am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Birgitta Behr: Susi, Die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne

Werke der Holocaustliteratur haben sich auch für ein jugendliches Publikum längst etabliert, und mit der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur werden auch in Kinderbüchern zunehmend gesellschaftliche und soziale „Tabuthemen“ für Kinder aufbereitet. Kinderbücher zum Thema Holocaust sind jedoch noch immer eine sehr umstrittene Angelegenheit. Birgitta Behr hat mit „Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne“ ein solches Kinderbuch über das Schicksal einer jüdischen Familie während des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Das besondere an der Geschichte ist, dass sie auf einer wahren Familiengeschichte basiert. Vor der Grundschule in Berlin, in der Behr unterrichtet, liegen 11 Stolpersteine. Einer davon ist Gertrud Cohn gewidmet, Susis Großmutter. Die Grundschullehrerin hat die Geschichte von Getrud Cohn, ihrer Tochter Steffy und deren Mann Ludwig, sowie der Enkelin Susi recherchiert und so ein ungewöhnliches Buch über diese Familie geschaffen.

Steffy und Ludwig leben in Berlin. Ab dem Jahr 1933 ändert sich ihr Leben drastisch, denn als Hitler Reichskanzler wird, verliert Ludwig, wie viele andere jüdische Menschen, seinen Arbeitsplatz. Bald folgen viele neue Gesetze, die ihnen und ihren jüdischen Bekannten das Leben schwermachen. Als 1936 die kleine Susi geboren wird, überlegen ihre Eltern auszuwandern. Sie entscheiden sich jedoch dagegen, denn sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Deutschen zur Vernunft kommen und sich alles wieder zum Besseren wendet. Doch das tut es nicht. Susis Großmutter wird nach Theresienstadt deportiert und kurz darauf in Minsk ermordet. Susi und ihre Eltern müssen untertauchen, ihre Judensterne verstecken und hoffen, nicht gefunden zu werden. Viele Freunde und sogar Fremde helfen ihnen in dieser Zeit und retten ihnen damit das Leben. Immer wieder fragt sich Susi, warum es diesen Krieg gibt, was so schlimm ist an den Juden und warum die Menschen sich so grausam verhalten. Dann denkt sie oft an ihre Großmutter, die ihr erzählt hat, dass all das Böse von Menschen ausgedacht ist; dass man sich alles ausdenken kann, auch das Gute, und dass man das Gute selbst tun kann. Von ihren Eltern wird sie ermutigt, niemals aufzugeben. Und so versteckt sich Susi alleine bei Bekannten und Fremden, getrennt von ihren Eltern, weil es zu gefährlich wäre, zusammenzubleiben. Eineinhalb Jahre dauert es, bis sie wieder alle gemeinsam in einem Haus wohnen können, aber dass sie Juden sind, müssen sie noch immer verschweigen, um zu überleben. Susi hat im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Menschen großes Glück. Sie überlebt den Krieg und wandert später nach Amerika aus, wo sie mit ihrem Mann ein Schokoladengeschäft eröffnet. Und in diesem Laden sind alle Menschen willkommen - „egal ob klein, groß, dick, dünn, mit oder ohne Brille, schwarz oder weiß, Jude oder nicht Jude“ (S. 96).

Das Buch setzt sich zusammen aus Elementen von Erzähltext sowie Graphic-Novel Sequenzen. Durch das ganze Buch zieht sich ein sprichwörtlicher roter Faden, der immer wieder in den Bildern auftaucht - als Schnürsenkel, Geschenkband oder Kofferanhänger. Am Ende des Buches wird erklärt, dass dieser Faden die Lesenden daran erinnern soll, dass es auch in schweren Zeiten immer einen Weg gibt, das Gute zu finden. Susis Geschichte wird dabei immer wieder durch historische Informationen und Erklärungen ergänzt. Erzählt wird etwa die Geschichte von dem Haus, in dem Susis Großmutter vor ihrer Deportation gelebt hat – dieses Haus stellt eine allwissende Erzählinstanz dar und spricht stellenweise direkt zum Publikum. Es zeigt Parallelen zwischen der damaligen Realität und der heutigen Lebenswelt der Kinder und formuliert eine klare Moral: „Das einzige was zählt, ist die Menschlichkeit. Sie sollte in jedem Haus wohnen. – Und pass gut auf sie auf! Vielleicht kommt eine Zeit, in der du dein weniges Brot teilen und all deine Kraft einsetzen musst, damit sie niemals mehr dein Haus verlässt. Und wenn es an deiner Tür klopft, öffne mit dem Herzen!“ (S. 97)

Ergänzt wird die Erzählung durch ein Nachwort von Susis Kindern, Sharon Steffy Seidman-Singer und Daniel Seidman, sowie einem Zeitstrahl von 1933 bis 1945, an dem wichtige historische Ereignisse sowie die Meilensteine im Leben der Familie Collm festgehalten sind, und einem Verzeichnis mit Begriffserklärungen, in dem Begriffe wie „Arier“, „Deportation“, „Holocaust“ und einige mehr kindgerecht erläutert werden.

Birgitta Behr schafft mit diesem außergewöhnlichen Kinderbuch etwas ganz besonderes – ohne zu beschönigen stellt sie die Verhältnisse während und nach dem Krieg dar und schafft es gleichzeitig, das Ganze nicht nur als Gräuelmärchen zu erzählen. Durch den ständigen Gegenwartsbezug, die Charaktere, die sich nicht davon abbringen lassen, an das Gute zu glauben und die Kommentare des alten Hauses verleiht sie der Geschichte eine positive, ermutigende Note – denn „es geht nicht allein um das Erinnern einer vergangenen, schrecklichen Zeit, sondern darum, eine bessere Welt zu leben, und die Welt beginnt nicht da draußen und im Irgendwo, sondern in dir“ (S. 99).

 

Von Hannah Brahm

München: arsEdition GmbH, 2016.

109 Seiten, 12,99€

ISBN: 978-3-8458-1525-1


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