Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik

Rezensionen zu: Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944


Main-Echo, 23.08.2005:

Holocaust-Synonyme: Auschwitz, Theresienstadt und das Lodzer Ghetto

Dieses Buch erzählt von Menschen, die an ihren Lebens- und Wertvorstellungen festhielten, um zu überleben. Es ist ein sehr persönliches und zu Herzen gehendes Dokument, das tiefer beeindruckt als jedes historische Buch.
Von Juli bis August 1944 wurde das Lodzer Getto liquidiert: Knapp 70 000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten in die Konzentrationslager Kulmhof (Chelmno) und Auschwitz-Birkenau verschleppt. Nur wenige überlebten diese letzte Etappe des Holocaust, Tausende kamen dabei zu Tode. Zu den erschütterndsten Dokumenten über die Ereignisse im Lodzer Ghetto zählt die Lodzer Ghetto-Chronik. Dieser rund 200-seitige Test wurde seit 1941 auf Polnisch und Deutsch im Archiv der Verwaltung des „Judenältesten“ von „Litzmannstadt“ erstellt. 15 Mitarbeiter, überwiegend Journalisten und Schriftsteller, schrieben die tägliche Chronik; wie eine Zeitung berichtet sie über die Ereignisse im Ghetto, dokumentiert Todesfälle und widmet sogar dem „Ghetto-Humor“ eine eigene Rubrik.

Sascha Feuchert / Erwin Leibfried / Jörg Riecke (Hrsg.): „Letzte Tage. Die Lodzer Ghetto-Chronik Juni/Juli 1944.“ – Göttingen: Verlag Wallstein; 256 Seiten, 19,- Euro, ISBN 3-89244-801-9

Das vorliegende Buch enthält die letzten beiden Monate der "LOdzer Ghetto-Chronik". Es entstand als Beitrag zu den Gedenkfeiern anlässlich des 60. Jahrestages der Ghetto-Liquidiation.


Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 54 (2005) H. 1

Letzte Tage. Die Łódzer Getto-Chronik. Juni/Juli 1944.

Hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke, Julian Baranowski und Krystyna Radziszewska. /Schriftenreihe zur Łódzer Getto-Chronik.) Wallstein Verlag. Göttingen 2004. 256 S., 41 Abb. (€ 19.-)

„Keine Ausreise-Aufforderung, eine Ration, 1 Laib Brot – diese drei Fakten an einem Tag hatten die Kraft, das Getto glücklich zu machen. Mit einem Wort: ein goldener Samstag!“ Mit diesen Sätzen endet der Tagebericht der sogenannten Łódzer „Getto-Chronik“ am 1. Juli 1944, geschrieben einen Monat vor der endgültigen Räumung des Gettos, in deren Folge fast alle noch verbliebenen Bewohner in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet wurden. Letztendlich erlebten nur etwa 870 von ursprünglich über 160 000 Menschen die Befreiung durch die Rote Armee im Januar 1945.
Der Chronik lag das Bestreben zugrunde, unter den Bedingungen der Zwangsgemeinschaft des Gettos die täglichen Ereignisse zusammenzutragen und in Form einer fortlaufenden Dokumentation festzuhalten. Geführt wurde diese Chronik von den Mitarbeitern des Archivs des Gettos, das zur Verwaltung des Vorsitzenden des Judenrates Mordechaj Chaim Rumkowski gehörte und auf dessen Initiative Ende 1940 gegründet worden war. Es handelte sich also mit anderen Worten um eine höchst wertvolle Quelle, welche die Geschehnisse im Getto Łódz von Anfang 1941 bis Ende Juli 1944 dokumentiert und somit einen Blick auf die Lebensbedingungen und Reaktionen der Bewohner aus einer Innenperspektive ermöglicht.
Befremdlich erscheint angesichts dessen, daß die Chronik bislang von der Forschung kaum rezipiert worden ist und bis heute nur in Auszügen und mit starken Eingriffen von seiten der Hrsg. in publizierter Form vorliegt. Diese Randständigkeit der Chronik in der Historiographie muß als symptomatisch für den Umstand bezeichnet werden, daß die westliche Historiographie die Geschichte der Shoah weitgehend vor allem auf der Grundlage deutscher Dokumente geschrieben hat und somit in erster Linie aus der Sicht der Täter. Jüdische Quellen wurden hingegen bisher kaum rezipiert. Um so verdienstvoller ist daher das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Ernst.Ludwig Chambré-Stiftung geförderte Projekt der Edition des gesamten Textes der Łódzer Chronik, welche derzeit in Kooperation von der Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur und dem Staatsarchiv Łódz vorbereitet wird und im kommenden Jahr erscheinen soll. Das hier zu rezensierende Buch stellt eine Vorabveröffentlichung dar, die anläßlich des 60. Jahrestages der Räumung des Gettos im vergangenen Jahr erschienen ist und die Tagesberichte der letzten beiden Monate bis zum Abbruch der Chronik enthält.
Eingeleitet wird der Band durch eine komplette Einführung von Sascha Feuchert über die Geschichte des Łódzer Gettos und den Entstehungskontext der Chronik sowie durch die sehr lesenswerten Überlegungen von Jörg Riecke über die Sprache der Chronikberichte. R. zeigt hierbei auf, wie sich die Lebensbedingungen des Gettos in der Sprache des Textes widerspiegeln und wie dessen Autoren bestrebt waren, durch die feste chronologische Form eine Normalität zu konstruieren, um so die alles andere als normale Ausnahmesituation des Zwangsgemeinschaft erträglich zu machen. Gleichzeitig verweist der teilweise feuilletonistische Schreibstil auf den Anspruch, Texte für spätere Leser nach der Welt des Gettos zu verfassen, und im diesem Sinne stellt die Chronik letztlich einen „Triumph jüdischen Überlebenswillens“ dar, wie F. zutreffend feststellt.
Die Lektüre der Tageseinträge der Chronik macht dann schnell deutlich, welche Erkenntnismöglichkeiten der Quellentypus Selbstzeugnisse des jüdischen Lebens bieten kann. Die täglichen Berichte über Lebensmittelrationen und Hunger, über Tuberkulose und Diphtherie vermitteln einen drastischen Eindruck in die Lebensbedingungen der Menschen im Getto, in dem die Gefahr des Todes allgegenwärtig war; die Auswirkungen der nationalsozialistischen Politik werden am Beispiel konkreter Schicksale deutlich.
Diese Perspektive sollte nicht zuletzt mit der aktuellen Diskussion über die deutsche Ostforschung verknüpft werden, in deren Texten „die Juden“ in der Regel nur noch als quantitative und verschiebbare Größe auftauchen, obwohl Personen wie dem „Experten“ für das osteuropäische Judentum, Peter Heinz Seraphim, die Lebensumstände im Getto aus eigener Anschauung bekannt waren. Die Chronik verdeutlicht demgegenüber, daß die Bewohner des Gettos eben keine anonyme und kollektive Masse darstellten, die passiv ihr Schicksal erlitten hätte. Vielmehr werden trotz der knappen Berichtsform die verschiedenen Interpretations- und Handlungsformen der Menschen deutlich, die sehr individuell auf ihre Situation reagierten. Die Konfliktlinien verliefen hierbei auch zwischen den verschiedenen jüdischen Gruppierungen, wie die häufigen Suppenstreiks belegen, die von linken Gruppen wie dem Bund als Protest gegen die Politik Rumkowskis organisiert wurden. Gegenüber dem gemeinsamen Feind der deutschen Besatzungsmacht versuchten sich die Menschen trotz der Abriegelung des Gettos von der Außenwelt durch Maßnahmen wie einen in einem Kinderwagen improvisierten Gemüsegarten (dzialka) gegen den Hunger zu wehren und sich mittels illegal vorhandener Radios über den Kriegsverlauf zu informieren. Mit dem Wissen um den weiteren Gang der Geschichte ist es sehr bedrückend, daß gerade die letzten Tageseinträge vor der Räumung des Gettos angesichts des Näherrückens der Front in einem hoffnungsvolleren Ton verfasst worden sind.
Insgesamt stellt das Buch eine Edition von außergewöhnlichen Quellenwert dar, die durch eine sorgfältige Textgestaltung sowie eine entsprechende Umsetzung durch den Wallstein-Verlag abgerundet wird und darüber hinaus zu einem sehr erschwinglichen Preis auf den Markt kommt. Die überfällige Publikation der Łódzer Chronik liegt offensichtlich in den richtigen Händen.

Mainz, Hans-Christian Petersen


Neue Zürcher Zeitung, 19./20.03.2005

Die letzten Tage des Lodzer Ghettos

Jdl. Vor einundsechzig Jahren wurde das Ghetto von Lodz aufgelöst, doch war es keine Befreiung, die dieser Auflösung voranging. 76 000 Menschen sind kurz vor Kriegsende noch ins Vernichtungslager Chelmno und nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden. Damit endete das grausame Ghettoleben für die allermeisten Gefangenen mit dem Tod. Das stets überbelegte Ghetto in Lodz fungierte seit seiner Einrichtung im Jahr 1939 als billiger Produktionsort, an dem Nazi-Deutschland seine erbitterte Grausamkeit mit wohlüberlegten ökonomischen Zwecken verband. Dass die Vorgänge in Lodz oder Litzmannstadt, wie es vom deutschen Okkupanten genannt wurde, bis ins Detail belegt sind, liegt an einer von jüdischen Insassen akribisch geführten 2000-seitigen "Ghetto-Chronik". Als historische Grundlage ist die Chronik ebenso unschätzbar wertvoll wie als Dokument des individuellen Überlebenswillens. Die "Letzten Tage" des Ghettos und damit Ausschnitte der Chronik liegen jetzt in Buchform vor. Die täglichen Eintragungen während der Monate Juni und Juli 1944 sind erschütternde Notate einer mühsam sich aufrecht erhaltenden Rationalität. Alle relevanten Zahlen des Ghettos sind in der Chronik vermerkt – von den Verstorbenen bis zu den kargen Lebensmittelrationen. Es gibt die "Tagesnachrichten" und einen feuilletonistischen "Kleinen Getto-Spiegel", der von Gerüchten berichtet und von Hoffnungen. Am letzten Tag der Chronik heisst es lapidar: "Auch der heutige Tag verlief sehr ruhig." Da rollen längst die Transporte nach Auschwitz. Die komplette Lodzer Ghetto-Chronik soll im nächsten Jahr publiziert werden.

Letzte Tage. Die Lodzer Ghetto-Chronik Juni/Juli 1944. Herausgegeben von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004. 256 S., Fr. 34.40.


Berliner Zeitung, 31.01.2005

Von Andrea Mix

Wird man uns in Ruhe lassen?

„Unser einziger Weg ist Arbeit", verkündete Chaim Rumkowski, der von den Deutschen eingesetzte „Judenälteste" des Ghettos von Lodz. Das zweitgrößte im Krieg errichtete Ghetto, in dem über 200 000 Menschen zusammengepfercht wurde, war eine wichtige Produktionsstätte der deutschen Kriegswirtschaft. Die Geschichte des Ghettos wurde von Mitarbeitern des „Jüdischen Ältestenrats" aufgezeichnet. Die zweitausend Seiten umfassende „Ghetto-Chronik", die von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen ediert wird, dokumentiert den Alltag im Ghetto von 1941 bis 1944. Nüchtern berichten die Einträge von Hunger und Epidemien, aber auch Anekdoten und Gerüchten. „Alle Gedanken, Erwägungen, Hoffnungen und Befürchtungen gipfeln schließlich in der einen Hauptfrage: ’Wird man uns in Ruhe lassen?’" Acht Tage nach dem Eintrag vom 22. Juli 1944 wurde das Ghetto geräumt, die letzten 65 000 Juden nach Auschwitz deportiert.

Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke (Hrsg.): Letzte Tage. Die Lodzer Ghetto-Chronik Juni/Juli 1944. Wallstein, Göttingen 2004. 256 S., 19 Euro.


Süddeutsche Zeitung, 27.01.2005

Die Juden von Lodz

Eine zeitgenössische Chronik über das Leben im Ghetto

Das Schicksal der Juden von Lodz stand immer im Schatten der Geschichte des Warschauer Ghettos, dessen Einwohner sich im Frühjahr 1943 gegen die deutschen Besatzer erhoben haben. Dabei war das Lodzer Ghetto nicht nur der zweitgrößte unter den "jüdischen Wohnbezirken" im besetzten Polen, sondern existierte auch länger als alle anderen. Es war nämlich wegen seiner Rüstungsindustrie "kriegswichtig".

Dies hatte auch der von der SS eingesetzte Vorsitzende des Judenrates, Mordechai Chaim Rumkowski, erkannt. Er gab die Parole aus: "Unser einziger Weg heißt Arbeit" - und zog sich damit den Hass eines Teils der Ghetto-Bewohner zu, da er sich somit zum Erfüllungsgehilfen der Deutschen gemacht habe. Doch wird Rumkowski heute von Historikern bescheinigt, dass er mit aller Kraft versucht hat, das Ghetto vor seiner Auflösung zu bewahren, denn dies hätte den sicheren Tod seiner Bewohner bedeutet.

Der Ältestenrat hat eine Chronik führen lassen, deren Niederschrift, in einem Brunnen versteckt, wie durch ein Wunder die Zerstörung eines Großteils des Ghettobezirks im Spätsommer 1944 überstanden hat. Es handelt sich um insgesamt rund 2000 Seiten, verfasst nicht nur auf Polnisch, sondern auch auf Deutsch. Ein Teil der Lodzer Juden hatte Deutsch gesprochen, auch waren Glaubensbrüder aus dem Reichsgebiet in das Ghetto Litzmannstadt, wie die Besatzer die Stadt genannt hatten, gebracht worden. Zu dem Archiv gehören heimlich aufgenommene Fotografien, die den Alltag im Ghetto dokumentieren. Nun liegen erstmals die Tagesberichte aus den beiden letzten Monaten vor der Auflösung des Ghettos in Buchform vor, sorgfältig kommentiert und, wo erforderlich, ins Deutsche übersetzt.

In den Tagesberichten wurde zunächst amtliche Statistik geführt. So ist für den 20. Juli 1944 verzeichnet: 14 Todesfälle, 2 Geburten (1 männlich, 1 weiblich), Einwohner: 70 117. Über die Versorgung mit Lebensmitteln ist festgehalten: "Die Zufuhr von Weißkohl hält auch heute an. Die Bevölkerung verträgt die jetzt gebotenen Krautsuppen sehr schlecht. Außerdem fehlt es ja an den notwendigen Zutaten, vor allem an Mehl, um eine einigermaßen nahrhafte Mahlzeit aus dem Kraut herstellen zu können."

Aufschluss über die Stimmung unter den Ghetto-Bewohnern gab der "Kleine Ghetto-Spiegel", der meist von dem Journalisten Oskar Rosenfeld verfasst wurde. Durch die Berichte mehrerer Tage zieht sich die tragische Geschichte eines jungen Mannes, der von den SS-Wachen gesucht wird und sich zunächst verstecken kann. Er hatte ein schweres Vergehen begangen: Radio gehört. Um der unvermeidlichen Folter zu entgehen, setzt der Verfolgte schließlich seinem Leben selbst ein Ende.

Lachen durch Tränen

Doch es sind nicht nur düstere Episoden, die Rosenfeld festgehalten hat. Vielmehr spiegelt seine Chronik auch das Hoffen der Ghetto-Bewohner auf einen guten Ausgang wider. Feuilletonistische Perlen sind seine doppelbödigen Skizzen unter der Rubrik "Ghetto-Humor". Da gibt es eine alte alleinstehende Frau, die bündelweise Postkarten kauft, als die deutschen Besatzer vorübergehend die Einrichtung einer "Ghetto-Post" erlauben. Sie hat zwar niemanden, an den sie schreiben könnte - aber wer weiß, wann es wieder Postkarten gibt? Lachen durch Tränen.
Es sind vor allem die "Tagesberichte", die das Lodzer Ghetto-Archiv zu einer einzigartigen Dokumentensammlung machen. Sie geben dem Schrecken und auch dem Erschrecken ein menschliches Gesicht - und bewegen den Leser fast ein Menschenalter später viel tiefer als es Statistiken jemals könnten. Die Herausgeber haben somit auch ein wichtiges Stück deutscher Geschichte freigelegt, das nie in Vergessenheit geraten darf.


THOMAS URBAN

Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944. Hrsg. Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004. 256 Seiten, 19 Euro.


Jüdische Allgemeine, 18.11.2004

Im Krepierwinkel Europas

Eine Chronik über Leben und Tod im Ghetto Lódz

von Ludger Heid

Wissenschaft gilt gemeinhin als gefühlsneutral. Doch Editionen zur Holocaust-Geschichte sind oft eine aufwühlende Angelegenheit. Denn vor dem Bearbeiter türmen sich Leichenberge, im wahrsten Sinne. So muß es auch den Herausgebern der Lodzer Ghetto-Chronik gegangen sein. Sie dokumentiert die Geschehnisse in den letzten Tagen dieses nach Warschau größten nationalsozialistischen Ghettos vor sechzig Jahren. Als "Krepierwinkel Europas" bezeichnete Oskar Rosenfeld, einer der Chronisten des Ghettos, dieses Lodz/Litzmannstadt. Dokumente, die den dortigen Judenmord belegen, müssen veröffentlicht werden, daran führt kein Weg vorbei. Dies ist man den Opfern schuldig.

Die Lodzer Ghetto-Chronik, das ist ein zweitausend Seiten langer Text, der seit Januar 1941 Tag für Tag in polnischer und deutscher Sprache alle relevanten Ereignisse im Ghetto aus der Perspektive des "Judenältesten" Chaim Rumkowski festhielt und kommentierte. Trotz ihrer historischen Bedeutung wurde diese Chronik bislang nur in Hebräisch veröffentlicht, 1987. Daß die Chronik überhaupt noch existiert, ist Ghetto-Briefträger Nachman Zonabend zu verdanken. Er wusste von den Berichten und hat sie bei der Auflösung des Ghettos im August 1944 in einen stillgelegten Brunnen geworfen. Zonabend barg die Dokumente nach dem Krieg und stellte sie Archiven zur Verfügung.

Die Gesamtchronik bis zum Jahr 2006 der Öffentlichkeit in den Originalsprachen Deutsch und Polnisch zugänglich zu machen, ist das Verdienst der Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität in Gießen in Verbindung mit dem Staatsarchiv Lodz, sowie dem Auswärtigen Amt, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Ernst Ludwig Chambré Stiftung, die das dafür nötige Geld zur Verfügung stellen.

Alle zwei Wochen trifft sich das Gießener Team, bestehend aus Historikern, Sprach- und Literaturwissenschaftlern, und bearbeitet die zum Teil kaum leserlichen und auf dünnem Papier gedruckten Dokumente. "Manchmal sind die Berichte nicht vollständig oder es gibt nur Durchschläge", berichtet Projektleiter Sascha Feuchert. Auch müsse man immer wieder die Umstände erläutern, unter denen die Chronik entstand. Schließlich sei das Schreiben im Ghetto lebensgefährlich gewesen und die "Schere im Kopf" habe zu seltsamen Formulierungen geführt. So sei beispielsweise der "Selbstmord am Drahtzaun", von dem der Tagesbericht vom 17. Juli 1944 schreibt, in Wahrheit eine Erschießung durch einen Schutzpolizisten. "Deshalb ist es wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen", sagt Feuchert. Mit enormem Aufwand habe das Archiv des "Judenrates" von 1940 bis 1944 die Ereignisse im Ghetto aufgezeichnet, "verfasst wie eine Zeitung, aber doch ohne Leser". Rund ein Dutzend Autoren, darunter der tschechische Schriftsteller Oskar Singer, hätten für die Nachwelt geschrieben, aber selbst den Holocaust nicht überlebt.

Seit vier Jahren arbeitet das Forscherteam an der Übersetzung der erhaltenen Texte des zweitgrößten polnischen Ghettos. "Die Berichte gehören zu den bemerkenswertesten Zeugnissen des Holocaust", sagt Feuchert. In solcher Ausführlichkeit und dazu tagtäglich sei noch nie das Leben eines Ghettos beschrieben worden. Nur ein Viertel der Dokumente sei bisher auf Englisch und in einer wissenschaftlich angreifbaren Fassung publiziert worden.

Bei seiner Errichtung am 8. Februar 1940 drängten sich hundertsechzigtausend Menschen auf 4.13 Quadratkilometern in einunddreißigtausend Zimmern im Ghetto. Kaum eins der Holzhäuser verfügte über fließendes Wasser. Die Kosten für die tägliche Versorgung der Bewohner wurden auf dreißig Pfennig pro Kopf festgelegt und lagen damit weit unter dem Satz für Gefängnisinsassen. Anfang 1942 begannen die Deportationen aus dem Ghetto Lodz nach Chelmno. Innerhalb der nächsten vier Monate fielen fünfundfünfzigtausend Menschen diesen Mordaktionen zum Opfer. Ende 1943 arbeiteten hundertsiebzehn Werkstätten und Fabriken im Ghetto auf Hochtouren für die deutsche Kriegswirtschaft und produzierten für Firmen wie Neckermann. Dadurch bewahrten sich die Ghettoarbeiter, so zynisch es klingt, einen Todesaufschub.

Denn über das Schicksal des Ghettos und seiner Bewohner ließen die Nationalsozialisten keinerlei Zweifel. Friedrich Uebelhoer, der deutsche Regierungspräsident von Kalisz, kündigte an: "Zu welchen Zeitpunkten und mit welchen Mitteln das Ghetto (...) von Juden gesäubert wird, behalte ich mir vor. Endziel muß jedenfalls sein, daß wir diese Pestbeule restlos ausbrennen."

Oskar Rosenfeld ist einer der unbestechlichen Chronisten, der im "Ghetto-Spiegel" seine eigenen Gefühle ausdrückte. So berichtet er am 22. Juni 1944 von der Fahndung der Wachmannschaften nach der elfköpfigen Familie Szmulewicz. Doch es gab die Familie nicht mehr. Ihre Mitglieder waren ausgesiedelt, "gestorben", erschossen oder durch Selbstmord "verschwunden", Rosenfeld kommentiert.: "Zu spät. Der Tod hat der Behörde ein Schnippchen geschlagen. Gegen den Tod ist sogar die schlagartigste Hand machtlos."

Der letzte Tagesbericht am 30. Juli 1944 meldet eine Tagestemperatur von 22,38 Grad, sonnig und heiß. Alles in allem herrsche im Ghetto Ruhe und Ordnung. Wenn allerdings kein Mehl einkomme, könne die Lage äußerst kritisch werden, es werde behauptet, daß die Mehlvorräte nur für knapp zwei bis drei Tage reichten.

Am 19. Januar 1945 wurde Lodz von der Roten Armee befreit. Sechshundert Menschen, die als Aufräumkommando zurückgelassen worden waren, sowie rund zweihundertsiebzig Menschen, denen es gelungen war, sich vor der Deportation zu verstecken, haben das Grauen überlebt. Die Chronik, als institutionalisiertes Gedächtnis der jüdischen Zwangsgemeinschaft gedacht, gestattet uns einen tiefen Einblick in eine Existenz jenseits humaner Lebensbedingungen. Sie ist ein beredtes Zeugnis der Leidensgeschichte einer jüdischen Gemeinschaft und ein beklemmendes Dokument des beispiellosen Zivilisationsbruchs.

Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944. Herausgegeben von Sachsa Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke sowie Julia Baranowski und Krystyna Radzisewska, Wallstein, Göttingen 2004, 256 S. , 19 €


Gazeta wyborcza, 8.11.2004

Lodzer Getto Chronik: Zuerst auf Deutsch

Es ist ein Band der "Lodzer Getto Chronik" erschienen, der mit den Monaten Juni und Juli 1944 die letzte Etappe des Bestehens des Gettos kurz vor dessen Liquidierung dokumentiert.

Die "Chronik" entstand in der Statistischen Abteilung, die von Chaim Mordechai Rumkowski, dem Judenältesten, gegründet wurde. Sie ist ein erschütterndes Dokument. Es zeigt, wie wirkungsvoll die Nazis die Fiktion von den Aussiedlungen zum Arbeitseinsatz aufrechterhielten, während immer neue Transporte mit Juden nach Chelmno verschickt wurden. Selbst die zur [intellektuellen] Elite gehörenden Chronikautoren ließen sich irreführen. "Jetzt wird alles gut werden" – schrieb im Sommer 1944 Oskar Singer, ein Philosoph aus Prag.

Seit dem 12. Januar 1941 wurde die Chronik als "Bulletin der Tageschronik" auf Polnisch geführt. Die ersten Verfasser waren polnische Juden, später wurden auch Juden aus Westeuropa in den Autorenkreis aufgenommen. In der Chronik lesen wir von auf den Straßen plakatierten Bekanntmachungen, Reden Rumkowskis, Lebensmittelzuteilungen und von den auf dem Schwarzmarkt herrschenden Preisen. Es ist auch von Gerüchten und Konzerten die Rede. Bisher existiert keine vollständige Ausgabe dieses Werkes in polnischer Sprache. Vor 1968 erschienen nur zwei Bände. Wissenschaftler von der Lodzer Universität und der Universität in Giessen arbeiten zusammen mit dem Staatsarchiv an einer deutsch-polnischen Edition. Der Band "Letzte Tage. Die Lodzer Getto Chronik" wurde anlässlich des 60. Jahrestages der Liquidation des Gettos auf Deutsch herausgegeben. Der erste Band der "Chronik" auf Polnisch wird nächstes Jahr erscheinen.

(Joanna Podolska)


AP-Meldung, 02.09.2004

Literatur & Lesen - Vitrine Sachbuch:

Flaschenpost aus der Zeit der Vernichtung

Frankfurt/Main (AP) „Die Hohensteinerstraße hat ihr Antlitz verändert. Der Verkehr ist außerordentlich lebhaft. Man merkt, dass der Krieg allmählich auch an Litzmannstadt heranrückt. Neugierig schaut der Gettomensch den durcheilenden Kraftwagen der verschiedenen Waffengattungen nach. Das Wichtigste aber ist für ihn doch noch immer: Was gibt es zum Essen?'"

Die Verfasser dieser Tagesnachricht vom 30. Juli 1944 wussten noch nicht, dass dies der letzte Eintrag der Chronik aus dem Getto von Lodz sein würde - beziehungsweise Litzmannstadt, wie die deutschen Nationalsozialisten die polnische Stadt umbenannten. Vor nunmehr 60 Jahren wurde das nach Warschau zweitgrößte Getto auf polnischem Gebiet, in dem zeitweise 160.000 Juden zusammengepfercht waren, endgültig aufgelöst. Die letzten der 70.000 noch verbliebenen Bewohner wurden am 29. August 1944 abtransportiert in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau oder Chelmno.

Zurück blieben rund 2.000 Seiten der Lodzer Getto-Chronik, die noch schnell in einem trockenen Brunnenschacht versteckt werden konnten. Diese akribischen Aufzeichnungen in Deutsch und Polnisch geben einen erschütternden Einblick in den grausamen Alltag des Gettos. Sie zeugen von Hunger und Krankheit, von Gewalt und Tod - doch ebenso vom Wunsch, sich allen widrigen Umständen zum Trotz noch etwas Normalität und Würde zu bewahren. Dies wird nicht zuletzt deutlich an einem besonderen Getto-Humor.

Im Gegensatz zu den Untergrundarchiven aus anderen Gettos hat die Lodzer Chronik offiziellen Charakter. Sie wurde erstellt von der Statistischen Abteilung, die die deutschen Kommandanten der so genannten jüdischen Selbstverwaltung genehmigt hatten. Allerdings musste der Mitarbeiterstab unter Leitung des Prager Journalisten Oskar Singer stets mit Kontrollen rechnen, so dass in strenger Selbstzensur die Verhältnisse zwar dokumentiert, aber kaum kommentiert wurden. Das Ergebnis sind stilistisch vielfältige Artikel und Reportagen für eine Zeitung der Zukunft.

Anlässlich des 60. Jahrestags der Getto-Liquidation sind die Aufzeichnungen der Monate Juni und Juli 1944 jetzt als Buch erschienen. Herausgeber sind Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen. Sie haben 2002 schon die gesonderten Reportagen von Oskar Singer veröffentlicht („Im Eilschritt durch den Gettotag", Philo Verlagsgesellschaft). Der jetzige Band über die letzten Tag im Lodzer Getto ist der Auftakt für eine komplette Ausgabe der umfangreichen Chronik, die 2006 erscheinen soll. (Annedore Smith)

(Wallstein Verlag, ISBN 3-89244-801-9, 19 Euro)


Gießener Anzeiger, 28.08.2004

"Unser einziger Weg ist Arbeit"

Vor 60 Jahren wurde das Getto in Lodz liquidiert und 76 000 Menschen ins Vernichtungslager transportiert

Von Heidrun Helwig

Lodz/Giessen. Es ist heiß und sonnig an jenem 30. Juli. Mit Temperaturen bis 38 Grad. Und wie bereits der Samstag verläuft auch der Sonntag "sehr ruhig". Wenngleich der Verkehr inzwischen überaus lebhaft ist. Es ist deutlich zu spüren, dass der Krieg allmählich auch an Litzmannstadt - der nationalsozialistische Name für die Stadt Lodz – heranrückt. "Neugierig schaut der Gettomensch den durcheilenden Kraftwagen der verschiedenen Waffengattungen nach. Das Wichtigste aber ist für ihn doch noch immer: ‚Was gibt es zum Essen?’". Denn Hunger bestimmt dem Alltag der jüdischen Bewohner. Und "wenn morgen, Montag, kein Mehl einkommt, kann die Lage äußerst kritisch werden." Ob das ersehnte Mahl geliefert wird, bleibt offen. Denn mit dem Eintrag an diesem heißen Julitag reißt die Chronik ab. Bekannt aber ist, dass die Lage weit mehr als kritisch wird. Denn im August 1944 wird das Getto Lodz liquidiert. Insgesamt 76000 Menschen werden nach Chelmno, jenem Vernichtungslager, das die Deutschen Kulmhof nennen und das 55 Kilometer vom Getto entfernt liegt, sowie nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Gedenkveranstaltungen

Der letzte Transport verlässt Lodz am 29. August 1944. Das liegt nun genau 60 Jahre zurück. Und erstmals erinnert die Stadt, deren Name mit dem zweitgrößten nationalsozialistischen Getto auf polnischem Gebiet verbunden ist, an die zahllosen Opfer in großen öffentlichen Gedenkveranstaltungen. Erwartet werden dazu auch rund 2000 Überlebende des Naziterrors aus aller Welt. Pünktlich zu diesem Gedenktag ist nun der erste Band der "Lodzer Getto-Chronik" erschienen, der diese "Letzten Tage" umfasst. Gleichsam ein Zeichen der Versöhnung, dass ein polnisch-deutsches Forscherteam den liebevoll gestalteten, einfühlsam kommentierten, anrührenden Band gemeinsam vorgelegt hat. Die Zusammenarbeit ist damit keineswegs beendet. Denn bis 2006 soll die rund 2000 Seiten umfassende Chronik in ihren Originalsprachen deutsch und polnisch komplett veröffentlicht werden. Gemeinsam bearbeitet von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Gießener Universität und einer Arbeitsgruppe aus Lodz. Gefördert wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In Polen erfährt die Kooperation der Wissenschaftler große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ganz anders bislang in Deutschland.

Die Chronik ist ein erschütterndes Zeugnis der Ereignisse im Getto. Akribisch notieren die etwa 15 Mitarbeiter – überwiegend Schriftsteller und Journalisten – die täglichen Nachrichten. Berichten über Wetter und Bevölkerungsstand. Informieren über besondere Vorkommnisse und verzeichnen akribisch den Unfang der Lebensmittellieferungen. Vermelden die Sterbefälle samt Todesursache und die "Transporte zur Arbeit außerhalb des Gettos". Doch die Chronik ist weit mehr als eine Sammlung von Tagesnachrichten und statistischen Daten. Um die reine Wiedergabe der Fakten des Alltags gruppieren sich nach und nach literarisch gefärbte und sogar humoristische Texte. Ab 1943 erscheinen feste Rubriken wie "Man hört, man spricht", "Kleiner Getto-Spiegel" oder "Getto-Humor". Dadurch erscheint die Chronik wie eine Tageszeitung. Mit Berichten und Kommentaren, Glossen und unterhaltenden Artikeln. Gleichwohl ist die "Chronik" letztlich Teil der vorgetäuschten Normalität eines alltäglichen Lebens, die sich aus Sicherheitsgründen einer internen Zensur unterwirft. Aber für die Autoren des kollektiven Tagebuches gibt es – anders als für Journalisten üblich – keine unmittelbare Leserschaft. Konsequent wenden sie sich deshalb an zukünftige Leser. Das wird nicht nur am 2. Juli 1944 offenkundig mit dem Hinweis: "Ein wenig kompliziert sind die Sachen für den erstaunten Leser unserer Nachwelt." Dass die Getto-Chronik nun nach 60 Jahren tatsächlich die Nachwelt erreicht, ist geradezu ein Wunder. Nachmann Zonabend, ein ehemaliger Briefträger im Getto, der zum "Aufräumkommando" gehört, das die SS nach der vollständigen Liquidierung aus ehemaligen Bewohnern bildet, entdeckt im Haus des Getto-Archivs mehrere Koffer mit Texten und Dokumenten. Er versteckt sie in einem ausgetrockneten Brunnen und kann sie nach der Befreiung bergen.

Häuser aus Holz

Doch trotz ihrer historischen – und literarischen – Bedeutung ist die "Chronik" niemals vollständig veröffentlicht worden. Ein polnischer Editionsversuch bleibt nach zwei Bänden Mitte der 60er Jahre stecken. Die Editoren geraten in die Mühlen der alle gesellschaftlichen Bereiche ergreifenden antisemitischen Unruhen in Polen. Einer der Herausgeber, Lucjan Dobroszycki, kann seine Arbeit in Amerika fortsetzen. Doch entscheidet er sich für eine Kurzausgabe in englischer Übersetzung: Nur ein Viertel des Chroniktextes wird von ihm publiziert, den er zudem häufig bearbeitet und an verschiedenen Stellen neu arrangiert. Seither galt es als wissenschaftlicher Konsens, dass das kollektive Tagebuch ein "Oberklassentext" sei, der nicht die "tatsächliche Geschichte" des Gettos wiedergebe. An der Editionsgeschichte spiegelt sich auch die generelle Auseinandersetzung mit dem Lodzer Getto wider. Denn: Lodz bleibt – ganz anders als Warschau – ein Getto am Rande. Ein Getto, dessen Geschichten viel seltener erzählt werden. Schließlich fehlen die großen symbolischen Widerstandshandlungen, die zur Identifikation hätten einladen können, und obendrein stand an der Spitze der scheinbaren jüdischen Selbstverwaltung mit Mordechaj Chaim Rumkowski eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte des Holocaust. Ihn ernennen die Deutschen zum "Ältesten der Juden" des Gettos, das am 8. Februar 1940 eingerichtet wird. Weitreichende Repressionen aber müssen die rund 210 000 Juden, die in Lodz leben, schon zuvor ertragen. Vor allem, seit die Stadt Anfang November 1939 in das Deutsche Reich eingegliedert wird. Das "Wohngebiet der Juden" umfasst hauptsächlich das ehemalige Armenviertel und die Altstadt. Dort gibt es rund 2500 Häuser mit insgesamt 31 000 Zimmern. Kaum eines der überwiegend aus Holz erbauten Gebäude verfügt über fließend Wasser oder einen Anschluss an die Kanalisation.

Perfekte Isolation

1942 gar wird das Getto nochmals verkleinert. 42587 Menschen pferchen die Nazis nun auf einen Quadratkilometer zusammen. In einem Raum sind sechs bis sieben Personen untergebracht. In keinem Getto im besetzen Polen wird die Isolierung mit solcher Perfektion betrieben. Denn die fehlende Kanalisation macht es nahezu unmöglich, das Getto zu verlassen oder einen nennenswerten Schmuggel zu organisieren. Zu einer völligen Isolierung trägt aber auch die "Eindeutschung" von Lodz bei. Im Innern wird unter der Leitung vom Rumkowski eine scheinbare jüdische Selbstverwaltung aufgebaut, die den Bewohnern die "Illusion der Normalität" vorgaukelt. Mit Krankenhäusern, Postwesen, Arbeitsamt, Schulen, Kulturhäusern. Gleichzeitig wird das Getto zunehmend umgestaltet ein reines Arbeitslager, das zu 90 Prozent für die deutsche Rüstungsindustrie produziert. Mit seiner umstrittenen Politik der bedingten Kooperation unter der Parole "Unser einziger Weg ist Arbeit" versucht Rumkowski, die jüdischen Arbeitskräfte für die deutschen Behörden unentbehrlich zu machen. Arbeitsunfähige, Kranke, Kinder und alte Menschen aber haben keine Überlebenschance. Ihr Leben endet entweder durch Hunger oder im Vernichtungslager. Zumal aus Österreich, Böhmen, Luxemburg und dem "Altreich" immer mehr Juden nach Lodz deportiert werden.

Zur scheinbaren Normalität im Getto gehören auch die statistische Abteilung und das Archiv. Dabei stammt die Initiative, die Geschichte und Entwicklung des Gettos für zukünftige Generationen zu dokumentieren, offenbar von Rumkowski selbst. Die Abteilung hat von Anfang an Doppelcharakter: Oberflächlich arbeitet sie für die Deutschen und das bietet Schutz für umfangreiche Archivierungsarbeiten. Dazu zählt auch die Chronik. "Man darf sich unter A[rchiv] keine stille Gelehrtenstube vorstellen, wo emsig geschrieben und gesammelt wurde. [...]Hunger und Kälte liessen eine halbwegs regelmäßige und erspriessliche, schöpferische Arbeit kaum zu", beschreibt Oskar Singer die Situation für die Nachwelt. Der Jurist und Journalist aus Prag zählt neben Oskar Rosenfeld, Schriftsteller und ebenfalls Journalist, zu den Hauptautoren der Chronik. Ihre schöpferische Arbeit wird vor allem in den letzten beiden Monaten von der Liquidierung beeinflusst. Denn neben Hunger macht sich die immer größer werdende Unsicherheit, ob und wie das Leben weiter geht, deutlich bemerkbar. Nicht nur im Inhalt der Chronik – der spielerische Umgang mit Getto-Gerüchten im "Getto-Spiegel" ist fast völlig verstummt, Rubriken wie "Getto-Humor" verschwinden ganz. Auch der Ton der Tagesberichte wird ernster, Sprache und Stil unterscheiden sich inzwischen beträchtlich von den Texten der Jahre 1942 bis 1944.

Und obgleich man zwischen den Zeilen lesen kann, dass sich die Chronisten des nahen Endes des Gettos bewusst sind, keimt auch immer wieder Hoffnung auf. Etwa am 26. Juli: "Frohe Nachricht für’s Getto. Postkarten aus Leipzig. Von Personen, die im Zuge der letzten Aussiedlung zur Arbeit außerhalb des Gettos abgereist sind, sind heute die ersten Nachrichten im Getto eingetroffen. Es kamen 31 Postkarten, die durchweg den Poststempel vom 19. Juli tragen. Aus diesen Karten geht erfreulicherweise hervor, dass es den Leuten gut geht und hauptsächlich, dass die Familien beisammen sind." Die Karten aber sind von den Nazis gefälscht, um der wachsenden Unruhe im Getto zu begegnen. Die vermeintlichen Absender längst in Chelmno ermordet. Wenige Tage später werden auch Oskar Singer und Oskar Rosenfeld nach Auschwitz deportiert. Sie überleben ebenso wenig wie Mordechaj Chaim Rumkowski, der ihnen mit seiner Familie am 28. August 1944 im vorletzten Transport folgt.

"Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944." Herausgegeben von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke sowie Julian Baranowski und Krystyna Radziszewska. Wallstein-Verlag 2004, 256 Seiten, 19 Euro.


Das Parlament, 2004

Vom Leben und Sterben im Getto

Die Lodzer Chronik - aussagekräftig und erschütternd
von Ursula Homann

Vor 60 Jahren wurde das Getto Lodz/Litzmannstadt aufgelöst. Die Menschen, die im August 1944 noch dort waren - es waren knapp 70.000 -, wurden in die Vernichtungslager Chelmno und Auschwitz verschleppt. Nur wenige überlebten diese letzte Etappe der Vernichtungsmaschinerie. Doch im Gegensatz zum Getto von Warschau, dessen Geschichte schon früh erforscht worden ist, wurde die Geschichte des Gettos von Lodz lange sträflich vernachlässigt. Das hat sich inzwischen gründlich geändert, nicht zuletzt durch eine Universitätspartnerschaft zwischen Gießen und Lodz.

Als wichtiges Hilfsmittel erwies sich bei der Erforschung der Geschichte des Lodzer Gettos neben Essays, Reportagen und Tagebuchaufzeichnungen die sogenannte Getto-Chronik, ein etwa 2000seitiger Text. 15 Mitarbeiter, überwiegend Journalisten und Schriftsteller, hatten seit Januar 1941 täglich alle relevanten Ereignisse im Lodzer Getto auf polnisch und deutsch akribisch festgehalten - aus der Perspektive der Verwaltung des "Judenältesten", was sie aber nicht daran hinderte, ihre Notizen mit kurzen aufschlussreichen Kommentaren zu versehen.

Auf Initiative von Mordechaj Chaim Rumkowski (er stand an der Spitze der scheinbaren jüdischen Selbstverwaltung und gilt als eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte des Holocaust) war in der Verwaltung des "Ältesten der Juden" eine Abteilung gegründet worden, die Leben und Sterben im Getto für zukünftige Generationen dokumentieren sollte, wie aus einer Karte der sogenannten "Enzyklopädie des Gettos" hervorgeht, die 1944 als letztes großes Unternehmen des Archivs zur Ergänzung der Chronik entstanden war. Daneben gab es dort noch ein Grafikbüro und ein "photographisches Referat" mit einem gut ausgestatteten Labor, in dem heimlich aufgenommene Fotos entwickelt wurden.

Chronik-Autoren

Nachzulesen sind die Eintragungen der Lodzer Chronik aus den letzten beiden Monaten Juni und Juli 1944 in der kürzlich herausgegebenen Edition "Letzte Tage". In der Einleitung beleuchtet Sascha Feuchert die Geschichte von Getto und Archiv und stellt die drei wichtigsten Chronik-Autoren vor: Oskar Singer, Oskar Rosenfeld und Peter Wertheimer, von denen keiner die Schreckenszeit überlebt hat. In einem weiteren Beitrag untersucht Jörg Riecke die Sprache von Opfern im Angesicht des Todes.

Am eindrucksvollsten und erschütterndsten ist die Chronik selbst, die tiefe Einblicke in eine abgeschlossene Welt jenseits aller humanen Lebensbedingungen gewährt. Jeder Tageseintrag beginnt mit allgemeinen Nachrichten und statistischen Angaben, über Sterbefälle, zu denen auch Selbstmorde gehören, über Geburten, ansteckende Krankheiten, Verhaftungen. Aber es kommen auch Trauungen und Raubmorde vor.

Besonders aussagekräftig ist der oft angefügte "Kleine Getto-Spiegel". Durch ihn erfährt man über Schwierigkeiten im Zusammenleben auf engstem Raum, von Tragödien, die sich insgeheim abspielen, von "Nachrichten, die durch die Drähte des Gettos dringen" und eine allgemeine Nervosität hervorrufen. Angst "schnürt allen die Kehle ab", vor allem dann, wenn Freiwillige zur Arbeit außerhalb des Gettos gesucht werden. Weiß doch keiner, was draußen mit den Menschen geschieht.

"Wer nur die kleinsten 'Plejzes' (Beziehungen) haben wird, der wird versuchen, sich der Ausreise zu entziehen" heißt es an einer Stelle. Kaum einer will "heraus aus der Hölle, weil man sich an sie gewöhnt hat", schreibt Oskar Singer, und Oskar Rosenfeld fügt hinzu: "Gott allein weiß, für wen es besser sein wird; für den, der hier bleibt oder für den, der weggeht." Aber man liest auch, dass manche Menschen "verstockt" seien und dass durch Not und Angst der ein oder andere "egoistisch" und "rücksichtslos" geworden sei.

Alarmierende Gerüchte machen häufig die Runde und nicht wenige werden dann von Panik ergriffen. Niederdrückend und allgegenwärtig sind Hunger, Not, Einsamkeit, Misstrauen und Bangigkeit, die man oft deutlich zwischen den Zeilen spürt. "Und doch - der jüdische Glaube an eine Gerechtigkeit, die irgendwann siegen wird, lässt den äußersten Pessimismus nicht zu. Man versucht, sich selbst zu trösten, sich irgendwie selbst zu täuschen", heißt es an einer Stelle. "Keine Ausreise-Aufforderung, eine Ration, ein Laib Brot - diese drei Fakten an einem Tag hatten die Kraft, das Getto glücklich zu machen" merkt Oskar Singer einmal an. "Der Tag verlief ruhig... Die Stimmung im Getto ist rosig. Alles ist voller Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges", so ein Eintrag am 23.Juli 1944. Manchmal klingt auch leiser Humor an, wie etwa in der Geschichte von der Bepflanzung eines Kinderwagens mit Gemüse, den der Besitzer aus Furcht vor Diebstahl unablässig im Getto herumfuhr.

Der Band - Auftakt für eine komplette Ausgabe der Chronik, die für das Jahr 2006 vorgesehen ist - schließt mit der Chronologie zur Geschichte des Gettos. Diese wiederum endet mit dem Vermerk, dass Lodz am 19. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde und dass 600 Menschen, die im Getto als Aufräumkommando zurückgelassen worden waren, das Getto überlebt haben sowie etwa 270 Menschen, denen es gelungen war, sich vor den Deportationen in Sicherheit zu bringen.


Sascha Feuchert und andere (Hrsg.). Letzte Tage: Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944. Wallstein Verlag, Göttingen 2004; 256 S., 19,- Euro

Ursula Homann arbeitet als freie Journalistin im sauerländischen Arnstadt.


Aus dem Internet-Angebot der Zeitschrift "Das Parlament" mit der Beilage "Aus Politik und Zeitgeschichte"

© 2004 Deutscher Bundestag und Bundeszentrale für politische Bildung.


Gegen Vergessen – für Demokratie 43/2004

Letzte Tage. Die Lódzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944

Hg. von Sascha Feuchert u.a.Göttingen: Wallstein 2004, 256 Seiten,ISBN 3-89244-801-9, Preis 19,- €

Aus der jährlichen Flut der Neuerscheinungen zum Nationalsozialismus und seinen Folgen ragt eine Publikation besonders heraus: die Veröffentlichung der letzten beiden Monate (Juni/Juli 1944) der Lódzer Getto-Chronik. Am 28. August dieses Jahres wurde in Lódz des 60. Jahrestages der Liquidierung des Gettos gedacht. Ende August 1944 gingen die letzten Transporte nach Auschwitz, nur wenige Juden überlebten das Grauen. Es ist den Herausgebern, der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen, dem Staatsarchiv Lódz sowie allen Beteiligten zu danken, dass diese Aufzeichnungen jetzt in Deutsch vorliegen, dazu noch in einer hervorragenden Edition.Warum sind diese Texte von so hoher Bedeutung? Diese Frage ist leicht zu beantworten: Nur wenige während des Holocaust entstandene Schriftstücke geben so dezidiert Auskunft über das Leiden, den verzweifelten Überlebenskampf und das Sterben der Juden in einer völlig reglementierten Lebenswelt, die vor allem von Ausbeutung der Arbeitskraft, von Hunger, Krankheit und erschreckenden Wohnverhältnissen geprägt war. Die unmittelbaren Zeugen dieser Zeit werden uns Nachgeborenen bald nichts mehr von ihrem Leben und ihren Erfahrungen berichten können.Die Besonderheiten des Lódzer Gettos ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamten Aufzeichnungen. 15 Mitarbeiter der Statistischen Abteilung und des Archivs der jüdischen Selbstverwaltung des Gettos hielten Tag für Tag alle relevanten Ereignisse aus der Perspektive der Verwaltung des "Judenältesten" kommentierend fest. Die Autoren waren überwiegend Journalisten und Schriftsteller. Da kann man z.B. unter dem Datum vom 23. Juni 1944 als Tagesnachricht lesen: "Zur Arbeit ausserhalb des Gettos. Heute morgen 1. Transport. Der 1. Transport von 562 Menschen ist heute um 8 Uhr morgens vom Bahnhof Radegast abgegangen. Vor dem Abtransport sprach der Gestapo-Kommissar Fuchs einige beruhigende Worte an die ausreisenden Personen. Er erklärte, dass es nunmehr auf Arbeit ins Reich gehe und dass für anständige Verpflegung gesorgt sein wird." Nach kurzer Fahrt erreicht dieser wie auch weitere Transporte das Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof), wo die Menschen in dafür besonders umgebauten LKWs durch die einströmenden Abgase getötet werden.Oder ein anderer Eintrag am 26. Juli 1944: "Frohe Nachrichten für’s Getto. Postkarten aus Leipzig. Von Personen, die im Zuge der letzten Aussiedlung zur Arbeit ausserhalb des Gettos abgereist sind, sind heute die ersten Nachrichten im Getto eingetroffen. Es kamen 31 Postkarten, die durchwegs den Poststempel vom 19. Juli 1944 tragen. Aus den Karten geht erfreulicherweise hervor, dass es den Leuten gut geht ... einzelne Karten sprechen von guter Verpflegung. Es bestätigt sich also, dass tatsächlich Arbeitskolonnen für das Altreich gebraucht werden." Die Karten stellten sich als Fälschungen heraus, die erwähnten Personen sind direkt in die Vernichtungslager gebracht worden und waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Der menschenverachtende und besonders perfide Vernichtungswille der Nazis zeigt sich hier in aller Deutlichkeit. An anderer Stelle (26. Juni 1944) erfahren wir von vielen Menschen, die versuchten, durch vorgetäuschte Krankheiten und Interventionen von den Transportlisten zu den Todesstätten gestrichen zu werden. Regelmäßig wird auch über den "Präses", den "Judenältesten", Chaim Rumkowski, und seine durchaus eigenwillige Rolle bei der "Selbstverwaltung" des Gettos – die Abhängigkeit von der deutschen Gettoverwaltung war stets präsent – berichtet.Die informative Einleitung zur Geschichte des Gettos Lódz, zum Sprachgebrauch der Autoren, zur Edition selbst und die notwendigen Anmerkungen sorgen für das richtige Umfeld, in dem diese Edition steht. Der dokumentarische Wert des Bandes ist hoch anzusiedeln. 2006 soll die komplette Getto-Chronik vorliegen. Eine empfindliche Lücke schließt sich.

Jens-Jürgen Ventzki

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