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Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 1999


Inhalt

Gießener Anzeiger, 17.05.1999: Ausstellung über das ehemalige Ghetto von Lódz

Gießener Allgemeine Zeitung, 14.05.1999: Wo der Mensch zum Unmensch geworden ist

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.1999: Fotoausstellung zu Ghetto

Gießener Allgemeine Zeitung, 03.02.1999: Im Briefwechsel Geschichte lebendig gemacht

Gießener Allgemeine Zeitung, 01.02.1999: Alltag von Frauen im Konzentrationslager

Wetzlarer Neue Zeitung, 19.01.1999: Er war auf Einladung der Holocaust-Forschungsstelle in Gießen

Gießener Allgemeine Zeitung, 18.01.1999: Nur nicht zu empfindlich und sentimental sein

Gießener Anzeiger, 18.01.1999: Jakov Lind: „Ich komme alle 54 Jahre nach Gießen“


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Aus: Gießener Anzeiger, 17.05.1999:
Ausstellung über das ehemalige Ghetto von Lódz

GIESSEN (sfe). „Erinnern bedeutet, sich zu vergegenwärtigen, wozu der Mensch fähig ist; es bedeutet zu erkennen, was uns ständig bedroht“ – Prof. Erwin Leibfried, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Neuere deutsche Literatur der JLU, eröffnete mit diesen Worten die Ausstellung „Spuren und Zeitzeugen – Das ehemalige Ghetto in Lódz“, die noch bis zum 4. Juni im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek zu sehen ist.
Das Lódzer Ghetto bestand zwischen 1940 und 1944: Es war das erste und letzte Großghetto unter nationalsozialistischer Herrschaft. In Lódz mussten die eingesperrten Menschen systematisch für die deutsche Rüstungswirtschaft arbeiten; in dieses Ghetto wurden im Oktober 1941 zum ersten Mal auch Juden aus Mitteleuropa deportiert. Aus Lódz wurden die ersten Menschen in ein Vernichtungslager verschleppt und ermordet.
Die Ausstellung, die von der Designerin Silke Berg (Hessisches Staatsarchiv Darmstadt) erarbeitet wurde, präsentiert neben Informationen zur Ghettogeschichte und Fotos, die versuchen, Spuren des Ghettos im heutigen Lódz aufzufinden, vor allem ausdrucksstarke Porträts von sechs Zeitzeugen. Nadja Kuhl von der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung in Lich betonte in ihrer Einführung, daß „an diesen Lebensgeschichten in wenigen Sätzen das Ausmaß der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch Deutsche augenscheinlich wird“.
Zu den Informationen über die Ghettogeschichte hat Silke Berg Farbdias gestellt, die von der deutschen Ghettoverwaltung in Auftrag gegeben wurden: Dem Fotograf, sagte Nadja Kuhl, sei es darum gegangen, die Effektivität des Ghettos als Produktionsstätte und die Leistung der deutschen Ghettoverwaltung, die Bewohner organisierte und beherrschte, zu dokumentieren. Das Ghetto erscheine auf den Bildern als sauberer, disziplinierter Industriebetrieb, ohne Elend, ohne Erschöpfung, ohne Sterbende. Die Menschen seien eigenartig entrückt, ohne persönliche Regung, oft statisch.
Der Präsident der JLU, Prof. Stefan Hormuth, betonte in seiner Begrüßungsrede, daß Lódz für „uns Giessener wegen der Partnerschaft der beiden Universitäten immer etwas ganz Besonderes ist“. Das Ghetto sei ein schlimmer Teil einer gemeinsamen Geschichte, an die erinnert werden müsse.


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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 14.05.1999:
Wo der Mensch zum Unmensch geworden ist

Die Ausstellung „Das Lodzer Getto – Spuren und Zeitzeugen“ ist bis zum 4. Juni während der üblichen Öffnungszeiten in der Universitätsbibliothek zu sehen.

„Die bei solchen Anlässen meist angesagte frohe Stimmung will sich hier nicht einstellen, dagegen bange Erwartung dessen, womit man konfrontiert wird“. Bibliotheksdirektor Dr. Bernhard Friedmann begrüßte zur Eröffnung der Ausstellung „Das Lodzer Getto – Spuren und Zeitzeugen“ im UB-Ausstellungsraum. Mindestens drei Querverbindungen führten zu diesem Thema: Die Universitätspartnerschaft mit der Universytet Lódzki, die Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Giessener Institut für Neuer deutsche Literatur sowie die Kontakte der Diplom-Designerin Silke Berg zur jüdischen Gemeinde der Stadt.
Die gebürtige Laubacherin studierte in Darmstadt und hatte schon einen Bildband über den früheren jüdischen Stadtteil „Getto“ (der Begriff wurde später in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen) in Venedig veröffentlicht, bevor sie 1995 für ihre Abschlußarbeit „Spuren und Zeitzeugen des Gettos in Lodz“ wochenlang in der polnischen Stadt recherchierte. Dabei fand sie Menschen, die Auskunft gaben über ihr Schicksal während der deutschen Gewaltherrschaft, und in Lajb Praszkier den einzigen Überlebenden des Gettos.
Nadja Kuhl vom Vorstand der Ernst-Ludwig-Chambré-Stifung in Lich (benannt nach einem jüdischen Juristen, der 1933 von Lich nach Israel emigrieren musste) berichtete, 1939 hätten in Lodz etwa 233 000 jüdische Bewohner über 30 Prozent der Gesamteinwohnerzahl gestellt und damit die zweitgrößte Gemeinde Europas. Heute lebten dort nur noch wenige alte Menschen unter ärmlichen Bedingungen. Sechs von ihnen hat Silke Berg einfühlsam fotografiert, eindrucksvolle Gesichter in schwarzweißen Portraits, die auf Stellwänden befestigt die jeweilige Lebensgeschichte erzählen.
Vom Veranstalter, dem Institut für Neuere deutsche Literatur (unterstützt von der Licher Stiftung), sprach Prof. Erwin Leibfried: Die Ereignisse, wo der Mensch zum Unmensch geworden sei, machten Erinnerung unerlässlich. Universitätspräsident Prof. Stefan Hormuth, der tags darauf nach Lodz reisen wollte, fand es irritierend, dass in keinem Reiseführer das Getto erwähnt wird.
Dabei wurde dieses wenige Wochen nach dem Überfall auf Polen auf einem Gebiet von nicht einmal 4,2 Quadratkilometern eingerichtet. Zwischen 1940 und 1944 starben hier über 100 000 Menschen im ersten und letzten Großgetto unter nationalsozialistischer Herrschaft.
Ergänzt wird die Ausstellung durch die zur Zeit lieferbaren Bücher zum Getto Lodz, Fotos des heutigen Stadtbilds und Abzüge von Dias aus der Gettozeit (das Lager wurde von einem NS-Pressefotografen dokumentiert) sowie durch Magazinseiten mit Fotos und Texten zur Geschichte des Ortes.
Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat zur Ausstellung eine kleine bibliographische Handreichung erarbeitet, die Werke zum Lodzer Getto verzeichnet. Die Dokumentation der unrühmlichen Vergangenheit bleibt bis zum 4. Juni in der UB, jeweils montags bis samstags zu den üblichen Öffnungszeiten für die Öffentlichkeit zugänglich. Wer den Spuren der jüdischen Gemeinde Gießen folgen will, dem sei der Bildband “Die Synagoge in Gießen“ (Bergauf-Verlag, Frankfurt/M.) von Silke Berg empfohlen. Dieses Buch kann ebenso im Phil. I, Haus C, Bibliothek für Hermeneutik und Judaika, ausgeliehen werden.


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Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.1999:
Fotoausstellung zu Ghetto

umo. GIESSEN. Mehr als 100 000 Menschen starben zwischen 1939 und 1944 im Ghetto Lodz an Krankheiten und Hunger oder wurden in den Vernichtungslagern Chelmo und Auschwitz-Birkenau umgebracht. Relikte des Ghettos zeigt die Fotoausstellung „Spuren und Zeitzeugen“, die heute um 19 Uhr in der Bibliothek der Justus-Liebig-Universität eröffnet wird. Die Schau ist bis zum 4. Juni montags bis freitags von 8.30 bis 20 und samstags von 8.30 bis 18 Uhr geöffnet.


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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 03.02.1999:
Im Briefwechsel Geschichte lebendig gemacht

Die Historikerin Dr. Christl Wickert sprach über „Frauen im Konzentrationslager und ihr Leben nach der Befreiung“

Gießen (cj) „Man kann sich nicht vorstellen, wie entwürdigend es ist, wenn man sich als Frau vor einem Mann nackt ausziehen muß, wenn man die Haare geschoren bekommt und danach Sträflingskleidung erhält.“ Daß die Verhältnisse in den Nazi-Konzentrationslagern menschenverachtend waren, steht außer Frage. Wie ehemalige Häftlinge über ihre Gefangenschaft und ihre dortigen Erlebnisse dachten, blieb jedoch oft ein Geheimnis. Um so beeindruckender ist es daher, wenn die Berliner Historikerin Dr. Christl Wickert aus einem Briefwechsel zwischen zwei sich nahestehenden Menschen vorliest, aus einer Zeit, in der beide vom Nazi-Regime inhaftiert waren. „Frauen im Konzentrationslager und ihr Leben nach der Befeiung“, so lautete der Titel einer Veranstaltung, die am Sonntag viele Neugierige in den Netanyasaal des Alten Schlosses lockte.
Wickert erstellte anhand eines Paares eine „Haft-Chronologie“, eine Abfolge, die mit der Verhaftung zweier Menschen beginnt und mit der Bewältigung ihres Lebens nach der Freilassung aus dem Gefängnis endet.
Klaus und seine spätere Frau Doris wurden im Jahre 1935 wegen ihrer kommunistischen Überzeugung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Doris war „Halbjüdin“, dennoch gelang es ihr nach dem regulärem Ablauf der Haftzeit, das Gefängnis zu verlassen. Klaus hingegen wurde nach Ende seiner Haftzeit in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt, weil er sich nicht von seiner „halbjüdischen“ Frau scheiden lassen wollte.
Zwischen beiden entstand ein reger Briefwechsel, in dem sie ihre Ängste und Sorgen ausdrückten. Nach acht Jahren Trennung erlebt Klaus einen psychischen Zusammenbruch, schafft es aber dennoch, bis zu seiner Befreiung durchzuhalten.
Das Leben im Gefängnis ist so trostlos, erklären beide, und man kann es, so Doris, „nur aushalten, wenn man die Moral hochhält und nicht in völliger Wehrlosigkeit erstarrt.“ Beide schaffen es letztendlich, die furchtbare Zeit des Nationalsozialismus zu überwinden.
Es sei wichtig, dass man bei der persönlichen Aufarbeitung des Holocaust das Leben der betroffenen Menschen noch viele Jahre mitverfolge, erklärte die Historikerin. Oft zeige sich erst viel später, welche psychischen Schäden ehemalige Inhaftierte davongetragen hätten. So habe Doris im Jahre 1979, also mehrere Jahrzehnte nach dem Schreckenserlebnis, den Freitod gewählt.
Daß insbesondere Frauen in Konzentrationslagern einen sehr schweren Stand gehabt hätten, liege schon oft allein an ihrem Geschlecht, verdeutlichte Wickert. So wurden schwangere Frauen direkt in die Gaskammer geschickt, menstruierende Frauen mussten das Blut vom Boden wischen, andere wurden in Lagerbordelle gesteckt.
Besonders schlimm müsse es gewesen sein, wenn man als schwangere Frau nach Auschwitz geschickt wurde und dort eines der Versuchsobjekte des berüchtigten Arztes Mengele wurde, so Wickert. Viele der verzweifelten Frauen hätten im Konzentrationslager angefangen, Tagebuch zu schreiben, die bisweilen auch den Weltkrieg überlebt hätten.
Eine wichtige Rolle im Konzentrationslager hätten vor allem die Freundschaften gespielt, erklärte die Historikerin weiter. Nur durch Freundschaften zu Häftlingen, die beispielsweise in der Küche oder in Krankenstationen gearbeitet hätten, sei es möglich gewesen, sich überhaupt über Wasser zu halten.
In sehr anschaulicher Weise gelang es Wickert an jeder Stelle ihres Vortrages, die Probleme insbesondere von Frauen in Konzentrationslagern darzustellen. Die Referentin war vom Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“, der Frauenbeauftragten der Stadt Gießen, der „Arbeitsstelle Holocaust Literatur“ und dem Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ der Justus-Liebig-Universität nach Gießen eingeladen worden.


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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 01.02.1999:
Alltag von Frauen im Konzentrationslager

Vortrag der Historikerin Christl Wickert im Alten Schloß

GIESSEN (sho). „Frauen im Konzentrationslager und ihr Leben nach der Befreiung“ hieß das Thema des einstündigen Vortrages der Historikerin Christl Wickert, die gestern Nachmittag im Netanyasaal des Alten Schlossen über Frauenschicksal referierte.
Anläßlich des Jahrestage der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hatten der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie e.V.“, die Frauenbeauftragte der Stadt Gießen, Ursula Passarge, sowie der Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ und die „Arbeitsstelle Holocaustliteratur“ des Institutes für Neuere Deutsche Literatur der Justus-Liebig-Universität eingeladen.
Wickert, die zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt hat, stützte sich in ihren Ausführungen besonders auf die Einzelschicksale, die sie von den Betroffenen selbst oder Mitinhaftierten geschildert bekam. Fast jedes Konzentrationslager hatte Frauenabteilungen, das KZ Ravensbrück ist als eines der wenigen Frauen-Konzentrationslager bekannt. Im Mittelpunkt von Wickerts Ausführungen stand der Briefwechsel der promovierten Ärztin Doris mit ihrem Mann Klaus. Doris, die zum einen Halbjüdin, zum anderen überzeugte Kommunistin war, war in Ravensbrück inhaftiert. Als ihr Mann die von der SS erwünschte Scheidung verweigert, wird auch er festgenommen und nach Buchenwald gebracht. Der Briefwechsel der Eheleute ist ein ergreifendes Zeitzeugnis unvorstellbaren Leids, mit dem Wickert eindrucksvoll zeigte, wie ein Leben und Überleben in den Konzentrationslagern überhaupt erst möglich wurde. 1941 wird Doris entlassen, ihr Ehemann Klaus hingegen muß noch weitere Jahre hinter den gutbewachten Zäunen verbringen, erleidet einen psychischen Zusammenbruch und steht kurz vor dem Aufgeben. Nur der Kontakt zu seiner Frau hält ihn aufrecht, und obwohl die Briefe von der Lagerleitung korrigiert sind, bekommt man einen Eindruck vom Leben im KZ.
Viele Frauen allerdings seien mit der psychischen Belastung eines inhaftierten Ehemanns nicht zurecht gekommen und hätten die Scheidung eingereicht, das nicht selten den Tod des Partners zufolge hatte, der jegliche Perspektive verloren hatte. Doris und Klaus haben die vielen Jahre zwar physisch gut überstanden, die psychischen Folgen hingegen saßen so tief, dass Doris mehr als dreißig Jahre danach, im Jahre 1979 Selbstmord beging. Andere inhaftierte Frauen hatten laut Wickert während der Haft teilweise noch massivere Probleme als die Männer: Schwangere zum Beispiel seien aufgrund ihrer Arbeitsunfähigkeit Gefahr gelaufen, in die Gaskammern geschickt zu werden. Sie hätten sich so zu grausamsten Taten hinreißen lassen, die sie ihr Leben lang nicht verarbeiten konnten. Christl Wickert hatte noch mehr solcher Frauen-Schicksale parat, einige mit „glücklichem“ Ende, andere wiederum mit traurigem. Diejenigen Zuhörer, die selbst Erfahrungen in Konzentrationslagern gesammelt haben, haben sicher einiges wiedererkannt an eigenen Erlebnissen. Die jüngeren aber erfuhren einen Bericht, hinter dem sich soviel Leid verbirgt, dass sie ihm zunächst kaum Glauben zu schenken vermochten.


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Aus: Wetzlarer Neue Zeitung, 19.01.1999:
Er war auf Einladung der Holocaust-Forschungsstelle in Gießen

Jakov Lind hat „im Rachen des Ungeheuers“ die Shoah überlebt

Von unserem Redakteur Guntram Lenz

Gießen. Es gibt Autoren, die eine Zeitlang zu Recht in vieler Munde waren, nach deren Werk man aber schon wenige Jahre später in Buchhandlungen fahnden muß. Jakov Lind, dessen Debüt „Seele aus Holz“ im Jahr 1962 im routinierten und eingefahrenen Literaturbetrieb wie eine Naturkatastrophe gewirkt haben muß, gehört zu ihnen. Ein Jude, der den Nazis durch die Netze geschlüpft war und „im Rachen des Ungeheuers“ die Shoah überlebt hatte, schrieb in sieben ungeheuerlichen und makabren, aberwitzigen Geschichten von seinen Lebenserfahrungen in einer Weise, dass es einem die Sprache verschlug. Rigoros, ohne Selbstmitleid, ohne Hoffnung auf tieferen Sinn und höhere Gerechtigkeit heiß es schon im ersten Satz der Titelerzählung „Diejenigen, denen die Papiere zum Leben fehlten, stellten sich zum Sterben an“.
Es folgten zwei schwächere Romane und mit dem „Selbstportrait“ von 1969 erneut ein Paukenschlag: als Außenseiter unter Außenseitern suchte Lind seine Identität wiederzugewinnen, indem er ganz unspektakulär von seinem jüdischen Elternhaus in Wien der dreißiger Jahre und vom Überleben in Nazi-Deutschland berichtete, und dann wurde es recht still um Jakov Lind.
Am Wochenende war der mittlerweile 70jährige auf Einladung der Licher Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung und der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur der Justus-Liebig-Universität in Gießen, wo er 54 Jahre zuvor den ersten schweren Bombenangriff auf die Stadt miterlebt hatte, und las in der alten Universitätsbibliothek vor rund 150 Zuhörern aus seinen Werken.
Uni-Präsident Prof. Dr. Stefan Hormuth nannte die Auseinandersetzung mit dem Holocaust „ein prägendes Thema unserer Kultur auf lange Zeit“. Umso wichtiger sei es, Texte zu erhalten und Zeugnisse von Überlebenden zu hören und sich mit ihnen auseinanderzusetzen – eine Aufgabe der Forschungsstelle für Holocaust-Literatur, für die Prof. Erwin Leibfried sprach.
Nadja Kuhl von der Chambré-Stiftung gab einen Überblick auf Jakov Linds Werk, den sie unter sein Motto „Über alles lachen und gegen sich selbst hart sein“ stellte.
„Die deutschen Wörter“, „Heimische Lieder“, „Die Botschaft des Jona“ waren Titel einiger, „dem Outsider Heine gewidmeter“ Balladen und Gedichte, die Lind dann erstmals öffentlich vortrug.
„Besser ist, wer sich für besser hält“, war die Lebensdevise in Linds Wiener Elternhaus, das er dann mit Auszügen aus einem „Selbstportrait“ den Zuhörern näherbrachte. Als Elfjähriger kam er mit einem Kindertransport in die Niederlande, nahm die Identität eines Jan Overbeek an und schipperte als 16jähriger Binnenmatrose auf Lastkähnen durch das mehr und mehr zerbombte Deutschland.
Eine Geschlechtskrankheit verschlug ihn 1944 in die Lazarette nach Gießen und Marburg, von wo aus er als Mitarbeiter einer Außenstelle des Reichsluftfahrtministeriums in Dillenburg landete.
„An Dillenburg würde niemand eine Bombe verschwenden, es gab hier absolut gar nichts zu bombardieren“, heißt es in Linds Autobiographie, in der er ausführlich seine Tätigkeit an der Dill beschreibt. Daß hinter der nach außen deklarierten „Erprobung von Metallen für Flugzeuge“ Atomforschung steckte und „Herr Kolberg“, dem er als Kurier diente, ein Spion war, wurde Lind erst zu Kriegsende offenbart.
Die rund zwei Stunden mit Jakov Lind und seinem Werk machten die Notwendigkeit der Arbeitsstelle für Holocaust-Literatur augenscheinlich. Dank Neuauflagen seiner Bücher in den Verlagen Picus, Zsolnay und Hanser lässt sich die Auseinandersetzung auch zu Hause fortsetzen.


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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 18.01.1999:
Nur nicht zu empfindlich und sentimental sein

Lesung und Diskussion mit dem jüdischen Schriftsteller Jakov Lind in der Alten Universitätsbibliothek

„Seit meinem Tod in Gießen fürchtete ich nichts mehr“, liest Jakov Lind. Er fügt wörtlich hinzu: „Das war eine schlimme Nacht. Da sind 22 Kinder und zwei Nonne im Luftschutzkeller hinter mir umgekommen, und ich habe überlebt. Das war ein Wunder.“ Die Lesung des holländischen Juden am Freitag abend im Georg-Büchner-Saal der Alten Universitätsbibliothek wurde von der Arbeitsstelle Holocaust und der Literaturstiftung aus Marburg veranstaltet. Der in London lebende Schriftsteller stellte dem aufmerksamen Publikum zum ersten Mal seine Balladen vor: „Ich sage mir jeden Tag: sei nicht zu empfindlich, sei nicht sentimental.“ Sie zeigen eine Haltung, mit der er sich als 17jähriger in Deutschland mit falscher Identität während des Zweiten Weltkriegs durchgeschlagen hatte.
1927 in Wien geboren, schicken ihn seine Eltern als Elfjährigen zu einer holländischen Pflegefamilie. Als Jan Erik Overbeck arbeitet er dann auf Rheinkähnen. Sie bringen ihn zurück nach Deutschland – nach Gießen, Marburg und Dillenburg. In Dillenburg ist er unwissender Kurier des ausquartierten Berliner Luftfahrministeriums. Später stellt sich heraus, daß er Helfer eines Spions der Alliierten gewesen war. Dieser trug Ergebnisse der deutschen Atomforschung weiter.
Vor dreißig Jahren erschien seine Autobiographie auf englisch. Er berichtet von seiner Familie: „Wenn mir übel wird, speie ich vergoldete Bilderrahmen. Was ist die Seele des Mitteleuropäers, wenn nicht die geschnitzten Biedermeier-Möbel des letzten Jahrhunderts?“ Ausnahmsweise gefühlig, wenn auch mit stets vorhandener Ironie, über seinen Vater: „Angeblich verkaufte er Unterwäsche an Nonnen. War er da, blühten die Blumen auf unserer Tapete in der Küche.“ „Dreckiger Jude!“ wurde ihm in der Schule nachgerufen.
„Es gibt Wichtigeres als private Uhren“, ist sein Fazit, einer der Balladen entnommen. „Ich habe mich den Einzelgängern, den Außenseitern der Massen, so scheint’s, verbunden.“
In der anschließenden Diskussion antwortet er auf die Frage nach seinem Eindruck der damaligen Mitläufer abgeklärt: „C’est la vie. So sind die Menschen, die einen schreien, die anderen sind ruhig. Die Bomber haben einiges getan. Sie haben nach den Angriffen auf Rotterdam und Belgrad gezeigt, dass man Gewalt nicht ohne Gegengewalt anwenden kann.“ Damit hätten sie einiges zur Demokratiefähigkeit beigetragen. „Der Glaube an die Unvermeidlichkeit von Krieg heute entspricht dem Glauben an die Unvermeidlichkeit des damaligen Terror.“
Die Bücher „Nahaufnahme“, „Im Gegenwind“, „Eine Seele aus Holz“ und
„Selbstporträt“, um nur einige Beispiel zu nennen, dieses mit sich im reinen scheinenden Mannes sind bei den Verlagen Hanser, Picus und dtv erschienen. Eine Empfehlung auch an die nur sprachlich Interessierten. web


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Aus: Gießener Anzeiger, 18.01.1999:
Jakov Lind: „Ich komme alle 54 Jahre nach Gießen“

Der bekannte jüdische Autor las Balladen und Autobiographisches in der alten Uni-Bibliothek

Von Thomas Schmitz-Albohn

GIESSEN. Als er das letzte Mal in Gießen war, versank die Stadt im Dezember 1944 unter den Bomben der Alliierten gerade in Schutt und Asche. Jakov Lind war damals 17 Jahre alt, trug einen holländischen Namen und hielt sich in der Giessener Klinik auf, um sich wegen einer Trippererkrankung behandeln zu lassen. „Das war eine schlimme Nacht. Direkt hinter mir starben 22 Nonnen und Kinder im Keller. Nur ich und ein Franzose überlebten wie durch ein Wunder“, schilderte er am Freitag abend vor zahlreichen interessierten Zuhörern in der alten Universitätsbibliothek in der Bismarckstrasse seine Erlebnisse.
Nach 54 Jahren war Jakov Lind, der bekannte jüdische Erzähler, Maler, Schauspieler, Regisseur und Autor von Büchern wie „Landschaft in Beton“, „Selbstporträt“, „Nahaufnahme“ und „Im Gegenwind“, auf Einladung der neugegründeten Arbeitsstelle „Holocaustliteratur“ am Institut für Neuere deutsche Literatur nun wieder Gast in Gießen. Weitere Veranstalter der gutbesuchten Lesung waren die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung (Lich) und das Marburger Literaturforum. „Ich komme alle 54 Jahre nach Gießen“, hatte der Schriftsteller zu Beginn seines Auftritts scherzhaft bemerkt.
Natürlich wurde er von den Zuhörern nachher gefragt, ob er sich noch an Gießen erinnere, wie es damals gewesen war, und ob er vergleiche zum heutigen Gießen anstellen könne – aber zu alledem konnte er nichts sagen. Vor einem halben Jahrhundert als 17jähriger hatte er offenbar nicht viel von der Stadt gesehen, und diesmal war er bei Dunkelheit über die Autobahn angekommen und konnte mit dem Erscheinungsbild dieser Stadt so viel oder so wenig anfangen wie mit jeder anderen x-beliebigen Stadt.
„Ich bin dankbar, dass sie nach Gießen zurückgekommen sind“, sagte Uni-Präsident Prof. Stefan Hormuth in seiner Begrüßung und hob die Bedeutung der noch jungen Arbeitsstelle „Holocaustliteratur“ hervor: „Die Beschäftigung mit dem Holocaust ist deshalb wichtig, weil er ein prägendes Thema unserer Kultur ist.“ Nadja Kuhl von der Chambré-Stiftung stellte den Autor kurz vor: 1927 in Wien geboren und von Kindheit an mit antisemitischen Vorurteilen konfrontiert, wurde er 1938 als Elfjähriger nach Holland gebracht und in einer Pflegefamilie untergebracht. Als die Deportationen in die Vernichtungslager begannen, überlebte er den Holocaust in Deutschland, „im Rachen des Ungeheuers“, als Gärtner, Hilfsmatrose eines Rheinkahns und Mitarbeiter des Reichsluftfahrtministeriums. „Linds Schilderungen sind mit wütender Ironie verbunden, doch überall schimmert der Schmerz durch. Seine Texte verweigern Identifikation und Mitleid. Die Opfer sind nicht besser als die Täter“, so Nadja Kuhl.

„Die Bomben haben Deutschland demokratischer gemacht.“
Jakov Lind, Schriftsteller

Jakov Lind, der heute überwiegend in London lebt, schrieb früher in Deutsch, doch als er sich Ende der sechziger Jahre daran machte, seine Autobiographie zu verfassen, wechselte er zur englischen Sprache, weil ihm die Schilderung seines Lebensweges nur in der emotionalen Distanz möglich war, die er durch eine den Ereignissen fremde Sprache gewann. So entschuldigte er sich zu Beginn der Lesung, er könne kaum noch Deutsch sprechen, weil er nur noch Englisch spreche und schreibe. Doch im weiteren Verlauf zeigte es sich, dass sein Deutsch wesentlich besser war, als nach seiner eigenen Ankündigung zu erwarten gewesen wäre.
Die Giessener Zuhörerschaft kam zunächst in den Genuß einiger Balladen, die Lind seinem „verehrten Freund Heinrich Heine“ gewidmet hatte und die er an diesem Abend überhaupt zum ersten Mal vorlas. „Die Nazis sind längst nicht mehr unter uns – wir leben zwischen ihnen“, stellte er zum Beispiel ernüchternd fest. Dem Publikum stellte sich der Dichter wie folgt vor: „Ich habe mich mit den Einsiedlern verbunden und mich mit den Unmodernen gegen die Moderne verschworen, um mit der Starrsinnigkeit des Eigenbrötlers die Weisheit der Massen zu studieren.“ Und aus der Perspektive des Eigenbrötlers warf der Holocaust-Überlebende einen kritischen Blick auf die westlichen Demokratien: „Der Friede ist ausgebrochen, aber sieh den Preis – Gerechtigkeit und Gleichheit in allzu großem Ausmaß.
“ Bereits nach 20 Minuten blickte der Gast ein wenig lustlos auf die Uhr, als wolle er schon aufhören. Doch dann widmete er sich seiner Autobiographie, sprach von seiner Kindheit in Wien und den letzten Kriegsmonaten in Marburg, Dillenburg und Gießen und hatte damit ein Thema getroffen, was das Publikum offensichtlich sehr viel interessanter fand als die Balladen. Die Schilderungen aus dem Buch „Selbstporträt“ führten zurück in den Dezember des Jahres 1944, als in Deutschland „immer noch so verbittert gekämpft wurde wie bisher“ und „Hitler entschlossen war, jeden Deutschen mit ins Grab zu ziehen“: Der junge Matrose kuriert in Gießen und Marburg seine Geschlechtskrankheit aus und wird schließlich nach seiner Genesung durch die Vermittlung eines deutschen Offiziers Mitarbeiter des Reichsluftfahrtsministeriums in Dillenburg. Dort zieht er zunächst als Untermieter in das Haus eines hohen SS-Offiziers ein. Lind schildert Dillenburg in seinen Lebenserinnerungen als „ein verschlafenes Dorf im Westerwald“, an das die Alliierten „niemals eine Bombe verschwendet hatten“.
In der abschließenden Diskussion teilte Lind dem Publikum seine aus dem Krieg gewonnene Erkenntnis mit: „Man muß lernen zu hassen. Es genügt nicht, Hitler nicht zu mögen. Man muß ihn hassen.“ Und die Bombardierungen sieht er heute so: „Die Bomben haben mich eines gelehrt: Sie haben bewirkt, dass Deutschland viel demokratischer geworden ist, als es vorher jemals war.“


Aktuelles:
[03.09.2010] Bericht über Tagebücher von Friedrich Kellner im Gießener Anzeiger
[01.09.2010] Änderung der Telefonnummer von Sascha Feuchert
[31.07.2010] Gießener Anzeiger berichtet über Werkstattgespräch mit Steve Sem-Sandberg
[31.07.2010] Ausstellung zu Leben und Werk Hilda Stern Cohens ausleihbar
[31.07.2010] Mitglied werden im Förderverein
[10.04.2008] Aktuelle Besprechungen der Getto-Chronik