am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Bericht zur Tagung ′Ko-Erinnerung. Grenzen, Herausforderungen und Perspektiven des neueren Shoah-Gedenkens′ in Freiburg

24.04.2018

19. bis 21. April 2018

Unter dem Titel "Ko-Erinnerung. Grenzen, Herausforderungen und Perspektiven des neueren Shoah-Gedenkens" hatte vom 19. bis 21. April 2018 das Graduiertenkolleg 1767 "faktuales & fiktionales erzählen" der Universität Freiburg zu einer Tagung eingeladen, an der auch Charlotte Kitzinger für die AHL teilnahm.

In den verschiedenen Vorträgen und anschließenden Diskussionen wurden – maßgeblich auf der Grundlage von Michael Rothbergs Monographie "Multidirectional Memory" (2009) – verschiedene Aspekte der gegenwärtigen literarischen, medialen und kulturellen Erinnerungen an die Shoah und den Holocaust sowie an andere Genozide und staatlich organisierte Verbrechen dargelegt und diskutiert.

Die Debatten um die 'Unvergleichbarkeit' und den Singularitätsanspruch der Shoah sowie das Denken in Opferkonkurrenzen und Erinnerungshierarchien wurden dabei kritisch in den Blick genommen und zudem Möglichkeiten und Formen des adäquaten, nicht trivialisierenden und relativierenden Gedenkens an verschiedene historische Gewaltverbrechen diskutiert.
Neben einem einführenden Vortrag durch die Organisatoren Daniela Henke und Tom Vanassche (beide Freiburg) und einem Keynote Vortrag von Susanne Knittel (Utrecht) zu "Figures of Comparison in Memory Studies: Singularity, Multidirectionality, Diffraction" ging etwa Katrin Schneider-Özbek (Karlsruhe) der literarischen Erinnerung an Vertreibung und Eugenik und Rüdiger Lautmann (Bremen) den "Engführungen des Erinnerns an die NS-Homosexuellenrepression und an die Shoah" nach. Sven Kramer (Lüneburg), Catalina Botez (Konstanz) und Gunter Martend (Gent) widmeten sich in ihren jeweiligen Beiträgen literarischen Perspektiven und Formen der Ko-Erinnerung, etwa zu Peter Weiss’ "Ästhetik des Widerstands", den Werken von W.G. Sebald sowie Alexander Kluges "Heidegger auf der Krim" und Felicitas Hoppes "Verbrecher und Versager". Johanna Öttl (Salzburg) ging anhand von Norbert Gstreins Roman "Die kommenden Jahre" unter anderem der Frage nach, inwieweit sich bereits narrative Muster in der Literatur über syrische Flüchtende etabliert haben und ob diese sich möglicherweise an der Literatur über die Shoah orientieren können. Anna Brod (Freiburg) und Lea Wohl von Haselberg (Babelsberg) mit Hannah Peaceman (Erfurt) gingen in zwei Vorträgen den Ko-Erinnerungen von Shoah und NSU-Morden nach. Den Abschluss bildeten zwei Vorträge von Verena Arndt (Mainz) und Urania Milevski mit Lena Wetenkamp (beide Mainz) zu fiktions- und erinnerungstheoretischen Konzepten in Theaterinszenierungen (Yael Ronens "Common Ground") und in der Literatur.

Deutlich wurde im Verlauf der Tagung, dass der Begriff der Ko-Erinnerung als heuristische Kategorie zwar potenziell eine Fülle und zugleich Diversität an historischen Erinnerungen an Genozide und Gewalterfahrungen umfasst, der Begriff jedoch auch aus diesem Grund weder klar ein- oder abgegrenzt noch definiert werden kann. Problematisch ist er auch im Hinblick auf die Frage, ob unter diesem Begriff die Perspektive der Erinnerung an die Täter berücksichtigt werden kann. Kritische Denkanstöße für weitere Überlegungen und Diskussionen zu den Grenzen, Herausforderungen und Möglichkeiten des internationalen Gedenkens und Erinnerns an Shoah und Holocaust bietet er jedoch vielfältige.


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