am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Die Chronisten des Gettos

Foto von Dr. Oskar Singer vor dem Krieg in Prag. (c) Ervin Singer
Foto von Dr. Oskar Singer vor dem Krieg in Prag. (c) Ervin Singer

Dr. Oskar Singer

Der Schriftsteller, Journalist und Jurist Dr. Oskar Singer wurde am 24. Februar 1893 in Ustroń (heute Polen) geboren und gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg in Prag zu den führenden Persönlichkeiten des jüdischen Lebens. Er war engagierter Zionist und trat auch künstlerisch als entschiedener Nazi-Gegner auf: Sein 1935 uraufgeführtes Drama "Herren der Welt. Zeitstück in drei Akten" ist ein eindrucksvolles Zeugnis dieses Widerstands. Dort nimmt Singer bereits vier Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs viele Grausamkeiten vorweg, die der Nationalsozialismus mit sich bringen sollte.

Schon früh hatte sich Singer literarisch mit seiner Zeit auseinandergesetzt: Nach seinem Jura-Studium in Wien war als Leutnant in den Krieg gezogen. In seinem Drama "Landsturm" aus dem Jahre 1916/17 äußerte er sich kritisch über die Zustände in der k.u.k.-Armee. Die Titel zweier weiterer Theaterstücke sind bekannt, die Texte heute jedoch leider nicht mehr aufzufinden: das Drama "Jerusalem" und die Komödie "Rosenbaum contra Rosenbaum".




Im Oktober 1941 wurde Singer – zu dieser Zeit Chefredakteur des von den Deutschen gegründeten "Jüdischen Nachrichtenblatts" – zusammen mit seiner Familie nach Lodz/Litzmannstadt deportiert. Dort gelang es ihm, Anstellung im "Archiv des Judenältesten" zu finden, in der er schließlich Leiter der Chronik-Redaktion wurde. Die Aufgabe dieser Abteilung war es, Quellen "für zukünftige Gelehrte, die das Leben einer Jüdischen Gemeinschaft in einer ihrer schwersten Zeiten studieren" bereitzustellen,  wie es Henryk Neftalin, der Gründer des Archivs, formulierte. Mehr noch: Eine "Schatzkammer für zukünftige Historiker" sollte sie sein – so der erste Direktor der Abteilung, Jozef Klementynowski. In ihren Zielen ähnelte das Archiv durchaus jenen der Oneg Schabbat-Gruppe um Emanuel Ringelblum im Warschauer Getto – allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Mitarbeiter des Lodzer Archivs waren anders als die jene in Warschau ganz offiziell "Beamte" der scheinbaren jüdischen Selbstverwaltung und damit auch deren Sicht der Dinge weitgehend verpflichtet. Das bedeutete vor allem, dass in den erstellten Texten der von den Nationalsozialisten ernannte "Älteste der Juden", Mordechai Chaim Rumkowski, kaum kritisiert werden konnte.

Ähnlich wie sein Kollege Oskar Rosenfeld schrieb auch Singer im Getto Texte, die nicht Teil seiner offiziellen Arbeit an der Chronik waren. 2002 erschienen seine bemerkenswerten Reportagen und Essays "Im Eilschritt durch den Gettotag" sowohl auf Deutsch als auch auf Polnisch.

Im August 1944 wurde Oskar Singer zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Es gelang ihm, das Lager und einen Todesmarsch zu überleben. Er starb im Dachauer Außenlager Kaufering vermutlich im Dezember 1944. Seine Tochter Ilse und sein Sohn Ervin überlebten den Holocaust.

Primärliteratur:

  • "Hellseher Halmström" (Hörspiel; gesendet am 8. Februar 1935 im Prager Rundfunk).
     
  • "Herren der Welt: Zeitstück in drei Akten", Prag: Refta-Verlag, 1935. Neu hrsg. von Sascha Feuchert, Hamburg: Forschungsstelle für Exilliteratur, 2001.
     
  • "'Im Eilschritt durch den Gettotag…' Reportagen und Essays aus dem Getto Lodz", hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke sowie Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska und Krzysztof Woźniak, Berlin: Philo-Verlagsanstalt, 2002.
     
  • "'Przemierzając szybkim krokiem getto…'. Reportaże i eseje z getta łodzkiego", Łódź: Oficyna Bibliofilów, 2002. 

Sekundärliteratur:

  • "Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt", 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen: Wallstein, 2007.
     
  • F. B.: "Singers 'Herren der Welt'", in: „Die Kritik“, 10/1935, S. 14.
     
  • Feuchert, Sascha: "Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur", Frankfurt am Main: Peter Lang, 2004 (=Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).
     
  • "Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944". Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź: Archivum Panstwowe w Lodzi/Wydawnictwo Uniwersytetu Lodzkiego, 2009.
Dr. Oskar Rosenfeld
Dr. Oskar Rosenfeld

Dr. Oskar Rosenfeld

Der am 13. Mai 1885 in Koryčany (Tschechien) geborene Oskar Rosenfeld war Zeit seines Lebens ein geachteter Journalist, Romancier und Literaturkritiker. Bereits während seines Studiums der Kunstgeschichte und Philologie in Wien (1902-1908) machte er die Bekanntschaft Theodor Herzls, der ihn tief prägte und für die Mitarbeit an zwei zionistischen Zeitschriften gewinnen konnte.  Rosenfeld setzte sich bereits in dieser Frühzeit seines Schaffens für die jüdfoische Kultur ein, besonders trieb ihn die Frage nach dem Wesen einer eigenständigen jüdischen Literatur um. 1909 gründete er zusammen mit Adolf Stand, Egon Brecher, Hugo Zuckermann und Leo Goldhammer das erste jüdische Theater in Wien, die „Jüdische Bühne“. Das Hauptziel dieses Ensembles war, anspruchsvolle jüdische Stücke auf Deutsch zu inszenieren. Hier wirkte Rosenfeld sowohl als Regisseur und Dramaturg als auch als Schauspieler mit. Etwa zwischen 1917 und 1937 übersetzte Rosenfeld zudem Werke anderer jüdischer Autoren aus dem Jiddischen, Französischen und Amerikanischen. In den 20er und 30er Jahren hielt er mehrere Vorträge in den zionistischen Verbänden in Wien. 

Zwischen 1904 und 1938 schrieb Rosenfeld für die folgenden Zeitungen und Zeitschriften und publizierte dort neben journalistischen Texten auch eigene kurze literarische Werke: „Die Welt“ (1904-1906, 1910-1911), „Unsere Hoffnung. Zeitschrift für die reifere jüdische Jugend“ (1905-1909), „Der Merker. Österreichische Zeitschrift für Musik und Theater“ (1911, 1913), „Pester Lloyd“ (1918), „Frankfurter Zeitung“ (1918), „Esra“ (1919), „Menorah“ (1923), „Wiener Morgenzeitung“ (1923-1927) und „Die Neue Welt“ (1928-1938). Etwa 800 Artikel, Essays oder Feuilletons Rosenfelds aus den oben genannten Medien wurden im Rahmen des Dissertationsprojektes von Sascha Feuchert und im Laufe des Projektes „Schreiben im Holocaust“ an der Universität Heidelberg ermittelt.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich musste Rosenfeld mit seiner Frau nach Prag emigrieren, wo er weiterhin journalistisch tätig war. Wahrscheinlich hier machte er schon die Bekanntschaft des zweiten späteren Chronisten, Oskar Singer. Nach der Besetzung Prags arbeitete Rosenfeld  für das von den Deutschen gegründete „Jüdische Nachrichtenblatt“, dessen Chefredakteur Singer war.

Oskar Rosenfeld war aber auch ein erfolgreicher Schriftsteller, so veröffentlichte er die Novelle „Mendl Ruhig“, die Novellensammlung „Tage und Nächte“ und den Roman „Die vierte Galerie. Ein Wiener Roman“, der überaus positiv von Max Brod rezensiert wurde. Ein immer wiederkehrendes Motiv in diesen Werken ist die Frage nach der jüdische Identität. Doch sind die Werke auch im Fin de Siècle verwurzelt und setzen sich mit den typischen Themen der Wiener Moderne auseinander.   

Im November 1941 wurde Rosenfeld in einem der Prager Transporte in das Getto Lodz/Litzmannstadt deportiert - seine Frau konnte noch rechtzeitig nach London entkommen. Am 4.  Juni 1942 gelang es ihm, im "Archiv des Judenältesten" eine Anstellung zu finden und als Redakteur an der Chronik mitzuwirken.  Auch an dem zweiten großen Projekt des Archivs, der "Getto-Enzyklopädie" war Rosenfeld maßgeblich beteiligt.

Neben dieser offiziellen Tätigkeit entstand im Verborgenen auch sein Tagebuch, das unter dem Titel "Wozu noch Welt. Aufzeichnungen aus dem Getto Lodz" von Hanno Loewy herausgegeben wurde.

Oskar Rosenfeld wurde im August 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort umgebracht. 

Primärliteratur:

  • "Mendl Ruhig", Heidelberg: Saturn Verlag Hermann Meister, 1914.
     
  • "Tage und Nächte", Leipzig: Ilf-Verlag, 1920.
     
  • "Die vierte Galerie. Ein Wiener Roman", Wien: Heller, 1910.
     
  • "Wozu noch Welt. Aufzeichnungen aus dem Getto Lodz", hrsg. von Hanno Loewy, Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik, 1994.

Sekundärliteratur:

  • "Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt", 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen: Wallstein, 2007.
     
  • Feuchert, Sascha: "Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur", Frankfurt am Main: Peter Lang, 2004 (=Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).
     
  • "Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944". Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź: Archivum Panstwowe w Lodzi/Wydawnictwo Uniwersytetu Lodzkiego, 2009.

Alice Chana de Buton

Das Leben von Alice Chana de Buton, der einzigen Redakteurin der Chronik, war bislang so gut wie unbekannt. In der Forschung kursierten gar mehrere mehrere Varianten ihres Namens: Alicja de Bunon, Alicja de Bunom oder Alicia de Bunan. Erst durch die Recherchen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur konnte eine Biographie zu dem Chronikkürzel „A.B.de“ ermittelt werden: Alice Chana de Buton, geboren 1901 in Berlin. 1921 verließ sie die Stadt und zog nach Wien, wo sie die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt. Dort lebte sie bis zum September 1924. Danach verliert sich ihre Spur in Österreich: Erst im September 1932 kehrte sie nach Wien zurück. Als Beruf gab sie dann „Privatbeamtin“ an. Wie aus einem Text „Wie arbeitet der Neueingesiedelte im Getto“ der Autorin von 1942 ersichtlich ist, war sie eine „preisgekrönte Sekretärin“, die einen Schreibmaschinenwettbewerb gewonnen hat. Mehrfach zog sie dann innerhalb Wiens um und wurde schließlich am 16. Oktober 1941 mit dem 1. Wiener Transport in das Getto Lodz/Litzmannstadt deportiert.

Hier nun Auszüge aus dem genannten Text der Autorin, indem sie über ihre Arbeit im Archiv berichtet und über sich selbst in der dritten Person referiert:

"Die Prüfung seines [d.i. Rumkowskis] Sekretärs, der sich nach Durchsicht der Zeugnisse aus Wien, die eine gute Rekommandation waren, von deren Stichhältigkeit überzeugte und die nachherige Generalprobe vor dem Leiter, dem Rechtsanwalte Henryk Neftalin selbst, wurden glatt bestanden. Die ebenfalls aus einer Anwaltskanzlei kommende Sekretärin hatte sein Vertrauen gewonnen. […] Also: 'Auf Grund der Verfügung des Herrn Präses werden Sie ab 8.12.1941 von der Abteilung für die Eingesiedelten in die Evidenz-Abteilung Kirchplatz 4 übertragen und dem Archiv in der Funktion einer selbstständigen Korrespondentin-Maschinistin zugeteilt'. Wer die Wahl hat, hat die Qual! – das trifft auch bei einer deutschen Blindschreiberin zu, die auf einer polnischen Maschine tanzen soll, wenn ihre Finger automatisch nach den deutschen Buchstaben greifen und an deren Stelle ein polnisches e oder s, ein Ł statt des L tippen. Man verklopft sich oft und ist doch an flinkes, fehlerfreies Schreiben gewöhnt. Aber mit der Zeit gewöhnt sich die Hand auch an die polnische Tastatur. […] Es kostet viel Energie, sich hier zu behaupten, viel Nerven und fleissiges, unermüdliches Arbeiten oft bis spät in den Abend. Alles 'mit einer Suppe täglich' […]. Für 'Die tüchtigste Sekretärin Wiens' – so hiess der Titel des seinerzeitigen Wettbewerbes – darf es keine Schwierigkeit und keine Müdigkeit geben, selbst dann nicht, wenn der durch die Winter- und Hungermonate geschwächte Organismus in Form von Unpässlichkeiten seine Rechte fordern will. Noch ein paar Kilogramm weniger, - aber die Arbeit wird geleistet. Und zwar restlos […]."

Der letzte Hinweis auf Alice de Buton findet sich in den privaten Aufzeichnungen von Oskar Rosenfeld kurz vor der Räumung des Gettos. Wahrscheinlich wurde sie mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert. Es muss angenommen werden, dass sie den Holocaust nicht überlebt hat.

Sekundärliteratur:

  • "Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt", 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen: Wallstein, 2007.
     
  • Feuchert, Sascha: "Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur", Frankfurt am Main: Peter Lang, 2004 (=Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).
     
  • "Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944". Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź: Archivum Panstwowe w Lodzi/Wydawnictwo Uniwersytetu Lodzkiego, 2009. 
     
  • Janssen-Mignon, Imke: "Die Lodzer Getto-Chronik und ihre Autoren". Magisterarbeit, Gießen: 2003.

Dr. Bernard Heilig

Ein weiterer Chronist im Getto war Bernard Heilig, der vor dem Krieg als Geschäftsmann und Wirtschaftshistoriker tätig war. Zu seinen Forschungsgebieten zählte besonders die jüdische Wirtschaftsgeschichte Mährens. Er trat mit Veröffentlichungen über die Textilindustrie und die Geschichte der tschechoslowakischen und österreichischen Wirtschaft hervor.

Bernard Heilig wurde am 21. September 1902 in Prostejov (Tschechien) geboren. Im Jahr 1920 bestand er das Abitur, besuchte danach die tschechische Handelsakademie und arbeitete zwischen 1921-23 in verschiedenen Industriebetrieben. Dann studierte er in Nürnberg und Basel Nationalökonomie und wurde 1927 zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert. Er verließ die Schweiz und ging nach Paris. Dort verliert sich seine Spur. Erst im September 1930 tauchte er wieder in Wien auf und bezeichnete sich nun als "wissenschaftlicher Schriftsteller": Zwischen 1927 und 1936 verfasste Bernard Heilig mehrere Aufsätze und Rezensionen, die in verschiedenen Sammelbänden veröffentlicht wurden. Er verließ Wien in Richtung Prag und wurde im Oktober 1941 mit dem II. Prager Transport in das Getto Litzmannstadt deportiert. Im Februar 1942 erhielt er eine Anstellung im Archiv. Ein Jahr später erkrankte er an Tuberkulose; er starb am 29. Juni 1943 an den Folgen der Krankheit.

Dr. Oskar Rosenfeld widmete Bernard Heilig in dem Eintrag der Getto-Chronik vom 30. Juni 1943 einen Nachruf:

"Mit Dr. Bernhard Heilig hat unsere Abteilung […] im Verlauf des heutigen Jahres den dritten Mitarbeiter verloren […]. In unserer Abteilung beschaeftigte sich der Verstorbene u.a. mit dem Schicksal der hier eingesiedelten Juden des Westens […]. Durch das Hinscheiden Dr. Heiligs [ist] eine Luecke entstanden, die nur schwer ausgefuellt werden kann. […] Dr. Heiligs schriftstellerische Taetigkeit beruhte auf reicher praktischer Erfahrung […]. Dieselbe Gewissenhaftigkeit und Fachkenntnis, die Dr. Heilig als Autor auszeichneten, hat er auch als Mitarbeiter unserer Abteilung an den Tag gelegt. Seine persoenliche Liebenswuerdigkeit, der Ernst seines Wesens verbunden mit kollegialer Gesinnung haben ihm auch ausserhalb […] viele Freunde erworben. Dr. Heilig ist, nachdem er schon infolge der katastrophalen Lage im Kollektiv an seiner Gesundheit schwer geschaedigt war und infolgedessen haeufig kraenkte, im Maerz 1943 schwer erkrankt. Die Unterernaehrung hatte eine Tuberkulose zur Folge, obwohl seine Gattin Vera Heilig heldenmutig um das Leben ihres Mannes kaempfte und alles opferte, was ueberhaupt noch zu opfern war, war das Schicksal, wie das hier im Getto nicht anders denkbar ist, leider nicht aufzuhalten. Wir haben unseren Kollegen Dr. B. Heilig heute Mittwoch den 30. Juni in aller Stille zur Ruhe gebettet. Ehre seinem Andenken.“

Sekundärliteratur: 

  • "Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt", 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen: Wallstein, 2007.
     
  • Feuchert, Sascha: "Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur", Frankfurt am Main: Peter Lang, 2004 (=Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).
     
  •  "Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944". Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź: Archivum Panstwowe w Lodzi/Wydawnictwo Uniwersytetu Lodzkiego, 2009.
     
  •  Janssen-Mignon, Imke: "Die Lodzer Getto-Chronik und ihre Autoren." Magisterarbeit, Gießen: 2003.
Dr. Peter Wertheimer
Dr. Peter Wertheimer

Dr. Peter Wertheimer

Der fünfte Chronist, Dr. Peter Wertheimer, muss auch trotz intensivster Recherche weiterhin fast ein Unbekannter bleiben. Die nationalsozialistischen Vernichtungsmaßnahmen haben nicht nur den Menschen Peter Wertheimer ermordet, sondern auch jede Spur seines früheren Lebens ausgelöscht. Das Wenige, das über ihn in Erfahrung zu bringen war, ist folgendes: Geboren wurde Peter Wertheimer am 11. Februar 1890 in Pardubice (Tschechien). Nach dem Abitur studierte er und erwarb den Titel eines Dr. phil., wobei noch unbekannt ist, was und wo genau er studiert hat. Wie aus den Anmeldekarten des Gettos ersichtlich ist, hatte er mit seiner Frau Irene, geboren am 9. Februar 1898 in Bratislava, zwei Töchter, Hana, geboren in Berlin am 12. Juli 1925, und Judith, geboren in Prag am 16. Februar 1927. Die Zeit bis zur Deportation 1941 liegt noch im Dunkeln. Bekannt ist lediglich, dass er in den Jahren 1933-34 eine eigene Wirtschaftsrubrik in der Prager „Selbstwehr“ verfasste.

Wie Rosenfeld, Singer und Heilig wurde auch Peter Wertheimer von Prag aus nach Lodz/Litzmannstadt deportiert. So zählte er ebenfalls zu den sog. Westjuden im Archiv. Hier ein Auszug aus einem Chronik-Artikel des Autors, mit dem Titel „Das verlorene Bett“ vom 27. Juni 1944:

"In dieser Zeit der Aussiedlung ist der Hof der Zentraleinkaufsstelle am Kirchplatz 4 einer der interessantesten Punkte des Gettos. Mitten im Hof türmen sich berghoch Federbetten in ihren meist grellroten Ueberzügen, gleich einem Korallenriff, um das herum trübe und farblos die Masse der anonymen Auszusiedelnden brandet. Diese Menschen sind hergekommen, um ihre letzte Habe zu Geld zu machen, um sich mit diesem wenigstens die ersten Stunden ihrer ganz ungewissen, unbekannten Zukunft ausserhalb der beengenden, andererseits aber auch seelischen Schutz gewährenden, Drähte des Gettos zu verbessern. Was ihrer wartet, sie wissen es nicht und wer könnte es ihnen sagen? Was sie verloren haben wissen sie: Hier liegt es aufgetürmt, eines am andern, das letzte des Armen, das ihnen sicher war: das eigene Bett. So gewinnt das Aussehen des Hofes der Zentraleinkaufstelle in diesen sorgenvollen Tagen geradezu symbolische Bedeutung."

Sekundärliteratur:

  • "Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt", 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen: Wallstein, 2007.
     
  • Feuchert, Sascha: "Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur", Frankfurt am Main: Peter Lang, 2004 (=Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).

  • "Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944". Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź: Archivum Panstwowe w Lodzi/Wydawnictwo Uniwersytetu Lodzkiego, 2009.
     
  • Janssen-Mignon, Imke: "Die Lodzer Getto-Chronik und ihre Autoren." Magisterarbeit, Gießen: 2003.


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