Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2001Inhalt
Gießener Anzeiger, 18.12.2001: Große Forschungslücken bei „Holocaust-Literatur“
Frankfurter Rundschau, 15.12.2001: Vom Leben und Sterben
Gießener Anzeiger, 17.11.2001: "Die Sachen gehören nicht in die Erde, die müssen da raus"
Gießener Allgemeine Zeitung, 16.11.2001: Auch Reste eines Gebetsschals
Gießener Allgemeine Zeitung, 22.09.2001: Vergeben oder vergessen ist nicht möglich
Gießener Anzeiger, 22.09.2001: Nachdenkliches Schweigen in der Alten UB
Uni Forum Giessen, Nr. 5/2001: Wider das Vergessen
Uni Forum Gießen, Nr. 4/2001: Alltag im Ghetto: „Hunger war der Fixpunkt unserer Existenz“
U-Mail Regensburger Universitätszeitung. Nr. 3/2001: "Wenn sich Vergangenes zunehmend mit Nacht bedeckt" - Rektor Altner eröffnet Ausstellung „Zeugen und Dokumente aus dem Ghetto Lodz“
Gießener Anzeiger, 27.02.01: „Holocaustliteratur“ ab sofort im Internet
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Aus: Gießener Anzeiger, 18.12.2001:
Große Forschungslücken bei „Holocaust-Literatur“
Neue Gesellschaft mit Prof. Leibfried an der Spitze will sich vernachlässigtem Gebiet widmen
GIESSEN (lhe). Die so genannte Holocaust-Literaur von Überlebenden der Konzentrationslager ist nach Darstellung des Giessener Literaturwissenschaftlers Prof. Erwin Leibfried noch kaum erforscht. „Es gibt da eine echte Forschungslücke. Historisch hat man natürlich untersucht, was mit den Juden passiert ist, aber nicht literaturwissenschaftlich“, sagte Leibfried in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Der Wissenschaftler ist Vorsitzender der „Internationalen Gesellschaft zur Erforschung der Literatur des Holocaust“, die vor zehn Tagen in Gießen gegründet wurde.
Mehrere tausend Tagebücher, Memoiren und Erfahrungsberichte beschäftigten sich mit dem Alltag in den Lagern, berichtete Leibfried. „Die Menge an Literatur ist gewaltig.“ Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg seinen zahlreiche Berichte verfasst worden, in denen die Betroffenen ihre Erlebisse aufgeschrieben hätten. „Danach war 40 Jahre lang Pause, die man wohl psychologisch damit erklären kann, dass sie nicht über die schrecklichen Erlebnisse sprechen wollten“, berichtete der 59-Jährige. Seit Anfang der 90er Jahre gebe es wieder einen „neuen Boom“ in der Holocaust-Literatur.
Große Teile des Schriftguts seien allerdings bedroht, weil das Papier allmählich zerfalle. „Wenn die Sachen jetzt nicht bearbeitet werden, sind sie für immer verloren.“ Auch gebe es immer weniger Zeitzeugen, die den Forschern bei offenen Fragen helfen könnten.
Warum die Holocaust-Literatur auch mehr als 50 Jahre nach dem Krieg ein Schattendasein fristet, ist Leibfried selber unklar. „Ich glaube aber nicht, dass das Thema verdrängt wurde, es gab schließlich viel historische Forschung.“ Das literarische Niveau der Texte könne vielleicht eine Rolle spielen, vermutet der Wissenschaftler. Weil die Betroffenen oft „aus ihrer Aufregung heraus“ geschrieben hätten, seien einige Notizen sehr schlicht. Andere Autoren dagegen, wie zum Beispiel Paul Celan mit seiner „Todesfuge“, hätten schon wieder ein zu hohes Niveau.
Bisher gebe es weder Untersuchungen über den Aufbau der Berichte der Überlebenden noch über stilistische Aspekte. Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich auch die „Arbeitsstelle Holocaust“, die vor zwei Jahren unter Leibfrieds Leitung an der Giessener Universität gegründet wurde. „Die Gesellschaft soll das Sprachrohr unserer Arbeitsstelle werden.“ Rund 50 Mitglieder – vor allem Wissenschaftler und Betroffene – seien der Gesellschaft bereits beigetreten, die Hälfte davon komme aus Polen.
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Aus: Frankfurter Rundschau, 15.12.2001:
Vom Leben und Sterben
Neue Gesellschaft erforscht die Literatur des Holocaust
Von Georg Kronenberg
Um wichtige Zeitzeugenberichte über den Holocaust zu bewahren, haben Gießener Wissenschaftler jetzt die "Internationale Gesellschaft zur Erforschung der Literatur des Holocaust" gegründet.
GIESSEN. "Die überlebende Welt wird kaum eine plastische Darstellung haben vom Leben und Sterben in Litzmannstadt-Getto... Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist. Keine Novellen, keine erdachten Geschichten", schrieb Oskar Singer 1942.
Rund 60 Jahre lagerte der Chronistenbericht des 1944 in Auschwitz ermordeten jüdischen Journalisten im Archiv der polnischen Stadt Lodz. Polnische und Giessener Wissenschaftler haben ihn wiederentdeckt. Im Frühjahr 2002 sollen diese Aufzeichnungen veröffentlicht werden.
„In Zukunft wird der Umgang mit diesen Texten der einzige Zugang zu den Gräueltaten im NS-Regime sein“, sagt Sascha Feuchert von der Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur, denn „die Generation der Opfer und Täter verschwindet“. Deshalb hätten Giessener Literaturwissenschaftler, Historiker und Politologen die „Internationale Gesellschaft zur Erforschung der Literatur des Holocaust“ (IGELH) gegründet.
Schwerpunkt der Gesellschaft soll die Sammlung und Erforschung von Zeitzeugenberichten sein. „Noch können wir die Stimmen Überlebender in unsere Forschungen aufnehmen“, meint Feuchert. Ein erster internationaler Kongress zum Forschungsstand ist für 2003 vorgesehen.
Die neugegründete Gesellschaft ist bei der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Giessener Justus-Liebig-Universität angesiedelt. Im Rahmen dieser Einrichtung beschäftigen sich seit drei Jahren rund ein Dutzend Mitarbeiter aus der Lahnstadt sowie der polnischen Partneruniversität Gießens in Lodz vorwiegend ehrenamtlich mit Berichten über den Holocaust. 1998 war die laut Feuchert in dieser Form bundesweit einmalige Arbeitsstelle vom Germanistikprofessor Erwin Leibfried, Feuchert, sowie der Licher Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung am Giessener Institut für Neuere deutsche Literatur eingerichtet worden.
„Ziel ist die literaturwissenschaftliche und –didaktische Untersuchung und Aufbereitung von Texten aus dem Holocaust“, erläutert Feuchert, der vergangenes Jahr bei Reclam den Band „Holocaustliteratur: Auschwitz“ mit Arbeitsmaterialien für den Schulunterricht herausgegeben hat.
Die Schilderungen von Überlebenden stünden im Mittelpunkt der Forschungen. Feuchert: „Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, gibt es deutschlandweit nur sehr wenige.“ So kämen zu den Uni-Seminaren und Lesungen der Gießener Germanisten regelmäßig auch Studenten aus anderen hessischen Hochschulen, „weil dort nichts Ähnliches angeboten wird.“
Zentrales Projekt der Arbeitsstelle ist zurzeit die Vorbereitung der Veröffentlichung einer Gettochronik für Lodz. Allerdings sei der Erhalt der Arbeitsstelle nicht dauerhaft gesichert, sagt Feuchert. Die Einrichtung würde nur von der Chambré-Stiftung finanziell gefördert. Ansonsten müssten die geschätzten 50 000 Mark Sachkosten im Jahr über Drittmittel für Einzelprojekte reingeholt werden.
Dabei gibt es nach Angaben von Feuchert genug zu tun: „Wir bekommen jeden Tag Anschreiben von Kollegen und Überlebenden. Mit unseren Möglichkeiten können wir die Arbeit kaum schaffen.“
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Aus: Gießener Anzeiger, 17.11.2001:
"Die Sachen gehören nicht in die Erde, die müssen da raus"
Ausstellung "Archäologie gegen das Vergessen" der Gedenkstätte Buchenwald in der UB - Schüler an NS - Zeit und das Schicksal der Häftlinge heranführen
Gießen (cvg). Mit Hilfe der Archäologie Schüler an die Geschichte der NS-Zeit und die Schicksale der KZ-Häftlinge heranführen, ist das Ziel des Historikers Roland Hirte. Mit der Ausstellung "Archäologie gegen das Vergessen" stellt er dieses Konzept jetzt in der Universitätsbibliothek [vor]. Betreut wird die Schau, die bis zum 30. November besucht werden kann, von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität. Und finanziell getragen werde sie von der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung, sagte Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle. "Teilweise mussten wir für die Jugendlichen da sein und sie wieder aus dem Loch holen, in das sie gefallen waren", berichtete Kristine Tromsdorf vom Vorstand der Chambré-Stiftung bei der Eröffnung der Ausstellung. Tromsdorf spielte damit auf die Betreuung von Schülern aus Dillenburg an, die in die Gedenkstätte Buchenwald gekommen waren, um dort unter pädagogischer Anleitung bei Ausgrabungen zu helfen. Manche der Schüler seien mit wahrem Feuereifer und Entdeckertrieb ans Werk gegangen, manche, sobald sie eindeutige Zeugnisse des Todes aus der Erde geholt hatten, wären mit der Situation ohne entsprechende Betreuung eben kaum fertig geworden. "Die Grundlagen entstanden, als ich noch Student war", sagte Hirte. Er habe mit den Ausgrabungen in einem relativ kleinen Abschnitt auf der sogenannten Halde 2 in Buchenwald begonnen. Mit fortschreitender Arbeit sei ihm klar geworden, dass mit Hilfe der Archäologie jene Zeit neu erschlossen werden könne und sich dadurch auch ein verfeinertes Bild jener Zeit herausschäle. "Natürlich wird das auch zu anderen Betrachtungsweisen als bisher üblich führen." Im Rahmen seiner Arbeit sei er mit ehemaligen Häftlingen des KZ zusammengetroffen, die seine eigenen Zweifel und Skrupel mit der Bemerkung "Die Sachen gehören nicht in die Erde, die müssen da raus", beseitigt hätten. Ihre eigene Neugier habe als treibende Feder gewirkt. "wir haben ganz banale Dinge gefunden. Löffel, Schuhe, aber auch Dominosteine oder Strumpfhalter und selbst gefertigte Ringe", erläuterte Hirte die in der Bibliothek ausgestellten Fundstücke. Die Dominosteine etwa standen für das Bestreben, sich auch in der Tristesse des Lagers Abwechslung durch Spiele zu verschaffen. Mit den Ringen sei vermutlich versucht worden, ein Stück Individualität herzustellen, als Gegengewicht zu der Herrschaft der Zahlen. "In der Verwaltung der Lager wurden die Häftlinge ihrer Namen beraubt und zu Nummern gemacht. Dagegen wollten sie sich auflehnen" interpretierte Hirte etwa den Ring. Nicht zuletzt spreche auch der Fund ziviler Kleidung bei den Häftlingen für die Lockerung der Lagerverwaltung gegen Ende des Krieges. Gegen Ende des Krieges - etwa ab Januar 1945 - seien nach Buchenwald auch die Insassen der KZ Auschwitz und Groß-Rosen gekommen. Mit der Situation sei die SS offensichtlich nicht mehr fertig geworden. Dafür sprächen nicht nur Dokumente, sondern eben auch die Fundstücke. Und welche Ergebnisse das Ausgrabungsprojekt noch ans Tageslicht fördere sei vollkommen offen, begründete Hirte den Titel der Schau.
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 16.11.2001:
Auch Reste eines Gebetsschals
Ausstellung "Archäologie gegen das Vergessen" zum KZ Buchenwald in der UB
Zu sehen sind altes Besteck, halb zerstörte Kämme, abgebrochene Dominospielsteine, Reste eines Gebetsschals, alte Fotos und vieles mehr. Gefunden wurden diese Überbleibsel auf einer Müllhalde: Sie liegt im Konzentrationslager Buchenwald. Die Fundstücke sind somit nicht einfach nur Überbleibsel, sondern ein Stück deutscher Geschichte, das mit der Ausstellung "Buchenwald. Archäologie gegen das Vergessen" wohl sehr lange in Erinnerung bleibt. Die Ausstellung, die nach Worten von Dr. Bernhard Friedmann von der Universitätsbibliothek "die Fehlentwicklung des Nationalstaates aufzeigt", ist seit Donnerstag im Ausstellungsraum der UB zu sehen. Neben den Fundstücken bilden fünf Dokumentationstafeln das Kernstück der Ausstellung. In ihnen wird einerseits die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald und andererseits die Historie der Ausgrabungen dokumentiert. Zusammengestellt wurde die Wanderausstellung bereits 1996/97 von Mitarbeitern der Gedenkstätte Buchenwald und Studenten der Universität Jena. In Gießen zu sehen ist sie bis zum 30. November im Rahmen der Licher Veranstaltungsreihe zum 9. November 1938. Durchgeführt wird die Ausstellung von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität. (cj)
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 22.09.2001:
Vergeben oder vergessen ist nicht möglich
Lucille Eichengreen las aus ihrem Buch "Rumkowski, der Judenälteste von Lodz. Ein autobiografischer Bericht"
Mit leichter Verzögerung, da Unstimmigkeiten ob des Ortes aufgetreten waren, begann am Donnerstagabend im Saal der Alten Universitätsbibliothek die fast schwermütig berührende, auf jeden Fall nachdenklich stimmende Lesung von Lucille Eichengreen. Die seit nunmehr 55 Jahren in Amerika lebende Autorin war bereits zum zweiten Mal zu Gast in Gießen, auf gemeinsame Einladung der Arbeitsstelle für Holocaust-Literatur am Fachbereich Germanistik der Justus-Liebig-Universität und der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung in Lich. Lucille Eichengreen hat den Holocaust überlebt. Sie war mit Mutter und Schwester 1941 aus Hamburg ins Ghetto Lodz deportiert und später noch in die Arbeitslager Neuengamme und Bergen-Belsen gebracht worden. Der polnisch-jüdische Vater war bereits vorher im Gefängnis umgekommen. Cäcilie Landau hatte Glück, sie konnte mit Kriegsende - im Gegensatz zu anderen Leidensgefährten - bereits 1946 in die USA ausreisen. In New York lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, fortan hieß sie Lucille Eichengreen. In Kalifornien kamen zwei Söhne zur Welt, sie lebt heute noch in Berkeley.
Erst 50 Jahre nach ihrem Weggang kam sie wieder nach Deutschland, nach langem Zögern und auf Einladung des Hamburger Senats. Deutsch spricht sie erst wieder seit zwei bis drei Jahren; sie hatte mit etwa 14 Jahren aufgehört, diese Sprache zu sprechen. Im Ghetto sprach sie Jiddisch und Polnisch, in Amerika nur Englisch, ihr Ehemann hatte als zweite Muttersprache das Französische. Ihre Söhne sprechen eigentlich nur Englisch, und das obwohl ihr Ältester ein Jahr in Deutschland gelebt hat. Vielleicht doch eine Form der Blockade, wie Prof. Erwin Leibfried in der anschließenden Gesprächsrunde vermutete, in der es auch darum ging, ob die Kinder der Nazi-Opfer die Beschädigungen ihrer Eltern weitertragen, wie in der Fachliteratur seit einiger Zeit gesagt wird. Lucille Eichengreen glaubt nicht daran, und wenn träfe es nur für einen Teil zu; sie und ihr Mann hätten bis zum 18. Lebensjahr der Söhne nie über diese schrecklichen Erfahrungen gesprochen. Aber natürlich hat sie selbst ihre "Beschädigungen" davon getragen, die sich unter anderem in merkwürdigem Essverhalten ausdrücken.
Die Jahre im Ghetto Lodz waren geprägt von permanentem Nahrungsmangel, der Hunger beherrschte das Leben und wurde zum "Fixpunkt der Existenz", so Lucille Eichengreen bei ihrer Lesung aus ihrem Buch "Rumkowski, der Judenälteste von Lodz" (Europäische Verlagsanstalt). In diesem autobiografischen Bericht schildert sie die schlimmen Zustände, unter denen 160 000 zusammengepferchte Menschen leben mussten, über deren zunehmende Schwäche und den elendigen Tod so vieler. Auch ihre Mutter starb an Hunger. Sie selbst wurde Sekretärin des umstrittenen Judenältesten von Lodz, Chaim Rumkowski. Umstritten war er deswegen, weil er den Nazi-Forderungen nachkam und mithalf, die Ghetto-Bewohner zu selektieren. Eine Aktion bestand etwa in dem Aufruf, alle bis zu neunjährigen Kinder abzugeben für die Transporte; wohin, ahnte keiner. Man war durch den ständigen Hunger abgestumpft, konnte nicht normal denken oder gar handeln, so Lucille Eichengreen. Einige wenige versuchten, ihre Kinder immerhin zu verstecken, Lucille Eichengreen weiß von einem Kleinkind, das dabei in einer Schublade erstickte.
Umstritten war Chaim Rumkowski aber auch deswegen, weil er "kleine Mädchen mochte", sie in sein Zimmer rief, "berührte und streichelte". Er sollte angezeigt werden, doch mit Kriegsbeginn und dem Überfall auf Polen ging dies unter; er wurde schließlich von den Nazis zum Judenältesten ernannt. Auch in dieser Position ließ er nicht von den kleinen Mädchen, nutzte seine Machtposition und Privilegien weiter aus. Lucille Eichengreen hatte große Angst vor ihm, das quillt immer zwischen den Zeilen ihrer Niederschrift hervor. Als bisher einziges Miissbrauchsopfer hat sie darüber öffentlich gesprochen und geschrieben, was ihr auch Vorwürfe einbrachte. Doch auch unter den Juden gibt es gute und schlechte Menschen, so ihre lakonische Antwort. Falsche Solidarität liegt ihr nicht.
Auch wenn sie diesen Teil ihrer persönlichen Erfahrung an diesem Abend nicht vorlas, so kannten doch einige der Anwesenden ihren Bericht, und dieser hing irgendwie mit in der Luft, wurde anschließend im Einzelgespräch benannt, nicht in der großen Runde. Rumkowski wurde von vielen gehasst, und eine der Geschichten zu seinem ungeklärten Tod in Auschwitz besagt, dass er von Juden erschlagen worden sei. Aber man weiß es nicht genau, es gibt keine Zeugenberichte, so Lucille Eichengreen mit ihrer gleichmäßig leisen Stimme und sachlich knappen Diktion, bei der an keiner Stelle Emotion mitschwingt. Der Kontakt zu Deutschen war ihr lange nicht möglich, es sei nach 50 Jahren wohl leichter geworden, aber Vergeben und Vergessen sei nicht möglich. (dkl)
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Aus: Gießener Anzeiger, 22.09.2001:
Nachdenkliches Schweigen in der Alten UB
Lucille Eichengreen las aus ihrem autobiographischen Bericht "Rumkowski, der Judenälteste von Lodz"
Von Christoph von Gallera
Giessen. Zerbrechlich wirkt die Frau, die da an einem Tisch in der Aula der Alten Universitätsbibliothek sitzt und fast mechanisch Worte vorliest, die ihre ohnehin schon beeindruckten Zuhörer noch mehr in nachdenkliches Schweigen gehüllt wirken lassen. Die Frau heißt Lucille Eichengreen. Sie ist zum zweiten Mal in Deutschland auf Einladung von Professor Erwin Leibfried und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Der Grund der Einladung: die Vorstellung ihres autobiographischen Berichts "Rumkowski, der Judenälteste von Lodz".
Es gab eine Zeit, erfahren die Zuhörer bald, in der die 1925 in Hamburg geborene Frau anders hieß: Cecilie Landau, das älteste Kind einer angesehenen Kaufmannsfamilie. Es gab nur einen Umstand, der der Familie wenige Jahre später das Leben zur Hölle machen und speziell bei Lucille Eichengreen dazu führen sollte, dass sie später eine Aversion gegen alles entwickelte, was irgendwie nur im Entferntesten mit Deutschland etwas zu tun hatte: Ihre Familie war jüdisch. Und die Erlebnisse, die letztlich zur vollständigen Auslöschung ihrer Familie durch die Nazis führten, haben sich so eingebrannt, "dass es mir sehr schwer fällt zu vergeben, zu vergessen". Der unbedingte Wille zu überleben habe sie durch das Getto von Lodz gebracht, durch die KZs von Neuengamme und Bergen-Belsen.
Sie berichtet über ihre Erlebnisse mit Mordechai Rumkowski. Er sei das Bindeglied zwischen den Bewohnern des Gettos und der Naziverwaltung gewesen. Er habe zu den sogenannten Judenräten gehört, jüdischen Glaubensgenossen, die von der Naziverwaltung als Kommandanten der Gettos auserkoren worden seien. Wer sich im Getto mit Rumkowski gut gestellt habe, hätte die besten Voraussetzungen gehabt, bessere Bedingungen zu haben als der Rest der Gettobewohner.
Eichengreen lässt anklingen, dass der Lodzer Judenrat seine Position ausgenutzt habe, um sich besonders jungen Frauen und Mädchen sexuell zu nähern. "Er vergreift sich schon lange an jungen Mädchen. Wenn er sie in sein Büro bringt, macht er unaussprechlich schmutzige Dinge mit ihnen", zitiert Eichengreen die Warnung einer Getto-Freundin aus ihrem Bericht.
Tiefe Wunden
In der anschließenden Diskussion räumt Eichengreen ein, dass das Thema der Judenräte in den USA, ihrer Heimat seit 1946, tabuisiert werde. "Wir sprechen nicht darüber", erklärt sie.
Überhaupt falle es schwer, über die Erlebnisse zu sprechen. "Wir haben alle physische oder psychische Schäden davongetragen. Natürlich versuchen wir unsere Kinder nicht zu beeinflussen, sie sollen sich später ihr eigenes Urteil bilden dürfen", spricht sie weiter und nennt das Beispiel ihres ältesten Sohnes. Der habe ein Jahr in Deutschland gearbeitet, es nie für nötig gehalten, deutsch zu lernen. Sie habe ihn dafür zurechtgewiesen.
"Was wir erlebt haben, hat tiefe Wunden gerissen. Gewiss. Aber wir können nicht die Kinder und die Enkel für die Taten ihrer Eltern und Großeltern verantwortlich machen", gibt sie als Botschaft auf den Weg.
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Aus: Uni Forum Giessen, Nr. 5/2001
Wider das Vergessen
Arbeitsstelle Holocaustliteratur hatte die Ausstellung „Archäologie gegen das Vergessen“ nach Gießen geholt
sfe. ,,Archäologie gegen das Vergessen“ — so lautete der Titel einer Ausstellung der Gedenkstätte Buchenwald, die bis Anfang Dezember in der Universitätsbibliothek zu sehen war. Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur (Fachgebiet Germanistik) hatte sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum 9. November an die JLU geholt.
Eindrucksvoll zeigte die kleine Exposition Fundstücke aus dem so genannten ,,Kleinen Lager“ in Buchenwald, jenem Ort, der Ende 1944 für viele Häftlinge zum Sterbeort wurde. Tausende Häftlinge wurden von den Nazis aus anderen Lagern, die sie aufgrund der näher rückenden Front räumen mussten, nach Buchenwald getrieben. Auf Todesmärschen starben die meisten dieser Häftlinge - viele der übrigen überlebten auch die Ankunft in Buchenwald nicht lange.
In dieser Zeit der Überfüllung und qualvollen Enge wuchs im ,,Kleinen Lager“ auch der Abfall, die so genannte ,,Müllkippe II“ entstand. Kämme, Schuhe, kleine Kultgegenstände und vieles mehr - alles wurde dort hinein geworfen.
Vor ein paar Jahren begannen sich die Wissenschaftler für diese Müllhalde zu interessieren. Zusammen mit Schülern gruben sie in dem Abfallberg und förderten an die 2500 Gegenstände ans Licht, „von denen man weiß, was sie darstellen. Darüber hinaus wurden 8000 kleine Stücke gefunden, die Fragmente von Gegenständen darstellen, die sich nicht mehr rekonstruieren lassen“, berichtete Ronald Hirte, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte und Autor der Ausstellung. Er beschrieb die Einteilung der Schau: Zum einen ,,erzählten“ Vitrinen davon, wie die Gegenstände gefunden wurden, wie sie bearbeitet und hergerichtet wurden, um sie zu inventarisieren oder welche Verwendung sie in diversen Ausstellungen heute erfahren. In einer anderen Vitrine wurde versucht, einige der Fundstücke wieder ihren Besitzern zuzuordnen.
Ein zweiter Teil der Ausstellung informierte überblickartig über die Geschichte des KZ Buchenwald und über die Bedeutung der Ausgrabungen. Ergänzt wurde die Ausstellung um eine weitere Vitrine, die von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur gestaltet wurde: Sie zeigte Texte von Opfern aus Buchenwald, die unmittelbar nach Kriegsende erschienen und heute nahezu vergessen sind.
Dr. Bernhard Friedmann hatte anlässlich der Vernissage darauf hingewiesen, wie wichtig die kleine Ausstellung sei. Sie sei ein eindrücklicher Beleg für ,,die Fehlentwicklung des Nationalstaates“. Kristine Tromsdorf, Vorstandsmitglied der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich und Lehrerin in Dillenburg, berichtete von ihrer Arbeit mit Schülern in Buchenwald, speziell bei Ausgrabungen. Sie referierte, wie unterschiedlich die Schüler reagierten, aber auch wie wichtig eine solche Auseinandersetzung anhand ,,von konkreten Sachen“ sei.
Zu der Ausstellung erschien ein Katalog, der in der Ferber‘schen Buchhandlung im Phil I zum Preis von 16,80 DM zu erwerben ist.
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Aus: Uni Forum Gießen, Nr. 4/2001:
Alltag im Ghetto: „Hunger war der Fixpunkt unserer Existenz“
Lesung von Lucille Eichengreen in der Alten Universitätsbibliothek – „Rumkowski, der Judenälteste von Lodz“ – Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur – ernste, bewegende und nachdenklich stimmende Veranstaltung
von Dagmar Klein
Das Interesse an der Lesung im Juni war so groß, dass sich Prof. Dr. Erwin Leibfried, Leiter der Arbeitsstelle für Holocaust-Literatur am Fachbereich 05, und Klaus Konrad Tromsdorf von der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich entschieden, die amerikanische Autorin Lucille Eichengreen ein weiteres Mal einzuladen. Der Hörsaal der alten Universitätsbibliothek füllte sich mit Interessierten aller Altersgruppen, die gekommen waren, um der Lesung aus dem Buch „Rumkowski, der Judenälteste von Lodz“ beizuwohnen. Eine ernste, bewegende und nachdenklich stimmende Veranstaltung.
Lucille Eichengreen ist Jüdin deutsch-polnischer Abstammung, sie hat den Holocaust überlebt. Aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie stammend, wurde die als Cecilie Landau geborene im Herbst 1941 mit Mutter und Schwester ins Ghetto Lodz deportiert; der Vater war zuvor bereits in NS-Haft umgekommen. Sie hatte als eine der wenigen die Möglichkeit, bald nach der Befreiung durch die Alliierten das Arbeitslager und Deutschland Richtung USA zu verlassen. In New York lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, fortan hieß sie Lucille Eichengreen. Heute lebt sie in Berkeley, Kalifornien, nach Deutschland kam sie das erste Mal wieder 1995. Sachlich konzentriert, mit einfacher Diktion beschreibt sie in ihrem autobiografischen Bericht den schrecklichen Alltag im Ghetto, der vom ständigen Hunger und elender Unterbringung gekennzeichnet war. Viele Menschen starben an Hunger, auch ihre Mutter, oder erkrankten schwer. „Der Hunger war der Fixpunkt unserer Existenz“, so die Autorin. Sie wurde Sekretärin von Rumkowski, dem Judenältesten von Lodz. Rumkowski war bei den Juden zunehmend verhasst, da er die Anordnungen der Nazis nach Selektion durchsetzte. Bis heute kann sie nicht begreifen, wie er dazu aufrufen konnte, Kinder bis zum neunten Lebensjahr für Transporte abzugeben. Einige Kinder wurden immerhin gerettet, doch „man war durch den ständigen Hunger abgestumpft, konnte nicht normal denken und handeln“. Mit der Räumung des Ghettos und dem Abtransport aller verbliebenen Insassen in Arbeitslager verlor auch Rumkowski seine Macht. Er kam unter ungeklärten Umständen ums Leben, es geht die Rede, dass er von Juden erschlagen worden sei.
Erst seit etwa zwei Jahren spricht Lucille Eichengreen wieder Deutsch, nachdem sie mit 14 damit aufgehört hatte. Die Annäherung an die deutschen Menschen und ihre Sprache sei durch die Distanz von 50 Jahren zwar einfacher geworden, Vergeben oder Vergessen sei aber nicht möglich.
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Aus: U-Mail Regensburger Universitätszeitung. Nr. 3/2001:
"Wenn sich Vergangenes zunehmend mit Nacht bedeckt" - Rektor Altner eröffnet Ausstellung „Zeugen und Dokumente aus dem Ghetto Lodz“
Der 8. Mai 1945 ist für Otto Schwerdt immer noch ein besonderes Datum – er wird diesen Tag „nie, nie vergessen“, sagt er. Was mit der Befreiung vom Nationalsozialismus für ihn verbunden ist, können Nicht-Zeitzeugen nur schwer ermessen. Rektor Helmut Altner hat ihn an diesem Abend in die Universitätsbibliothek eingeladen, um ihm als Zeitzeugen Gehör zu verschaffen.
Schwerdt liest einen kurzen Abschnitt aus seinem Erinnerungsbuch „Als Gott und die Welt schliefen“. Er handelt von seinem eigenen Aufenthalt im Ghetto. So wird für die etwa 30 Zuhörer deutlich, was die Ausstellung „Zeugen und Dokumente aus dem Ghetto Lodz“ in Bildern dokumentiert.
Der Betrachter sieht sich mit Gesichtern von Menschen konfrontiert, die Unsägliches erlebt haben. Dies beeindruckt vor allem, wenn man bedenkt, wie die Menschen im Ghetto leben mussten: unter unerträglichen Bedingungen, zusammmengepfercht auf engstem Raum. Klein ist die Anzahl derjenigen, die das Ghetto überlebt haben und deren Porträts nun Teil der Ausstellung sind. Rektor Altner wies auf die besonderee Rolle der Überlebenden hin, denn „noch ein halbes Jahr vor Kriegsende wurden die Bewohner des Ghettos ausnahmslos ins Konzentrationslager deportiert“.
Die Diplom-Designerin Silke Berg hat die Zeitzeugen in Polen fotografiert. Sie beschäftigt sich seit längerem mit jüdischer Kultur und Religion und schreibt im Ausstellungskatalog: „Bei Reisen in das benachbarte Ausland, hier besonders Polen, erlebte ich die Geschichte des eigenen Landes durch die Menschen, die mir dort begegneten, eindringlicher als in Deutschland selber.“
Die Idee, die Ausstellung nach Regensburg zu bringen, entstand, als Rektor Altner anlässlich des 55-jährigen Jubiläums der Universität Lodz mit Prof. Heinz Kneip in Polen weilte und dort die von der Lodzer Partneruniversität Gießen konzipierte Ausstellung besuchte. Da auch die Universität Regensburg partnerschaftliche Beziehungen zur Universität Lodz unterhält, lag es nahe, Silke Bergs Fotografien auch in Regensburg zu zeigen, damit möglichst viele Besucher „das sehr subjektive Protokoll einer Suche“ miterleben können, das die Ausstellung laut Professor Stefan Hormuth, Präsident der Universität Gießen, darstellt.
Christiane Emmert
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Aus: Gießener Anzeiger, 27.02.01:
„Holocaustliteratur“ ab sofort im Internet
GIESSEN (vdu). Die Arbeitsstelle Holocausliteratur der Gießener Justus-Liebig-Universität (JLU) ist ab sofort auch im Internet vertreten: Unter http://www.holocausliteratur.de/ sind zahlreiche Informationen über Arbeit, Anliegen, Pläne und Publikationen der Arbeitsstelle abrufbar, die 1998 auf Initiative von Professor Erwin Leibfried, Sascha Feuchert und der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich am Institut für Neuere deutsche Literatur der JLU eingerichtet wurde.