Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2000Inhalt:
Gießener Anzeiger, 21.12.2000: Kultur als Täuschung am Beispiel Theresienstadt
Gießener Anzeiger, 21.12.2000: Geheimes Versteck der Anne Frank wird im Computer wieder lebendig
Gießener Anzeiger, 01.11.2000: Licher Kulturreihe hält Erinnerung an Pogromnacht 1938 wach
Gießener Allgemeine Zeitung, 01.11.2000: „Unser Beitrag zur Bekämpfung rechter Gewalt“
Gießener Allgemeine Zeitung, 07.07.2000: „Die Wahrheit von Auschwitz wiedergewinnen“
Gießener Allgemeine Zeitung, 04.07.2000: Von fast filmischer Qualität
Gießener Anzeiger, 01.07.2000: Für immer ins Gedächtnis eingebrannt
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Aus: Gießener Anzeiger, 21.12.2000:
Kultur als Täuschung am Beispiel Theresienstadt
Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ und Arbeitsstelle Holocaustliteratur luden ein – „Ausdruck von Widerstand“
GIESSEN (sfe). „Theresienstadt wird oft nur als ‚Kulturlager’ bezeichnet – und so nicht selten verharmlost. Privatdozent Karl Braun (Berlin), der auf Einladung des Sonderforschungsbereichs „Erinnerungskulturen“ und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur des Instituts für Neuere deutsche Literatur der Justus-Liebig-Universität (JLU) nach Gießen gekommen war, zeigte in seinem Vortrag „Erinnerungen an die Zivilisation – Die Kultur im KZ Theresienstadt“, in welcher Hinsicht die Rede von „Kultur“ im KZ berechtigt ist.
Am Beispiel kleiner, oft übersehener Details aus Theresienstadt konnte Braun seine These deutlich machen: Kultur habe sich in Theresienstadt zum einen als Täuschung realisiert, zum anderen sei sie der Ausdruck von Widerstand gewesen. „Kultur als Täuschung“ sei von der SS systematisch eingesetzt worden, um – hauptsächlich für die Außenpräsentation – die Illusion von einer funktionierenden Stadt zu vermitteln.
Hier zeigte Braun vor allem an im Stile der Heimatkunst verzierten Wegweisern in Theresienstadt, die die Richtung zur Bücherei, zum Zentralbad, zur (gar nicht vorhandenen) Schule und so weiter wiesen, auf welche Weise der Eindruck von Zivilisation und Normalität erzeugt wurde, der offenbar so erfolgreich war, dass er eine Delegation des Roten Kreuzes davon überzeugte, in Theresienstadt ginge es den Juden „eigentlich nicht schlecht“.
Auf der anderen Seite konnte Braun vielfältig belegen, wie „Kultur als Widerstand“ von den Häftlingen verwirklicht wurde. So gab es zum Beispiel eine Bibliothek, in der nach deutschem Befehl eigentlich vor allem Judaika hätten gesammelt und katalogisiert werden sollen. Doch der Leiter dieser Bibliothek, Emil Utiz, habe diese Anordnung unterlaufen, indem er – auf die beengten Platzverhältnisse der Bibliothek verweisend – umfangreiche Bestände in Privatwohnungen auslagerte und so ein System von Wanderbibliotheken schaffte. Dahinter verbarg sich natürlich der Gedanke, die Theresienstädter Gefangenen auch mit „geistiger Nahrung“ (Utiz) zu versehen, die zum Erhalt des Lebenswillens genauso wichtig war wie das tatsächliche Essen.
Zahlreiche weitere Maßnahmen – wie (geheime) Vorträge durch Prominente wie Leo Baeck, der verbotene Schulunterricht oder auch offizielle Konzerte und vieles mehr – dienten ebenfalls diesem Ziel, informierte Braun.
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Aus: Gießener Anzeiger, 21.12.2000:
Geheimes Versteck der Anne Frank wird im Computer wieder lebendig
Hamburger Wissenschaftler Dr. Matthias Heyl stellte neue Unterrichtsmaterialien vor
GIESSEN (jan). Über die Baumwipfel hinweg in den blauen Himmel schweift der Blick des Besuchers und bleibt am Kirchturm hängen, deren Glocken dem jüdischen Mädchen Anne Frank einst die Uhrzeit angaben. Auch ohne nach Amsterdam zu reisen, ist jetzt ein Rundgang durch das Versteck möglich. Eine neue CD-Rom lässt im Computer eine vergangene Welt wieder neu erstehen.
Ungewohnte Wege müssen heute viele Lehrer gehen, um ihre Schüler für das Thema Holocaust zu interessieren. Dr. Matthias Heyl, Leiter der Hamburger „Arbeitsstelle Erziehung nach/über Auschwitz“ stellte in der Justus-Liebig-Universität (JLU) neue Unterrichtsmaterialien vor.
Der Wissenschaftler war Gast der Arbeitsstelle für Holocaust-Literatur der JLU, der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich und des Hessischen Landesinstituts für Pädagogik, Außenstelle Gießen. Anne Frank – das Tagebuch des jüdischen Mädchens ist weltberühmt geworden. Jetzt wird auch ihre Geschichte wieder lebendig.
Ein Mausklick genügt und das rotkarierte Tagebuch öffnet seine eng beschriebenen Seiten; die Filmpostkarten an der Wand werden erläutert, oder der Glockenturm gibt Geheimnisse des alltäglichen Lebens preis. In Videofilmen und Tonaufnahmen kommen Zeitzeugen zu Wort. Das Tagebuch von Anne Frank ist eine weitere wesentliche Quelle.
Einen anderen Einblick in die Geschichte des Dritten Reiches liefert eine weitere CD-Rom zu diesem Thema. Gemeinsam mit der Shoa Foundation, die Steven Spielberg ins Leben rief, dem Cornelsen-Verlag und Pixelpark wurde das Projekt „Erinnern für die Gegenwart und Zukunft“ entwickelt. Die CD-Rom stellt das Leben zweier jüdischer Zeitzeugen in den Mittelpunkt.
Rund um die Interviews mit Irmgard Konrad und Hans Frankenthal, die das Leben im Nationalsozialismus aus ihrer Sicht schildern, bekommen Schüler und Lehrer zahlreiche Hintergrundinformationen zu Antisemitismus und Deportation sowie über den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. „Gerade das Herumsurfen öffnet oft neue, ungewöhnliche Zugänge“, schildert Heyl.
Kleine Filmausschnitte lockern die trockenen Zeitleisten auf, die Schauspieler Ben Becker und Anna Thalbach lesen die Zwischentexte. Hinterfragt werden die Berichte der Überlebenden auf der CD-Rom nicht. „Das ist die Herausforderung für den Unterricht“, erläutert Heyl den Lehramts-Studierenden. Widersprüchliche Biographien seien immer interessanter als bloße Opfer oder Täter.
„Das Anne-Frank-Haus, ein Haus mit einer Geschichte“, Mattel Interactiv, 69,95 DM
Weitere Infos im Internet: www.fasena.de
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Aus: Gießener Anzeiger, 01.11.2000:
Licher Kulturreihe hält Erinnerung an Pogromnacht 1938 wach
Drei Wochen lang Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen mit hochkarätigen Gästen
LICH (ts). Zum dritten Mal hintereinander geht von Lich die Initiative zu einer kulturellen Veranstaltungsreihe aus, die der Pogromnacht am 9. November 1938, der so genannten „Reichskristallnacht“, gedenkt. Kamen 1998 über 3000 Besucher zu den verschiedenen Konzerten, Lesungen und Filmvorführungen, so ist in diesem Herbst noch mit größerer Resonanz zu rechnen, denn im Vergleich zu damals ist das Angebot sogar noch erweitert.
„Die Zahl der Veranstalter wächst und damit auch das Spektrum“, sagte Dr. Klaus Konrad-Tromsdorf von der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung gestern bei der Vorstellung des Programms. „Neu im Boot“ sei nun auch die Uni Gießen mit ihrer Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Neuere deutsche Literatur. „Wir haben uns sehr um die Zusammenarbeit bemüht und freuen uns, jetzt mitmachen zu können“, sagte Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle. Das Programm der dreiwöchigen Reihe, so kündigte er an, stehe von Freitag an im Internet (www.holocaustliteratur.de).
„In weitaus größeren Städten gibt es nichts Vergleichbares, und von Künstlern, die bei uns waren, habe ich immer wieder gehört, dass sie von der Licher Atmosphäre sehr beeindruckt waren“ berichtete Peter Damm, der Leiter der Musikschule. Wie auch das mit veranstaltende „Traumstern“-Team will er die Reihe als Aktion gegen Rechts verstanden wissen.
Hier die Veranstaltungen im Einzelnen:
• Zum Auftakt gibt es am Donnerstag, 9. November, um 18 Uhr einen Gottesdienst in der Marienstiftskirche und eine anschließende Mahnwache (Beginn 18.30 Uhr) am Denkmal für die Licher Juden. Ebenfalls am 9. November um 10 Uhr ist das jiddische Musikkabarett „Agmes-Nefesh Ansambl“ in der Licher Musikschule (ehemalige Synagoge) in der Amtsgerichtsstraße 4, zu Gast. Die Gruppe besteht aus dem israelischen Schauspieler Avishai Alexander Fisz (Gesang, Akkordeon), Ruth Boguslawski (Gesang, Perkussion), Annette Hüppner (Harfe, Gesang) und Markus Milian Müller (Kontrabass, Gitarre, Gesang). Die Zuhörer erwartet ein jiddisches Kabarett mit Conférencen in jiddischer Sprache und einem Repertoire von weniger bekannten Volksliedern, Balladen und Moritaten.
• Am Samstag, 11. November, liest Monika Hesselberg um 20 Uhr im Licher „Café Sahne“ aus dem im vorigen Jahr erschienenen Buch „Wer wird der nächste sein?“ von Anna Mettbach. Die aus Ulfa stammende Autorin wurde 1942 nach Auschwitz deportiert, überlebte die Ausrottungspolitik der Nazis, musste aber einen 50jährigen Kampf gegen die bundesrepublikanische Bürokratie auf Entschädigung führen. Ebenfalls am 11. November tritt das Duo „Klezmer’s Dream“ um 20 Uhr in der evangelischen Kirche in Großen-Linden auf.
• Zu einem Gottesdienst, in dessen Mittelpunkt Dietrich Bonhoeffer steht, lädt die Christusgemeinde Lich am Sonntag, 12. November, um 10.30 Uhr in den Kultursaal des Licher Bürgerhauses ein. Ebenfalls am 12. November findet eine Führung durch die Gießener Synagoge, Burggraben 4, mit Thea Altaras statt; eine Anmeldung bei der Kreisvolkshochschule ist unbedingt notwendig, Telefon (06404) 91630.
• Der Sänger, Akkordeonspieler, Komponist und Musikforscher Francois Lilienfeld gastiert am Mittwoch, 15. November, um 20 Uhr im „Café Sahne“. Lilienfeld ist in Lich kein Unbekannter mehr. Der frühere Kantor der jüdischen Gemeinde Gießen wirkte schon oft an der Licher Veranstaltungsreihe mit. Als Interpret versteht er es auf authentische und mitreißende Art, das traditionelle jiddische Liedgut und die Klesmermusik in seinen Konzerten lebendig werden zu lassen. Als vorzüglicher Kenner der Klesmermusik gibt Lilienfeld am Donnerstag, 16. November, um 20.30 Uhr in der Musikschule unter dem Motto „Schpilt, Klesmorim!“ eine Einführung in die Geschichte der Klesmermuik mit Musikbeispielen.
• „A tickle in the heart“ (ein Kitzel im Herzen) heißt es am Donnerstag, 23. November, um 20 Uhr im Kino „Traumstern“. Zu sehen ist der Film „A tickle in the heart“ über die legendären Epstein-Brothers und zu hören sind die Musiker des „Swing & Klezmer Trios Köln“, die bei ihrem Publikum den Kitzel im Herzen hervor rufen wollen.
• Am Samstag, 25. November, liest der Wiener Schauspieler Ernst Konarek, den vielleicht noch einige Zuschauer als „Herr Karl“ in Erinnerung haben, chassidische Geschichten. Beginn um 20 Uhr in der Musikschule.
• Im Kino „Traumstern“ wird die Veranstaltungsreihe durch foglende Filme ergänzt: „Verzeihung, ich lebe“ (Preview heute Abend um 20 Uhr mit Drehbuchautor Marek Pelc), „Bonhoeffer – Die letzte Stufe“ (9. Bis 12. November jeweils um 19.30 Uhr) „Ein Spezialist“, „A long night’s journey into day“ (21. Und 22. November jeweils um 19.30 Uhr), „Ceija Stojka – Porträt einer Romni“ und „Georg Elser – einer aus Deutschland“.
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 01.11.2000:
„Unser Beitrag zur Bekämpfung rechter Gewalt“
Umfangreiche Koproduktion: Dritte Veranstaltungsreihe in Lich zur Erinnerung an die Pogromnacht vom 9. November 1938
Lich (us). „Es war möglich, dass dies geschah – und es bleibt möglich,“ konstatierte der Philosoph Karl Jaspers kurz nach dem Ende der Nazi-Herrschaft und forderte ein ständiges Sich-Erinnern. „Nur im Wissen kann es verhindert werden,“ lautete sein Postulat, das sich die Organisatoren der 9. November-Reihe zu eigen gemacht haben. Schon zum dritten Male gibt es rund um den Jahrestag der Reichspogromnacht eine Vielzahl von Veranstaltungen, die an die rassische und politische Verfolgung unter dem Nationalsozialismus erinnern. Das Programmheft nennt 13 Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und Führungen, dazu eine ganze Reihe von Filmen. Bei der Organisation haben etliche Institutionen Hand in Hand gearbeitet: die Chambré-Stiftung, das Kino Traumstern, die ev. Marienstiftsgemeinde, die Musikschule, das Café Sahne, die Buchhandlung Eckschuster, die Christusgemeinde, das Jugendbildungswerk des Landkreises Gießen, die Kreisvolkshochschule und erstmals auch die Giessener Universität. Deren Arbeitsstelle Holocaustliteratur macht die Termine über ihre Internet-Seite publik (www.holocausliteratur.de). Das Programmheft (bei der Finanzierung half erneut die Chambré-Stiftung) liegt im Kino Traumstern, in der Musikschule, in zahlreichen Licher Geschäften und in der Kreisverwaltung in Gießen (Ostanlage) aus. Die Organisatoren verstehen ihr Angebot als Beitrag zur Verhinderung rechter Gewalt. Erfolge verspricht man sich aber nur von beharrlicher Aufklärungsarbeit und einem langen Atem. Deswegen bietet man zum wiederholten Male über das Projekt „Schule & Kino“ spezielle Veranstaltungen für Jugendliche an.
Den Auftakt bildet am 9. November ein Gottesdienst mit anschließender Mahnwache in und vor der Marienstiftskirche (Beginn 18 Uhr). Fester Bestandteil der 9. November-Reihe sind auch der Erinnerungsgang durch Lich (Sonntag, 12. November, 11 Uhr, Treffpunkt Traumstern) und eine Führung durch die Giessener Synagoge am selben Tag. Anmeldung bei der Kreisvolkshochschule unbedingt notwendig. Gleiches gilt für eine Führung durch die Ausstellung „Vom Wert des Menschen“ im Psychiatrischen Krankenhaus in Gießen am 4. November. Um 20 Uhr tritt in der ehemaligen Licher Synagoge in der Amtsgerichtsstraße das jüdische Musikkabarett „Agme Nefesh Ansambl“ auf. Weiter geht’s am 11. November. Die Schauspielerin Monika Hessenberg liest um 20 Uhr im Café Sahne aus den Erinnerungen der Sintezza Anna Mettbach. Um Dietrich Bonhoeffer dreht sich der Gottesdienst der Christusgemeinde am Sonntag, dem 12. November um 10.30 Uhr im Bürgerhaus. Zum gleichen Thema bietet die Gemeinde am 25. November auch einen Workshop an. Ein altbekannter Gast in Lich ist der frühere Kantor der jüdischen Gemeinde Gießen, Francois Lilienfeld. Er gibt am Mittwoch, dem 15. November, um 20 Uhr im Café Sahne ein Konzert und hält tags darauf in der alten Licher Synagoge einen Vortrag über Klezmer-Musik. Diese traditionelle Musik der Juden aus Osteuropa hat auch das „Swing & Klezmer Trio“ aufgegriffen. Es ist am Donnerstag, dem 23. November, im Kino Traumstern zu Gast. Dazu gibt’s den Dokumentarfilm „A Tickle in the Heart“. „Chassidische Geschichten“ liest Ernst Konarek am 25. November um 20 Uhr in der alten Synagoge. Das Kino Traumstern beteiligt sich an der 9. November-Reihe mit sechs Filmen zum Thema. Der erste, die Dokumentation „Verzeihung, ich lebe“, ist heute Abend als Preview zu sehen (siehe „Pinnwand“!, S. 34). Mit einigem Stolz haben die Organisatoren vermerkt, dass ihr Beispiel Schule macht. Im Vogelsberg gibt es in diesem Jahr erstmals eine kleine 9.-November-Reihe nach Licher Vorbild.
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 07.07.2000:
„Die Wahrheit von Auschwitz wiedergewinnen“
Vize-Direktorin der polnischen Gedenkstätte sprach über Erinnerungsliteratur – Konfrontation mit Forschung notwendig
Gießen (mö). Im Rahmen einer Vortragsveranstaltung des Sonderforschungsbereichs „Erinnerungskulturen“ der Justus-Liebig-Universität [und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Neuere deutsche Literatur] hat die Vize-Direktorin der Gedenkstätte Auschwitz dafür plädiert, Lager-Literatur auf den Prüfstand der historischen Wissenschaft zu stellen. „Erinnerungsliteratur macht nur Sinn in der Konfrontation mit der Forschung“, sagte Krystyna Oleksy vor Studierenden. Gleichwohl sei die „Sensibilisierung für die einzelnen Gesichter“ und damit die ganz individuelle Sicht auf das millionenfache Leid und Sterben der einzige Weg, „die Wahrheit von Auschwitz wiederzugewinnen“. In der Gedenkstätte selbst sind rund 6000 Berichte von ehemaligen Häftlingen vorhanden. Den Umfang der nach dem Krieg entstandenen Auschwitz-Literatur schätzt die Literatur- und Museumswissenschaftlerin auf rund 10 000 Werke.
Nach einer Einführung durch Prof. Erwin Leibfried vom Institut für neuere Deutsche Literatur skizzierte Olesky, die seit 1990 Vize-Direktorin des Museums ist, verschiedene Phasen der literarischen Auseinandersetzung mit Auschwitz. Allen Werken und Stilrichtungen liege das gleiche Motiv zugrunde: die moralische Verpflichtung, die Tragödie und das Grauen wiederzugeben und für die Nachwelt zu erhalten. Dies hätten in der Nachkriegszeit in erster Linie diejenigen auf sich genommen, „die das Lager durchzustehen hatten“.
Die Gefahr bei der Lager-Literatur bestehe vor allem darin, in übliche Schemata zu verfallen, sich auf „äußerliche Aspekte“ zu konzentrieren oder in eine Sprache der Dämonisierung zu verfallen. Begriffe wie „Hölle“ für das Lager selbst oder „Bestien“ für die Täter seien gängig, dozierte die Polin.
Dass sich bei Autoren – auch durch Filme – Bilder eingeprägt haben, die sie „nur vom Hörensagen“ kannten, führe zu einem weiteren Problem der Auschwitz-Literatur. So finde sich in nicht wenigen Werke der Hinweis auf eine Aktion der SS, bei der Kinder bei lebendigem Leib verbrannt worden sein sollen. Belegt sei dieser Vorgang nicht, sagte Oleksy. Auch passten die Darstellungen nicht zum Prinzip der SS, die an einer schnellen und möglichst unauffälligen Massenvernichtung interessiert gewesen sei. Hinter solch „automatisch konstruierten Bildern“ stehe offenbar die Überzeugung oder gar Angst der Autoren, dass nur die extreme Schilderung das eigentlich Unfassbare verstehbar macht.
Auf der anderen Seite hätten Autoren, die mit einigen Tabus der Auschwitz-Literatur gebrochen hätten, zeitweise auch einen entsprechend schweren Stand gehabt. So der polnische Literat und Zeitzeuge Borowski, der sich selbst als ein „an die Lagerwirklichkeit angepasster Mensch“ beschrieb und von der „Akzeptanz des Übels“ durch die Insassen berichteten. Auch die Entdämonisierung durch die These von der Normalität der Täter, die vor und nach ihren SS-Karrieren gewöhnliche Biographien gelebt hätten, sei vielfach angefeindet worden, berichtete Olesky.
Erst neuere Beschreibungen hätten sich mit bis dahin weitgehend unbekannten Themen wie der Erotik im Lageralltag, der Lagersprache und Kultur befasst. Für die Referentin einzigartige Quellen, die belegten, „dass es im Lager auch gelungen ist, höchste Werte wie Liebe oder Freundschaft zu bewahren“.
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 04.07.2000:
Von fast filmischer Qualität
Lesung mit Fred Schwarz in der Alten Universitätsbibliothek
„Die Literatur des Holocaust als reale Literatur“, so einer der einleitenden Sätze von Prof. Erwin Leibfried, „baut mit Sprache nach, was unglaublicherweise doch geschah.“ Als Leiter der Arbeitsstelle für Holocaust-Literatur and er JLU lud Leibfried, gemeinsam mit der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, kürzlich in die Alte UB zur Lesung eines Autors ein, der das selbst erlebte Grauen erzählbar gemacht hat. In „Züge auf falschem Gleis“ hat Fred Schwarz seine Erinnerungen an die eigene Odyssee durch die mörderischen Vernichtungs- und Arbeitslager der Nazis zusammengefasst.
Die Reise in ein unsicheres Schicksal beginnt für Schwarz noch im Jugendalter: Als jüdischer Bürger Wiens flüchtet er im Zuge der „Reichskristallnacht“ auf abenteuerlichem Weg nach Amsterdam. Als das neutrale Holland wenig später kapituliert, müssen Schwarz, genauso wie sein Bruder Fritz und alle anderen jüdischen Exilanten, den Gang in das Internierungslager „Westerbork“ antreten.
Exakt und nüchtern beschreibt der Autor das Leben im Lager, dessen Bedingungen immer noch als menschlich gelten können im Vergleich zu den Orten, auf welche die Deportationszüge ab 1942 auch von Westerbork aus Kurs nehmen. Zu dieser Zeit, so Schwarz, sei den Lagerinsassen in Holland noch nicht klar gewesen, was Auschwitz ist und wieso es möglich war, dass dieses Lager wöchentlich tausende Menschen empfangen kann.
Schwarz bleibt die Erkenntnis in dieser Frage zunächst erspart. Gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Lebensgefährtin Carry, die er in Westerbork kennengelernt hat, wird Schwarz beim Herannahen der Alliierten Ende 1944 in das Ghetto von Theresienstadt gebracht. Das Leben dort stellt der Überlebende ähnlich detailliert dar wie alle anderen Erlebnisse – der Zuhörer wird bei dieser Lesung immer auch zum Zuschauer: Lagepläne von Lagern und Ghetto verdeutlichen Wege und Orte, an denen sich das Geschehen abgespielt hat.
Alte Fotos zeigen die Familie Schwarz und die Begleiter, die der Sohn auf seiner Odyssee gefunden hat. Die Bilder und Pläne machen die akribischen Erzählungen des Autors derart plastisch, dass seine Lesung fast filmische Qualität bekommt vor dem inneren Auge des Betrachters.
Schwarz jedoch gibt nie seinen distanzierten Duktus auf. Auf diese Weise lässt er die Ereignisse für sich sprechen, weniger in der Rolle eines Mahners, dafür mehr in der Funktion eines Erinnerers. Das Beklemmungsgefühl des Zuhörers steigt im Laufe der Schwarzschen Erzählungen mit der Bewegung hin zum unvermeintlichen Zielpunkt Auschwitz-Birkenau. Der Überlegende entrinnt dem sicheren Tod deshalb, weil ihn ein befreundeter jüdischer Lagerhelfer zum Arbeitseinsatz in einer Waffenfabrik vorschlägt.
Die Geschichte, die Fred Schwarz an diesem Abend erzählt, hat mit dieser vorläufigen Rettung noch lange nicht ihr Ende erreicht. Viele Ereignisse folgen – der Zuhörer jedoch kann in erster Linie dafür dankbar sein, dass der Autor sie ihn dieser Weise erzählbar gemacht hat. jeh
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Aus: Gießener Anzeiger, 01.07.2000:
Für immer ins Gedächtnis eingebrannt
KZ-Überlebender Fred Schwarz las aus Erinnerungsbuch
Von Ursula Wöll
GIESSEN. Der alte Herr, Jahrgang 1923, war aus den Niederlanden angereist und redete über sein Leben als Heranwachsender, das er in Lagern verbringen musste. Westerbork, Theresienstadt, Auschwitz, Meuselitz, immer fuhren die „Züge auf falschem Gleis“. So betitelte Fred Schwarz sein Erinnerungsbuch, das er nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben schrieb, weil ihn da seine Geschichte wieder einholte.
Das Buch erschien 1996 in einem Wiener Verlag, denn in Wien verbrachte Schwarz seine Kindheit. Bis 1938. Da musste der 15jährige, wie schon zuvor sein Bruder Fritz, über die grüne Grenze nach Holland fliehen, um nicht nach Dachau zu kommen. Fred Schwarz war ein jüdisches Kind und entkam den Nazis nicht, denn sie okkupierten 1940 Holland. Die Arbeitsstelle für Holocaust-Literatur am Institut für neuere deutsche Literatur und die Ernst-Ludwig-Chambré Stiftung (Lich) hatten den Zeitzeugen eingeladen. In der Alten Uni-Bibliothek war ein überwiegend studentisches Publikum versammelt. Schwarz las abwechselnd aus seinem Buch, erzählte zwischen den Passagen und illustrierte durch Fotos und Skizzen.
Bis ins Detail haben sich ihm die unvorstellbaren Erlebnisse ins Gedächtnis gebrannt, so dass sein Vortrag über zwei Stunden dauerte. Doch der Gast klagte nicht an, berichtete ohne Pathos, fast distanziert über die endlose Kette grauenhafter Szenen. So musste er mit denjenigen, die nicht gleich ins Gas geschickt wurden, nach der Ankunft im KZ Auschwitz stundenlang strammstehen. Ein grinsender Unterscharführer fragte, ob Familienmitglieder nach links gegangen seien. Mein Onkel, antwortete einer. „Willst wissen, wo der jetzt ist? Da oben schau den Rauch, es ist er, grad hat man ihn verbrannt.“ Ausdrücklich hob der Zeitzeuge die kleinen Freundlichkeiten hervor, die ihm in den Jahren der Erniedrigung, der Angst und des Hungers zuteil wurden. Es waren nur wenige, und doch ließ Fred Schwarz auf den Deckel seines Buches drucken: „Ein Buch, das nicht nur von SS-Schergen spricht, sondern auch von denen, die uns geholfen haben.“ Fred Schwarz analysierte nicht und zog keine Lehren aus den unvorstellbaren Ereignissen. Er dokumentierte, was ihm widerfahren war, fast so, als wolle er sich selbst von seinen Erinnerungen durch Reden befreien. Die Veranstaltung endete ohne Diskussion.