband mit Einträgen von ihm und Notizen des Lektors zur Entstehung des "Echolots" herausgegeben.
"Wer soll das denn lesen?", sei das Hauptargument gegen die Veröffentlichung einer solchen Dokumentensammlung gewesen, die nur gegen große Widerstände zustande gekommen sei. Da Kempowski nichts selber schreiben wollte, sei zudem eine Kategorisierung in Literatur oder Geschichtsschreibung schwierig. "Wie nennt man einen Schriftsteller, der an seinem Buch kein Wort schreibt?", umriss Carla Damiano die Probleme von Verlag und Kritikern. Kempowski intendiere einen Lernprozess des Lesers. Dieser solle sich selbst ein Bild von der Lage machen und mitdenken. Die Skepsis der Historiker könne sie verstehen, da Werke wie "Echolot" ihre Arbeit als Interpretateure der Geschichte überflüssig machten.
Zum 75. Geburtstag Kempowskis im Jahr 2004 hätten verstärkt Akademiker Untersuchungen zu seinem Werk aufgenommen, drei Dissertationen seien erschienen, alle nicht von Deutschen. Er sei immer ein Individualist gewesen, daher habe sich kaum jemand für ihn interessiert. 300 000 Fotos und 7000 Tagebücher lagerten in seinem Privatarchiv, so Damiano. Es sei eine einzigartige Quelle für kommende Generationen.
Sie selbst sei auf ihn gestoßen, als sie ihn während einer in Amerika üblichen Summer School kennen gelernt habe. Sie habe sein Werk zum Thema ihrer Magisterarbeit und später ihrer Promotion gemacht. Außer dem Vortrag hielt die Wissenschaftlerin noch einen Workshop in einem Germanistik-Hauptseminar zu "Walter Kempowskis Erinnerungswerken" von Dr. Sascha Feuchert.
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 23.06.2006:
Veranstaltungen zu Walter Kempowski
Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen (SFB) an der Justus-Liebig-Universität haben eine der bedeutendsten Expertinnen zu Walter Kempowski für zwei Veranstaltungen in Gießen gewinnen können. Die Professorin Carla Damiano von der Eastern Michigan University wird am Donnerstag, den 29. Juni 18 Uhr im Georg-Büchner-Saal der Alten Universitätsbibliothek (Bismarckstraße 37) einen Vortrag zu „Walter Kempowskis Echolot“ halten. Alle Interessenten sind herzlich willkommen. „Echolot“ ist eines der bekanntesten und umstrittensten Werke über den Zweiten Weltkrieg. In dem zehnbändigen „kollektiven Tagebuch“ montiert Kempowski eine weit gespannte Fülle von Zeugnissen der Zeitzeugen, beispielsweise Zitate, Liedtexte und Reklameschriften. Am Freitag, den 30. Juni wird Damiano im Hauptseminar „Walter Kempowskis Erinnerungswerke“ von Dr. Sascha Feuchert einen Workshop zu Kempowskis „Erinnerungsmontagen“ veranstalten. Hierzu sind alle Studierenden und Promovierenden eingeladen. Der Workshop findet statt von 14-16 Ihr im Philosophikum I, Haus B, Raum 128. Carla Damiano ist Professorin für deutsche Sprache und Literatur und promovierte bei Walter Kempowski.
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Aus: Frankfurter Rundschau, 24.05.2006:
Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Universität Lodz ehrt Gießener Wissenschaftler
Gießen - Die Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur wird am heutigen Mittwoch für ihre Ghetto-Chronik Lodz (1941-44) von der polnischen Partneruniversität ausgezeichnet. Professor Erwin Leibfried, Leiter des Forschungsbereichs an der Uni Gießen, erhält die hohe Verdienstmedaille "universitatis Lodziensis Amico" ( Dem Freund der Universität Lodz), seinen Mitarbeiter Sascha Feuchert und Jörg Riecke wird die Medaille "Im Dienste der Gesellschaft und Wissenschaft" verliehen.
Anlass der Auszeichnung ist die heutige Feier zum Gründungstag der Universität im polnischen Lodz. Die Ghetto-Chronik umfasst auf rund 2000 Seiten Aufzeichnungen über das Leben von mehr als 200 000 Juden. Der Text steht kurz vor dem Abschluss und soll im Frühjahr 2007 erstmals in deutscher und polnischer Sprache veröffentlicht werden.
Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. aem
www.holocaustliteratur.de
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Aus: Gießener Anzeiger, 19.05.2006:
"Nachgereichte Grabsteine" für die Opfer
Auszeichung für Mitarbeiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU - Getto-Chronik erscheint pünktlich zum Uni-Jubiläum
Heidrun Helwig GIESSEN. Die Betonung klingt merkwürdig. Und vor allem auch die Aussprache. Aber das irritiert die beiden Zuhörer offensichtlich überhaupt nicht. Denn sie nicken zustimmend, obgleich sie genau wissen, dass es eigentlich "Straße" und nicht kurz "Strasse" heißt. Auch die ungewöhnliche Lesart "Eins Null Punkt Null Null Null" für die Zahl 10.000 nehmen beide ohne sichtliche Regung hin. Doch als Prof. Erwin Leibfried recht lautstark "Familienverhältnisse" vorliest und das "ä" ungewöhnlich lang nachklingen lässt, fangen alle drei an zu lachen. Keineswegs nur, weil der Literaturwissenschaftler dabei klingt wie ein schimpfender Esel. "Das Herumalbern hilft uns immer wieder die Texte zu ertragen", sagt Dr. Sascha Feuchert während der Sprachwissenschaftler Dr. Jörg Riecke schmunzelnd das gemähte "ä" wiederholt. Die drei Germanisten arbeiten nämlich an der Edition der "Lodzer Getto Chronik". Dem erschütternden Zeugnis der täglichen Ereignisse hinter Stacheldraht, das Opfer des Nationalsozialismus im Angesichts des Todes verfasst haben. Aber nicht nur an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU) wird akribisch an der Veröffentlichung der rund 2000 Seiten umfassenden Chronik gefeilt. Auch in Lodz - an der Universität und am Staatsarchiv - befasst sich eine Arbeitsgruppe intensiv mit der historisch-kritischen Ausgabe des unvergleichlichen Dokuments. Verfasst wurde die "Lodzer Getto Chronik" nämlich auf Deutsch und Polnisch und dank der Zusammenarbeit der Forscherteams werden nun alle Tagesberichte erstmals komplett in beiden Originalsprachen publiziert. Dabei scheint sich geradezu vortrefflich zu fügen, dass die fünfbändige Ausgabe im kommenden Frühjahr zeitgleich diesseits und jenseits der Oder erscheinen wird. Rechtzeitig zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 400. Bestehen der Gießener Universität. Schließlich sind die JLU und die Universität Lodz seit mehr als 25 Jahren partnerschaftlich verbunden. Und obendrein basiert das ambitionierte Editionsprojekt auf einem Vertrag, den beide Unis und das Staatsarchiv feierlich besiegelt haben.
Deshalb sitzen Prof. Erwin Leibfried, Dr. Sascha Feuchert und Privatdozent Dr. Jörg Riecke seit etwa zwei Jahren immer montags, mittwochs, freitags stundenlang zusammen und überprüfen den Text. Denn die "Lodzer Getto Chronik" gibt es in verschiedenen Versionen. Getippt wurde jeder Tagesbericht stets mit mindestens acht Durchschlägen. Von mehreren Schreibern mit unterschiedlichen Muttersprachen. Zudem wurden die einzelnen Seiten immer wieder auch handschriftlich kommentiert. Und deshalb ist es für die wissenschaftliche Edition sehr wohl von Bedeutung, ob Straße mit "ss" oder "ß" geschrieben ist, ob eine Zahl im Text als Ziffern - Eins Null Punkt Null Null Null - auftaucht oder ausgeschrieben ist, ob "Familienverhältnisse" mit "ä" oder "ae" zu finden ist. Während also Erwin Leibfried das Hauptkonvolut aus dem Staatsarchiv Lodz stimmgewaltig und ungewöhnlich prononciert vorträgt, blättert Jörg Riecke unaufhörlich in gleich mehreren Aktenordner - den Varianten aus Archiven in Yad Vashem, New York, Jerusalem - bestätigt hin und wieder mähend eine Textstelle oder benennt die Abweichung. Und Sascha Feuchert wiederum vermerkt all das ganz exakt in der zur Edition bestimmten Ausgabe, die in seinem Laptop gespeichert ist.
Rückblende: Eingerichtet wird das Getto in der polnischen Metropole am 8. Februar 1940. Doch weitreichende Repressionen müssen die rund 210000 Juden, die in Lodz leben, schon zuvor ertragen. Vor allem, seit die Stadt Anfang November 1939 in das Deutsche Reich eingegliedert wurde. Das "Wohngebiet der Juden" umfasst dabei hauptsächlich das ehemalige Armenviertel und die Altstadt. Dort gibt es etwa 2500 Häuser mit insgesamt 31000 Zimmern. Kaum eines der überwiegend aus Holz bestehenden Gebäude verfügt über fließend Wasser oder einen Anschluss an die Kanalisation. 1942 dann wird das Getto nochmals verkleinert, sechs bis sieben Personen sind nun in einem Raum zusammengepfercht. Und in keinem Getto im besetzten Polen wird die Isolierung mit solcher Perfektion betrieben. Denn die fehlende Kanalisation macht es nahezu unmöglich, das Getto zu verlassen oder nennenswerten Schmuggel zu organisieren. Zur völligen Isolierung trägt aber auch die "Eindeutschung" von Lodz bei, das im April 1940 auf direkten Befehl Hitlers in Litzmannstadt umbenannt wurde.
Im Innern des abgeriegelten Wohnbezirks wird eine scheinbare jüdische Selbstverwaltung aufgebaut, die den Bewohnern die "Illusion der Normalität" vorgaukelt. Mit Krankenhäusern, Postwesen, Arbeitsamt, Schulen, Kulturhäusern. Gleichzeitig wird das Getto zunehmend umgestaltet in ein reines Arbeitslager, das zu 90 Prozent für die deutsche Rüstungsindustrie produziert. Arbeitsunfähige, Kranke, Kinder und alte Menschen haben keine Überlebenschance. Ihr Leben endet entweder durch Hunger oder im Vernichtungslager.
Zur scheinbaren Normalität im Getto gehören aber auch die statistische Abteilung und das Archiv. Und dort notieren die etwa 15 Mitarbeiter - überwiegend Journalisten und Schriftsteller - die täglichen Nachrichten. Berichten über Wetter und Bevölkerungsstand. Informieren über besondere Vorkommnisse und verzeichnen akribisch den Umfang der Lebensmittellieferungen. Vermelden die Sterbefälle samt Todesursache und die "Transporte zur Arbeit außerhalb des Gettos" - die Transporte ins Vernichtungslager. Doch die Chronik ist weit mehr als eine Sammlung von Tagesnachrichten und statistischen Daten. Um die reine Wiedergabe der Fakten des Alltags gruppieren sich nämlich nach und nach literarisch gefärbte und sogar humoristische Texte.
Im Brunnen versteckt
Gleichwohl ist auch die "Chronik" letztlich Teil einer vorgetäuschten Normalität eines alltäglichen Lebens, zumal sich die Autoren einer internen Zensur unterwerfen. Doch für das kollektive Tagebuch des Gettos gibt es ohnehin keine unmittelbare Leserschaft. Konsequent wenden sich die Schriftsteller und Journalisten deshalb an zukünftige Leser. Dass die Getto-Chronik auch tatsächlich die Nachwelt erreicht, ist geradezu ein Wunder. Denn Nachmann Zonabend gehört zum Aufräumkommando, das die SS aus ehemaligen Bewohnern bildet, als das Getto im August 1944 liquidiert wird und rund 76000 Menschen in Chelmno - jenem Vernichtungslager, das die Deutschen Kulmhof nennen und das 55 Kilometer vom Getto entfernt liegt - sowie in Auschwitz-Birkenau ermordet werden. Und der frühere Briefträger entdeckt im Haus des Getto-Archivs mehrere Koffer mit Unterlagen. Diese versteckt er in einem ausgetrockneten Brunnen und kann sie nach der Befreiung bergen.
"Zwiebelsaatmehl"
Darunter eben auch das Hauptkonvolut von 2000 Seiten, das heute im Staatsarchiv Lodz lagert. Rund 1100 davon auf Deutsch, 900 auf Polnisch. Und während die drei Gießener Germanisten für die Edition der einen Hälfte zuständig sind, arbeiten parallel in Lodz vier Wissenschaftler an der anderen Hälfte. Damit die Getto-Chronik im nächsten Frühjahr zeitgleich in beiden Sprachen erscheinen kann, wird obendrein der deutsche Teil ins Polnische übersetzt und der Polnische ins Deutsche. Ein keineswegs einfaches Unterfangen. Zum einen, weil in den Tagesberichten immer wieder Begriffe auftauchen, deren Bedeutung sich selbst für Germanisten kaum noch erschließen lässt. Zum Beispiel "Bunkerpantoffeln", "Karrenflügel", "Zwiebelsaatmehl" oder "Klingerkleese". "Wir haben in den vergangenen Jahren Kontakte zu hunderten von Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen aufgenommen, um terminologische Begriffe zu klären", schildert Sascha Feuchert. Diese müssen dann in dem umfangreichen Anmerkungsapparat erläutert und dann auch noch adäquat ins Polnische übertragen werden. Das Gleiche gilt selbstredend für zahlreiche polnische Begriffe, die wiederum ins Deutsche übersetzt werden müssen. Zum anderen machen gerade die unterschiedlichen Sprachen der Autoren die Besonderheit des Textes aus. Da finden sich in den deutschen Tagesberichten jiddische Worte ebenso wie polnische Einsprengsel. Typische Redewendungen des Wienerdeutsch ebenso wie des Pragerdeutsch. Diese Eigentümlichkeiten aber lassen sich in der Übertragung nur schwerlich beibehalten. Und schließlich müssen die Herausgeber auf beiden Seiten sorgfältig prüfen, welche Begriffe, Namen oder Ereignisse, die in der Chronik erwähnt werden, in einer Fußnote erläutert werden müssen. Welche grammatikalische Unrichtigkeit verbessert und ebenfalls mit einer Anmerkung versehen wird, wie die recht unterschiedliche Interpunktion gehandhabt werden soll. Ohne dass der Text angesichts von rund 8000 Erläuterungen unlesbar wird. Darüber wird bei den regelmäßigen Arbeitstreffen hin und wieder sehr heftig diskutiert und im Zweifelsfall abgestimmt. "Die Fußnoten müssen wir mit den polnischen Kollegen anschließend austauschen", sagt Jörg Riecke. Und fügt hinzu: "Auch dabei ergeben sich wiederum Unterschiede." Denn manche Begriffe müssen zwar für den deutschen Leser erläutert werden, nicht aber für den polnischen. Oder umgekehrt. "Die Anmerkungen in beiden Ausgaben sind deshalb nur zu 80 Prozent identisch", beschreibt der Sprachwissenschaftler. Finanziert wird das Editionsprojekt an der JLU von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Deshalb können drei wissenschaftliche Mitarbeiter sowie drei studentische Hilfskräften beschäftigt werden. Zudem unterstützt eine junge polnische Wissenschaftlerin das Herausgeberteam. Schwieriger gestaltet sich die Situation in Lodz. Dort wird die Chronik allein von den vier Herausgebern zur Veröffentlichung vorbereitet. "Anders als in Gießen aber nicht in unserer Arbeitszeit", schildert die Germanistin Dr. Krystyna Radziszewska. Als wissenschaftliche Assistentin lehrt und forscht sie an der Universität Lodz. "Damit bin ich voll ausgelastet." Den Tagesberichten widmet sie sich erst nach der Dienstzeit. Und fügt hinzu: "In Lodz gibt es ein sehr großes Interesse an der Getto-Chronik. Aber wir haben keine Stelle." Dennoch wird auch dort äußerst konzentriert an der Edition gearbeitet. Und vor allem an der Übersetzung. Dabei stehen Krystyna Radziszewska, die hervorragend Deutsch spricht, vier Übersetzerinnen zur Seite. Die Germanistin fungiert darüber hinaus auch als Verbindung zwischen den beiden Herausgeberteams. Denn nur sie kann sich gleichermaßen gut in Polnisch und Deutsch verständigen.
Um die Arbeit zu koordinieren, kommt sie einmal im Jahr für einige Wochen an die JLU. Dann hat sie immer - wie auch in diesem Frühjahr - eine Liste mit Vokabeln dabei, die sich in keinem Wörterbuch mehr finden. "Bei dem teilweise veralteten Wortschatz wissen wir nicht, wie wir das übersetzen sollen", sagt sie im Gespräch mit dem Anzeiger. Vereinheitlicht werden im Gespräch mit den drei Germanisten der JLU und ihren Mitarbeitern auch Editionsrichtlinien, Standards bei der Interpunktion oder Grammatikirrtümer. Zurück in Lodz gibt sie die Ergebnisse der Arbeitstreffen an ihre drei Kollegen weiter. An Julian Baranowski, den Oberkustos des Staatsarchivs, Dr. Jacek Walicki und die Journalistin Joanna Podolska. Denn schließlich sollen beide Ausgaben der "Lodzer Getto Chronik" weitestgehend identisch sein.
Erschwingliche Ausgabe
"In Polen warten die Historiker schon auf die polnische Ausgabe", sagt Krystyna Radziszewska. Auch die Filmhochschule möchte mit den Tagesberichten arbeiten und die Germanisten ebenfalls. Auf große Aufmerksamkeit stößt die Arbeit des binationalen Forscherteams zudem in der polnischen Öffentlichkeit. Wird das aufrichtige Engagement der meist jungen Gießener Forscher auch als Geste der Versöhnung verstanden. Nicht zuletzt deshalb werden am nächsten Dienstag Erwin Leibfried, Jörg Riecke und Sascha Feuchert angesichts ihrer "Verdienste um die Förderung der langjährigen Zusammenarbeit, Leistungen im Forschungsprojekt Lodzer Getto-Chronik und Vertiefungen der Freundschaftlichen Beziehungen" bei den Feierlichkeiten zum Gründungstag der Lodzer Universität hohe Verdienstmedaillen verliehen. Deshalb werden die drei auch nach Polen reisen und dabei den Aufenthalt für ein Arbeitstreffen mit den Herausgeberkollegen nutzen. Dabei haben sie ein gemeinsames Ziel: Die fünfbändige Edition, die neben dem Text der Chronik auch einen Registerband zu Personen und Ereignissen umfasst, soll erschwinglich sein. "Wir streben an, dass die deutsche Ausgabe 129 Euro kosten soll", sagt Sascha Feuchert. "Wir wollen, dass die Texte gelesen werden." Denn für die Herausgeber ist die Edition mehr als eine wissenschaftliche Arbeit: "Es sind nachgereichte Grabsteine für die Opfer des Naziterrors."
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Aus: Gießener Anzeiger, 10.05.2006:
Hohe Auszeichnung für Herausgeber der Ghetto-Chronik
Giessen (V). Die Herausgeber der Ghetto-Chronik Lodz (1941 bis 1944) an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU), Prof. Erwin Leibfried, Privatdozent Dr. Jörg Riecke und Dr. Sascha Feuchert werden im Mai für ihre „Verdienste um die Förderung der langjährigen Zusammenarbeit, Leistungen im Forschungsprojekt Lodzer Ghetto-Chronik und Vertiefungen der freundschaftlichen Beziehungen“ – so die Begründung - von der polnischen Partneruniversität Lodz ausgezeichnet. Dr. Jörg Riecke und Dr. Sascha Feuchert erhalten die Medaille „Im Dienste der Gesellschaft und Wissenschaft“, Prof. Erwin Leibfried wird die hohe Verdienstmedaille „Universitatis Lodziensis Amico“ („Dem Freund der Universität Lodz“) verliehen. Die Überreichung der Medaillen soll am 24. Mai bei den Feierlichkeiten anlässlich des Gründungtages der Universität Lodz erfolgen, teilt die JLU mit.
Die Arbeit an den rund 2000 Seiten umfassenden Text der Lodzer Ghetto-Chronik steht kurz vor dem Abschluss. Bis zum Frühjahr 2007 soll er erstmals komplett in deutscher und polnischer Sprache veröffentlicht werden. Zusammen mit den Kollegen aus Lodz, Dr. Krystyna Radziszewska, Dr. Jacek Walicki, Julian Baranowski und Joanna Podolska, hat die Arbeitsstelle Holocaustliteratur unter der Leitung der drei Herausgeber die im Lodzer Ghetto entstandenen Aufzeichnungen über das Leben und Sterben von mehr als 200 000 Juden, die im Getto zwischen 1940 und 1944 um ihr Überleben kämpften, vollständig ediert. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
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Aus: Gießener Anzeiger, 26.04.2006:
Flug ins polnische Lodz sollte nach "Litzmannstadt" führen
Prof. Erwin Leibfried von der JLU macht "schockierende" Entdeckung - Firma reagiert sofort
Heidrun Helwig GIESSEN. Die Dienstreise ist seit geraumer Zeit geplant. Und um einen möglichst kostengünstigen Flug zu buchen, hat Prof. Erwin Leibfried eifrig im Internet gestöbert. Zumal ziemlich viele Städte wesentlich häufiger angesteuert werden als das polnische Lodz. Doch das Suchsystem des Ticketanbieters mochte den Namen der Industriestadt nicht akzeptieren. Vielmehr ersetzte sich "Lodz" beim Klicken auf "Flugsuche" automatisch durch "Litzmannstadt". "Ich war total geschockt", sagt der Germanist und Leiter der Arbeitsstelle für Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU). Denn Litzmannstadt war der Name der Nationalsozialisten für Lodz. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde Lodz direkt dem Deutschen Reich einverleibt. Und wenige Monate später - am 11. April 1940 - wurde aus der polnischen Stadt Lodz der deutsche Ort Litzmannstadt. Benannt nach dem deutschen Infanteriegeneral Karl Litzmann (1850 bis 1936), der als 80-Jähriger der NSDAP beigetreten war und die Politik Adolf Hitlers aktiv unterstützt hatte. Bereits zuvor hatten die Nationalsozialisten für die rund 210 000 Juden hauptsächlich im ehemaligen Armenviertel und in der Altstadt ein "Wohngebiet" eingerichtet. Kaum eines der überwiegend aus Holz erbauten Gebäude verfügte über fließend Wasser oder einen Anschluss an die Kanalisation. Im 1942 gar wurde das Ghetto nochmals verkleinert. 42587 Menschen pferchten die Nazis nun auf einem Quadratkilometer zusammen. In keinem Ghetto im besetzten Polen wurde die Isolierung mit solcher Perfektion betrieben. Denn die fehlende Kanalisation machte es nahezu unmöglich, den abgesperrten Bereich zu verlassen oder nennenswerten Schmuggel zu organisieren. Im August 1944 schließlich wurde das Getto liquidiert. Insgesamt 76000 Menschen wurden nach Chelmno, jenem Vernichtungslager, das die Deutschen Kulmhof nennen und das 55 Kilometer vom Ghetto entfernt liegt, sowie nach Auschwitz -Birkenau deportiert.
Entstanden ist in jenen Jahren im Ghetto eine Chronik, ein erschütterndes Zeugnis der barbarischen Ereignisse in der Isolation. Akribisch notiert von etwa 15 Mitarbeitern - überwiegend Schriftsteller und Journalisten. Zu finden sind darin die täglichen Nachrichten, Berichte über Wetter und Bevölkerungsstand, Informationen über besondere Vorkommnisse und den Umfang der Lebensmittellieferungen. Und natürlich auch Meldungen über Sterbefälle samt Todesursache und die "Transporte zur Arbeit außerhalb des Ghetto" - Transporte ins Vernichtungslager. Diese rund 2000 Seiten umfassende Chronik über das Ghetto in "Litzmannstadt" soll bis zum kommenden Frühjahr erstmals komplett in den Originalsprachen deutsch und polnisch veröffentlicht werden. Gemeinsam bearbeitet von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und einer Arbeitsgruppe aus Lodz.
Prof. Erwin Leibfried wollte nun im Internet einen Flug buchen, um in Lodz mit den Kollegen zusammenzutreffen. Und dabei machte er die "schockierende" Entdeckung. "Zunächst habe ich vermutet, dass sei bewusst so programmiert worden", schildert er. Doch inzwischen vermutet er, dass es "entweder Dummheit oder ein Versehen ist". Zumal für polnische Städte häufig die früheren deutschen Namen benutzt werden. Etwa Danzig für Gdansk oder Breslau für Wroclaw. "Das ist auch in Ordnung", betont Leibfried. Aber "Litzmannstadt" sei eben ein Zwangsname gewesen, der den Bewohnern von Lodz von den Nationalsozialisten aufoktroyiert wurde. Deshalb ist er überzeugt, dass Polen für die Benutzung des Namens - ob nun aus Unwissenheit oder aus Dummheit - keinerlei Verständnis haben wird.
Dem Geschäftsführer des süddeutschen Unternehmens, das die Technologie für Touristikangebote entwickelt hat, ist der Vorfall spürbar peinlich. "Hunderte von Kunden" nutzen auf ihren Internetseiten diese Technologie und dabei werden die Namen von Flughäfen durch drei Buchstaben ersetzt - den Dreilettercode. Frankfurt etwa heißt "FRA" und Lodz "LJC". "Wir gehen davon aus, dass bei der Übernahme des Dreilettercodes Daten durch einen Suchvorgang im Internet, analog zu Google, eine alte Bezeichnung von Lodz automatisch übernommen wurden", beschreibt er den Vorgang. Und fügt hinzu: "Wir sind eine Travel-Suchmaschine und stellen Inhalte von Dritten dar, für deren Inhalt wir nicht verantwortlich sein können." Deshalb möchte er namentlich nicht genannt werden. Allerdings hat er nach dem Gespräch mit dem Anzeiger sofort reagiert: Der Begriff "Litzmannstadt" wurde gesperrt. Flüge gibt es nun nur noch nach Lodz. Von der Geschichte der Stadt, dem Zwangsnamen und dem Sterben im Ghetto hat er übrigens zuvor nichts gewusst.
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Aus: Gießener Anzeiger, 18.02.2006:
"Man muss nichts Endlösung nennen"
Sprachwissenschaftler Dr. Jörg Riecke von der JLU zur Sprache der Nationalsozialisten - "Kernbegriffe neutral nicht verwendbar"
Von Heidrun Helwig
GIESSEN. Über die Bauarbeiten berichtet der Hochschullehrer mit Begeisterung. Auch wenn sich keineswegs alle Pläne sofort realisieren lassen. "Das ist für diesen Bereich noch nicht die Endlösung", versichert er im Interview. Ganz ohne zu stocken. Auch der Student plaudert unbefangen drauflos und fragt die Journalistin im Anschluss an ihren Vortrag, nach welchen Kriterien "die Selektion" der Nachrichten in der Redaktion abläuft. Und der Polizeipräsident freut sich sichtlich darüber, dass dank der "Einsatzgruppe Innenstadt" die Drogenszene, Obdachlose und Kleinkriminelle aus der Innenstadt hätten zurückgedrängt werden können. Inhaltlich mögen die drei Äußerungen nichts miteinander zu tun haben, doch formal ist ihnen gemein, dass sie Worte beinhalten, die sprachlich mit der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten verknüpft sind. "Endlösung" war der Deckname für Hitlers Pläne zur Ausrottung der europäischen Juden. Über die Dimension dieser verschleiernden Bezeichnung bestand spätestens seit der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 kein Zweifel mehr, auf der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Leiter des Sicherheitsdienstes, der Geheimen Staatspolizei und des Reichssicherheitshauptamtes,die Richtlinien für die "Endlösung der Judenfrage" bekannt gab.
Bei der "Selektion" an der Rampe im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau entschieden SS-Ärzte - unter ihnen der berüchtigte Josef Mengele - welche der aus ganz Europa stammenden Juden als "arbeitsunfähig" direkt in den Gaskammern ermordet wurden und wer als "arbeitsfähig" zunächst ins Lager überstellt wurde.
Die "Einsatzgruppen" waren mobile Einheiten des Sicherheitsdienstes und der Sicherheitspolizei. Zu ihnen gehörten neben SS-Männern aber auch Angehörige der Ordnungs- und Kriminalpolizei. Und nicht wenige Polizeibeamte hatten sich aus Karrieregründen zu diesen Einheiten gemeldet. Die Einsatzgruppen folgten unmittelbar der Wehrmacht und führten vor allem in Polen und Russland hinter der Front einen Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Zivilbevölkerung. Aber auch Sinti und Roma, Geisteskranke und "bandenverdächtige" Zivilisten wurden bei Massenerschießungen und ab November 1941 auch durch den Einsatz von Gaswagen ermordet. Das berüchtigste Massaker ereignete sich Ende September 1941 in der Schlucht bei Babij Jar, in der Nähe von Kiew. Dabei wurden nämlich geradezu im Akkord 33771 Männer, Frauen und Kinder von der Einsatzgruppe C erschossen.
Doch können diese Worte trotz der sprachlichen Verbindung mit dem Nationalsozialismus inzwischen neutral benutzt werden oder gibt es Ausdrücke, die gerade deshalb nicht verwendet werden sollten? Und vor allem wer entscheidet, welche Vokabel zu beanstanden ist und welche nicht? "Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten", betont der Sprachwissenschaftler Dr. Jörg Riecke von der Justus-Liebig-Universität (JLU), im Gespräch mit dem Anzeiger. Denn verbindliche Regeln gibt es nicht dafür, welche Begriffe seit 1945 "verbrannt" sind, welcher "Grundwortschatz zu verbannen ist". Zumal sich die Sprachwissenschaft traditionell mit der Beschreibung der Sprache, mit der Wort- und Satzbildung, mit Bedeutungsverschiebungen und nicht mit der Bewertung von Worten befasst. Deshalb müsse jeder Einzelfall betrachtet werden. Generell aber könnten nicht die "Rechtsnachfolger der Täter" entscheiden, wann die nationalsozialistische Stigmatisierung eines Begriffs aufzuheben ist. "Allenfalls die Nachfahren der Opfer können sagen, jetzt ist es genug." Dabei steht für den Wissenschaftler, der an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Veröffentlichung der Lodzer Ghetto-Chronik mitarbeitet, fest, dass Kernbegriffe der Nationalsozialisten wie "Rasse" oder "völkisch" nicht neutral zu benutzen sind. Auch der Begriff "Endlösung" sei nicht vom millionenfach Mord an den europäischen Juden zu trennen. "Man muss nichts Endlösung nennen." Gleiches gelte zweifelsohne für das Wort "vergasen". Beim Besuch eines Fußballspiels hatte Riecke zufällig mitbekommen, wie ein Akteur sich lautstark über die Leistung seiner Mannschaft ärgerte und schimpfte: "Wir haben Eckbälle bis zur Vergasung geübt, und trotzdem nicht getroffen". Selbst wenn gerade im Sport häufig martialische Begriffe und Formulierungen aus der Militärsprache verwendet werden, sei das Wort "Vergasung" in diesem Zusammenhang inakzeptabel. Und auch das Schlagwort "Einsatzgruppe" im Zusammenhang mit Maßnahmen für Sicherheit und Ordnung in der Innenstadt hält er für bedenklich. "Dadurch werden sprachliche Traditionslinien aufgebaut." Selbst bei grundlegenden inhaltlichen Unterscheidungen. Zahlreiche andere Begriffe hingegen, die zwischen 1933 und 1945 untrennbar zum "Vokabular des Nationalsozialismus" - so auch der Titel des Standardwerks von Cornelia Schmitz-Berning - gehörten, hätten längst ein neutrale Bedeutung zurückgewonnen. Als nur ein Beispiel nannte Riecke "betreuen" und "Betreuung". Beide wurden wie der Zeitzeuge und Philologe Victor Klemperer in "Lingua Tertii Imperii", seinen Beobachtungen über den Sprachverfall im so genannten Dritten Reich, festgehalten hat, "in maßloser Häufigkeit und Überspanntheit angewandt". Wurde damit damals doch die Bedeutung "jemand unter sich haben", "Anweisungsbefugnis besitzen" oder "das Kommando über etwas oder jemanden innezuhaben" verbunden. Betreuung wurde im Zusammenhang mit "Euthanasie" - der Tötung von geistig, psychisch und körperlich behinderten Menschen - ebenso verwendet wie in Tätigkeitsberichten der SS über die Ermordung von nach Minsk deportierter deutscher Juden.
Inzwischen werden mit betreuen und Betreuung neutral und unbefangen pflegende, versorgende und beaufsichtigende Tätigkeiten bezeichnet, so Riecke. Grundsätzlich dürfe man bei der Verwendung von Begriffen, die zum Vokabular der Nationalsozialisten gehörten, "nicht so streng sein." Denn von etlichen Worten sei das gar nicht bekannt. Besonders sensibel hingegen sollte mit "Kernbegriffen" umgegangen werden. Vor allem dann, wenn jemand an der vermeintlich neutralen Verwendung eines Begriffs Anstoß nimmt. "Das ist Zeichen dafür, dass die Verknüpfung zum Nationalsozialismus noch gemacht wird." Und dann solle der Benutzer "die Größe und Souveränität haben", das Wort zu ersetzen. Das Schlagwort "Einsatzgruppe Innenstadt" etwa hat ein Bürger in einem Leserbrief im Anzeiger aufgegriffen und auf die inhaltliche Verknüpfung von Einsatzgruppe zu Endlösung hingewiesen, auf den "kleinen Schritt" nur, der beides voneinander trennt. Deshalb dürfe der Begriff nicht unbefangen benutzt werden. Denn es müsse vermieden werden, "die heutige Polizei auch nur sprachlich in die Tradition der verbrecherischen Einsatzgruppen zu stellen", heißt es in dem Leserbrief. Ein Hinweis, den der Sprachwissenschaftler nachvollziehen kann. "Womöglich muss man unterstellen, dass bei der Polizei wesentliche Kenntnisse bei der Wahl des Begriffs nicht vorhanden waren."
"Einsatzgruppe Innenstadt"
Polizeipräsident Manfred Schweizer weist die Kritik an der Bezeichnung "Einsatzgruppe Innenstadt" entschieden zurückweist. "Der Begriff Einsatzgruppe ist zunächst wertneutral." Denn dieser habe nichts zu tun mit dem Begriff "Einsatzgruppe" der Sicherheitspolizei. Mit der Umschreibung solle das "aktive Handeln" der Polizei hervorgehoben werden. "Wir wollen damit deutlich machen, dass wir als Polizei etwas im Bereich der Innenstadt tun." Dort habe es nämlich zahlreiche Vorkommnisse gegeben, die "präventive Gefahrenabwehr" und repressive Maßnahmen" erfordert hätten. Und dafür sei eine Bezeichnung kreiert worden, die wertneutral sei. "Dieser Bezug zum Nationalsozialismus war uns damals nicht bekannt." Zumal das Wort als taktischer Begriff im polizeilichen Sprachgebrauch in allen Bundesländern verwendet werde. "Wir sind eine weltoffene und wertetreue Polizei." Deshalb habe man "auch Verständnis dafür, wenn jemand sagt: Achtung, das Wort gab es auch mal in einer anderen Bedeutung". Eine Notwendigkeit, den Begriff "Einsatzgruppe Innenstadt" zu verändern, ergebe sich daraus nicht, betont Schweizer. Ähnlich argumentierte der Student, der keinen Unterschied zwischen Auswahl und "Selektion" zu erkennen vermochte. Der Hochschullehrer allerdings war gehörig verunsichert, als die "Endlösung" der Bauarbeiten hinterfragt wurde.
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Aus: Gießener Anzeiger, 17.02.2006:
Bevor die Nazis aus Oswiecim das KZ Auschwitz machten
Die polnische Historikerin Lucyna Filip hat ihre Forschungen über die jüdische
Gemeinde ihrer Heimatstadt an der JLU vorgestellt - Überlebende befragt
GIESSEN (hh). Abraham Baron durfte nur 31 Jahre alt werden. Regina Mader musste im Alter von 26 Jahren sterben. Und Jadwiga Wald wurde mit 17 Jahren ermordet. Die drei kannten sich wahrscheinlich nicht. Aber sie teilten das gleiche Schicksal: Alle drei waren Juden. Alle drei wurden in der polnischen Stadt Oswiecim geboren. Und alle drei wurden dort getötet. Nachdem die Nationalsozialisten aus dem malerischen Ort die deutsche Stadt Auschwitz gemacht hatten. Dieser Name ist seither Synonym für den millionenfachen Mord an den europäischen Juden. Beinahe unbekannt hingegen ist, dass es dort vor dem Zweiten Weltkrieg eine jüdische Gemeinde gab, dass sich dort jüdische Bürger bis 1939 nachhaltig an der Stadtpolitik beteiligten, dass dort jüdische Familien bis zum Einmarsch der Deutschen gleichberechtigt Tür an Tür mit ihren katholischen polnischen Nachbarn lebten. Dieses völlig verschüttete Kapitel der jüdischen Geschichte erzählt Lucyna Filip in ihrem Buch "Juden in Oswiecim 1918 bis 1941", das vor kurzem auf Deutsch erschienen ist und das die polnische Historikerin nun an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU) vorgestellt hat.
Vermittelt hat Lucyna Filip dabei einen Überblick über das jüdische Leben in der polnischen Stadt vom Mittelalter bis heute. Berichtet hat sie, dass die Synagoge Lomdei Misznajot dank Spenden aus aller Welt liebevoll restauriert wurde. Und gezeigt hat sie Fotoaufnahmen von dem Informations- und Dialogzentrum, das dem Gotteshaus angegliedert worden ist, und von den Grabungen auf dem Platz vor der Synagoge. Dort wurde nämlich im Jahr 2004 der "Schatz von Auschwitz" entdeckt: Chanukkaleuchter, eine Menora aus Bronze und andere Gegenstände der jüdischen Liturgie, die kurz nach der deutschen Besetzung vergraben worden waren. Und dann baut sich auf der Wand im schmucklosen Seminarraum des Gießener Philosophikum I das "Nicht vollständige Verzeichnis der in Oswiecim geborenen Juden, die im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben kamen" auf. Erscheinen im strahlenden Licht des Projektors nacheinander die Namen und Daten von Männern, Frauen und Kindern, die an ihrem Geburtsort den Tod fanden. Darunter auch Abraham Baron, Regina Mader und Jadwiga Wald.
Konzentriert hatten die zahlreichen Besucher der polnischen Historikerin bis dahin schon zugehört. Nun aber wird es absolut still. Kein Rascheln. Kein Husten. Kein Flüstern. Nur das
Summen des Laptops ist zu hören.
Erniedrigung und Mord
Denn allen ist klar: Jeder Name erzählt eine traurige Geschichte. Jeder Name steht für Erniedrigung und Mord. Und Lucyna Filip fügt hinzu, dass noch lange nicht alle Namen bekannt sind. Das Verzeichnis womöglich nie vollständig sein wird. Auch sie wurde in der polnischen Stadt Oswiecim geboren, viele Jahre nach Ende des Zweiten. Weltkrieges. Und als Wissenschaftlerin arbeitet sie seit rund 20 Jahren in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Doch dass es in ihrer Heimatstadt vor 1939 eine blühende jüdische Gemeinde gegeben hat, dass von den rund 12000 Einwohnern etwa 7000 jüdischen Glaubens waren, hat sie selbst durch einen Zufall erfahren. "Bei einem Besuch in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem habe ich die Künstlerin Gusta Berlinska kennengelernt", schildert sie. Erst von ihr hat die Historikerin von den verschwundenen jüdischen Bewohnern Oswiecims erfahren. Für die hatte sich lange Jahre in Polen - nicht zuletzt wegen des deutlich spürbaren Antisemitismus in dem ehemals kommunistischen Staat - niemand interessiert. Literatur gibt es kaum, die spärlich überlieferten Quellen sind verstreut und von den wenigen Juden aus Oswiecim, die den Holocaust überlebt haben, schon zu viele gestorben, bevor sie jemand nach ihren Erinnerungen gefragt hat. Deshalb hat Lucyna Filip selbst begonnen, die Geschichte ihrer Heimatstadt zu erforschen. Mehr als zehn Jahre lang hat sie Dokumente aufgespürt und nach Überlebenden gesucht, hat sie Archive bereist und Gespräche in aller Welt geführt. Denn nur wenige Juden aus Oswiecim sind nach dem Krieg in die Stadt zurückgekehrt und eine jüdische Gemeinde gibt es dort schon lange nicht mehr. Einige der Überlebenden des Holocausts haben erst nach den Gesprächen mit Lucyna Filip die Kraft gefunden, an ihren Geburtsort zurückzukehren und dabei auch die Gedenkstätte zu betreten. Und mit vielen verbindet sie inzwischen eine tiefe Freundschaft. Drei von ihnen stellt die Historikerin in ihrem Vortrag vor, liest Passagen aus ihrem Buch, die von Gusta Berlinska, Jacob Hennenberg und Helene Blass berichten. Auch diese drei teilen das gleiche Schicksal: Denn sie wurden alle drei in der südpolnischen Stadt nahe Krakau geboren. Alle drei haben zahlreiche Angehörige in deutschen Konzentrationslagern verloren. Und alle drei können sich nur zu gut noch daran erinnern, was Oswiecim war, bevor es Auschwitz wurde.
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Aus: Allgemeine Zeitung Mainz, 7.1.2006:
“In dieser Kombination einmalig“
Arbeitsgruppe der Uni gießen will 2007 wissenschaftliche Edition der „Kellner-Diaries“ vorlegen
Die Arbeitsstelle für Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen bereitet eine wissenschaftliche Edition der Kellner-Tagebücher vor. Wir sprachen mit dem Leiter der „AG Kellner“, dem Germanisten Dr. Sascha Feuchert.
Interview
Frage: Worin liegt die Bedeutung der “Kellner-Diaries” im Vergleich zu berühmten Tagebüchern aus der NS-Zeit wie denen des Viktor Klemperer?
Feuchert: Drei Aspekte. Erstens Kellners Stellung als Justizinspektor am Amtsgericht Laubach; er hat Einblick in den Justizapparat. Zweitens bleibt er geistig absolut oppositionell und permanent vom Konzentrationslager bedroht. Er gilt als Querulant: Jemand wie er nimmt beim Schreiben keine Rücksicht. Drittens die Form des Tagebuch – auf der einen Seite die offizielle Stimme des Regimes in Form von eingeklebten Zeitungsartikeln, daneben die von Friedrich Kellner, der sagt, wie es wirklich ist. In dieser Kombination sind die Tagebücher einmalig.
Frage: Wie kam der Kontakt zwischen Scott Kellner und Ihnen zustande?
Feuchert: Eigentlich war es Zufall. Während meines Urlaubs im Frühjahr las ich eine Meldung im „Spiegel“. Den Namen Friedrich Kellner kannte ich, schließlich bin ich selbst Laubacher und wusste, dass er hier ein bekannter Sozialdemokrat war. Aber von den Tagebüchern hatte ich bis dahin nichts gehört. Da habe ich mir gedacht: Dem Scott Kellner, dem schreibe ich mal.
Frage: Die Publikation, an der Sie arbeiten, soll 2007 fertig sein. Steht der Zeitplan?
Feuchert: Wie haben mit Scott einen Vertrag über zwei Jahre abgeschlossen. Noch sind wie in der Vorlauf-Phase und müssen vor allem Drittmittel beschaffen. Wie benötigen etwa 150 000 Euro. Wie schnell wir voran kommen, hängt davon ab, wie lange wir brauchen, das Geld zusammen zu bekommen.
Frage: Wie hat man sich die Ausgabe vorzustellen? Werden es mehrere Bände und wird man sie im Buchhandel bekommen?
Feuchert: Ja, es wird eine Leseausgabe sein, wissenschaftlich kommentiert. Wir stehen in Verhandlungen mit Verlagen. Es werden eher zwei Bände, wegen der Masse an Text. Eine Vollzeitkraft wird zwei Jahre Kontextrecherche betreiben, zum Vergleich ziehen wir auch zwei Tagebücher aus der Region heran, die von Hitler-Anhängern stammen. Das ist hochinteressant: Zum Teil schreiben sie über die selben Sachen, aber völlig unterschiedlich kommentiert. Es wird auch eine umfangreiche Dokumentation enthalten sein und das Vorwort auf die Geschichte der Kellner-Tagebücher eingehen, die allein schon spannend ist wie ein Krimi.
Das Interview führte Frank Schmidt-Wyk
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Aus: Allgemeine Zeitung Mainz, 07.01.2006:
„Gebrauche es wie eine Waffe“
Die Tagebücher des Friedrich Kellner – Dokument des inneren Widerstands
Kurz vor seinem Tod drückt Friedrich Kellner1968 in Mainz seinem Enkel Scott einen Schatz in die Hand: ein Tagebuch, heimlich geführt in der Nazi-Diktatur. Für den Texaner Scott Kellner (64) ist die Veröffentlichung des Zeitdokuments zur Lebensaufgabe geworden. In der „George Bush Presidential Library and Museum“ in Texas wurde es bereits ausgestellt, an der Uni Gießen wird derzeit eine Publikation vorbereitet.
Von Frank Schmidt-Wyk
Ausgerechnet hier. Ein Trafohäuschen vor dem Seniorenheim in der Mainzer Göttelmannstraße. Auf die Stahltür hat jemand ein Hakenkreuz gesprüht und: „Juden raus“. Für Prof. Scott Kellner keine große Sache – einerseits. Es ist das einzige Mal, dass er auf Nazi-Propaganda stößt, während er für ein paar Wochen Deutschland besucht. „Wir haben zu Hause auch Probleme mit so was. Ich bin nicht hier, um den Finger zu heben.“ Andererseits: Für den 64-Jährigen ist der Anblick schon erschütternd. In dem Seniorenheim hatte ihm der Großvater 1968 sein Vermächtnis übergeben, ein zehnbändiges Tagebuch, heimlich geschrieben in den Jahren des Zweiten Weltkriegs 1939 bis 1945. „Gebrauche es wie eine Waffe gegen den Neo-Faschismus“, sagte Friedrich Kellner seinem Enkel damals. Die Schmiererei an diesem Ort zeigt Scott Kellner 37 Jahre später vor allem eines: Wie wichtig es ist, diese Waffe endlich scharf zu machen, sie unter die Menschen zu bringen.
Friedrich Kellner, geboren 1885, blieb auch in der Diktatur des Nationalsozialismus nicht nur ein der Moral und Gerechtigkeit verpflichteter, sondern auch ein denkender Mensch – was ihn von vielen Zeitgenossen unterschied. Er hatte das menschenverachtende Wesen des Nationalsozialismus früh erkannt und nicht gezögert, sich ihm in den Weg zu stellen. Damals, in der Phase des Übergangs von der Weimarer Republik zur Diktatur, Anfang der 30er Jahre, warb Kellner Mitglieder für die Mainzer SPD, ging in die Gaststätten, hielt Reden auf öffentlichen Plätzen. Reden gegen Hitler. Wegen seiner bekannt regimefeindlichen Einstellung wurde er 1933 , nach der Machtergreifung, von seinem Posten als Justizbeamter am Amtsgericht davon gejagt.
Mit Frau Pauline und dem einzigen Kind Friedrich fand Kellner in Laubach bei Gießen eine neue Heimat und eine Anstellung als Geschäftstellenleiter des dortigen Amtsgerichts. Um ihn dem Einfluss der Nazis zu entziehen, schickte er seinen Sohn 1935 in die USA, wo 1941 Scott zur Welt kam. Als Hitler 1939 den Krieg vom Zaun brach, ging Friedrich Kellner senior daheim in Laubach in den inneren Widerstand und dazu griff er einfach zu Stift und Papier. So steht es auf dem Einband der Tagebücher: „Mein Widerstand“ und so begriff Friedrich Kellner seine heimliche Schreiberei – öffentliche Agitation gegen das Regime wäre im SS-Staat Selbstmord gewesen. Gleichwohl wusste Kellner genau, dass ihm der Henker, mindestens das Konzentrationslager drohte, würden seine Kladden entdeckt. Denn was er da zu Papier brachte, war in der Lesart der Machthaber nichts anderes als Hochverrat und Wehrkraftzersetzung.
Nach dem Krieg übernahm Sozialdemokrat Friedrich Kellner eine tragende Rolle in der Kommunalpolitik, doch die Tagebücher blieben sein Geheimnis – bis 1960 überraschend Enkel Scott aus Amerika vor der Tür stand, den der Großvater bis dahin nie gesehen hatte. Sie ihm anzuvertrauen, dazu rang er sich erst acht Jahre später durch – in Mainz, wohin Friedrich und Pauline Kellner inzwischen zurückgekehrt waren.
Rund 700 Eintragungen in zehn Bänden kamen in den letzten sechs Jahren des „Dritten Reichs“ zusammen. Anders als der jüdische Dresdner Professor Viktor Klemperer in seinem berühmten Geheim-Tagebüchern, schrieb Kellner weniger über den Alltag als über große Politik. Vor allem ging es ihm darum, die allgegenwärtige Propaganda als Lügenmaschinerie zu entlarven. Dazu bediente er sich einer Art Collagentechnik, konfrontierte die offizielle Wahrheit in Form von Zeitungsartikeln und Zitaten mit eigenen Wahrnehmungen – denen eines Justizbeamten, der auch Einsicht in Polizei- und Gerichtsakten hatte. Und das macht die Tagebücher des Friedrich Kellner nach Ansicht von Experten so wertvoll.
Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen bereitet eine wissenschaftliche Edition vor – im Jahr 2007 soll es so weit sein. Längst nicht der einzige Erfolg, den Scott Kellner bei der Verwirklichung seiner Lebensaufgabe vorweisen kann: Im Heimatmuseum Laubach war in diesem Herbst eine Ausstellung zu sehen, für den Sommer 2006 ist eine im Holocaustmuseum von Houston, Texas geplant. Danach sollen die Tagebücher auf eine Tournee durch weitere amerikanische Museen gehen und auch den Weg nach Europa antreten. Und Scott Kellner hatte wegen einer Verfilmung sogar mal Kontakt mit Hollywood-Star Kirk Douglas aufgenommen: Der signalisierte Interesse, hätte dazu aber gerne mit dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington zusammengearbeitet. Das Projekt scheiterte, weil Scott Kellner die Tagebücher nicht aus der Hand geben wollte; Auszüge sollen aber demnächst in bestehende Dauerausstellungen des Museums integriert werden. Außerdem hat der Enkel erreicht, dass die „Kellner Diaries“ in seiner Heimatstadt College Station in der „George Bush Presidential Library and Museum“ des Präsidentenvaters George Bush senior für zwei Monate gezeigt wurden.
Als Scott Kellner im September für einige Tage nach Deutschland kam, unter anderem, um in Mainz auf Spurensuche zu gehen und die Ausstellung in Laubach zu besuchen, hatte er ein Team der TV-Gesellschaft CCI Entertainment mit Sitz in Toronto im Schlepptau. Konzernchef Leonard Asper will die Tagebücher im Kanadischen Museum für Menschenrechte zeigen, dessen Fertigstellung für das Jahr 2009 erwartet wird. Für den CCI-Dokumentarfilm „Mein Widerstand – Die Tagebücher des Friedrich Kellner“, der später weltweit vermarktet werden soll, drehten die Kanadier auch an den Mainzer Stätten auf dem Lebensweg des Friedrich Kellner: am Amtsgericht, auf dem Markt, an seinem Urnengrab auf dem Hauptfriedhof. Ja, und auch das werden die Fernsehbilder zeigen: ein Hakenkreuz auf der Stahltür einer Trafostation.
Internet
Website der Kellner-Tagebücher der „Bush Presidential Library and Museum“ an der A&M University in Texas: www.bushlibrary.tamu.edu/exhibits/kellner.php