am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Stunde der Erinnerung und Mahnung zum Gedenken an den 75. Jahrestag der Deportation von Gießener Sinti und Jenischen

19.03.2018

Rückblick 16. März 2018

Am 16. März 1943 wurden 14 Gießener Bürgerinnen und Bürger "auf unbestimmte Zeit in ein Arbeitslager" – so der euphemistische Sprachgebrauch der Nationalsozialisten – deportiert. Hinter dieser sprachlichen Chiffre verbirgt sich die Ermordung von 500.000 Sinti und Roma sowie 200.000 Jenischen. Und dies "allein aus dem Grund, weil die Machthaber der Ansicht waren, dass sie "rassisch" minderwertig gewesen seien", so der stellvertretende Geschäftsführer des hessischen Landesverbandes der Sinti und Roma Rinaldo Strauß. Antiziganismus, Antisemitismus und Rassismus seien auch heute noch in der Gesellschaft verbreitet, so Strauß weiter. Auch Oberbürgermeistern Dietlind Grabe-Bolz machte in ihrer Ansprache zur Gedenkfeier deutlich, dass die Überlebenden und Angehörigen der Sinti, Roma und Jenischen lange darum kämpfen mussten – und zum Teil leider auch heute noch darum kämpfen müssen –, um überhaupt als Opfergruppe anerkannt zu werden. Mit den Worten von Elie Wiesel, dass Erinnerung die Voraussetzung für Versöhnung sei, verwies Grabe-Bolz darauf, dass ein Fortsetzen des Schweigens heute bedeute, den Opfern erneut Unrecht zu tun. Nicht zuletzt durch ihre unermüdliche Erinnerungsarbeit in der Öffentlichkeit und an Schulen sei es in Gießen vor allem Anna Mettbach zu verdanken, dass die "schlechte Tradition des Schweigens gebrochen" wurde. Auch die Gießener Journalistin Heidrun Helwig habe mit ihren Recherchen und Berichten einen wichtigen Beitrag dafür geleistet, dass das Schicksal der Sinti und Roma von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und wird. Beiden sei es auch zu verdanken, dass es den Gedenktag in Gießen gäbe.

Die "schlechte Tradition des Schweigens" möchte die Stadt Gießen auch weiterhin brechen. Ein Weg wurde darin gesucht, junge Menschen aktiv an der Erinnerungsarbeit zu beteiligen. Daher wurde erstmals ein Wettbewerb zum Thema "Sinti, Roma und Jenische" ausgelobt, an dem sich Gießener Schulen und Schulen des Landkreises Gießen beteiligen konnten. "Erinnerungsarbeit ist immer auch Bildungsarbeit", so Grabe-Bolz. Es entstanden Schulprojekte an der Ricarda-Huch-Schule, an der Theodor-Litt-Schule, an der Liebigschule sowie an der Clemens-Brentano-Europaschule Lollar, die im Rahmen der Gedenkfeier vorgestellt wurden. Die Oberbürgermeisterin bedankte sich herzlich bei den Schülerinnen und Schülern, bei den Lehreinnen und Lehrern sowie der Schulleitung für ihre Beteiligung und richtete einen Appell an die jungen Menschen, die ihre gewonnenen Erkenntnisse weiter in die Köpfe ihrer Freunde und ihrer Familien tragen sollen. Die Schulprojekte zeigen, dass eine aktive und weiterreichende Auseinandersetzung angestoßen wurde. So ist beispielsweise aus dem Projekt "Sage mir, wo du wohnst und ich sage dir, wer du bist" der Schülerinnen und Schüler der Liebigschule die Initiative entstanden, eine Straße in Gießen nach Anna Mettbach zu benennen. Auch demnächst sei eine Aktion im Seltersweg geplant, um Unterschriften zu sammeln; denn 800 Unterschriften werden benötigt, damit die Stadt aktiv werden kann.


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