am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Lernt, zu einem Unrecht „Nein“ zu sagen!

18.02.2015

Die Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn besuchte die Klasse 10e der Eichendorffschule in Wetzlar

Trude Simonsohn hat das Getto Theresienstadt und das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Von diesen Erlebnissen und ihrem Leben während der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust berichtete sie am 18. Februar den Schülerinnen und Schülern der Klasse 10e der Eichendorffschule in Wetzlar auf Initiative der Arbeitsstelle Holocaustliteratur  (JLU Gießen) in Kooperation mit der Lagergemeinschaft Auschwitz und der Geschichtslehrerin Frau Julia Mandler der Klasse 10e.

Schon als Trude Simonsohn ihren Platz im Stuhlkreis einnahm, herrschte unter den Schülerinnen und Schülern gespannte Stille.

Trude Simonsohn erzählte zunächst von ihrer Kindheit und Jugend. Sie wurde 1921 in Olmütz, was damals noch zur ehemaligen Tschechoslowakei gehörte, in ein liberales jüdisches Elternhaus geboren, wo sie zweisprachig aufwuchs und ein deutsches Gymnasium besuchte. Sie war außerdem in der zionistischen Jugendbewegung aktiv. Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1939 änderte sich ihr Leben schlagartig. Simonsohn musste das Gymnasium ohne Abschluss verlassen und kurze Zeit später wurde ihr Vater verhaftet. Er kam zunächst in das Konzentrationslager Buchenwald und wurde schließlich im KZ Dachau ermordet. Trude Simonsohn und ihre Mutter mussten die Wohnung in Olmütz räumen und teilten sich bis zum Sommer 1942 ein Zimmer in einem sogenannten Judenhaus. Obwohl die zionistische Jugendarbeit inzwischen verboten war, setzte Simonsohn ihre Tätigkeit fort; 1942 wurde sie verraten und festgenommen. Fälschlicherweise kommunistischer Tätigkeiten beschuldigt, wurde sie zunächst in einem Gefängnis und nicht in einem Arbeits- oder Konzentrationslager inhaftiert. Ihre Haft, die sie teilweise in völliger Isolation verbringen musste, sei, so schilderte Simonsohn den Schülerinnen und Schülern, eines ihrer schlimmsten Erlebnisse gewesen, denn in dieser Zeit sei ihre Mutter nach Theresienstadt deportiert worden und sie habe vom Tod ihres Vaters erfahren. Vom Gefängnis aus wurde Simonsohn schließlich nach Theresienstadt deportiert, wo sie ihre Mutter wiedertraf und auch ihren späteren Mann, Berthold Simonsohn, kennenlernte. Nur wenig später wurde die Mutter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. 1944 wurden auch Simonsohn und ihr Mann nach Auschwitz gebracht. Von dort, so erzählt Simonsohn, habe sie kaum noch Erinnerungen: „Ich kann mich nur noch an die Ankunft erinnern und daran, dass mein Mann und ich uns das Versprechen gaben, dass falls wir überleben sollten, wir uns in Theresienstadt wiedertreffen, aber auch das stundenlange Appelstehen, habe ich nicht vergessen“.

Von Auschwitz aus wurde Trude Simonsohn nach Kurzbach, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, deportiert und musste dort harte körperliche Arbeit verrichten. Allerdings gelang ihr mit einigen Mitgefangenen die Flucht. Kurz vor Ende des Krieges wurden sie und ihre Mitflüchtlinge jedoch erneut festgenommen und nach Merzdorf, einem weiteren Außenlager des KZ Groß-Rosen, gebracht. Dort, so berichtet sie, trafen sie auf Frauen, die wie sie selbst in Auschwitz und Theresienstadt gewesen waren: „Sie haben uns angeschaut und überhaupt nicht verstehen können, wieso wir so anders ausgeschaut haben, uns so anders bewegt haben, so anders miteinander gesprochen haben als sie. Wir waren auch vollkommen anders, denn im Gegensatz zu ihnen hatten wir in der Illegalität die Freiheit erlebt.“
Trude Simonsohn und ihre Mitgefangenen wurden schließlich von der sowjetischen Armee befreit. Auch Berthold Simonsohn überlebte, und das Paar konnte sich seinem gegenseitigen Versprechen gemäß nach Kriegsende in Theresienstadt wiederfinden.

Nachdem Simonsohn ihre Erzählung beendet hatte, bekamen die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, Fragen zu stellen. Auf ihre Empfindungen nach der Befreiung angesprochen, antwortete Simonsohn: „Erstmal war ich unendlich glücklich, das Ganze überlebt zu haben. Doch dann musste ich mich der Realität stellen und das war schlimm. Gut war allerdings, dass mein Mann darauf beharrt hat, über all unsere Erlebnisse zu sprechen, damit wir damit besser fertig werden konnten.“ Ebenso interessierte die Schülerinnen und Schüler, ob Simonsohn bei ihren Zeitzeugengesprächen an Schulen auch mit taktlosen Fragen konfrontiert würde. Dies sei jedoch nicht der Fall, versicherte sie: „Ich spreche seit 1978 immer wieder mit Schulklassen über meine Geschichte und wurde noch nie etwas gefragt, was taktlos gewesen wäre. Aber ich bin der Überzeugung, dass dies daran liegt, dass die Schulklassen sich zuvor immer mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust auseinandergesetzt haben. Allerdings, und dass hat mich sehr berührt, wurde ich einmal von einem Schüler gefragt, was ich ihnen mit auf dem Weg geben kann. Hier gab ich den Schülern die Antwort, was ich euch auch gerne mit auf den Weg geben würde, dass ihr lernt, zu einem Unrecht Nein zu sagen. Auch heutzutage gibt es überall noch Unrecht und Gruppenzwang. Man muss lernen, sich dagegen zu wehren, auch auf die Gefahr hin, von der Gruppe gemieden zu werden.“

Auch am Ende des Gesprächs war den Schülerinnen und Schülern der Klasse 10e noch anzumerken, wie sehr sie die Geschichte Trude Simonsohns bewegt und berührt hat. Denn, so fasste einer der Schüler zusammen: „Kein Buch kann solche Gefühle vermitteln“.



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