am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Expertengespräch des Instituts für Zeitgeschichte zu ′Familienerinnerungen aus dem Nationalsozialismus aufarbeiten und bewahren′

26.06.2017

22. Juni 2017

Am 22. Juni 2017 fand im Literaturhaus München ein Expertengespräch unter der Überschrift "'Ist das Geschichte oder kann das weg?' Familienerinnerungen aus dem Nationalsozialismus aufarbeiten und bewahren" statt, zu dem das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) rund 25 Expertinnen und Experten aus Archiven, Gedenkstätten und Forschung eingeladen hat - neben Mitarbeitern des IfZ waren dies unter anderen die Professoren Wolfgang Benz, Michael Brenner und Joachim Scholtyseck, Stefanie Jost vom Bundesarchiv, Albert Knoll von der Gedenkstätte Dachau, Harry Scholz vom Archiv der sozialen Demokratie sowie Florian Dierl vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Für die Arbeitsstelle Holocaustliteratur war Markus Roth zugegen. Eingeleitet wurde das Gespräch durch Impulsvorträge aus diesen drei Bereichen.
Oliver von Wrochem von der Gedenkstätte Neuengamme berichtete über die dortigen Erfahrungen mit Nachfahren von NS-Tätern (im weitesten Sinne) und NS-Verfolgten im Bereich der Gedenkstättenarbeit. Auf großes Interesse stießen dabei vor allem die gezielten Angebote für Nachfahren von Tätern in speziellen Seminaren. Estherj-Julia Howell vom Archiv des Instituts für Zeitgeschichte skizzierte Praxis und Erfahrungen ihres Archivs. Sie wies unter anderem auf ein fehlendes öffentliches Bewusstsein für die Arbeit eines Archivs sowie auf die Angst auf Seiten der Angehörigen vor einem Verlust der Deutungshoheit über die eigene Familiengeschichte hin. Janosch Steuwer, der sich in seiner vielbeachteten Dissertation eingehend mit Tagebüchern und familiengeschichtlicher Überlieferung befasst hat, unterstrich den besonderen Charakter solcher Quellen, die keinen direkten Einblick in Erfahrungen und dergleichen böten, sondern ein konstruiertes Bild ausgewählter Erfahrungen böten. Dem müsse, so Steuwer, die Forschung Rechnung tragen. Steuwer wies zudem darauf hin, dass häufig übersteigerte Erwartungen von Angehörigen an Forschung problematisch seien.
Die anschließende Diskussion konzentrierte sich auf die jeweils unterschiedlichen, institutionell motivierten Perspektiven auf den Umgang mit den Angehörigen sowie das Problem von Quantität und Qualität der Unterlagen. Einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darin, dass ein hohes Maß an Sensibilität sowie eine enge Kommunikation auch über den eigentlichen Abgabeprozess von Dokumenten hinaus notwendig ist. Bei beidem besteht Nachholbedarf, der allerdings zu einem guten Teil auch fehlenden Ressourcen geschuldet ist. Zudem wurde im Laufe des Gesprächs deutlich, dass eine engere Vernetzung betroffener Einrichtungen wünschenswert wäre.
Das Problem der Deutungshoheiten, Zugangsbeschränkungen und Nutzungsauflagen war der zweite große Themenkomplex des Gesprächs. Hier war man sich einig, dass es im Sinne sowohl der Archive als auch der Wissenschaft sei, möglichst ungehinderte Nutzungsbedingungen zu schaffen und dahingehend bei den Nachlassgebern zu werben und zu informieren. Großen Raum nahm die damit verbundene Frage nach einer Deutungshoheit ein - auf der einen Seite die Sorge von Angehörigen vor einer Art von Kontrollverlust und auf der anderen Seite die Befürchtung von Forscherinnen und Forschern, irgendwelchen Einschränkungen zu unterliegen.
Das Expertengespräch war produktiver Auftakt eines längeren Programms, das am Abend mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion im Literaturhaus München fortgesetzt wurde. Auf dem Podium diskutierten Wibke Bruhns, Martin Doerry und Alexandra Senfft miteinander. Am darauffolgenden Tag fand zudem ein Informationsforum für Nachfahren im Institut für Zeitgeschichte statt, das unter anderem die Möglichkeit für Einzelgespräche bot, aber auch Erfahrungsberichten von Nachfahren ein Forum bot.
 

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