am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Die ehemalige Widerstandskämpferin und Spionin Marthe Cohn war zu Gast beim Verlag Schöffling & Co in Frankfurt - Eine deutsche Ausgabe ihrer Erinnerungen erscheint im März 2018

24.11.2017

23. November 2017

Marthe Cohn ist heute 97 Jahre alt. Sie wurde 1920 in Metz als viertes von sieben Geschwistern in eine jüdische Familie geboren. Ihre Familie lebte nah an der Grenze zu Deutschland, als der Krieg ausbrach und engagierte sich in der Résistance. Mit der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten war auch ihre Familie selbst von der Verfolgung betroffen. Marthes Schwester wurde nach Auschwitz deportiert und kam dort ums Leben, ihr Verlobter wurde wegen seiner Arbeit für den Widerstand exekutiert und die Familie musste in den Süden von Frankreich fliehen.

Im November 1944, nach der Befreiung von Paris, wurde Marthe Cohn wegen ihrer perfekten Deutschkenntnisse und ihrer unauffälligen 'deutschen' Erscheinung als Spionin für die Résistance im Geheimdienst der Französischen Armee eingesetzt. Nach 14 erfolglosen Versuchen die Grenze zu Deutschland bei Alsac zu überschreiten - immer nachts und ohne Kompass, Karte und Taschenlampe -, gelang es ihr schließlich in der Nähe bei Schaffhausen in der Schweiz über die Grenze zu kommen.

Bei ihrem Besuch im Verlag, bei dem auch Charlotte Kitzinger und Randi Schmidt von der AHL dabei sein durften, erzählte Cohn sehr anschaulich, aber auch humorvoll davon, wie gefährlich und hochdramatisch diese Situationen sowie auch ihre anschließende Spionagearbeit in Deutschland waren, wo sie die Identität einer deutschen Krankenschwester annahm und vorgab nach ihrem vermissten Verlobten zu suchen. Immer wieder retteten ihr große Geistesgegenwart und Mut das Leben. Nach dem Krieg kehrte Marthe Cohn nach Frankreich zurück, 1956 lernte sie in Genf ihren zukünftigen Mann, einen amerikanischen Medizinstudenten, kennen. Das Paar zog schließlich 1958 in die USA, wo sie zwei Söhne bekamen und noch heute leben.

Erst 1999 hat Marthe Cohn jedoch begonnen, über ihre Zeit als Spionin zu sprechen und zu schreiben. Sie sei vorher berufstätig gewesen und habe "keine Zeit gehabt zu schreiben", erklärt sie. Außerdem habe sie keinerlei Dokumente gehabt, die ihre Erzählungen stützten, so dass sie bezweifelt habe, dass ihr irgendjemand glauben würde. Auch ihre Kinder hätten viele Jahre nicht gewusst, dass ihre Mutter während des Krieges eine Spionin gewesen sei. Selbst ihr Mann habe nur sehr wenig darüber gewusst. Erst als sie Zugang zu einem Archiv in Frankreich und ihren Dokumenten erlangt habe, habe sie sich entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. Heute reist Marthe Cohn einen Großteil des Jahres noch immer um die Welt, um von ihrer Erlebnissen zu erzählen. Ihr Mann begleitet sie dabei immer.

Marthe Cohn hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem 1945 das französische Kriegskreuz für ihre wichtige Arbeit als Spionin und 2000 die französische Militärmedaille. 2014 wurde ihr außerdem das deutsche Bundesverdienstkreuz verliehen.

Ihr Buch “Behind Enemy Lines: the True Story of a French Jewish Spy in Nazi Germany“, das bereits 2002 auf Englisch publiziert wurde, wird nun im März 2018 im Verlag Schöffling & Co. in deutscher Übersetzung von Petra Post und Andrea von Struve unter dem Titel "Im Land des Feindes. Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland" erscheinen.

Ein Dokumentarfilm unter dem Titel "An Unusual Spy" unter der Regie von Nicola Hens, die ebenfalls beim Treffen im Verlag anwesend war, soll auch bald veröffentlicht werden. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.


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