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Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2003


Inhalt:

Gießener Anzeiger, 18.12.2003: Über Hilda Stern Cohen im Internet recherchieren

Gießener Anzeiger, 05.12.2003

Wetzlarer Neue Zeitung, 17.11.2003: Herausragendes Partnerschaftsprojekt: Chronik aus Getto

Gießener Allgemeine, 05.11.2003: Studierende in Lodz

Oberhessische Zeitung: Erinnerung ans „Schlachthaus KZ"

Wetzlarer Neue Zeitung, 24.10.2003: Wo die Überlebenden des Nazi-Terrors zu Wort kommen

Mücker Stimme, 25.09.2003: Empfang der Gemeinde Mücke für Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried

Alsfelder Allgemeine Zeitung, 25.09.2003: Eine Stunde dem Holocaust eine Stimme gegeben

Frankfurter Rundschau, 24.09.2003: Es stammelt meine Seele ihre Pein"

Gießener Allgemeine Zeitung, 24.09.2003: "Natürlich, intelligent, aufgeschlossen"

Gießener Anzeiger, 23. 09.2003: Zunge an die Sprache der Täter genagelt

Gießener Anzeiger, 09.09.2003: Unscheinbare Kladden mit zutiefst bewegendem Inhalt

Gießener Anzeiger, 09.08.2003: Mit großem Erfolg in eine unsichere Zukunft

Gießener Allgemeine, 17.07.2003: Sohn eines NS-Täters bei Arbeitsstelle Holocaustliteratur

Gießener Anzeiger, 02.07.2003: Ein Semester „Beruhigungspille" Gießen

Gießener Anzeiger, 28.06.2003: Stanislaw Hantz: Ohne Freundschaft kann man nicht überleben

Meldung der Nachrichtenagentur AP vom Donnerstag, dem 5. Juni 2003, 02:06 Uhr: Literatur & Lesen Flaschenpost aus dem Lodzer Getto Oskar Singer: "Im Eilschritt durch den Gettotag"

Gießener Allgemeine Zeitung, 08.05.2003: Expertin für deutsch-jüdische Literatur

Gießener Anzeiger, 25.04.2003: Premiere mit Perspektive für unzählige Wiederholungen

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Aus: Gießener Anzeiger, 18.12.2003:
Über Hilda Stern Cohen im Internet recherchieren

Homepage anlässlich Veröffentlichung von Lyrik und Prosa

Giessen (V). Unmittelbar nach dem Tod seiner Frau mit der er 50 Jahre verheiratet war, fand Dr. Werner Cohen 1997 eine Reihe von alten Schulheften ganz unten in einer Schublade. Diese unscheinbaren Kladden enthielten rund 150 Gedichte und eine Reihe Prosatexte, über die seine Frau Hilda Stern Cohen nie mit ihm gesprochen hat. Im September nun sind die Texte unter dem Titel „Genagelt ist meine Zunge" erschienen. Das hat Werner Cohen mit seinem anrührenden Einsatz für das Vermächtnis seiner Frau und durch die Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Washington und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität erreicht. Und beide Institutionen haben jetzt eine Homepage zum Leben und Werk Hilda Stern Cohens – sie wurde in Mücke geboren – erstellt, heißt es in einer Pressemitteilung.
Die Homepage ist sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache gestaltet. Neben Informationen zur Biografie Hilda Stern Cohens sowie einer Fotogalerie stehen ihre Gedichte im Vordergrund – im Original in deutscher Sprache sowie in englischer Übersetzung. Dabei werden die Besucher der Homepage dazu eingeladen, über die vorliegenden Übersetzungen nachzudenken und ihre eigenen Übersetzungsvorschläge mitzuteilen.
Die Gedichte sind in zwei Abschnitte eingeteilt. Der erste Teil beinhaltet sechs Gedichte, die Hilda Sterns Glauben und ihre Überlebensängste im Getto in Lodz und im KZ Auschwitz zum Ausdruck bringen. Zudem geht es um das Problem, an eine Sprache und Kultur gebunden zu sein, die versuchte, einen zu zerstören. Der zweite Teil enthält sechs Gedichte, in denen Hilda Stern Cohen über das Leben in den österreichischen DP-Lagern reflektiert, wo sie auf ihr Immigranten-Visum für die USA warten musste. Im Anschluss erzählt sie von ihrem Leben in den USA. In diesen Gedichten schildert sie die Schwierigkeiten, als KZ-Überlebende in ein „normales" Leben zurückzufinden. Das Buch „Genagelt ist meine Zunge" ist im Bergauf-Verlag erschienen und kostet 15 Euro.

Weitere Infos im Internet:

www.hildasterncohen.org


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Aus: Gießener Anzeiger, 05.12.2003:

GIESSEN (V). Erst haben die jungen Leute um Hauptseminar „Texte aus dem Getto Lodz" Erinnerungen und wissenschaftliche Abhandlungen gelesen, analysiert und diskutiert. Und dann hieß es für die 22 Studierenden, gemeinsam mit den Seminarleitern Prof. Erwin Leibfried, Dr. Sascha Feuchert und Privatdozent Dr. Jörg Riecke Koffer Packen. Denn: In rund 16-stündiger Zugfahrt ging es für die Nachwuchsakademiker im Zug nach Lodz, um sich an Ort und Stelle des Seminarthemas in intensiver Arbeit weiter anzunehmen. Dabei hatten die Studierenden Gelegenheit, in zahlreichen Führungen durch das ehemalige Getto-Gebiet, den jüdischen Friedhof und die Stadt Lodz die historischen Zusammenhänge noch besser zu begreifen, heißt es in einer Pressemitteilung. In mehreren Seminarsitzungen seien dann – als Fortsetzung der Vorbereitung an der Justus-Liebig-Universitiät (JLU) – verschiedene Texte der Holocaustliteratur zum Getto Lodz literaturwissenschaftlich unter die Lupe genommen worden.
Außerdem hätten sich die Hauptseminaristen intensiv der Vorkriegszeit in Lodz gewidmet, als die Metropole bekannt war für ihr relativ friedliches Zusammenleben von Deutschen, Polen und Juden. Dabei arbeiteten die Gießener Studenten nicht alleine, sondern in so genannten Tandemseminaren mit polnischen Kommilitonen und Dozenten. Der Dank der Giessener galt denn auch in besonderem Maße Prof. Zenon Weigt und Krystyna Radziszewska, die diese binationalen Veranstaltungen organisiert hatten. Darüber hinaus informierte Prof. Malgorzata Leyko die Jungakademiker aus Gießen über das jüdische Theater in Lodz.
Prof. Zenon Weigt, Beauftragter für die Universitätspartnerschaft Gießen-Lodz, habe sich ebenso wie sein deutscher Kollege Leibfried besonders darüber gefreut, dass diese Form des gemeinsamen Lehren und Lernens gerade ins 25. Jahr der lebendigen Partnerschaft der Universitäten Lodz und Gießen gefallen sei.


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Aus: Wetzlarer Neue Zeitung, 17.11.2003:
Herausragendes Partnerschaftsprojekt: Chronik aus Getto

Gießen (gk). Seit 25 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen der Justus-Liebig-Universität in Gießen und der polnischen Stadt Lodz. Das Jubiläum feierten beide Seiten zuletzt in Gießen.
Fast alle Fachbereiche und Fakultäten beider Hochschulen sind nach Angaben aus Gießen inzwischen an der Zusammenarbeit beteiligt, in deren Rahmen pro Jahr etwa 30 Wissenschaftler und Studierende jeder Seite ausgetauscht werden. Gemeinsame Forschungs- und kulturelle Projekte sowie Begegnungen, Tagungen und internationale Konferenzen werden regelmäßig durchgeführt. Auch Europa-Programme spielen inzwischen bei der Partnerschaft eine wichtige Rolle, was laut Liebig-Universität wieder zu einer weiteren Intensivierung der Zusammenarbeit mit anderen europäischen Universitäten führt. Eines der herausragenden Projekte dieser Partnerschaft ist die kommentierte Veröffentlichung der Lodzer Getto-Chronik in polnischer und deutscher Sprache ,die kurz vor ihrem Abschluss steht und einen sensiblen Abschnitt polnisch-deutscher Geschichte aufarbeitet.
Beim Festakt sind mit dem ehemaligen Rektor Professor Stanislaw Liszewski, der ehemaligen Prorektorin Professor Krystyna Piotrowska-Marczak und dem Partnerschaftsbeauftragten Professor Zenon Weigt drei Vertreter aus Lodz mit der Justus-Liebig-Medaille der Giessener Hochschule für ihre Verdienste um die Partnerschaft ausgezeichnet worden.



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Aus: Gießener Allgemeine, 05.11.2003:
Studierende in Lodz

Für 22 Studierende des Hauptseminars „Texte aus dem Getto Lodz" (Seminarleiter Prof. Erwin Leibfried, Dr. Sascha Feuchert, Privatdozent Dr. Jörg Riecke) hieß es dieser Tage Koffer packen. Die Studierenden hatten Gelegenheit, in zahlreichen Führungen durch das ehemalige Getto-Gebiet, den jüdischen Friedhof und die Stadt Lodz die historischen Zusammenhänge noch besser zu begreifen. In mehreren Seminarsitzungen wurden Texte der Holocaustliteratur zum Getto Lodz literaturwissenschaftlich unter die Lupe genommen. Darüber hinaus informierte Prof. Malgorzata Leyko die Jungakademiker über das jüdische Theater in Lodz. Prof. Zenon Weigt, Beauftragter für die Universitätspartnerschaft Gießen-Lodz. Zeigte sich ebenso wie Leibfried hoch erfreut darüber, dass diese Form des gemeinsamen Lehren und Lernens gerade ins 25. Jahr der lebendigen Uni-Partnerschaft fiel.


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Aus: Oberhessische Zeitung:
Erinnerung ans „Schlachthaus KZ"

Die verstorbene Jüdin Hilda Stern hinterlässt ein Buch mit Schilderungen vom Holocaust

Nieder-Ohmen (nst). Als Hilda Stern 16 Jahre alt war, stürmten SS-Männer ihr Haus. „Ihr habt eine Stunde, um zu packen", herrschten die Nazis ihre Familie an. Kurz darauf brachten sie die junge Frau aus Nieder-Ohmen fort ins Ghetto der polnischen Stadt Lodz. 1500 Juden pferchte die Gestapo in einen Transport, dessen Endstation der Tod war. Einzig Hilda Stern-Cohen überlebte. Diesem Wunder setzt jetzt ein Buch ein Denkmal für die Ewigkeit: „Genagelt ist meine Zunge" schildert die Erinnerungen der 1997 verstorbenen Jüdin.
Eigentlich sind es sogar zwei Wunder. Einerseits machte eines Hilda Stern-Cohen zur alleinigen Holocaust-Überlebenden ihres Deportationszuges, andererseits ermöglichte ein zweites erst die Entstehung des Buches. Niemand wusste bis vor kurzem, dass niedergeschriebene Erinnerungen der Nieder-Ohmenerin existierten. Erst nach ihrem Tod fand ihr Ehemann Dr. Werner V. Cohen in einer Schublade mehrere Schulhefte, in denen Hilda über ihre Leidensgeschichte während der NS-Zeit detailliert Buch geführt hat. Mit diesem Fund wandte sich Cohen, heute 81-jährig und in Baltimore lebend, an Dr. William Gilcher vom Washingtoner Goethe-Institut. Gilcher wiederum stellte den Kontakt zum Giessener Universitätsprofessor Erwin Leibfried her, dessen „Arbeitsstelle Holocaustliteratur" nunmehr in zweijähriger Arbeit das Werk „Genagelt ist meine Zunge" veröffentlicht hat.
Unterstützung fanden die Herausgeber Gilcher und Leibfried bei der Gemeinde Mücke, die jetzt Gastgeberin der Buchvorstellung in Nieder-Ohmen war: Dort, wo Hilda Stern 1924 das Licht der Welt erblickt hat, begrüßte Joachim Legatis, Vorsitzender des Fördervereins zur Geschichte des Landjudentums im Vogelsberg, am Dienstag zahlreiche Gäste zur Präsentation eines ergreifenden Zeitzeugendokuments.
Die US-Schauspielerin Gail Rosen brachte dem Publikum Auszüge aus dem Werk näher. Seit mehreren Jahren rezitiert die „Storytellerin" in ihrer Heimat die Leidensgeschichte der Jüdin. Damit entspricht sie deren persönlichem Wunsch: Zeitlebens hat die Jüdin selbst Vorträge über ihr Schicksal in Lodz und Auschwitz gehalten, kurz vor ihren Tod bat sie Gail Rosen, an ihre Stelle zu treten, um ihre Geschichte weiterzutragen.
„Das schreckliche Leiden berührt mich tief", sagt Gail Rosen selbst. Das spürten die Gäste am Dienstag, als sie die Erinnerungen der Hilda Stern-Cohen lebendig werden ließ. Noch mit fünf Jahren dominierten „idyllische Erinnerungen" an den kleinen Bauernhof und das liebe Vieh. Ganz einfache Dorfkinder waren Hilda und ihre Schwester Karola, bis 1933 das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte begann: Adolf Hitler kam an die Macht.
Schon zwei Jahre später musste sie die Dorfschule verlassen, wenngleich Freunde Hitler noch immer nicht ernst nahmen: „Der Wandmaler wird es nur bis zur nächsten Wahl bringen." Doch zu einer Wahl kam es nicht mehr. Stattdessen sollte die systematische Judenvernichtung unaufhaltsam ihren Lauf nehmen: der Holocaust.
Das Regime beschlagnahmte Haus und Hof; notgedrungen siedelte die Familie nach Frankfurt über. 1941 erfasste die Sterns die Welle der Gestapo-Inhaftierungen: Zusammen mit 1500 anderen Juden brachten die Nazis sie ins Ghetto. Hilda Stern-Cohen erinnert sich in ihren Aufzeichnungen an das große Tor mit der Inschrift „Ghetto Lodz: Kein Eingang – Kein Ausgang": „Kleine Straßen voller Dreck" im Ghetto und „Skelette, die noch lebten".
Über all das hat sie bewegend Buch geführt: über die menschenverachtenden Zustände im Ghetto, über das „große Schlachthaus KZ", in dem sie sich wie Vieh gefühlt hat, über das schreckliche Gefühl, die eigenen Mutter sterben zu sehen und den Gedanken, „niemals mehr Tochter zu sein". Aber sie hat auch über solche Momente geschrieben, die damals für sie wie Juwelen waren : das tränenreiche Wiedersehen mit der Schwester im Arbeitslager etwa.
Gemeinsam mit Werner V. Cohen sprach Gail Rosen Gedichte und Gebete aus der Feder Hilda Stern-Cohens, die Prosa-Beiträge übersetzte William Gilcher ins Deutsche. „Viel Interessantes, Erschreckendes und Nachdenkliches" zu offenbaren, bescheinigte Mückes Bürgermeister Matthias Weitzel dem Buch. Er wertete die Publikation zugleich als wertvollen Denkanstoß: „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man aus der Geschichte nicht lernt!"


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Aus: Wetzlarer Neue Zeitung, 24.10.2003:
Wo die Überlebenden des Nazi-Terrors zu Wort kommen

Die Giessener Arbeitsstelle „Holocaust-Literatur" dokumentiert Zeugnisse der Verfolgung / Jetzt droht ihr die Schließung

Von Matthias Matz (06441) 959595
m.matz@mail.mittelhessen.de

Gießen. Sascha Feuchert setzt gerade zum Sprechen an, da klingelt das Telefon in seinem Büro. „Okay, bis dann." Schnell hat Feuchert alles mit seiner Mitarbeiterin abgeklärt. Als er gerade das begonnene Gespräch fortsetzen will, klingelt es erneut. Diesmal ist es sein Handy. Sascha Feuchert ist Vizechef der Arbeitsstelle „Holocaust-Literatur" am Institut für Germanistik der Uni Gießen und deshalb ein gefragter Mann. „Wir sind die einzige Einrichtung dieser Art an deutschen Universitäten und können uns mittlerweile eines internationalen Rufs erfreuen", sagt Feuchert. Besorgt ist er allerdings darüber, dass die Einrichtung vor einer äußerst ungewissen Zukunft steht. Im schlimmsten Fall droht 2006 die Schließung.
Eine Entscheidung darüber soll bis Ende November fallen – zeitgleich mit dem fünfjährigen Bestehen der Einrichtung. Der Grund für die Schließung ist banal. Weil der Leiter der Arbeitsstelle, Professor Erwin Leibfried, Anfang 2007 in den Ruhestand geht, hat die Arbeitsstelle die Einrichtung einer unbefristeten wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle beantragt. „Ohne einen fest angestellten Mitarbeiter können die Projekte ja nicht koordiniert und auch keine Drittmittel eingeworben werden. Es muss jemanden geben, der die Arbeitsstelle hauptamtlich betreut", sagt Feuchert.
Bisher verfügt die Arbeitsstelle nur über eine bis 2006 befristete Stelle, die zudem noch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird. „Wir wollen natürlich keine Professorenstelle, sondern nur eine Mitarbeiterstelle. Wir wissen, dass eine Professur alleine für Holocaust-Literatur im Moment völlig unrealistisch wäre. Ohne eine feste Stelle geht es aber nicht. Wenn bei der aktuellen Strukturplanung nicht zu unseren Gunsten entschieden wird, droht hier spätestens 2006 die Schließung", betont Feuchert, der das Projekt erst 1998 gemeinsam mit Leibfried und der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich ins Leben gerufen hat.
Seitdem arbeiten die beiden Wissenschaftler gemeinsam mit Privatdozent Jörg Riecke und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Charlotte Kitzinger sowie fünf studentischen Helfern an der Aufbereitung von Texten der Holocaust-Literatur. „Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Texten von Überlebenden", beschreibt Feuchert das Aufgabenfeld des ehrgeizigen und mittlerweile international renommierten Projekts.
Das Hauptaugenmerk der Wissenschaftler liegt auf der Herausgabe von Büchern mit eigenen Forschungsergebnissen und Texten (wie zum Beispiel „Holocaust-Literatur. Auschwitz"), der Edition von Werken des 1944 in Auschwitz ermordeten Journalisten Oskar Singer („Im Eilschritt durch den Getto-Tag"; „Herren der Welt") sowie dem Dialog mit den Überlebenden. Damit soll den Opfern Gelegenheit gegeben werden, im Rahmen von Gesprächsrunden mit Studierenden ihre Erinnerungen und Erfahrungen an junge Menschen weiterzugeben.
Dass mit diesem Angebot eine Lücke geschlossen wird, beweisen die stetig steigenden Zuhörerzahlen und die Tatsache, dass mittlerweile nicht nur Studenten zu den Diskussionsabenden kommen. „Wir haben gemerkt, dass da ein riesiger Bedarf ist", sagt Feuchert, zu dessen Seminaren mit jedem Semester mehr Studenten kommen. Außerdem arbeiten Feuchert und sein Team zur Zeit noch an einem weiteren Großprojekt, der Herausgabe der Chronik des Gettos Lodz, die 2006 erfolgen soll.
Die Getto-Chronik von Lodz – damals von den Deutschen in Litzmannstadt unbenannt – schildert auf rund 2000 Seiten das Leben der Getto-Bewohner und deren Schicksal. Daran haben Wissenschaftler und Autoren der jüdischen Getto-Verwaltung, darunter auch Oskar Singer, mitgearbeitet. „Das ist einer der längsten und vielstimmigsten Texte der Holocaust-Literatur", sagt Feuchert über die Chronik. Die Herausgabe der Chronik ist ein Gemeinschaftsprojekt mit Wissenschaftlern aus Lodz; sie soll 2006 in ihren Originalsprachen Deutsch und Polnisch erscheinen.
Doch nicht nur in den vom Holocaust unmittelbar betroffenen Ländern genießen die Giessener einen hervorragenden Ruf. Als der deutschstämmige, nach Amerika ausgewanderte Werner Cohen die Aufzeichnungen seiner 1997 verstorbenen Frau Hilda Stern Cohen über ihre Erlebnisse im Getto Lodz und in Auschwitz fand und diese veröffentlichen wollte, wendete er sich zunächst an das Goethe-Institut in Washington. Dieses stellte sogleich den Kontakt zur Arbeitsstelle her. In Washington wusste man, dass die Gießern Universität als einzige eine Einrichtung hat, die in solchen Fällen helfen kann. Die Frage ist nur: Wie lange noch?
An der drohenden Schließung wird für Feuchert übrigens ein Grundsatzproblem deutscher Universitäten deutlich: "Neue und innovative Einrichtungen sind nur schwer von unseren verkrusteten Hochschulstrukturen zu integrieren."


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Aus: Mücker Stimme, 25.09.2003:
Empfang der Gemeinde Mücke für Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried

Erinnerungen der Hilda Stern-Cohen im Rathaus Nieder-Ohmen

Nieder-Ohmen (gdr). Es betonte Bürgermeister Matthias Weitzel bei dem Empfang der Gemeinde Mücke für Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried von der Universität Gießen aus Anlass der Vorstellung des Buches „Genagelt sei meine Zunge" – Erinnerungen der Hilda Stern Cohen – im historischen Rathaus in Nieder-Ohmen, dass sich die Gemeinde Mücke seit Jahrzehnten um eine herzliche Freundschaft zwischen den ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und deren Nachkommen bemühe. Gerade in den folgenden Generationen und bei der Jugend werde darauf geachtet, dass der Holocaust nicht vergessen werde. Eine der letzten Veranstaltungen in diesem Sinne habe auf dem jüdischen Friedhof am 9. November 2002 stattgefunden.
Im Kreis der Beteiligten mit Bürgermeister Matthias Weitzel, Dr. Werner Cohen, Prof. Erwin Leibfried, Ortsvorsteher Gerhard Semmler, Gail Rosen, Dr. William Gilcher (Goethe-Institut, Washington!), Dr. Sascha Feuchert (Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Uni Gießen), Charlotte Kitzinger und Heinrich Reichel drehte sich das Gespräch um ein freundliches und friedliches Leben der Juden in Nieder-Ohmen.
Als Zeitzeuge berichtete Heinrich Reichel, der mit Hilde Stern zusammen sechs Jahre gemeinsam die Schule in Nieder-Ohmen besucht hat. Er führte auch an, dass Hilda nach Geburtseintrag Hilde heiße. Es übergab Heinrich Reichel das von ihm verfasste Buch „Juden in Nieder-Ohmen".
Aus dem Leben von Hilda Stern wurde berichtet, dass sie am 1.1.1924 in Nieder-Ohmen geboren wurde und 1997 in den USA verstarb. Im Standesamt in Nieder-Ohmen wurde sie als Hilde eingetragen. Sie änderte den Vornamen in Amerika wegen der im Englischen praktischeren Form Hilda um. Hilde Stern wohnte in Nieder-Ohmen in der Hintergasse, der jetzigen Rathausgasse Nr. 5. Sie heiratete in den Vereinigten Staaten Dr. Werner Cohen, der aus Essen stammte.
Sie schrieb als 15-Jährige über das furchtbare Geschehen der Reichspogromnacht in Nieder-Ohmen und als 21-jährige über die Grausamkeit des Gettos Lodz Texte in einfachen Heften auf und legte sie in der Schublade ab. Im Getto Lodz starben ihre Eltern, Großeltern und ihr Freund.
Nach ihrem Tod im Jahre 1997 fand ihr Ehemann Dr. Werner Cohen diese Aufzeichnungen in sieben Schulheften in der untersten Schublade und übergab sie Prof. Erwin Leibfried für die Universität Gießen.
Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried verfassten nach diesen Texten dann das vorliegende Buch „Genagelt ist meine Zunge" – Erinnerungen der Hilda Stern-Cohen – in Lyrik und Prosa in zweijähriger Arbeit.
Bürgermeister Matthias Weitzel und Ortsvorsteher Gerhard Semmler stellten anschließend ihren Gästen in einem Rundgang das Dorf Nieder-Ohmen vor.



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Aus: Alsfelder Allgemeine Zeitung, 25.09.2003:
Eine Stunde dem Holocaust eine Stimme gegeben

Erinnerungen von Hilda Stern Cohen vorgestellt – Eindrucksvolle Darstellung von Leid in Getto und KZ – Leben in USA

Mücke (jol). „Ich bin nicht Hilda Stern", sagte sie, beim Vortrag von Gail Rosen hätte man eine Nadel auf dem Boden aufschlagen hören. Die amerikanische Erzählerin und Dr. Werner Cohen erinnerten am Dienstagabend im Gemeinschaftshaus Nieder-Ohmen und am Mittwochmittag in der Gesamtschule an das Leben der Holocaust-Überlebenden Hilda Stern aus Nieder-Ohmen – Schmutz, Krankheit, Hunger und Tod im Getto Lodz sowie im Konzentrationslager Auschwitz vor Augen und dennoch davon gekommen. Rosen und Stern-Ehemann Cohen zogen mit Übersetzter Dr. William Gilcher (Goethe-Institut) das Publikum in ihren Bann. Beeindruckend, wie die faszinierende Erzählweise Rosens, die kongenialen Übersetzungen Gilchers sowie die Gebete und Erinnerungen Cohens jeweils für zwei Stunden die Besucher einbanden. Erzählungen und Gedichte Hilda Stern Cohens sind unter dem Titel „Genagelt ist meine Zunge" dieser Tage in Gießen erschienen.
„Ich frage mich, wie ein Mensch so etwas überstehen kann", so formulierten viele Schüler ihren Eindruck nach der Erzählung in der Schulaula. In der Tat hat Hilda Stern einen Leidensweg hinter sich: Aufgewachsen in Nieder-Ohmen, erlebt sie ab 1933 als Kind mit, wie Juden schikaniert werden. Ihre Familie wird nach Frankfurt vertrieben, unter Schlägen werden ihre Eltern und sie 1941 in Waggons getrieben und nach tagelanger Fahrt ins Getto Lodz gebracht. Von den 1500 Juden dieses Transports aus Frankfurt überlebt sie als einzige den Krieg. In Lumpen gehüllte Skelette empfangen die (noch) gut gekleideten deutschen Juden – nach einigen Monaten ist auch Familie Stern vom Hunger in der drangvollen Enge des Gettos gezeichnet. März 1944 sterben die Eltern Meyer und Hedwig Stern an der Auszehrung, im Getto haben fast alle Menschen Tuberkulose als Folge der Auszehrung.
Im selben Jahr wird die 20-Jährige ins KZ Auschwitz gebracht, die meisten Ankommenden werden gleich vergast. Hilda wird in eine Arbeitskolonne eingeteilt und überlebt sogar noch den „Todesmarsch" der ausgemergelten Häftlinge im eisigen Februar 1945, scharf bewacht von der SS. Im Lager für Vertriebene (Displaced Persons) in Österreich schreibt sie sich das Grauen von der Seele – ohne es los werden zu können.
Gail Rosen erinnert an die Persönlichkeit Hilda Stern Cohen, die sie bei einem Vortrag in den USA kennen lernte. Deren Leben war geprägt von tiefer Religiosität, sie befolgte streng die Gesetze des orthodoxen Judentums. Aber auch die Gebete verhinderten nicht, dass ihr oft die Bilder der vergangenen Pein hochkamen. In der Rückschau schien es ihr, dass sie in einer dicken Schlammschicht gelebt hat, die die Erde bedeckte und Juden wie Nazis einhüllte. Schuldig fühlte sie sich oft, da sie überlebte, wo viele andere starben. Nach dem Krieg dauerte es Jahre, bis sie den Mut fand, Kinder zu bekommen – vorher waren für sie Kinder mit Tod verbunden.
Die lebendige Schilderung Gail Rosens schlug die rund 50 Besucher am Dienstag im Gemeinschaftshaus und die etwa ebenso vielen Schüler am Mittwoch in ihren Bann. Unterstrichen wurde dies durch Gebete, die Dr. Cohen vortrug – Gebete, die dem Leben seiner Frau die Orientierung gaben, die ihr so wichtig wurde. Ihr eigenes Überleben und die drei Kinder sowie zwölf Enkel – jüdische Kinder, wie sie betonte – waren ihr ein Zeichen, dass sie gegen Hitler-Deutschland gewonnen hat.
Die Lesung hatte mehrere Besonderheiten: So machte der 81-jährige Werner Cohen einen lebhaften, fröhlichen Eindruck, um später zu sagen, dass eine solche Erinnerungsarbeit für die Zuhörer ein Drama sei, für ihn aber „ein Trauma". Überraschend war auch, wie schnell sich die Zuhörer an das Wechselspiel von englischem Text und seiner Übersetzung durch William Gilcher gewöhnte. Dabei hatten die Schüler den Vorteil, dass sie fast mühelos den Text Gail Rosens verstehen konnten. Schlichte Mittel reichten für eine besondere Atmosphäre, so gedachte Gail Rosen mit drei Kerzen der besonderen Persönlichkeit Hilda Stern Cohens.
Die Veranstaltung am Dienstag im Gemeindehaus wurde vom Förderverein zur Geschichte des Judentums im Vogelsberg organisiert. Vorsitzender Joachim Legatis übernahm die Begrüßung und dankte der Kirchengemeinde für die Unterstützung. Bürgermeister Matthias Weitzel verwies darauf, dass es wichtig sei, mit solchen Erinnerungen wie Hilda Stern Cohens aus der Geschichte zu lernen. Prof. Erwin Leibfried war für die Uni Gießen Mitherausgeber des Buches „Genagelt ist meine Zunge". Er sagte, dass Dr. Werner Cohen selbst über die fünf Jahrzehnte der Ehe nichts von den Erzählungen und Gedichten der jungen Hilda Stern gewusst habe. Cohen sagte, dass seine Frau „imponierend" gewesen sei. Er hatte 1938 Nazi-Deutschland verlassen können, zuvor wurde er im KZ Dachau gequält.
An die Qualen und Hoffnungen seiner Frau erinnern nun ihre Texte. Wie meinte Gail Rosen: "Ich bin nicht Hilda Stern" – aber durch die Geschichten-Erzählerin hat der Holocaust eine Stunde lang Gesicht und Stimmer erhalten.


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Aus: Frankfurter Rundschau, 24.09.2003:
"Es stammelt meine Seele ihre Pein"

Lyrik als Überlebensmittel: Arbeitsstelle Holocaustliteratur veröffentlicht Texte der Jüdin Hilda Stern Cohen

Von Georg Kronenberg

Mit ausdrucksvollen Gedichten und Prosatexten hat die Auschwitz-Überlebende Hilda Stern Cohen versucht, die Gräueltaten des Holocaust zu verarbeiten. Erst nach ihrem Tod 1997 wurden die 1945 und 1946 entstandenen Texte entdeckt. Als "einzigartigen literarischen Nachlass zwischen Martyrium und Lebenszuversicht" hat die Giessener Arbeitsstelle Holocaustliteratur jetzt das Werk der in Nieder-Ohmen aufgewachsenen Autorin veröffentlicht.

GIESSEN. Ihre Gedichte handeln vom "Hungerlied", von "Knochen", dem "Massengrab Maryschin", aber auch von "Hoffnung". Ihre Texte beschreiben die Gewalt und den "beinahen Hungertod", eingepfercht im Ghetto der polnischen Stadt Lodz. Hilda Stern Cohen beschreibt die Schrecken im Konzentrationslager Auschwitz, wo die junge Frau nach vier Jahren ihre Schwester traf - die nicht wusste, dass Eltern und Großeltern die Entbehrungen im Lodzer Ghetto nicht überlebt hatten.
Im Oktober 1941 war die 17-Jährige mit ihren Eltern und Großeltern in das Ghetto verschleppt worden. August 1944 folgte die Deportation nach Auschwitz. Nach schrecklichen Monaten in dem Konzentrationslager wurde sie bei dem Herannahen der sowjetischen Armee auf einen der berüchtigten "Todesmärsche" geschickt. Sie überlebte die Tortur und konnte mit ihrer Schwester Karola nach der Befreiung durch die Sowjetarmee nach Österreich fliehen. Dort begann Hilda Stern, die 1924 im kleinen mittelhessischen Dorf Nieder-Ohmen am Rande des Vogelsbergs geboren war, mit dem Schreiben, berichtet Germanist Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Gießener Universität. Während Stern als "Displaced Person" monatelang auf die Auswanderung in die USA wartete, entstanden rund 150 Lyrik- und Prosatexte. "Es stammelt meine Seele ihre Pein", schreibt die 21-Jährige im Gedicht "Gebet".
"In diesem jungen Alter war sie bereits ein enormes literarisches Talent", sagt Feuchert. "Gekettet" an ihre Muttersprache - die auch die Sprache der NS-Verbrecher war - habe die Frau, die immer Dichterin werden wollte, mit der literarischen Verarbeitung der Gräuel begonnen. "Ihre Lyrik war für Hilda Stern Cohen ein Überlebensmittel", berichtet Feuchert.
In Amerika angekommen habe sie mit ihrer schriftstellerischen Arbeit aufgehört, und nicht einmal ihrem Mann während ihrer fast 50-jährigen Ehe von den Texten berichtet. "Ich habe die handschriftlichen Kladden erst beim Aufräumen nach ihrem Tod 1997 gefunden", erzählt Werner Cohen.
Bei seiner anschließenden Suche nach einer Publikationsmöglichkeit stellte das Goethe Institut Washington den Kontakt zur Arbeitsstelle Holocaustliteratur her. Nach zweijähriger Arbeit in Gießen sind die Gedichte und Prosatexte von Hilda Stern Cohen im September in einer Schriftenreihe der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung und der Arbeitsstelle erschienen.

Das Buch "Genagelt ist meine Zunge" (ISBN-Nr.3-00-010499-2) kostet 15 Euro und ist über die Giessener Arbeitsstelle Holocaustliteratur erhältlich. Infos im Internet unter www.holocaustliteratur.de oder unter Telefon 0641/9929075.


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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 24.09.2003:
"Natürlich, intelligent, aufgeschlossen"

Dr. Werner Cohen stellte bei der Arbeitsstelle Holocaustliteratur Leben und Werk seiner Frau Hilda Stern Cohen

Dr. Werner Cohen (Baltimore/USA) würde seine 1997 verstorbene Frau Hilda Stern Cohen mit den Attributen "natürlich, intelligent, aufgeschlossen, nicht aufdrängend" beschreiben. Am 1. Januar 1924 in Mücke/Nieder-Ohmen als Kind der im oberhessischen Landjudentum verwurzelten Eltern, Hedwig und Meyer Stern, geboren, besuchte sie die Volksschule ab 1930 und 1936 für ein Jahr die Samson-Raphael-Hirsch-Schule in Frankfurt/Main. Im Frühjahr1937 wechselte Hilda Stern in die Israelitische Lehrer-Bildung-Anstalt nach Würzburg bis zu deren Schließung im November 1938. Da jedoch nach dem Willen der Nazis das kleine Dorf am Rand des Vogelsbergs "judenfrei" sein sollte, mussten die Sterns nach Frankfurt/M. umsiedeln.
Im Oktober 1941 folgte von dort aus die Verschleppung in das Ghetto Lodz, im August 1944 nach Auschwitz. Beim Herannahen russischer Befreier wurde Hilda Stern auf einen der berüchtigten Todesmärsche mit Ziel KZ Malchow (bei Berlin) geschickt, überlebte aber mit ihrer Schwester Karola. Die Eltern waren bereits März 1944 im Ghetto Lodz gestorben. Die Flucht führte nach Österreich, wo sie in einem Camp für "Displaced Persons" bis Juli 1946 auf ihre Auswanderung zu Verwandten nach Amerika warteten. Aus der Ehe mit Dr. Werner Cohen (1948), einem aus Essen nach den USA ausgewanderten jüdischen Bürger, gingen drei Töchter und zwölf Enkel hervor.
Nach dem Tode seiner Frau hatte Cohen ihm bis dahin völlig unbekannte Texte gefunden. Rund 150 Gedichte und Prosawerke in deutscher Sprache, überwiegend entstanden in den Jahren der Vertreibung bis 1946. Cohen erkannte das außergewöhnliche Talent der Autorin, transkribierte diesen nach eigenen Angaben "literarischen Schatz", suchte über das Goethe-Institut in Washington D.C. (Dr. William Gilcher) zwecks Buchveröffentlichung Kontakte nach Deutschland. Via Internet wurde man auf die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU aufmerksam (www.holocaustliteratur.de).
Nun waren also Cohen und Gilcher aus den USA angereist, um das kürzlich in Italien gedruckte Werk vorzustellen, am Montagmorgen im Philosophikum, abends bei der Lesung im Margarete-Bieber-Saal. Allerdings hätte das literarische Zeitzeugnis nicht ohne Sponsoring der in Lich ansässigen Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung verwirklicht werden können.
Cohen berichtete von einem Besuch in Nieder-Ohmen während seines Gießen-Aufenthalts. Im Dorf sei die Familie Stern auch nach über 60 Jahren noch ein Begriff, die kleine Hilda der Inbegriff eines klugen aufgeweckten Kindes. Hilda habe sich wohl mittels ihrer Aufzeichnungen über die Ghetto-Situation erheben können. Bis in die 80er Jahre sei in den USA nicht viel über Nazi-Deutschland im Allgemeinen geredet worden "dann wollte man plötzlich etwas davon hören", so Cohen. Seine Frau wurde zu Vorträgen eingeladen. Bedingt durch ihren ungewöhnlichen starken Charakter habe Hilda aber keine Hasstiraden versprüht. "Sie hatte auch beim Vortragen einen literarischen Stil, der das Geschehene in großem Verständnis sublimierte".
Seine Frau sei eine Macherin gewesen, ohne weiblichen Gleichberechtigungstick.
Gilcher resümierte "Mit Kultur kann Zivilisation überleben. Es ist eine Ehre für unser Goethe-Institut, dass wir bei der Entstehung eines solchen Buchs mithelfen konnten". vh

"Genagelt ist meine Zunge", Hilda Stern Cohen, ISBN 3-00-010499-2. 170 S., 15 Euro.


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Aus: Gießener Anzeiger, 23.09.2003:
Zunge an die Sprache der Täter genagelt

Lyrik und Prosa von Hilda Stern Cohen (1924-1997) - Kindheit in Nieder-Ohmen verbracht – Auschwitz überlebt

Von Heidrun Helwig

GIESSEN. Die Texte sollten gelesen werden. Denn sonst hätte sie die unscheinbaren Kladden nicht mehr als 50 Jahre lang aufbewahrt. Von ihrem Mann, ihrer Schwester und vielleicht auch von den drei Töchtern. An eine Veröffentlichung aber hat sie sicherlich nicht gedacht. Davon ist Werner Cohen überzeugt. Dann nämlich "hätte die Hilda das auch getan". Doch das hat sie eben nicht. Hilda Stern Cohen hat ihrer Familie noch nicht einmal von den Gedichten und Berichten in der untersten Schublade ihres Schreibtisches erzählt. Erst nach ihrem Tod im August 1997 hat ihr Ehemann diesen "Schatz" entdeckt. Und er hat darum gekämpft, dass die "Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden" unter dem Titel "Genagelt ist meine Zunge" als Buch erschienen ist.
Dabei hatte er tatkräftige Mitstreiter: Das Goethe-Institut in Washington, die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Gießener Justus-Liebig-Universität (JLU) und die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich. Denn nicht nur Werner Cohen war "gefesselt" von den in Bleistift geschriebenen und nur schwer zu lesenden Worten, die "mich unwiderstehlich in eine Welt, in eine Wirklichkeit, von der ich bisher keine Ahnung hatte" hineinzogen haben. Auch Prof. Erwin Leibfried war "elektrisiert" als er vor rund zweieinhalb Jahren in seinem Büro an der JLU eine E-Mail aus Amerika mit einem der Gedichte von Hilda Stern Cohen erhielt. Zum einen ob der "bemerkenswerten literarischen Qualität des Werkes" und zum anderen ob der Tatsache, dass Hilda Stern Cohen aus Nieder-Ohmen bei Mücke stammt. "Sie war eine hessische Jüdin, hat hessisch ,gebabbelt‘ und ihre Eltern haben ganz in der Nähe als Bauern gelebt", fasst der Germanist zusammen. "Gerade wegen dieses lokalen Bezuges wird das Buch auf große Resonanz stoßen."
Geboren wurde Hilda Stern 1924 in Nieder-Ohmen. In dem kleinen Dorf verbrachte sie ihre Kindheit, dort besuchte sie die Volksschule. Später wechselte sie auf ein Internat nach Frankfurt und dann auf das Lehrerseminar nach Würzburg. "Meine Eltern, die bis zur ,Kristallnacht' noch in unserem Heimatdorf gelebt hatten, mussten endgültig von zu Hause weggehen. Vorher hatte man sie gezwungen, den Bauernhof und das Haus zu verkaufen", schreibt Hilda Stern Cohen. Und fügt hinzu: "Nach dem Verkauf des Hauses erlaubte der neue Eigentümer meinen Eltern, ein Zimmer darin zu mieten. Da meine Eltern als erfahrene und harte Arbeiter wohl bekannt waren, gaben ihnen ihre Nachbarn Arbeit auf ihren Bauernhöfen." Später wohnte die Familie in Frankfurt und von dort wurden Hilda, ihre Eltern und ihren Großeltern sowie ihr Freund Horst im Oktober 1941 zusammen mit rund 1300 jüdischen Deutschen in Güterwagen gepfercht und ins Ghetto nach Lodz deportiert. Erlagen dort der "galoppierenden Schwindsucht" oder dem "Hunger im Endstadium". Von diesen 1300 Menschen überlebte nur Hilda. Überlebte nur sie drei Jahre lang die unvorstellbaren Qualen: "Innerhalb der Stacheldrähte kamen uns verlehmte, überkotete Gassen entgegen. Ringsum baufällige, schmutzstarrende Budiken – halb verfallen Holzhütten –, zerbrochenes Gerät lag allenthalben an den Ecken herum: Haufen Unrat, verkrüppelte, geduckte Sträucher, die nackten verstümmelten Äste armselig in die Gegend langend. Dazwischen aber Menschen, Frauen, Kinder, unendlich viele Kinder – in Lumpen gewickelte Skelette, barfüßig von Kot überkrustet", beschreibt Hilda Stern ihre ersten Eindrücke vom Getto rückblickend 1946 im "Displaced-Person- Camp" am Attersee in Österreich, während sie auf die Auswanderung in die Vereinigten Staaten wartet. Aus Lodz wurde die jüdische Mittelhessin im August 1944 nach Auschwitz verschleppt. Auch das Vernichtungslager sowie den sich anschließenden Todesmarsch überlebt sie. Dabei widerfährt ihr das "wunderbarste und unvorstellbarste Ereignis" inmitten der Barbarei von Auschwitz: "In der großen Halle, in der sich alle entkleiden mussten und dann ,geschoren‘ wurden" traf sie ihre Schwester Karola wieder, die bereits im Februar 1941 gezwungen worden war, in einer Munitionsfabrik in Berlin zu arbeiten. Auch die Jüngere von beiden entkommt dem fast sicheren Tod. Sie lebt übrigens heute in Florida. In rund 150 Gedichten und mehreren Berichten hat Hilda Stern nach der Befreiung ihrem Erleben und Empfinden Worte gegeben. Dabei reflektiert sie in dem Gedicht "Genagelt ist meine Zunge" eindringlich ein generelles Problem: Das Gebundensein an die Sprache der Täter. Deshalb gibt sie das Schreiben und Dichten gemeinsam mit ihrer einstigen Muttersprache auf als sie die USA erreicht. Als sie im Frühjahr 1947 Werner Cohen in Baltimore kennen lernt, den sie ein Jahr später heiratet.
"Es war für sie notwendig, eine neue seelische und intellektuelle Welt zu gründen", schildert Werner Cohen, der gemeinsam mit William Gilcher vom Goethe-Institut in Washington zur Präsentation des Buches nach Gießen gekommen ist. Eine neue Welt mit einer neuen Sprache. Dafür hat sie auch ihren Traum aufgegeben, Schriftstellerin zu werden. Wenngleich sie 1992 noch einen Bericht über ihr Überleben in Deutschland in englischer Sprache verfasst. Dieser dient ihr als Grundlage für einen Vortrag. Denn "Hilda wurde häufig eingeladen, um über ihre Erlebnisse zu sprechen", sagt ihr Ehemann. Meistens zur Zeit des "Yom Ha Shoah", des Holocaust-Tages im April. Gesprochen wurde natürlich auch innerhalb der Familie über die Vergangenheit. Denn auch Werner Cohen kommt aus Deutschland. In Essen lebte er mit seiner Familie und war als 16-Jähriger im Konzentrationslager Dachau interniert. "Doch Hilda war sehr zurückhaltend", beschreibt er und eine anrührende Zärtlichkeit schwingt in seiner Stimme. "Sie wollte die Kinder nicht als Krücke benutzen." Die drei Töchter "wissen was vorgegangen ist, aber das hat nicht im Zentrum gestanden." Die Gedichte ihrer Mutter aber werden sie - noch nicht – lesen können. Die drei sprechen nämlich kein Deutsch. Eine von ihnen aber ist "daran interessiert" eine englische Ausgabe auf den Weg zu bringen. Zunächst aber stellt Werner Cohen "Genagelt ist meine Zunge" in Deutschland vor. Gestern Abend hat er gemeinsam mit Gail Rosen, einer professionellen Geschichtenerzählerin, im Margarete-Bieber-Saal in Gießen eine Lesung in deutscher und englischer Sprache gestaltet. Und heute Abend werden beide um 20 Uhr im Gemeinschaftshaus in Nieder-Ohmen zu Gast sein.
Den Ort ihrer Kindheit hat auch Hilda Stern Cohen noch einmal besucht. 1986 gemeinsam mit ihrem Ehemann. Aber selbst da erzählt sie nichts von den Gedichten und berichten in der untersten Schublade. Was also würde sie wohl zu deren Veröffentlichung sagen? "Wenn ich sie dort anrufen könnte, würde sie bestimmt sagen, das ist doch ein nettes Geschenk", sagt Werner Cohen. Vermutlich aber würde sie ihn auch ein wenig tadeln, dass "ich mich da eingemischt habe".

Hilda Stern Cohen: "Genagelt ist meine Zunge". Lyrik und Prosa einer Holocaust Überlebenden. In Zusammenarbeit mit Werner V. Cohen herausgegeben von Erwin Leibfried, Sascha Feuchert und William Gilcher. Band 2 der Reihe Memento. Gemeinsame Schriftenreihe der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Bergauf-Verlag Frankfurt 2003. 15 Euro.


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Aus: Gießener Anzeiger, 09.09.2003:
Unscheinbare Kladden mit zutiefst bewegendem Inhalt

"Genagelt ist meine Zunge: Gedichte und Prosa einer Holocaust-Überlebenden" – Hilda Stern Cohen (1924-1997) überlebte Getto Lodz und Auschwitz

Giessen/Washington (V). Unmittelbar nach dem Tode seiner Frau, mit der er fast 50 Jahre verheiratet war, fand Dr. Werner Cohen 1997 eine Reihe von alten Schulheften ganz unten in einer Schublade. Diese unscheinbaren Kladden enthielten rund 150 Gedichte und eine Reihe Prosatexte in deutscher Sprache, über die seine Frau Hilda Stern Cohen nie mit ihm gesprochen hatte.
Seite für Seite hat er die Schulhefte danach übertragen und hat dabei eine wahrlich talentierte Schriftstellerin entdeckt, die ihm bis dahin verborgen war. Mehr noch: Er konnte völlig neue und zutiefst bewegende Einblicke in die Erfahrungen seiner Frau als Kind in Deutschland und als junge Frau im Lodzer Getto und in Auschwitz gewinnen. Als er dann nach einer Möglichkeit suchte, das Werk Hilda Stern Cohens einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat Werner Cohen, selbst deutscher Abstammung, sich an das Goethe-Institut in Washington gewandt, das schnell die bemerkenswerte literarische Qualität des Werkes sowie die historische Bedeutung erkannte.
Als nächstes folgte die Kontaktaufnahme mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Giessener Justus-Liebig-Universität, die in der Nähe von Mücke/Nieder-Ohmen liegt, der kleinen Landgemeinde, in der Hilda Stern 1924 geboren wurde. Dank dieser Umstände werden diese Texte, die den Kampf einer jungen deutsch-jüdischen Frau zeigen, sich von den durch die Nazis zugefügten Wunden zu heilen, nun veröffentlicht, heißt es in einer Pressemitteilung des Goethe-Instituts und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur.
1945 kam Hilda Stern als Flüchtling nach Österreich, wo sie darauf wartete, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Die tief gläubige junge Frau hatte ihre Eltern und Großeltern verloren, konnte selbst aber das Lodzer Getto und Auschwitz überleben. Während der Monate, die Hilda Stern auf ihr Visum für Amerika in der österreichischen Provinz wartend zubrachte, schrieb sie Gedichte und viele andere Texte: Darunter Stücke, die sie bereits früher ersonnen und bis dato noch nicht zu Papier gebracht hatte, aber ebenso ganz neue Gedichte, die ihre Gefühle über das Leben im "weder-hier-noch-dort" der "Displaced Persons"-Camps ausdrückten. Als sie endlich in den USA war, schrieb Hilda Stern noch eine ganze Zeit lang weiter, gab es aber schließlich zusammen mit ihrer einstigen Muttersprache Deutsch auf: auch als Teil ihrer Anpassung an ein neues Leben.
Der Titel der Textsammlung ist einem Gedicht entnommen, in dem Hilda Stern Cohen bitterlich darüber klagt, wie ihre eigene Selbstwahrnehmung an eine Sprache und Kultur gebunden ist, die versuchte, sie zu zerstören. Genagelt ist meine Zunge, wird als zweiter Band in der Schriftenreihe "Memento" der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich veröffentlicht. Die Publikation ist ein gemeinsames Projekt der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und des Goethe-Instituts Washington/CD, in Zusammenarbeit mit Werner V. Cohen, Baltimore/Maryland.

Herausgegeben wird der Band von Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert, von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität sowie William Gilcher vom Goethe-Institut Washington mit Unterstützung der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich.
Die Texte und Gedichte sind versehen mit einem Vorwort von Werner V. Cohen und einem Epilog über die Geschichte jüdischen Lebens in Oberhessen von Klaus Konrad-Tromsdorf.

"Genagelt ist meine Zunge" wird Mitte September im Frankfurter Bergauf-Verlag erscheinen.


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Aus: Gießener Anzeiger, 09.08.2003:
Mit großem Erfolg in eine unsichere Zukunft

Arbeitsstelle Holocaustliteratur besteht seit fünf Jahren an der JLU - Begegnungen mit Überlebenden der Konzentrationslager

Von Heidrun Helwig

GIESSEN. Unzählige Texte haben sie gelesen. Historische Abhandlungen, aber auch Memoiren, Erinnerungen und Tagebucheintragungen. Darüber haben sie dann ausgiebig diskutiert. Und möglicherweise über die ein oder andere Deutungsmöglichkeit auch gestritten. Dabei haben die Studierenden den typischen Seminaralltag an der Justus-Liebig-Universität (JLU) erlebt. Doch immer wieder unterscheidet sich ihr Lehrstoff aber auch ganz gewaltig von dem ihrer Kommilitonen. Dann nämlich sitzen viele von ihnen verunsichert und angerührt auf ihren Plätzen. Dann fixieren sie gebannt einen oder gleich mehrere Gäste. Lauschen den Berichten vom Alltag in deutschen Konzentrationslagern. Und erfahren vom Leben im Angesicht der mörderischen Bedrohung. Diese Begegnungen mit Überlebenden gehören seit nunmehr fünf Jahren zum Angebot der Arbeitsstelle Holocaustliteratur.
Gegründet wurde die Arbeitsstelle 1998 auf Initiative von Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert – seitdem fungiert der eine als Leiter und der andere als Stellvertreter – sowie der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich am Institut für Neuere deutsche Literatur. „Unser Ziel ist die literaturwissenschaftliche und didaktische Untersuchung sowie Aufbereitung von Texten der Holocaustliteratur", sagt Sascha Feuchert im Gespräch mit dem Anzeiger. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Texten von Überlebenden. Deshalb suchen die Wissenschaftler den Dialog. Sie wollen Menschen, die Dachau, Auschwitz, Theresienstadt oder Buchenwald überlebt haben, die Möglichkeit geben, ihre Erinnerungen und Erfahrungen an junge Menschen weiterzugeben. Eingeladen aber sind zu den Gesprächen immer auch „Nicht-Studierende" – Zeitgenossen oder Schüler, interessierte Männer und Frauen. Und dieses Angebot wird angenommen. Auf diese Weise soll das Erlebte für die Nachwelt bewahrt werden, beschreibt der Germanist. Doch die Arbeitsstelle, an der mehrere Mitarbeiter ehrenamtlich mithelfen, versucht auch selbst, Überlebende ausfindig zu machen. Die Mitarbeiter initiieren und unterstützen, dass Erinnerungen schriftlich fixiert werden. Die Arbeitsstelle gibt selbst Bücher heraus. Und die Wissenschaftler arbeiten zudem an einem ambitionierten Forschungsprojekt: Bis 2006 wollen sie die Chronik des Gettos im polnischen Lodz – von den Nationalsozialisten in Litzmannstadt umbenannt – herausgeben.
„Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist. Keine Novellen, keine erdachten Geschichten. In einigen erlebten Bildern soll er ohne jedes literarische Beiwerk an uns vorüberziehen", schrieb Otto Singer 1942. Der jüdische Schriftsteller und Journalist, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, ist einer der Hauptautoren der Chronik. Rund ein Dutzend Journalisten und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen, die im Getto in Lodz eingepfercht waren, haben an dem
2000 Seiten umfassenden Text gearbeitet. Haben in Deutsch und Polnisch über das Leben und Sterben von mehr als 250000 Juden berichtet, die im Getto zwischen 1940 und 1944 unter extremsten Bedingungen ums Überleben kämpften. Und haben dabei mit einer unglaublichen Detailfülle Epidemien und Sterbefälle, verteilte Essenrationen und Festnahmen ebenso aufgezeichnet wie den täglichen Wetterbericht. Entstanden ist so „einer der längsten und vielstimmigsten Texte der Holocaust-Literatur", betont Feuchert.
Bereits erschienen sind im vergangenen Jahr Reportagen und Essays von Otto Singer, die vom „Leben" im Getto Lodz berichten. Zunächst unter dem Titel „Im Eilschritt durch den Gettotag ..." auf Deutsch. Und rund sechs Monate später die polnische Ausgabe „Przemierzajac szybkim krokiem getto ...". Die Vorstellung des polnischen Bandes geriet in Polen zu einem Großereignis, das es nicht nur bis in die Abendnachrichten des polnischen Fernsehens schaffte, sondern landesweit in den Medien beachtet wurde, berichtet Feuchert. Diese erfolgreiche Zusammenarbeit mit Kollegen in Lodz werden die Wissenschaftler der Arbeitsstelle Holocaustliteratur auch bei der Erforschung der Getto-Chronik fortsetzen. Der erste Band – so der ehrgeizige Plan – soll wiederum in einer deutschen und einer polnischen Ausgabe 2004 erscheinen. Dann nämlich jährt sich die Liquidation des Lodzer Gettos zum 60.Mal. Gefördert wird dieses Projekt mit rund 270000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).
Bis dahin zumindest ist die Existenz der Arbeitsstelle Holocaustliteratur gesichert. Doch unklar ist die Zukunft der Einrichtung, die augenscheinlich zur Profilbildung der JLU beiträgt, die einzigartig in der deutschen Wissenschaftslandschaft ist und deren Arbeit auch im Ausland auf großes Interesse stößt. So wurde etwa über das Goethe-Institut in Washington der Kontakt zu Dr. Werner Cohen geknüpft. Verheiratet war der mit Hilda Stern, die aus Mücke/Nieder-Ohmen stammte und das Getto Lodz sowie das Vernichtungslager Auschwitz überlebt hat. Werner Cohen entdeckte nach dem Tod seiner Frau Gedichte und Erzählungen, die Hilda Stern überwiegend 1946 als „Displaced Person" in einem amerikanischen Camp verfasst hat. Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur und die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung publizieren diese Texte in der gemeinsamen Schriftenreihe „Momento" unter dem Titel „Genagelt ist meine Zunge". Ende September soll der Band bereits erscheinen.

Bekenntnis zur Vergangenheit

Überhaupt ist die Ernst-Ludwig- Chambré-Stiftung von entscheidender Bedeutung für die Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Denn bevor die DFG die Projektfinanzierung zugesagt hat, konnte die Erforschung der Literatur von Überlebenden nur durch deren Unterstützung aufrechterhalten werden. „Die Gelder summieren sich auf rund 50 000 Euro", so Feuchert.
„Und gerade sind noch einmal 20 000 Euro für das Editionsprojekt hinzugekommen", ergänzt Dr. Klaus Konrad-Tromsdorf, Geschäftsführender Direktor der Stiftung. Obendrein liegt der JLU nun schon seit November ein konkretes Angebot vor: Wenn das DFG-Projekt 2006 beendet ist – ein Jahr später steht die Emeritierung von Prof. Erwin Leibfried an – und die Universität dann eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle finanziert, werde die Stiftung alle Ausstattungskosten übernehmen.
Noch aber hat es keine Gespräche mit der JLU gegeben. Für Konrad-Tromsdorf eine Enttäuschung: „Es ist überfällig", dass die Arbeitsstelle dauerhaft eingerichtet werde. Zumal die Gießener Universität sich dadurch auch zu ihrer eigenen Vergangenheit bekennen könnte.


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Aus: Gießener Allgemeine, 17.07.2003:
Sohn eines NS-Täters bei Arbeitsstelle Holocaustliteratur

Gießen. Seit Jahren bietet die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Studierenden die Möglichkeit, in intensiven Zeitzeugengesprächen die Interpretation von Texten der Holocaustliteratur in einen größeren Kontext zu stellen. Normalerweise kommen zu diesen Veranstaltungen überlebende Opfer des Holocaust nach Gießen, um über ihre Erfahrungen zu berichten. Nun war erstmals auch ein Nachfahre eines Täters bereit, mit den Gießener Studenten zu sprechen. Jens-Jürgen Ventzki, Sohn des ehemaligen Oberbürgermeisters von Litzmannstadt – wie die Nazis Lodz umbenannten –, berichtete jetzt im Hauptseminar „Texte aus dem Getto Lodz" (Leitung Prof. Erwin Leibfried, Dr. Sascha Feuchert, HD Dr. Jörg Riecke) über die Geschichte seines Vater und vor allem über seinen schwierigen Umgang mit dieser familiären Vergangenheit. Der Referent erzählte, daß er lange gebraucht habe, um sich aktiv mit der Rolle seines Vaters Werner Ventzi, der nicht nur OB in Litzmannstadt, sondern auch einer der sogenannten „Reichsrededner" der NSDAP war, zu beschäftigen. „Ich wußte natürlich, daß mein Vater Oberbürgermeister in Litzmannstadt war – aber der Titel ‚Oberbürgermeister‘ klang für mich als Kind zunächst mal nicht sehr gefährlich", so Jens-Jürgen Ventzki. Außerdem hat der 1944 in Lodz geborene Sohn liebevolle Erinnerungen an seinen Vater: „Er war sehr fürsorglich und hat mich immer verwöhnt." Die Konfrontation mit der Verantwortung seines Vaters, der maßgeblich an der Verwaltung des Lodzer Gettos beteiligt war, sei ihm deshalb auch besonders schwer gefallen. Zeitweise waren im Getto 160 000 Menschen unter unwürdigsten Bedingungen eingepfercht und harrten ihrer Deportation in die Todeslager von Kulmhof und Auschwitz. 40 000 Menschen starben alleine im Getto an Unterernährung und den zahlreichen Krankheiten.
Daß man sich diesem dunklen Kapitel der Vergangenheit stellen müsse, gerade wenn man familiär davon betroffen sei, ist für Jens-Jürgen Ventzki unabdingbar: „Es ist für mich eine notwendige politisch-weltanschauliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit meines Vaters. Nach Jahrzehnten des Schweigens, nach Überwindung der Sprachlosigkeit ist eine Aufarbeitung der NS-Zeit auch und gerade für die Kinder der Tätergeneration von großer Bedeutung. Sie zeigt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Es ist die notwendige Weitergabe von Geschichte an die nächste Generation", schloß Ventzki seinen anschließend lebhaft diskutierten Vortrag.


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Aus: Gießener Anzeiger, 02.07.2003:
Ein Semester „Beruhigungspille" Gießen

Prof. Itta Shedletzky aus Jerusalem lehrt als Gastwissenschaftlerin an der JLU – Aus Schweiz 1962 nach Israel ausgewandert

Von Meike Mossig

GIESSEN. Ihr kritisches und oppositionelles Wesen hatte der Vater augenscheinlich schon damals erkannt. Als Itta Shedletzky mit 16 Jahren von ihrem jüdischen Elternhaus in der Schweiz nach Israel auswandern wollte, um zu studieren. „Er hatte wohl Angst, dass ich von meiner Religion abkomme, wenn ich anfange kritisch zu denken", sagt die Professorin für deutsch-jüdische Literatur schmunzelnd. „Und er hatte natürlich Recht." Seit 1962 lebt die couragierte Frau in Jerusalem und empfindet Gießen, wo sie im Sommersemester als Gastprofessorin an der Universität lehrt, als regelrechte „Beruhigungspille".
Den guten Kontakt zu den Gießener Kollegen und Studierenden schätzt die Professorin des Franz Rosenzweig Forschungszentrums in Jerusalem sehr. „Das wichtigste ist das Gespräch zwischen Juden und Deutschen", betont die Wissenschaftlerin, die seit 30 Jahren mit einem Israeli verheiratet ist und mit ihm und den beiden erwachsenen Töchtern hebräisch spricht. Eingeladen wurde die 60-Jährige vom Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der JLU, die bereits seit Jahren den Kontakt mit Israel pflegen. Mit Sorge beobachtet die Frau, die sich politisch ehe links sieht, die angespannte Situation in ihrer Wahlheimat, wo Israelis und Palästinenser sich seit so langer Zeit blutige Gefechte liefern. „Trotzdem fühle ich mich dort am freiesten", sagt sie. „Denn in Jerusalem bin ich eine von vielen Juden und kann meinen Glauben so leben wie ich will." In Deutschland hingegen habe sie oft das Gefühl, dass sie sich als Jüdin erklären oder rechtfertigen müsse. Sie hofft, dass bald ein palästinensischer Staat entsteht und endlich Frieden einkehrt. „Leben und leben lassen", lautet ihre Devise. „Man muss akzeptieren, dass Israelis und Palästinenser eine Geschichte haben." Und die Angst vor Selbstmordattentaten? „Habe ich eigentlich nicht." Sie zögert einen Moment und fügt hinzu: „Als der Sohn meiner Freundin bei einem Selbstmordattentat in einem Bus getötet wurde." Da war sie wie gelähmt. „Aber man muss lernen mit der Gefahr zu leben", sagt sie. Deshalb fährt Shedletzky weiterhin Bus, geht ins Kino oder Café, wo überall Wachen stehen. Von frühester Kindheit an wurde die Frau, deren Vorfahren aus Polen stammen, von ihrem Elternhaus in Zürich streng jüdisch-orthodox erzogen. Wie ihr Vater engagierte sie sich in religiösen Gruppen. "Ich habe das hebräische Alphabet vor dem deutschen gelernt", erinnert sie sich. Als Shedletzky den Entschluss fasste, nach Israel auszuwandern um zu studieren, waren Konflikte mit ihren Eltern programmiert. „In dieser Zeit war mein älterer Bruder ein wichtiges Vorbild für mich", erinnert sie sich. Denn er lebte bereits seit vier Jahren dort. Nach dem Abitur setzte die 19-Jährige schließlich ihren Willen durch, packte ihre Sachen und wanderte aus. Hart war die Anfangszeit in einem Land, dessen Hitze ihr vor allem zu schaffen machte. „Auch fand ich wenig Menschen, die in der selben Situation waren wie ich", schildert die Schweizerin. „Die meisten Studierenden waren damals Israelis." Erst später seien Einwanderer aus allen Teilen der Welt an die Hebräische Universität in Jerusalem gekommen. Kritisch setzte sich die Tochter eines streng gläubigen jüdischen Kaufmanns in der wissenschaftlichen Ausbildung mit ihrer Religion und Geschichte auseinander und lebt heute ihren Glauben ungezwungener. „Gießen ist eine angenehme Stadt", sagt sie. Klein, ruhig und überschaubar. Das gute Klima an der Universität genießt die Professorin sehr. „Die Leute sind hier sehr offen."



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Aus: Gießener Anzeiger, 28.06.2003:
Stanislaw Hantz: Ohne Freundschaft kann man nicht überleben

80-Jähriger schildert das Leben im Konzentrationslager Auschwitz – Erinnerungen „Zitronen aus Kanada" – Fünf Jahre Arbeitsstelle

Giessen (emm). Freundlich ist sein Gesichtsausdruck. Und scheinbar entspannt wartet der ältere Herr, bis er mit seinem Bericht beginnen kann. Doch dabei zittern seine Hände beinahe unmerklich. Auch stockt immer wieder leicht seine Stimme, als er von seinen Freunden berichtet. Denn die meisten sind tot. Gestorben, ermordet im Konzentrationslager Auschwitz. Der freundliche Herr mit dem grauen Haar hat die unmenschlichen Strapazen des Lagers überlebt. Und er hat sich entschieden, nach vielen Jahren des Schweigens jungen Leuten davon zu berichten. „Damit so etwas nie wieder geschieht." Eingeladen wurde Stanislaw Hantz von der „Arbeitsstelle Holocaustliteratur" der Justus-Liebig-Universität. Genau am fünften Jahrestag der Gründung der Arbeitsstelle berichtete Hantz aus dem menschenverachtenden Alltag im Lager. Die Erinnerungen des 80-Jährigen hat die Kasseler Journalistin Karin Graf unter dem Titel „Zitronen aus Kanada" veröffentlicht. Deutlich ist die Zahl „2049" auf seinem Arm erkennbar, eintätowiert im KZ, als die Nazischergen ihn zur Nummer degradieren wollten. Auf die Frage, ob er jemals daran gedacht hat, die Tätowierung entfernen zu lassen, entgegnete Hantz in gebrochenem Deutsch: „Lässt niemand machen weg, der war in Auschwitz." Es ist das sogenannte „Lagerdeutsch", das der gebürtige Pole spricht. Er hatte es in den fünf Jahren in den Konzentrationslagern lernen müssen. Und in dieser Sprache sind bewusst die Zitate in dem Buch belassen.

„Nur zum Schornstein raus"

Am 12. August 1940 war der 17-jährige Stanislaw Hantz von deutschen Soldaten ins damals noch unbekannte Konzentrationslager Auschwitz verschleppt worden. Karin Graf las die Passage aus dem gemeinsamen Buch vor, welche die Festnahme und die ersten Tage in Haft beschreibt. Dort habe man ihnen gesagt, dass es sich „um kein Sanatorium handelt" und sie „nur zum Schornstein wieder raus" kommen würden. Aber Hantz hat überlebt. Doch die Erinnerungen lassen ihn nicht los. „Er ging als Knabe rein und kam mit viel, vielleicht zu viel Wissen für ein Leben wieder raus", fasst Graf, die Hantz über vier Jahre begleitet hat, in Worte. Nur die Freundschaft, die bald zwischen einigen Häftlingen entstanden war, habe ihn durchhalten lassen. Denn: „Ohne Freundschaft kann man nicht überleben."
Nach dem Krieg war er gleich wieder nach Auschwitz zurückgekehrt, um das Museum mit aufzubauen. Auf Anraten eines Arztes habe er 1950 aber mit Blick auf seine Gesundheit das ehemalige Lager verlassen. „Danach habe ich 25 Jahre nicht erzählt", sagte Hantz. Als ihn seine Tochter gebeten habe, in ihrer Schulklasse von seinen Erinnerungen zu erzählen, habe er abgelehnt. Erst als sie nachdrücklich argumentiert habe: "Ich war doch nicht dabei, Papa. Ich kann nichts erzählen, das musst du machen", habe er angefangen, wieder über seine Erinnerungen zu sprechen.


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Meldung der Nachrichtenagentur AP vom Donnerstag, dem 5. Juni 2003, 02:06 Uhr:
Literatur & Lesen Flaschenpost aus dem Lodzer Getto Oskar Singer: "Im Eilschritt durch den Gettotag"

Reportagen für den Leser der Zukunft

Frankfurt/Main (AP) "Es ist richtig, dass das Getto eine lernaeische Schlange ist. Aber es ist organisiert. Es ist geleitet von Menschen, die trotz allen menschlichen Unzulänglichkeiten doch ein einziges grosses Ziel vor sich sehen: diese Gemeinschaft in eine bessere Zeit hinüberzuretten. Dieser Wille ist ehrlich und stark. Wird er stark genug sein?"
Eine Tagebucheintragung vom 15. Mai 1942 aus dem Getto Lodz beziehungsweise Litzmannstadt, wie die deutschen Nationalsozialisten den polnischen Ort umbenannten. Der Judenrat gründete dort eine Statistische Abteilung mit dem Ziel, Quellen bereitzustellen "für zukünftige Gelehrte, die das Leben einer jüdischen Gemeinschaft in einer ihrer schwersten Zeiten studieren". Der Abteilungsleiter, der Prager Journalist Oskar Singer, zieht daraufhin wie ein Reporter durchs Getto. Auszüge aus seinem rund 2.000-seitigen Material, das überwiegend im Staatsarchiv Lodz lagert, wurden nun von einem deutsch-polnischen Forscherteam als Buch herausgegeben.
Singer schildert den grauenvollen Alltag mit der Distanz eines Beobachters, doch seine Kommentare treffen ins Schwarze: "Wird der Epigone (der Nachgeborene) wissen, was einige Tage im Getto bedeuten, wenn sie ohne Suppe vergehen?" fragt er und verdeutlicht den Hunger damit vielleicht besser als so manche Statistik. Im Getto "sind ein paar tausend Kilogramm verdorbene Kartoffeln schon eine kleine Katastrophe und ein paar Waggons vernichteter Rüben die Ursache eines Massensterbens."
Im Gegensatz zu den Untergrundarchiven aus anderen Gettos haben die Lodzer Chronik und die ergänzenden Reportagen Singers offiziellen Charakter. Die Statistische Abteilung war der so genannten jüdischen Selbstverwaltung von den deutschen Kommandeuren genehmigt worden. Allerdings mussten die Mitarbeiter stets mit Kontrollen rechnen. Singers kritische Anmerkungen zielen denn auch fast ausschliesslich nach innen.
So beschreibt er, wie sich Gettobewohner im Kampf ums Überleben gegenseitig betrügen, indem sie etwa einen mit Papier ausgestopften Brotlaib teuer verkaufen. "Der Mensch im Getto ... ist schlechter, als sein Selbsterhaltungstrieb es erlaubt", resümiert er und beklagt ein allgemeines Absinken der Ethik. Andererseits zeigt er, wie viele seiner Leidensgenossen versuchen, sich allen Umständen zum Trotz noch etwas Würde zu bewahren.
Mit Sarkasmus kommentiert Singer, wie jüdische Vorgesetzte ihre Untergebenen zur Arbeit antreiben: "Der Abteilungsleiter ... will Produktion nachweisen. Auch im Getto will man Karriere machen." Und zur Bürokratie merkt er ironisch an: "Aber Mensch, Menschlein im Getto, zerbrich dir doch nicht den Kopf. Unser Gettomonopol denkt schon für dich!"
Mit Ironie begegnet Singer auch dem despotischen Judenältesten Mordechaj Chaim Rumkowski - oft gerade dann, wenn er dessen Fürsorge für seine Gemeinde überschwänglich lobt. Da er vom Wohlwollen des Präses abhängig ist, lässt er dessen umstrittene Rolle aber weitgehend unangetastet. Rumkowski sieht in harter Arbeit für die deutsche Kriegsproduktion die einzige Überlebenschance der Gettobewohner. Singer bekräftigt dies auf seine Art: "Gebt uns Arbeit, Aufträge, wir machen alles aus Dreck und Mist! Wir wollen leben, nur leben..."
Mit dem 211. Eintrag des Jahres 1944 endet die Chronik. Im August werden die letzten Bewohner des Lodzer Gettos in die NS-Vernichtungslager deportiert. Singer kommt nach Auschwitz-Birkenau und wird vermutlich noch am Ankunftstag umgebracht. Zurück bleibt eine authentische Dokumentation von Lebenswillen, Selbstbehauptung und Würde unter unwürdigen Bedingungen. Dies allein kann als Akt des Widerstands gewertet werden.

(Oskar Singer: "Im Eilschritt durch den Gettotag", Hrsg. von Sascha Feuchert u.a., Philo Verlagsgesellschaft, ISBN 3-8257-0281-2, 277 Seiten, 19,90 Euro)



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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 08.05.2003:
Expertin für deutsch-jüdische Literatur

Israelin Gastdozentin bei Erinnerungskulturen

Gießen (pm). Der Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen und die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen haben in diesem Semester die international renommierte israelische Professorin Dr. Itta Shedletzky als Gastdozentin gewinnen können. 1943 in der Schweiz geboren, emigrierte Shedletzky vor etwa vierzig Jahren nach Jerusalem. Dort lehrt und forscht sie am Franz-Rosenzweig-Zentrum der Hebräischen Universität Jerusalem als Expertin für deutsch-jüdische Literatur.
Prof. Shedletzky wird in Gießen ein Proseminar zum Thema " Existenz und Tradition - Facetten des Jüdischen in der deutschsprachigen Literatur" anbieten sowie eine Vorlesung über den " Zionismus im deutsch-jüdischen Kontext des frühen zwanzigsten Jahrhunderts" . Das Seminar wird anhand genauer Lektüre und Textarbeit die vielfältigen Bezugnahmen deutsch-jüdischer Autoren auf ihre Tradition und kulturellen Kontext erarbeiten; die Vorlesung vermittelt notwendige Kenntnisse über die Situation der während der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus nach Palästina emigrierten Juden.
Beide Veranstaltungen sind offen für Teilnehmer aller Art, alle Interessierten sind herzlichst eingeladen. Das Proseminar findet erstmals am Montag, dem 12. Mai von 16-18 Uhr im Raum B210 (Philosophikum I, Haus B) statt. Die Vorlesung wird immer dienstags von 16-18 Uhr im Raum Hörsaal 2 (Philosophikum I, Haus A) stattfinden. Beginn ist Dienstag, der 13. Mai. Die Gastdozentur von Shedletzky wird finanziert von der Gießener Hochschulgesellschaft, der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich und aus Mitteln des SFB Erinnerungskulturen.



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Aus: Gießener Anzeiger, 25.04.2003:
Premiere mit Perspektive für unzählige Wiederholungen

Arbeitstelle Holocaust-Literatur hat erstmals Praktikumsplatz vergeben – Kathrin Weißhaar aus dem Odenwald quartierte kurzerhand in Gießen ein.

GIESSEN (v). Es war Premiere. Denn: Zum ersten Mal hatte die Arbeitsstelle Holocaust-Literatur der Justus-Liebig-Universität eine Praktikantin. Zwei Wochen lang nämlich konnte eine 17-jährige Schülerin aus dem Odenwald die Aktivitäten und Forschungstätigkeiten der Arbeitstelle kennen lernen und unterstützen. Die Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz im Internet führte Kathrin Weißhaar auf die Seiten der Arbeitstelle Holocaust-Literatur. Und weil Geschichte, Literatur sowie das Thema Holocaust schon lange zu den großen Interessensbereichen der Schülerin gehören, wünschte sie sich gerade bei der Arbeitstelle Holocaust-Literatur hospitieren zu dürfen, heißt es in der Pressemitteilung.
Besonders erfreut seien die Mitarbeiter gewesen, dass das Thema Holocaust-Literatur offenbar für junge Menschen ein interessantes Beschäftigungsfeld ist. Denn Kathrin Weißhaar ist längst nicht die einzige Bewerberin. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Anfragen für Praktika an der Arbeitstelle. Selbst große Entfernungen seien dabei für die Bewerber oft kein Hindernis. Kathrin Weißhaar etwa habe sich für die Dauer ihres Praktikums kurzerhand bei Bekannten einquartiert. Und weil der erste Versuch für alle Seiten erfolgreich verlaufen ist, so der stellvertretende Leiter Dr. Sascha Feuchert, werde es in Zukunft sicher regelmäßig Praktikumsplätze an der Arbeitstelle geben. Schließlich seien solche Hospitanzen nicht nur gute Möglichkeiten für Schüler und Studierende, erste Einblicke in das Berufsfeld der wissenschaftlichen Arbeit zu finden, sondern gleichzeitig seien sie auch für die Universität eine gute Möglichkeit, sich nach außen zu öffnen und jungen Menschen zu zeigen, wie der Forschungsbetrieb einer Universität funktioniert. Gleichwohl seien Praktikumsplätze an der Uni sind jedoch bisher eher die Ausnahme und schwer zu bekommen. Nur wenige Fachbereiche und Institute seien überhaupt bereit, Praktikanten zu betreuen.


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Aus: Frankfurter Rundschau, 11.03.2203:
Universität Gießen erforscht Chronik des Lodzer Gettos / Ein Buch statt Abertausender von Grabsteinen

"Es ist ein fremder, hässlicher Tod"

Von Georg Kronenberg

60 Jahre lange wurde die im Lodzer Getto entstandene Chronik kaum beachtet. Jetzt erforscht die Arbeitstelle Holocaust-Literatur an der Giessener Universität die Aufzeichnungen über das Leben und Sterben von mehr als 300 000 Juden in dem am längsten existierenden Großgetto der Nationalsozialisten. Die Wissenschaftler wollen den rund 2000 Seiten umfassenden Text bis 2006 veröffentlichen.

GIESSEN. "Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist. Keine Novellen, keine erdachten Geschichten", schrieb Oskar Singer 1942. Der 1944 in Auschwitz ermordete jüdische Schriftsteller ist einer der Hauptautoren der Getto-Chronik.
Rund ein Dutzend Journalisten und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen, die im Lodzer Getto eingepfercht waren, haben an dem 2000 Seiten starken Werk gearbeitet – Theologen genauso wie der österreichische Theaterkritiker Oskar Rosenfeld, der ebenfalls 1944 in Auschwitz getötet wurde.
Gezeichnet vom Hunger, dem alltäglichen Tod und der Gewalt im Getto ist so "einer der längsten und vielstimmigsten Texte der Holocaust-Literatur" entstanden, sagt der Germanist Sascha Feuchert, Koordinator des Gießener Chronik-Projekts.
Mit einer unglaublichen Detailfülle und "tagesaktuell wie in einer Zeitung, die allerdings keine Leser hatte", hätten die Autoren die grauenhaften Zustände im Getto der polnischen Stadt geschildert, die von den Nazis in "Litzmannstadt" umgetauft war.
Akribisch werden in den in polnischer und deutscher Sprache verfassten Texten Sterbefälle, Epidemien, Festnahmen und verteilte Essensrationen ebenso aufgezeichnet wie der tägliche Wetterbericht. In kleinen Kolumnen sind Einzelschicksale festgehalten: Wie das der elfköpfigen Familie, nach der die Kripo fahndet und zu spät kommt – weil alle bereits im Getto gestorben oder in Vernichtungslager deportiert worden waren.
Oder der "Tod auf der Brücke" im Litzmannstadt-Getto, wo ein Insasse vor Entkräftung leblos zusammenbricht. Die drei Holzbrücken im Getto werden ab 1942 regelmäßig als Symbol für das Leid der Insassen in den Tagesberichten abgebildet, erzählt Feuchert. Denn die Chronik wird immer mehr zu einem Dokument des Widerstands, das die Namen vieler Opfer des nationalsozialistischen Terrors festhält.
Dabei hätten die Autoren oft eine "Tarnsprache" eingesetzt, die aufwendig von dem sechsköpfigen deutsch-polnischen Forscherteam entschlüsselt und kommentiert werden muss, berichtet der Germanist. "Aus Angst vor Repressalien, falls die Deutschen die Texte entdeckt hätten."
Außerdem habe es eine interne Zensur gegeben, weil der von den Nationalsozialisten ernannte "Älteste der Juden von Litzmannstadt" und Auftraggeber der Chronik (Chaim Rumkowski) wollte, dass von ihm ein positives Bild überliefert wird.
Die Aufzeichnungen über den "Tod von Litzmannstadt-Getto" enden am 30. Juli 1944. "Auch der heutige Sonntag verlief sehr ruhig", heißt es trügerisch im letzten Eintrag der Chronik.
Im August wird das Getto von der SS aufgelöst. Die 70 000 noch dort lebenden Juden werden in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur etwa 3000 von ihnen hätten den Holocaust überlebt, schätzt Feuchert. Insgesamt hätten zwischen 1940 und 1944 mehr als
300 000 Menschen im Lodzer Getto gelebt, allein etwa 145 000 von ihnen seien im 30 Kilometer entfernten Vernichtungslager Chelmno vergast worden.
2004, wenn sich die Liquidation des Gettos zum 60. Mal jährt, soll nach den Plänen der Giessener Wissenschaftler der erste Band erscheinen – und zwar in einer deutschen und einer polnischen Ausgabe.
Voraussichtlich im Jahr 2006 wird das mit rund 270 000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt abgeschlossen sein.
Wenn die Abertausenden Ermordeten "schon keinen Grabstein haben, sollen sie wenigstens in einem Buch stehen", zitiert der Wissenschaftler Feuchert die polnische Journalistin und Holocaust-Überlebende Hanna Krall.

HOLOCAUST-LITERATUR

Die Arbeitsstelle Holocaust-Literatur an der Giessener Justus-Liebig-Universität wurde 1998 von den Germanisten Erwin Leibfried, Sascha Feuchert und der Licher Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung gegründet. Ziel ist die literaturwissenschaftliche und –didaktische Untersuchung und Aufbereitung von Texten aus dem Holocaust. Die Schilderungen von Überlebenden stehen dabei im Mittelpunkt. An den Forschungsprojekten sind rund zehn Wissenschaftler aus den Fächern Germanistik, Geschichte und Soziologie beteiligt. "Wissenschaftler, die sich mit Holocaust-Literatur beschäftigen, gibt es in Deutschland nur relativ wenige", sagt Feuchert. So kämen zu den Uniseminaren und Lesungen der Gießener Arbeitsstelle regelmäßig auch Studenten aus anderen hessischen Hochschulen.
Eine Einführung in das Thema Holocaust-Literatur sowie Textbeispiele bietet der von Feuchert herausgegebene Band "Holocaustliteratur. Auschwitz" mit Arbeitsmaterialien für den Schulunterricht, der 2000 bei Reclam erschienen ist.

Informationen zur Arbeitsstelle Holocaust-Literatur gibt es im Internet unter www.holocaustliteratur.de oder unter der Telefonnummer 0641/99 29075. kro

Aktuelles:
[03.09.2010] Bericht über Tagebücher von Friedrich Kellner im Gießener Anzeiger
[01.09.2010] Änderung der Telefonnummer von Sascha Feuchert
[31.07.2010] Gießener Anzeiger berichtet über Werkstattgespräch mit Steve Sem-Sandberg
[31.07.2010] Ausstellung zu Leben und Werk Hilda Stern Cohens ausleihbar
[31.07.2010] Mitglied werden im Förderverein
[10.04.2008] Aktuelle Besprechungen der Getto-Chronik