Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2002Inhalt
Gazeta Wyborcza Lodz, 27.11.2002: Ein nach 60 Jahren veröffentlichtes Buch
Gießener Anzeiger, 14.12.2002: "Wie ein Märchen, ich kann das alles fast nicht glauben"
Gazeta Wyborcza, Lodz, 27.6.2002: Spaziergang durch Lodz
Gießener Anzeiger, 08.06.2002: "Genagelt ist meine Zunge": Texte von Hilda Stern Cohen
ddp-Meldung: Ein Dokument des Grauens - Gießener Arbeitsgruppe veröffentlicht Chronik des Lodzer Ghettos - Erster Band zur Leipziger Buchmesse
Frankfurter Jüdische Nachrichten, März/April 2002 (Pessach 5762): "Ein fremder häßlicher Tod, ...ihn will ich zeichnen"
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Aus: Gazeta Wyborcza Lodz, 27.11.2002:
Ein nach 60 Jahren veröffentlichtes Buch
Im Eilschritt durch das Getto...
Eine Sammlung von Reportagen und Essays aus dem Lodzer Getto ist erschienen. Ihr Autor ist Oskar Singer aus Prag, der mit einer Gruppe tschechischer Juden im Jahre 1941 nach Lodz kam. Heute um 19 Uhr findet im Museum für Stadtgeschichte die Präsentation des Buches "Im Eilschritt durch das Getto" statt, das von polnischen und deutschen Wissenschaftlern gemeinsam herausgegeben wurde.
JOANNA PODOLSKA: Wie hat man - nach nahe 60 Jahren - Singers Essays entdeckt?
SASCHA FEUCHERT, UNIVERSITÄT GIESSEN: Seit zwei Jahren arbeiten wir zusammen mit Kollegen von der Lodzer Universität und vom Staatsarchiv an der Veröffentlichung der "Chronik des Lodzer Gettos". Während der Arbeiten sind wir auf eine unscheinbare Mappe mit dem Titel "Reportagen" gestoßen. Darin waren Texte von Singer, einem der Hauptautoren der "Chronik", der ab 1942 der Leiter des ganzen Unternehmens war. Es waren Artikel, Essays und bisher nirgendwo publizierte, aber mit Sicherheit mit dem Gedanken an künftige Leser verfasste Notizen. Sie betrafen das Leben im Getto. Wir haben festgestellt, dass sie äußerst interessant sind und beschlossen, sie als Prolog zur Veröffentlichung der "Chronik" herauszugeben. Die deutsche Ausgabe ist vor einigen Monaten erschienen, jetzt ist die polnische Version des Buches fertig.
Wer war Oskar Singer?
- Er schloss ein Studium der Rechtwissenschaften in Wien ab, arbeitete jedoch als Journalist in Prag. Er schrieb für bekannte Zeitungen, wie etwa das "Prager Tageblatt", den "Montag" oder die "Selbstwehr". Im Jahre 1935 gab er ein antifaschistisches Theaterstück heraus, in dem einer der Protagonisten vorausahnt, wie das Schicksal der Juden in der Zeit des Krieges sein wird. Im Jahre 1941 wurde Singer zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern ins Getto Litzmannstadt deportiert. Es ist ihm gelungen, in das Team aufgenommen zu werden, das die "Chronik" verfasste. Im August 1944 wurde er mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert. Er starb wahrscheinlich bald nach dem Eintreffen in Brzezinka (Birkenau). Seine Kinder überlebten den Krieg. Die Tochter Ilse wohnt in Israel, Erwin Singer in Großbritannien. Er kommt zum ersten Mal nach Lodz anlässlich der heutigen Präsentation des Buches seines Vaters.
Sind Singers Essays eine wertvolle Quelle zur Erforschung des Lebens im Lodzer Getto?
- Mal ist er ein "rasender", von täglichen Ereignissen im Getto berichtender Journalist. Ein anderes Mal stellt er philosophische Überlegungen zum Zusammentreffens der Juden aus Ost- und Westeuropa im Getto an. Seine Essays und Bemerkungen sind wertvoll besonders auch im Hinblick auf unser eigenes Wissen, das wir von den Ereignissen haben. Zweifellos sind seine Schriften eine wertvolle Quelle zu dieser Periode in der Geschichte von Lodz.
Im Eilschritt durch das Getto..
Oskar Singer, "Reportagen und Essays aus dem Lodzer Getto", übersetzt von Krystyna Radziszewska, Einleitung Sascha Feuchert
Notizen zur Sprache der Reportagen und Essays Jörg Riecke, Genese und Geschichte des Lodzer Gettos: Julian Baranowski
Redakteure der Ausgabe: Erwin Leibfried, Krzysztof Wozniak
Herausgeber: Staatsarchiv in Lodz, Oficyna Bibliofilow, Lodz 2002.
Joanna Podolska
(aus dem Polnischen von Joanna Ratusinska M.A.)
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Aus: Gießener Anzeiger, 14.12.2002:
"Wie ein Märchen, ich kann das alles fast nicht glauben"
Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU stellt polnische Ausgabe mit Texten von Oskar Singer bei Festakt in Lodz vor –-80-jähriger Sohn als Ehrengast
Gießen. "Man kann mit Fug und Recht sagen: Der heutige Abend ist einer der größten Erfolge der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Er wird für uns alle unvergesslich bleiben" - Prof. Erwin Leibfried, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU Gießen, war sichtlich bewegt über die enorme Anteilnahme und das feierliche Programm, die in Lodz (Polen) die offizielle Präsentation der polnischen Ausgabe mit Texten von Oskar Singer begleiteten.
Zwei Jahre lang hatten deutsche und polnische Wissenschaftler unter der Leitung der Giessener Arbeitsstelle an der Edition der Reportagen und Essays von Oskar Singer gearbeitet, die über das "Leben" im Getto Lodz (1941-1944) berichten. Die Originale der Texte befanden sich hauptsächlich im Staatsarchiv Lodz, einige wenige wurden durch die Herausgeber auch in New York und Jerusalem ausfindig gemacht. Im Frühjahr war bereits eine deutsche Ausgabe unter dem Titel "Im Eilschritt durch den Getto-Tag..." im Berliner Philo-Verlag erschienen. Und nun konnte die polnische Ausgabe fertiggestellt und öffentlich präsentiert werden. Die Vorstellung des polnischen Bandes geriet in Lodz zu einem Großereignis, das es nicht nur bis in die Abendnachrichten des polnischen Fernsehens schaffte, sondern landesweit in den Medien beachtet wurde: Über 300 geladene Gäste waren ins Poznanski-Palais gekommen, einer heute als Stadtmuseum dienenden riesigen Villa eines Großindustriellen, um das Erscheinen entsprechend zu würdigen. Zahlreiche Redner überbrachten Grußworte und dankten im besonderen Maße den Gießener Wissenschaftlern, die vor rund zwei Jahren das Projekt angestoßen hatten.
Ministerin Prof. Daria Nalecz, zuständig für die polnischen Staatsarchive, würdigte das Projekt als einen herausragenden Beitrag auch zur deutsch-polnischen Verständigung und betonte, dass das Team, dem auf deutscher Seite neben Prof. Leibfried Sascha Feuchert und HD Dr. Jörg Riecke angehören, für zukünftige Vorhaben "die volle Unterstützung der polnischen Regierung" genieße. Der Präses der jüdischen Gemeinde von Lodz, M. Keller, betonte in seiner Ansprache die Wichtigkeit der Holocaustliteratur. "Solche Schriften erzählen uns nicht nur über die Ereignisse, sie sind auch eine wichtige persönliche Hinterlassenschaft der Verfasser". Er sei besonders beeindruckt, dass "ausgerechnet Menschen mit deutschem Pass nach Lodz kommen, um uns bei unserer schwierigen Erinnerungsarbeit zu helfen." Die Direktorin des Lodzer Staatsarchivs, Urszula Zarzycka-Sutter, dankte in ihrem Grußwort vor allem Sascha Feuchert, dem stellvertretenden Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, der mittlerweile "zu einem Freund und echten Lodzer" geworden sei. "Er ist die Seele des Teams; ohne ihn wäre das alles niemals entstanden."
Alle Redner dankten auch den Sponsoren, ohne die ein solches binationales Projekt nicht möglich gewesen wäre. Die RAG in Essen hatte nicht nur die Übersetzungskosten übernommen, sondern auch die Ausrichtung des festlichen Abends finanziert. Und die Giessener Hochschulgesellschaft hatte einen immens wichtigen Teil des Abends ermöglicht: Sie ermöglichte es nämlich, dass Ervin Singer (London), der Sohn des Verfassers, der mit seinem Vater im Lodzer Getto und in Auschwitz gefangen war, an der Veranstaltung teilnehmen konnte. "Für mich ist das wie ein Märchen, ich kann das alles fast nicht glauben", bekannte Ervin Singer, dem man denn auch die Mischung aus Freude und ungläubigem Staunen im Gesicht ablesen konnte. Prof. Leibfrieds abschließender Dank galt somit Ervin Singer, der mit seinen 80 Jahren die Reise auf sich genommen hatte, und der Hochschulgesellschaft, besonders deren Vorsitzendem Prof. Bernd Hoffmann.
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Aus: Gazeta Wyborcza, Lodz, 27.6.2002:
Spaziergang durch Lodz
Auf den Spuren der Erinnerung
(Bericht von Joanna Podolska):
Eine Gruppe deutscher Studenten aus Giessen wandert durch Lodz in Gesellschaft von Lucille Eichengreen, die das Lodzer Getto überlebt hat. - Man kann sich kaum vorstellen, wie die Menschen damals hier gelebt haben, sagen die jungen Deutschen.
Am Dienstag gingen sie durch ganz Baluty. Sie sahen sich das Viertel an, in dem während des Krieges die Nazis über 160 000 Juden eingesperrt haben. Gestern besichtigten sie den jüdischen Friedhof.
1941 sind ins Lodzer Getto Juden aus Westeuropa - aus Österreich, der Tschechoslowakei, Luxemburg und Deutschland gebracht worden. Lucille Eichengreen kam von Hamburg nach Lodz. Sie arbeitete u.a. als Sekretärin von Oskar Singer, dem Mitbegründer der Lodzer Getto-Chronik. Im August 1944 fuhr sie mit einem Transport nach Auschwitz. Auf dem jüdischen Friedhof in Baluty begrub sie ihre Mutter, konnte aber deren Grab gestern nicht finden.
"Es war vor 60 Jahren, ich kann mich nicht an diese Stelle erinnern. Es gibt auch von ihr keine Auskünfte im Archiv" - erklärt die nette ältere Dame. Seit vielen Jahren wohnt sie in den Vereinigten Staaten. Über ihre Erlebnisse hat sie ein Buch geschrieben. Auf diese Art fand Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur in Giessen zu ihr. Jetzt kam sie nach Polen, um den Studenten zu erzählen, was sie erlebt hat.
Die jungen Leute aus Giessen studieren deutsche Literatur. Jetzt nehmen sie an einem Seminar über Lodz teil. Sie lasen viel darüber. Vergleichen die Literatur mit der Wirklichkeit. - "Ich bin angenehm überrascht von der Gastfreundlichkeit der Lodzer Einwohner", sagt Joanna Ratusinska, die einzige Polin in der Gruppe, die in Deutschland lebt. "Für mich war es ein großes Erlebnis die Relation einer Zeitzeugin zu hören", betont Nora Redhardt. Ihr Referat hat die Beziehungen zwischen Polen, Deutschen und Juden in dem multikulturellen Lodz zum Thema.
Die Studenten sind beeindruckt davon, wieviel in Lodz noch erhalten geblieben ist. Manche Orte sehen genauso aus wie auf den alten Fotos. Sie sind aber auch erstaunt, dass keiner der Orten genauer gekennzeichnet ist. "Wir hatten große Schwierigkeiten beim Identifizieren selbst wichtiger Plätze im Getto", sagt Dr. Feuchert.
(übersetzt von Joanna Ratusinska)
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Aus: Gießener Anzeiger, 08.06.2002:
"Genagelt ist meine Zunge": Texte von Hilda Stern Cohen
Arbeitsstelle Holocaustliteratur will Hinterlassenschaft von Mücker Autorin veröffentlichen
Gießen (sfe). "Wir betreten absolutes Neuland mit dieser gemeinsamen Aktion". Prof. Erwin Leibfried, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen war sichtlich begeistert, als er zusammen mit dem stellvertretenden Leiter der Einrichtung, Sascha Feuchert, ein Publikationsvorhaben unter "Dach und Fach" bringen konnte, das sowohl lokale als auch internationale Dimensionen besitzt: Die beiden Literaturwissenschaftler fungieren nämlich als Herausgeber der Texte von Hilda Stern Cohen, die aus Mücke/Nieder-Ohmen stammte und die das Getto Lodz und das Vernichtungslager Auschwitz überlebte. Begleitet wird die Buchausgabe, die für März 2003 geplant ist, von einem breiten Internet-Angebot, das durch das Washingtoner Goethe-Institut bereitgestellt wird.
TREFFEN IN GIESSEN: Sascha Feuchert, Dr. Bill Gilcher, Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried (von links) freuen sich über das gemeinsame Publikationsprojekt.
Die Gedichte sowie einige Prosatexte, die in der Edition enthalten sein werden, stammen überwiegend aus dem Jahre 1946, als Hilda Stern Cohen nach ihrer Befreiung aus der Gewalt der Nationalsozialisten in einem amerikanischen "Displaced Person"- Camp auf ihr weiteres Schicksal wartete.
Die Autorin, die nach dem Krieg nach Amerika übersiedelte, ist leider mittlerweile verstorben. Ihre Texte wurden von ihrem Witwer, Dr. Werner Cohen, erst nach ihrem Tod gefunden. Er war sich sicher, daß "Hilda’s Voice", wie er die literarischen Hinterlassenschaften seiner Frau nannte, unbedingt gehört, sprich: publiziert werden müsse. Der Kontakt zwischen den Mitarbeitern der Arbeitsstelle und Werner Cohen kam im vergangenen Jahr dann über die Internet-Seite der Arbeitsstelle zustande. "Wir bekommen oft auch Anfragen von Überlebenden, die uns ihre literarischen Erinnerungen vorstellen wollen oder uns um Vermittlung bei Publikationsvorhaben bitten", erläutert Sascha Feuchert, dass diese Form der Kontaktaufnahme durchaus keine Seltenheit ist. Im vorliegenden Fall war es Dr. Bill Gilcher vom Washingtoner Goethe-Institut, der mittels einer E-Mail an die Gießener Literaturwissenschaftler herantrat und ihnen von den bislang unveröffentlichten Texten von Hilda Stern Cohen berichtete. Das Interesse war natürlich groß, ist es doch auch eines der erklärten Anliegen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, gerade auch Erinnerungstexte von Autoren zu fördern, die einen lokalen Bezug aufweisen. "Die uns vorgelegten Gedichte und Erzählungen, die Hilda Stern Cohens Leidenszeit - beginnend in Oberhessen und endend in Auschwitz - thematisieren, aber auch manchmal "nur" Ausdruck von Überlebenswillen und wiedergefundener Lebensfreude sind, waren unheimlich beeindruckend. Wir haben eigentlich spontan beschlossen, daß wir sie unbedingt veröffentlichen wollen. Dazu kommt, daß wir mit der Schriftenreihe "Memento", die wir zusammen mit der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung herausgeben, ein geeignetes Organ zur Verfügung haben, um die Materialien anspruchsvoll zu edieren", so Leibfried. Zunächst vereinbarte man, die Texte, die die Autorin in Schulheften niedergeschrieben hatte, komplett zu übertragen. Leibfried übernahm diese philologische Arbeit in enger Kooperation mit Cohen. Parallel dazu wurde von Gilcher und von Feuchert zum einen das Editionskonzept entwickelt und zum anderen beraten, inwieweit das Internet-Angebot des Washingtoner Goethe-Instituts die Publikation begleiten kann. Bei einem Arbeitsbesuch von Cohen und Gilcher in Gießen wurden nun die Weichen für die endgültige Realisierung gestellt: Der Memento-Band ist nun als Lesebuch konzipiert, das neben Gedichten und Prosatexten auch zahlreiche Bilder aus dem bewegten Leben von Hilda Stern Cohen enthält. Die Netz-Seite stellt dazu parallel Interviews mit der Autorin zur Verfügung, die sie in Amerika als Zeitzeugin gegeben hat, führt einen "Blick in die Werkstatt" der Dichterin vor (d.h. zeigt anhand ausgewählter Beispiele, wie sie an ihren Texten gearbeitet und sie mehrfach geändert hat) und will auch helfen, die Texte im Schulunterricht nutzbar zu machen. Beide sich ergänzenden Projekte tragen im übrigen als Titel eine Zeile aus einem Gedicht von Hilda Stern Cohen: "Genagelt ist meine Zunge".
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ddp-Meldung:
Ein Dokument des Grauens - Gießener Arbeitsgruppe veröffentlicht
Chronik des Lodzer Ghettos - Erster Band zur Leipziger Buchmesse
Von ddp-Korrespondent Klaus-J. Frahm
Gießen (ddp-hes). Beinahe wäre sie in Vergessenheit geraten. Doch nun wollen sie deutsche und polnische Wissenschaftler der Öffentlichkeit zugänglich machen: Die Chronik des jüdischen Ghettos von Lodz. In einer gemeinsamen Arbeitsgruppe redigieren Germanisten der Universitäten in Gießen und Lodz seit drei Jahren die rund 2000 Seiten umfassende Chronik. Der erste Band erscheint zur Leipziger Buchmesse, die am 21. März beginnt.
Die Verfasser der Chronik waren Journalisten, die aus dem Deutschen Reich und den besetzten Gebieten in das Ghetto gebracht worden waren. Zwischen 1941 bis 1944 schrieben sie täglich Berichte, Stimmungsbilder und Nachrichten über das Leben in dem Stadtteil, in dem bis zu 200.000 Menschen eingesperrt waren.
Am 14. August 1943 beschrieb der Journalist Oskar Rosenfeld die prekäre Lage im Ghetto: "Der Hunger setzte alle Leidenschaften in Brand. Die Obstbäume an den Rändern der umzäunten Gärten hatten von Diebshänden viel zu leiden. Die Gemüsebeete mussten Tag und Nacht bewacht werden. Der Hunger trieb die Menschen wie die Hyänen ins Freie, wo vielleicht etwas zu erwischen war."
Der aus Wien nach Lodz deportierte Rosenfeld arbeitete bei der statistischen Abteilung, die eigentlich nur die Aufgabe hatte, die Bevölkerungszahl, den Krankenstand, die Deportationen und Todesfälle zu erfassen. Durch die Arbeit von Rosenfeld undseinen Kollegen entwickelte sich das Archiv jedoch zu einem Dokumentationszentrum. Eine "Schatzkammer fürzukünftige Gelehrte, die das Leben einer jüdischen Gemeinschaft in einer ihrer schwersten Zeiten studieren" sollte es sein, wie es Henryk Neftalin, der Gründer der Chronik, 1942 formulierte.
Nach der Liquidierung des Ghettos am 30. Juli 1944, als 60 000 Menschen nach Auschwitz deportiert wurden, wäre die Chronik sicher vernichtet worden, hätte nicht der Mut und das Glück eines Einzelnen zu ihrer Rettung beigetragen. Der Briefträger Nachman Zonnabend blieb zusammenmit etwa 800 anderen Bewohnern des Ghettos zurück, als die SS die geräumten Wohnungen plündert den Dokumentenschatz und versteckte ihn in einem ausgetrockneten Brunnen.
Nach dem Krieg kam Zonnabend, der durch glückliche Umstände überlebt hatte, zurück und barg die Chronik. Er brachte sie ins polnische Staatsarchiv, wo die Texte jedoch unbeachtet viele Jahre verstaubten, bis die Arbeitsgruppe Holocaustliteratur von ihnen erfuhr. "Die seit Jahren bestehenden guten Beziehungen der germanistischen Fachbereiche der Universitäten Gießen und Lodz waren die ideale Voraussetzung für die Realisierung der Veröffentlichung, die schon von den Autoren gewollt war", sagt Sascha Feuchert, der stellvertretende Leiter des Projektes. Neben ihm arbeiten der Oberkustos des Staatsarchivs Lodz, Julian Baranowski sowie die Germanisten und Historiker Krystyna Radziszewska, Krzysztof Wozniak, Erwin Leibfried und Jörg Riecke an dem Projekt.
Der erste vor kurzem erschienene Band trägt den Titel "Im Eilschritt durch den Getto-Tag" und enthält die Reportagen von Oskar Singer. Singer, ein vor dem Einmarsch der Deutschen sehr populärer Prager Journalist, wurde zusammen mit seiner Frau Magarethe und seinen Kindern Ilse und Erwin am 26.10.1941 ins Lodzer Ghetto deportiert. Er begann nach wenigen Tagen die Arbeit bei der statistischen Abteilung, wo er bis August 1944 blieb. Ein letztes Mal gesehen wurde Singer, als er in Birkenau aus dem Deportationszug stieg. Vermutlich wurde er am selben Tag noch ermordet.
Die Bedeutung der Originaltexte aus Lodz liegt für den Sprachwissenschaftler Riecke vor allem darin, dass die Niederschrift nicht durch rückblickende Erinnerung gefiltert wurde. "Nachträglich notierte Erlebnisse sind immer dramatisiert und sprachlich auf einen aktuellen Stand gebracht", sagt Riecke und fügt hinzu: "Die Benutzung von Begriffen wie Menschenmaterial oder Wirtsvolk der Juden wäre in einer Rückschau nicht möglich. Damals ignorierten die Autoren den Bedeutungswandel solcher Begriffe durch die Nazis".
Riecke ist einer der wenigen Sprachwissenschaftler, die sich mit der Sprache der Opfer beschäftigen. Besonders befindet er die vielen humoristischen Passagen in Singers Texten und die Tatsache, dass der Journalist offenbar ignorierte, dass es Nazis gab. Die Forscher hoffen, ihre Edition in etwa 18 Monaten vollständig zu haben. Finanziert wird das Projekt durch Drittmittel und durch die Licher Ernst Ludwig Chambré Stiftung. Weitere Sponsoren werden noch gesucht. (www.holocaustliteratur.de) ddp/kjf/ghe
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Aus: Frankfurter Jüdische Nachrichten, März/April 2002 (Pessach 5762):
"Ein fremder häßlicher Tod, ...ihn will ich zeichnen"
Die "Internationale Gesellschaft zur Erforschung der Literatur des Holocaust" bewahrt Texte von Opfern vor dem Vergessen
Von Ruth Bäumler
Wäre Oskar Singer aus Prag nicht gewesen, der daran glaubte, dass vielleicht nicht er, wohl aber seine Reportagen aus dem Ghetto überleben würden, wäre unser Bild vom Alltag in Litzmannstadt-Gettho zwar nicht von weniger düsterer Unbegreiflichkeit, aber um einige Nuancen reduziert, z.B. um die unglaubliche Vorstellung, dass es Menschen gab, die neben dem täglichen Kampf ums Weiterleben noch die Kraft hatten, schreibend und berichtend ein Leben jenseits des Grauens zu visualisieren,für zukünftige Leser in einer Welt, die nicht mehr die ihre sein würde.
Und gäbe es nicht Literaturwissenschaftler, die ihre vornehmste Aufgabe nicht nur darin sehen, traditionelle Forschungsobjekte mit dem bewährten wissenschaftlichen Instrumentarium zu bearbeiten, sondern mit archäologischer Behutsamkeit Spuren menschlichen Lebens zu rekonstruieren, wäre auch Oskar Singers Glauben an ein Überleben seiner Texte umsonst gewesen. Sein literarisches Vermächtnis legt Zeugnis ab von Geschehen, die sich eigentlich aufgrund ihrer Ungeheuerlichkeit wissenschaftlicher Verwertung entziehen – es ist die Literatur des Holocaust.
Diese Literatur ist Forschungsgegenstand der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, die 1998 von dem Giessener Germanistikprofessor Erwin Leibfried, dem Literaturwissenschaftler Sascha Feuchert und der Ernst-Ludwig-Chambrè-Stiftung am Giessener Institut für Neuere deutsche Literaturwissenschaft eingerichtet wurde. Drei Jahre später wurde dort die "Internationale Gesellschaft zur Erforschung der Literatur des Holocaust" (IGELH) von Literaturwissenschaftlern, Historikern und Politologen gegründet.
Seither widmet sie sich mit großem persönlichen Engagement der Untersuchung und Sammlung der Literatur des Holocaust.
In diesen Wochen erscheint unter dem Titel "Im Eilschritt durch den Gettotag. Reportagen und Essays aus dem Getto Lodz" der von Leibfried, Feuchert und [Dr. Jörg] Riecke in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Lodz herausgegebene Chronistenbericht Oskar Singers, der 60 Jahre lang im Staatsarchiv Lodz lag, bevor er wiederentdeckt wurde und nun erstmals veröffentlicht wird. "Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist", hat Singer zwei Jahre vor seiner Ermordung in Auschwitz geschrieben.
In einem Gespräch der Frankfurter Jüdischen Nachrichten mit Professor Erwin Leibfried und Sascha Feuchert erfuhren wir mehr über die Entstehung der Arbeitsstelle, ihre Projekte und ihre Schwierigkeiten.
FJN: Herr Professor Leibfried, Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt sind Hermeneutik und Ästhetik, ihre Lehrveranstaltungen behandeln die Literatur der Aufklärung, der Klassik, der Romantik, es gibt Veröffentlichungen und Vorlesungen von Ihnen über Goethe, Schiller, Kafka – wann und wie entstand Ihre Beschäftigung mit der Holocaustliteratur?
Leibfried: Das Interesse war bereits früh da, allerdings ergab sich nie die Möglichkeit, es wirklich zu vertiefen. Wesentlich dazu beigetragen hat die Partnerschaft mit Lodz, die uns im Laufe der Zeit den Zugang zu vielen Texten ermöglicht hat, die wir vorher nicht kannten. 1998 waren die Voraussetzungen dann besonders günstig, die Arbeit mit und an der Holocaustliteratur zu intensivieren.
FJN: Woher und in welcher Form werden die Texte an Sie herangetragen?
Feuchert: Das ist heute sehr unterschiedlich. Viele Texte finden wir in Archiven, und hier vor allem in Lodz, andere kommen direkt von Überlebenden, die sich auf unterschiedlichen Wegen an uns wenden. Nahezu täglich bekommen wir Anfragen oder Mitteilungen auch über das Internet.
FJN: Sie sind gerade aus Polen zurückgekehrt, gibt es neue Projekte, neue Entdeckungen?
Leibfried: Unser letzter Aufenthalt galt der Vorbereitung unseres derzeit größten Projekts: der kompletten Edition und Kommentierung der sogenannten Lodzer Getto-Chronik. Dieses kollektive Tagebuch, das die täglichen Ereignisse im Getto auf rund 2000 Seiten verzeichnet und in der Statistischen Abteilung des "Judenältesten" entstand, ist bis heute nicht vollständig publiziert. Obgleich dieses – auch literarische – Dokument in vielerlei Hinsicht sicherlich problematisch ist, ist es eine unerhört wichtige Quelle und ein entscheidender Text. Bis heute liegt nur eine Auswahl auf Englisch vor, die nicht einmal ein Viertel des Gesamttextes berücksichtigt. Wir wollen die Chronik, an der in wesentlichen Bereichen auch der bereits erwähnte Oskar Singer mitwirkte, erstmals vollständig auf Deutsch und auf Polnisch veröffentlichen.
FJN: Sie bezeichnen die Definition des Begriffes "Holocaustliteratur" als "Zusammenfassung aller literarischen Texte über den Holocaust". Bedeutet das, dass keine wissenschaftlichen Wertmaßstäbe an das Geschriebene gelegt werden?
Leibfried: Prinzipiell ist das richtig – ästhetisch werten wollen und können wir nicht. Auch Texte, die von Menschen stammen, die literarisch weniger begabt sind, sind ein Vermächtnis, dessen wir uns annehmen müssen. Texte sind immer Interpretationen – und Interpretationen sind so verschieden wie die Menschen selbst es sind. Manche Tete eignen sich bestimmt nicht für die Publikation – und doch sind sie es wert, dass sie aufgehoben und analysiert werden.
FJN: In der Holocaustliteratur gibt es mehrere "Schübe" von Erinnerungstexten – Briefe, Biographien, Novellen und Romane Überlebender, mit Höhepunkten unmittelbar nach Kriegsende und in den letzen zwei Jahrzehnten. Wie unterscheiden sich diese Texte? Gibt es für diese Erscheinung eine Erklärung?
Feuchert: Ich würde eher von drei Höhepunkten sprechen wollen: Unmittelbar nach dem Krieg publizierten vor allem sehr viele politische KZ-Häftlinge ihre Erinnerungen, die wir in unser Verständnis der Holocaust-Literatur einschliessen. Naturgemäß standen bei ihnen andere Dinge im Vordergrund als bei den späteren, v.a. jüdischen Autoren. Die Erinnerungen der politischen Häftlinge sind oft sehr romanhaft konzipiert, sie wollten und mussten die Leser erst für einen Teil des Krieges interessieren, der alle Vorstellungskraft zu sprengen drohte und dem man – vor allem in Deutschland – lieber ausweichen wollte. Dazu griffen die Texte oft auf Spannung als Stilmittel zurück. Frühe Texte von jüdischen Opfern sind zudem sehr detailliert, sie beschreiben genau – bis an die Grenze des Erträglichen –, welche Grausamkeiten sich in den Gettos und Lagern abspielten. Sie mussten damals noch deutlich erklären, was es hiess, in Auschwitz gewesen zu sein. Ein zweiter Höhepunkt folgte dann im Nachgang zu den beiden grossen Prozessen – dem Eichmann-Prozess in Jerusalem und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Beide Ereignisse brachten vor allem auch in Deutschland – natürlich nicht nur im Bereich der Holocaustliteratur – das Thema endlich wieder ins Gespräch, nachdem es bereits unmittelbar nach der Gründung der BRD eine erste grosse und nahezu erfolgreiche "Schlussstrich-Debatte" gegeben hatte. Der Schlusstrich, den viele Deutschen damals ziehen wollten, um in ihr "Wirtschaftswunder" zu flüchten, wirkte sich auch auf die Literatur aus. Es gab fast keine Texte der Holocaustliteratur mehr, die einen Verleger fanden. Das änderte sich dann zum Glück, wie gesagt, mit den Prozessen. In dieser Zeit entstanden auch sehr viele fiktionale Bearbeitungen, die nicht von Opfern des Holocaust stammen – erinnert sei hier an Peter Weiss oder Rolf Hochhuth.
In den 80er Jahren schrieben dann sehr viele Überlebende, die ihre letzte Chance sahen, ihre Erinnerungen als Vermächtnis den nachfolgenden Generationen zu hinterlassen. Unterstützt wurde dies vor allem in Amerika durch die Tatsache, dass es ein wesentlich breiteres Publikum gab, das sich für die Texte interessierte. Diese späten Texte reflektieren nicht selten den Umgang mit dem Holocaust bis heute mit – ein gutes Beispiel dafür ist Ruth Klügers Text "weiter leben".
FJN: Ist Ihre Arbeit nicht ein Wettlauf mit der Zeit?
Leibfried: Leider ja. Texte, die unmittelbar im Holocaust entstanden sind, lagern nicht selten in Archiven, die wenig tun können, um das Material vor dem Verfall oder dem Vergessen zu retten. Es gibt zwar gerade im Augenblick grosse Bemühungen amerikanischer Institutionen, viele Materialien auch in Osteuropa zu verfilmen, doch ist damit natürlich nur die Hälfte getan. Die Texte müssen publiziert werden, dafür waren sie in der Regel ja auch bestimmt. Nur so können sie Teil unseres kulturellen Gedächtnisses werden.
Dazu kommen Texte und Tagebücher, die oftmals noch im privaten Besitz sind und – wir haben gerade einen solchen Fall erlebt – die dann nicht selten auf den Müll kommen, wenn die jeweiligen Autoren sterben. Wir wollen auch für diese Fälle Ansprechpartner sein.
FJN: Jeder Text für sich ist ein Denkmal – ist nicht schon deswegen die Erhaltung jedes einzelnen Schriftstückes geradezu eine Verpflichtung für uns alle?
Leibfried: Ganz recht. Und ich sehe eine ganz besondere Verpflichtung für deutsche Wissenschaftler, bei der Erhaltung dieser Texte mitzuwirken. Insofern ist es für mich nach wie vor unverständlich, dass es bislang – anders als in England oder Amerika – keine zentrale Bibliothek für die Texte gibt und – ausser uns – keine Einrichtungen, die sich mit der Sammlung und der Interpretation der Holocaustliteratur beschäftigen. Interpretation der Texte ist übrigens ein ganz wichtiger Bestandtteil unserer Arbeit.
FJN: In Amerika gibt es wesentlich mehr Forschungseinrichtungen für diese Art von vom Verlust bedrohter Geschichtsschreibung. "oral history" ist nicht erst seit Steven Spielberg ein populäres Thema, das durch öffentliche Stiftungen unterstützt wird. In Deutschland scheint es paradoxerweise sowohl weniger Interesse als auch weniger Förderung für solche Einrichtungen zu geben. Wie finanzieren Sie die aufwendige Arbeit Ihres Institutes?
Leibfried: Die Unterstützung ist leider sehr bescheiden; finanziell werden wir mit einem ganz kleinen Etat von der Chambré-Stiftung versehen – aber damit ist uns leider nur möglich, das eine oder andere Publikationsprojekt zu realisieren, mehr nicht. Ab und an bekommen wir auch eine extra Hilfskraft vom Präsidenten unserer Universität genehmigt. Alles andere müssen wir über Drittmittel einwerben. Die moralische Unterstützung ist da schon etwas grösser: Auf Ablehnung jedenfalls stossen wir mit unserer Arbeit in den seltensten Fällen.
FJN: Hat die Giessener Universität einen Lehrstuhl oder zumindest eine Mitarbeiterstelle für Ihre Arbeit eingerichtet?
Leibfried: Leider hat die Universität bislang keine Möglichkeit gesehen, uns stellenmäßig unter die Arme zu greifen. Wir machen im Augenblick alles quasi "nebenher". Über Kurz oder Lang werden wir kapitulieren müssen. Mit einer einzigen Mitarbeiterstelle, die nur und ausschliesslich der Arbeitsstelle Holocaustliteratur zur Verfügung stünde, wäre uns schon geholfen und das Projekt langfristig gesichert. Leider suchen wir für diese Stelle noch nach einem Geldgeber. Wir sind hier dringend auf Mithilfe und Unterstützung von aussen angewiesen.
FJN: Wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen, dass Sie diese wichtige Arbeit fortsetzen können.