Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2004Inhalt:
Gegen Vergessen – für Demokratie 43/2004: Letzte Tage. Die Lódzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944
Das Parlament, 2004: Vom Leben und Sterben im Getto
Jüdische Allgemeine, 18.11.2004: Im Krepierwinkel Europas
Gazeta wyborcza, 8.11.2004: Lodzer Getto Chronik: Zuerst auf Deutsch
Frankfurter Rundschau, 10.09.2004: Gießener Wissenschaftler entziffern Lodzer Chronik
AP-Meldung, 02.09.2004: Literatur & Lesen - Vitrine Sachbuch: Flaschenpost aus der Zeit der Vernichtung
Gießener Anzeiger, 28.08.2004: "Unser einziger Weg ist Arbeit"
Gießener Anzeiger, 02.08.2004: "Selbstmord am Drahtzaun"
Gießener Anzeiger, 20.07.2004: "Gewöhnung war eine Überlebensstrategie"
Gießener Allgemeine Zeitung, 14.07.2004: Arbeitsstelle Holocaustliteratur - Fortbestand bis zum Jahr 2010 gesichert
Gießener Anzeiger, 03.07.2004: „Es gab keine Gedenkstätte, kein Mahnmal, keine Inschrift"
Gießener Anzeiger, 22.05.2004: Von Sex als Tauschobjekt für ein Stück Brot
Gießener Anzeiger, 12.05.2004: Vereinsamte Doktoranden aus der Studierstube locken
Uni-Forum, Nr. 2, 06.05.2004: Antarktis-Reise eines Giessener Buches
Gießener Allgemeine, 27. 04.2004: NS-Ärzte: Viele Spuren führen nach Gießen
Gießener Anzeiger, 26.04.2004: Gräueltaten im Namen der Wissenschaft
Frankfurter Rundschau, 26.04.2004: Niemand erzählt meine Geschichte
Gießener Anzeiger, 02.02.2004: Buch aus Gießen macht sich auf die Reise ins Eis der Antarktis
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Aus: Gegen Vergessen – für Demokratie 43/2004:
Letzte Tage. Die Lódzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944
Hg. von Sascha Feuchert u.a.
Göttingen: Wallstein 2004, 256 Seiten,
ISBN 3-89244-801-9, Preis 19,- €
Aus der jährlichen Flut der Neuerscheinungen zum Nationalsozialismus und seinen Folgen ragt eine Publikation besonders heraus: die Veröffentlichung der letzten beiden Monate (Juni/Juli 1944) der Lódzer Getto-Chronik. Am 28. August dieses Jahres wurde in Lódz des 60. Jahrestages der Liquidierung des Gettos gedacht. Ende August 1944 gingen die letzten Transporte nach Auschwitz, nur wenige Juden überlebten das Grauen. Es ist den Herausgebern, der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen, dem Staatsarchiv Lódz sowie allen Beteiligten zu danken, dass diese Aufzeichnungen jetzt in Deutsch vorliegen, dazu noch in einer hervorragenden Edition.
Warum sind diese Texte von so hoher Bedeutung? Diese Frage ist leicht zu beantworten: Nur wenige während des Holocaust entstandene Schriftstücke geben so dezidiert Auskunft über das Leiden, den verzweifelten Überlebenskampf und das Sterben der Juden in einer völlig reglementierten Lebenswelt, die vor allem von Ausbeutung der Arbeitskraft, von Hunger, Krankheit und erschreckenden Wohnverhältnissen geprägt war. Die unmittelbaren Zeugen dieser Zeit werden uns Nachgeborenen bald nichts mehr von ihrem Leben und ihren Erfahrungen berichten können.
Die Besonderheiten des Lódzer Gettos ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamten Aufzeichnungen. 15 Mitarbeiter der Statistischen Abteilung und des Archivs der jüdischen Selbstverwaltung des Gettos hielten Tag für Tag alle relevanten Ereignisse aus der Perspektive der Verwaltung des "Judenältesten" kommentierend fest. Die Autoren waren überwiegend Journalisten und Schriftsteller. Da kann man z.B. unter dem Datum vom 23. Juni 1944 als Tagesnachricht lesen: "Zur Arbeit ausserhalb des Gettos. Heute morgen 1. Transport. Der 1. Transport von 562 Menschen ist heute um 8 Uhr morgens vom Bahnhof Radegast abgegangen. Vor dem Abtransport sprach der Gestapo-Kommissar Fuchs einige beruhigende Worte an die ausreisenden Personen. Er erklärte, dass es nunmehr auf Arbeit ins Reich gehe und dass für anständige Verpflegung gesorgt sein wird." Nach kurzer Fahrt erreicht dieser wie auch weitere Transporte das Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof), wo die Menschen in dafür besonders umgebauten LKWs durch die einströmenden Abgase getötet werden.
Oder ein anderer Eintrag am 26. Juli 1944: "Frohe Nachrichten für’s Getto. Postkarten aus Leipzig. Von Personen, die im Zuge der letzten Aussiedlung zur Arbeit ausserhalb des Gettos abgereist sind, sind heute die ersten Nachrichten im Getto eingetroffen. Es kamen 31 Postkarten, die durchwegs den Poststempel vom 19. Juli 1944 tragen. Aus den Karten geht erfreulicherweise hervor, dass es den Leuten gut geht ... einzelne Karten sprechen von guter Verpflegung. Es bestätigt sich also, dass tatsächlich Arbeitskolonnen für das Altreich gebraucht werden." Die Karten stellten sich als Fälschungen heraus, die erwähnten Personen sind direkt in die Vernichtungslager gebracht worden und waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Der menschenverachtende und besonders perfide Vernichtungswille der Nazis zeigt sich hier in aller Deutlichkeit. An anderer Stelle (26. Juni 1944) erfahren wir von vielen Menschen, die versuchten, durch vorgetäuschte Krankheiten und Interventionen von den Transportlisten zu den Todesstätten gestrichen zu werden. Regelmäßig wird auch über den "Präses", den "Judenältesten", Chaim Rumkowski, und seine durchaus eigenwillige Rolle bei der "Selbstverwaltung" des Gettos – die Abhängigkeit von der deutschen Gettoverwaltung war stets präsent – berichtet.
Die informative Einleitung zur Geschichte des Gettos Lódz, zum Sprachgebrauch der Autoren, zur Edition selbst und die notwendigen Anmerkungen sorgen für das richtige Umfeld, in dem diese Edition steht. Der dokumentarische Wert des Bandes ist hoch anzusiedeln. 2006 soll die komplette Getto-Chronik vorliegen. Eine empfindliche Lücke schließt sich.
Jens-Jürgen Ventzki
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Aus: Das Parlament, 2004:
Vom Leben und Sterben im Getto
Ursula Homann
Die Lodzer Chronik - aussagekräftig und erschütternd
Vor 60 Jahren wurde das Getto Lodz/Litzmannstadt aufgelöst. Die Menschen, die im August 1944 noch dort waren - es waren knapp 70.000 -, wurden in die Vernichtungslager Chelmno und Auschwitz verschleppt. Nur wenige überlebten diese letzte Etappe der Vernichtungsmaschinerie. Doch im Gegensatz zum Getto von Warschau, dessen Geschichte schon früh erforscht worden ist, wurde die Geschichte des Gettos von Lodz lange sträflich vernachlässigt. Das hat sich inzwischen gründlich geändert, nicht zuletzt durch eine Universitätspartnerschaft zwischen Gießen und Lodz.
Als wichtiges Hilfsmittel erwies sich bei der Erforschung der Geschichte des Lodzer Gettos neben Essays, Reportagen und Tagebuchaufzeichnungen die sogenannte Getto-Chronik, ein etwa 2000seitiger Text. 15 Mitarbeiter, überwiegend Journalisten und Schriftsteller, hatten seit Januar 1941 täglich alle relevanten Ereignisse im Lodzer Getto auf polnisch und deutsch akribisch festgehalten - aus der Perspektive der Verwaltung des "Judenältesten", was sie aber nicht daran hinderte, ihre Notizen mit kurzen aufschlussreichen Kommentaren zu versehen.
Auf Initiative von Mordechaj Chaim Rumkowski (er stand an der Spitze der scheinbaren jüdischen Selbstverwaltung und gilt als eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte des Holocaust) war in der Verwaltung des "Ältesten der Juden" eine Abteilung gegründet worden, die Leben und Sterben im Getto für zukünftige Generationen dokumentieren sollte, wie aus einer Karte der sogenannten "Enzyklopädie des Gettos" hervorgeht, die 1944 als letztes großes Unternehmen des Archivs zur Ergänzung der Chronik entstanden war. Daneben gab es dort noch ein Grafikbüro und ein "photographisches Referat" mit einem gut ausgestatteten Labor, in dem heimlich aufgenommene Fotos entwickelt wurden.
Chronik-Autoren
Nachzulesen sind die Eintragungen der Lodzer Chronik aus den letzten beiden Monaten Juni und Juli 1944 in der kürzlich herausgegebenen Edition "Letzte Tage". In der Einleitung beleuchtet Sascha Feuchert die Geschichte von Getto und Archiv und stellt die drei wichtigsten Chronik-Autoren vor: Oskar Singer, Oskar Rosenfeld und Peter Wertheimer, von denen keiner die Schreckenszeit überlebt hat. In einem weiteren Beitrag untersucht Jörg Riecke die Sprache von Opfern im Angesicht des Todes.
Am eindrucksvollsten und erschütterndsten ist die Chronik selbst, die tiefe Einblicke in eine abgeschlossene Welt jenseits aller humanen Lebensbedingungen gewährt. Jeder Tageseintrag beginnt mit allgemeinen Nachrichten und statistischen Angaben, über Sterbefälle, zu denen auch Selbstmorde gehören, über Geburten, ansteckende Krankheiten, Verhaftungen. Aber es kommen auch Trauungen und Raubmorde vor.
Besonders aussagekräftig ist der oft angefügte "Kleine Getto-Spiegel". Durch ihn erfährt man über Schwierigkeiten im Zusammenleben auf engstem Raum, von Tragödien, die sich insgeheim abspielen, von "Nachrichten, die durch die Drähte des Gettos dringen" und eine allgemeine Nervosität hervorrufen. Angst "schnürt allen die Kehle ab", vor allem dann, wenn Freiwillige zur Arbeit außerhalb des Gettos gesucht werden. Weiß doch keiner, was draußen mit den Menschen geschieht.
"Wer nur die kleinsten 'Plejzes' (Beziehungen) haben wird, der wird versuchen, sich der Ausreise zu entziehen" heißt es an einer Stelle. Kaum einer will "heraus aus der Hölle, weil man sich an sie gewöhnt hat", schreibt Oskar Singer, und Oskar Rosenfeld fügt hinzu: "Gott allein weiß, für wen es besser sein wird; für den, der hier bleibt oder für den, der weggeht." Aber man liest auch, dass manche Menschen "verstockt" seien und dass durch Not und Angst der ein oder andere "egoistisch" und "rücksichtslos" geworden sei.
Alarmierende Gerüchte machen häufig die Runde und nicht wenige werden dann von Panik ergriffen. Niederdrückend und allgegenwärtig sind Hunger, Not, Einsamkeit, Misstrauen und Bangigkeit, die man oft deutlich zwischen den Zeilen spürt. "Und doch - der jüdische Glaube an eine Gerechtigkeit, die irgendwann siegen wird, lässt den äußersten Pessimismus nicht zu. Man versucht, sich selbst zu trösten, sich irgendwie selbst zu täuschen", heißt es an einer Stelle. "Keine Ausreise-Aufforderung, eine Ration, ein Laib Brot - diese drei Fakten an einem Tag hatten die Kraft, das Getto glücklich zu machen" merkt Oskar Singer einmal an. "Der Tag verlief ruhig... Die Stimmung im Getto ist rosig. Alles ist voller Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges", so ein Eintrag am 23.Juli 1944. Manchmal klingt auch leiser Humor an, wie etwa in der Geschichte von der Bepflanzung eines Kinderwagens mit Gemüse, den der Besitzer aus Furcht vor Diebstahl unablässig im Getto herumfuhr.
Der Band - Auftakt für eine komplette Ausgabe der Chronik, die für das Jahr 2006 vorgesehen ist - schließt mit der Chronologie zur Geschichte des Gettos. Diese wiederum endet mit dem Vermerk, dass Lodz am 19. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde und dass 600 Menschen, die im Getto als Aufräumkommando zurückgelassen worden waren, das Getto überlebt haben sowie etwa 270 Menschen, denen es gelungen war, sich vor den Deportationen in Sicherheit zu bringen.
Sascha Feuchert und andere (Hrsg.). Letzte Tage: Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944. Wallstein Verlag, Göttingen 2004; 256 S., 19,- Euro
Ursula Homann arbeitet als freie Journalistin im sauerländischen Arnstadt.
Aus dem Internet-Angebot der Zeitschrift "Das Parlament" mit der Beilage "Aus Politik und Zeitgeschichte"
© 2004 Deutscher Bundestag und Bundeszentrale für politische Bildung.
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Aus: Jüdische Allgemeine, 18.11.2004:
Im Krepierwinkel Europas
Eine Chronik über Leben und Tod im Ghetto Lódz
von Ludger Heid
Wissenschaft gilt gemeinhin als gefühlsneutral. Doch Editionen zur Holocaust-Geschichte sind oft eine aufwühlende Angelegenheit. Denn vor dem Bearbeiter türmen sich Leichenberge, im wahrsten Sinne. So muß es auch den Herausgebern der Lodzer Ghetto-Chronik gegangen sein. Sie dokumentiert die Geschehnisse in den letzten Tagen dieses nach Warschau größten nationalsozialistischen Ghettos vor sechzig Jahren. Als "Krepierwinkel Europas" bezeichnete Oskar Rosenfeld, einer der Chronisten des Ghettos, dieses Lodz/Litzmannstadt. Dokumente, die den dortigen Judenmord belegen, müssen veröffentlicht werden, daran führt kein Weg vorbei. Dies ist man den Opfern schuldig.
Die Lodzer Ghetto-Chronik, das ist ein zweitausend Seiten langer Text, der seit Januar 1941 Tag für Tag in polnischer und deutscher Sprache alle relevanten Ereignisse im Ghetto aus der Perspektive des "Judenältesten" Chaim Rumkowski festhielt und kommentierte. Trotz ihrer historischen Bedeutung wurde diese Chronik bislang nur in Hebräisch veröffentlicht, 1987. Daß die Chronik überhaupt noch existiert, ist Ghetto-Briefträger Nachman Zonabend zu verdanken. Er wusste von den Berichten und hat sie bei der Auflösung des Ghettos im August 1944 in einen stillgelegten Brunnen geworfen. Zonabend barg die Dokumente nach dem Krieg und stellte sie Archiven zur Verfügung.
Die Gesamtchronik bis zum Jahr 2006 der Öffentlichkeit in den Originalsprachen Deutsch und Polnisch zugänglich zu machen, ist das Verdienst der Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität in Gießen in Verbindung mit dem Staatsarchiv Lodz, sowie dem Auswärtigen Amt, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Ernst Ludwig Chambré Stiftung, die das dafür nötige Geld zur Verfügung stellen.
Alle zwei Wochen trifft sich das Gießener Team, bestehend aus Historikern, Sprach- und Literaturwissenschaftlern, und bearbeitet die zum Teil kaum leserlichen und auf dünnem Papier gedruckten Dokumente. "Manchmal sind die Berichte nicht vollständig oder es gibt nur Durchschläge", berichtet Projektleiter Sascha Feuchert. Auch müsse man immer wieder die Umstände erläutern, unter denen die Chronik entstand. Schließlich sei das Schreiben im Ghetto lebensgefährlich gewesen und die "Schere im Kopf" habe zu seltsamen Formulierungen geführt. So sei beispielsweise der "Selbstmord am Drahtzaun", von dem der Tagesbericht vom 17. Juli 1944 schreibt, in Wahrheit eine Erschießung durch einen Schutzpolizisten. "Deshalb ist es wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen", sagt Feuchert. Mit enormem Aufwand habe das Archiv des "Judenrates" von 1940 bis 1944 die Ereignisse im Ghetto aufgezeichnet, "verfasst wie eine Zeitung, aber doch ohne Leser". Rund ein Dutzend Autoren, darunter der tschechische Schriftsteller Oskar Singer, hätten für die Nachwelt geschrieben, aber selbst den Holocaust nicht überlebt.
Seit vier Jahren arbeitet das Forscherteam an der Übersetzung der erhaltenen Texte des zweitgrößten polnischen Ghettos. "Die Berichte gehören zu den bemerkenswertesten Zeugnissen des Holocaust", sagt Feuchert. In solcher Ausführlichkeit und dazu tagtäglich sei noch nie das Leben eines Ghettos beschrieben worden. Nur ein Viertel der Dokumente sei bisher auf Englisch und in einer wissenschaftlich angreifbaren Fassung publiziert worden.
Bei seiner Errichtung am 8. Februar 1940 drängten sich hundertsechzigtausend Menschen auf 4.13 Quadratkilometern in einunddreißigtausend Zimmern im Ghetto. Kaum eins der Holzhäuser verfügte über fließendes Wasser. Die Kosten für die tägliche Versorgung der Bewohner wurden auf dreißig Pfennig pro Kopf festgelegt und lagen damit weit unter dem Satz für Gefängnisinsassen. Anfang 1942 begannen die Deportationen aus dem Ghetto Lodz nach Chelmno. Innerhalb der nächsten vier Monate fielen fünfundfünfzigtausend Menschen diesen Mordaktionen zum Opfer. Ende 1943 arbeiteten hundertsiebzehn Werkstätten und Fabriken im Ghetto auf Hochtouren für die deutsche Kriegswirtschaft und produzierten für Firmen wie Neckermann. Dadurch bewahrten sich die Ghettoarbeiter, so zynisch es klingt, einen Todesaufschub.
Denn über das Schicksal des Ghettos und seiner Bewohner ließen die Nationalsozialisten keinerlei Zweifel. Friedrich Uebelhoer, der deutsche Regierungspräsident von Kalisz, kündigte an: "Zu welchen Zeitpunkten und mit welchen Mitteln das Ghetto (...) von Juden gesäubert wird, behalte ich mir vor. Endziel muß jedenfalls sein, daß wir diese Pestbeule restlos ausbrennen."
Oskar Rosenfeld ist einer der unbestechlichen Chronisten, der im "Ghetto-Spiegel" seine eigenen Gefühle ausdrückte. So berichtet er am 22. Juni 1944 von der Fahndung der Wachmannschaften nach der elfköpfigen Familie Szmulewicz. Doch es gab die Familie nicht mehr. Ihre Mitglieder waren ausgesiedelt, "gestorben", erschossen oder durch Selbstmord "verschwunden", Rosenfeld kommentiert.: "Zu spät. Der Tod hat der Behörde ein Schnippchen geschlagen. Gegen den Tod ist sogar die schlagartigste Hand machtlos."
Der letzte Tagesbericht am 30. Juli 1944 meldet eine Tagestemperatur von 22,38 Grad, sonnig und heiß. Alles in allem herrsche im Ghetto Ruhe und Ordnung. Wenn allerdings kein Mehl einkomme, könne die Lage äußerst kritisch werden, es werde behauptet, daß die Mehlvorräte nur für knapp zwei bis drei Tage reichten.
Am 19. Januar 1945 wurde Lodz von der Roten Armee befreit. Sechshundert Menschen, die als Aufräumkommando zurückgelassen worden waren, sowie rund zweihundertsiebzig Menschen, denen es gelungen war, sich vor der Deportation zu verstecken, haben das Grauen überlebt. Die Chronik, als institutionalisiertes Gedächtnis der jüdischen Zwangsgemeinschaft gedacht, gestattet uns einen tiefen Einblick in eine Existenz jenseits humaner Lebensbedingungen. Sie ist ein beredtes Zeugnis der Leidensgeschichte einer jüdischen Gemeinschaft und ein beklemmendes Dokument des beispiellosen Zivilisationsbruchs.
Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944. Herausgegeben von Sachsa Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke sowie Julia Baranowski und Krystyna Radzisewska, Wallstein, Göttingen 2004, 256 S. , 19 €
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Aus: Gazeta wyborcza, 8.11.2004:
Lodzer Getto Chronik: Zuerst auf Deutsch
Es ist ein Band der "Lodzer Getto Chronik" erschienen, der mit den Monaten Juni und Juli 1944 die letzte Etappe des Bestehens des Gettos kurz vor dessen Liquidierung dokumentiert.
Die "Chronik" entstand in der Statistischen Abteilung, die von Chaim Mordechai Rumkowski, dem Judenältesten, gegründet wurde. Sie ist ein erschütterndes Dokument. Es zeigt, wie wirkungsvoll die Nazis die Fiktion von den Aussiedlungen zum Arbeitseinsatz aufrechterhielten, während immer neue Transporte mit Juden nach Chelmno verschickt wurden. Selbst die zur [intellektuellen] Elite gehörenden Chronikautoren ließen sich irreführen. "Jetzt wird alles gut werden" – schrieb im Sommer 1944 Oskar Singer, ein Philosoph aus Prag.
Seit dem 12. Januar 1941 wurde die Chronik als "Bulletin der Tageschronik" auf Polnisch geführt. Die ersten Verfasser waren polnische Juden, später wurden auch Juden aus Westeuropa in den Autorenkreis aufgenommen. In der Chronik lesen wir von auf den Straßen plakatierten Bekanntmachungen, Reden Rumkowskis, Lebensmittelzuteilungen und von den auf dem Schwarzmarkt herrschenden Preisen. Es ist auch von Gerüchten und Konzerten die Rede. Bisher existiert keine vollständige Ausgabe dieses Werkes in polnischer Sprache. Vor 1968 erschienen nur zwei Bände. Wissenschaftler von der Lodzer Universität und der Universität in Giessen arbeiten zusammen mit dem Staatsarchiv an einer deutsch-polnischen Edition. Der Band "Letzte Tage. Die Lodzer Getto Chronik" wurde anlässlich des 60. Jahrestages der Liquidation des Gettos auf Deutsch herausgegeben. Der erste Band der "Chronik" auf Polnisch wird nächstes Jahr erscheinen.
(Joanna Podolska)
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Aus: Frankfurter Rundschau, 10.09.2004:
Gießener Wissenschaftler entziffern Lodzer Chronik
Die Aufzeichnungen sind ein Zeugnis vom Leben im vor 60 Jahren aufgelösten Getto, in dem bis zu 160 000 Menschen inhaftiert waren
"Selbstmord am Drahtzaun" lautet eine Überschrift des Tagesberichts vom 17. Juli 1944 aus dem Getto Lodz. Es ist eine von vielen Nachrichten, die auf insgesamt 2000 eng bedruckten Seiten Auskunft über Sterbefälle, Festnahmen oder den Bevölkerungsstand. Gießener Wissenschaftler entziffern die zum Teil schwer lesbaren Texte.
Gießen, 9. September - EPD - Gemeinsam mit deutschen Wissenschaftlern und der Universität und dem Staatsarchiv in Lodz arbeitet Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität in Gießen, seit vier Jahren an der Übersetzung der erhaltenen Texte des zweitgrößten polnischen Gettos. 2006 soll die Getto-Chronik in den Originalsprachen Deutsch und Polnisch erscheinen.
"Die Berichte gehören zu den bemerkenswertesten Zeugnissen des Holocaust", sagt Feuchert. In solcher Ausführlichkeit und dazu tagtäglich sei noch nie das Leben eines Gettos beschrieben worden. Nur ein Viertel der Dokumente sei bisher auf Englisch und in einer wissenschaftlich angreifbaren Fassung publiziert worden.
In den vergangenen 60 Jahren habe die Geschichte von Lodz leider kaum Beachtung gefunden, bedauert der Germanist. Erst jetzt habe es eine Gedenkveranstaltung in Lodz, zu der etwa 200 Überlebende des Gettos eingeladen waren. Dabei seien bis zu 300 000 Menschen aus dem Getto vor allem ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert worden. "Etwa 45 000 starben im Getto, in dem zeitweise 160 000 Menschen inhaftiert waren." Durch die Übersetzung hoffen die Wissenschaftler, das öffentliche Interesse an der Geschichte des Gettos zu wecken.
Schreiben war lebensgefährlich
Alle zwei Wochen trifft sich das deutsche Team, bestehend aus Historikern, Sprach- und Literaturwissenschaftlern, und bearbeitet die zum Teil kaum leserlichen und auf dünnem Papier gedruckten Dokumente. "Manchmal sind die Berichte nicht vollständig oder es gibt nur Durchschläge", berichtet Feuchert. Auch müsse man immer wieder die Umstände erläutern, unter denen die Chronik entstand. Schließlich sei das Schreiben im Getto lebensgefährlich gewesen und die "Schere im Kopf" habe zu seltsamen Formulierungen geführt.
So entpuppe sich beispielsweise der "Selbstmord am Drahtzaun" als Erschießung durch einen Schutzpolizisten. "Deshalb ist es wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen", sagt Feuchert. Mit enormen Aufwand habe das Archiv des Judenrates von 1940 bis 1944 die Ereignisse im Getto aufgezeichnet, "verfasst wie eine Zeitung, aber doch ohne Leser." Rund ein Dutzend Autoren, darunter der tschechische Schriftsteller Oskar Singer, hätten für die Nachwelt geschrieben, aber selbst den Holocaust nicht überlebt.
Dass die Berichte erhalten blieben, habe man dem Getto-Briefträger Nachman Zonabend zu verdanken. Er wusste von den Berichten und habe diese bei der Auflösung des Gettos im August 1944 in einen stillgelegten Brunnen geworfen, erläutert Feuchert. Zonabend barg die Dokumente nach dem Krieg und stellte sie den Archiven zur Verfügung. Das Chronik-Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, kostet 225 000 Euro.
Ein "Pilotband" über die letzten Monate des Gettos, Juni und Juli 1944, ist im Göttinger Wallstein-Verlag unter dem Titel "Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944" zum Preis von 19 Euro erschienen. 2006 plant der Verlag die Gesamtedition.
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AP-Meldung, 02.09.2004:
Literatur & Lesen - Vitrine Sachbuch: Flaschenpost aus der Zeit der Vernichtung
Frankfurt/Main (AP) „Die Hohensteinerstraße hat ihr Antlitz verändert. Der Verkehr ist außerordentlich lebhaft. Man merkt, dass der Krieg allmählich auch an Litzmannstadt heranrückt. Neugierig schaut der Gettomensch den durcheilenden Kraftwagen der verschiedenen Waffengattungen nach. Das Wichtigste aber ist für ihn doch noch immer: Was gibt es zum Essen?'"
Die Verfasser dieser Tagesnachricht vom 30. Juli 1944 wussten noch nicht, dass dies der letzte Eintrag der Chronik aus dem Getto von Lodz sein würde - beziehungsweise Litzmannstadt, wie die deutschen Nationalsozialisten die polnische Stadt umbenannten. Vor nunmehr 60 Jahren wurde das nach Warschau zweitgrößte Getto auf polnischem Gebiet, in dem zeitweise 160.000 Juden zusammengepfercht waren, endgültig aufgelöst. Die letzten der 70.000 noch verbliebenen Bewohner wurden am 29. August 1944 abtransportiert in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau oder Chelmno.
Zurück blieben rund 2.000 Seiten der Lodzer Getto-Chronik, die noch schnell in einem trockenen Brunnenschacht versteckt werden konnten. Diese akribischen Aufzeichnungen in Deutsch und Polnisch geben einen erschütternden Einblick in den grausamen Alltag des Gettos. Sie zeugen von Hunger und Krankheit, von Gewalt und Tod - doch ebenso vom Wunsch, sich allen widrigen Umständen zum Trotz noch etwas Normalität und Würde zu bewahren. Dies wird nicht zuletzt deutlich an einem besonderen Getto-Humor.
Im Gegensatz zu den Untergrundarchiven aus anderen Gettos hat die Lodzer Chronik offiziellen Charakter. Sie wurde erstellt von der Statistischen Abteilung, die die deutschen Kommandanten der so genannten jüdischen Selbstverwaltung genehmigt hatten. Allerdings musste der Mitarbeiterstab unter Leitung des Prager Journalisten Oskar Singer stets mit Kontrollen rechnen, so dass in strenger Selbstzensur die Verhältnisse zwar dokumentiert, aber kaum kommentiert wurden. Das Ergebnis sind stilistisch vielfältige Artikel und Reportagen für eine Zeitung der Zukunft.
Anlässlich des 60. Jahrestags der Getto-Liquidation sind die Aufzeichnungen der Monate Juni und Juli 1944 jetzt als Buch erschienen. Herausgeber sind Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen. Sie haben 2002 schon die gesonderten Reportagen von Oskar Singer veröffentlicht („Im Eilschritt durch den Gettotag", Philo Verlagsgesellschaft). Der jetzige Band über die letzten Tag im Lodzer Getto ist der Auftakt für eine komplette Ausgabe der umfangreichen Chronik, die 2006 erscheinen soll. (Annedore Smith)
(Wallstein Verlag, ISBN 3-89244-801-9, 19 Euro)
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Aus: Gießener Anzeiger, 28.08.2004:
"Unser einziger Weg ist Arbeit"
Vor 60 Jahren wurde das Getto in Lodz liquidiert und 76 000 Menschen ins Vernichtungslager transportiert
Von Heidrun Helwig
Lodz/Giessen. Es ist heiß und sonnig an jenem 30. Juli. Mit Temperaturen bis 38 Grad. Und wie bereits der Samstag verläuft auch der Sonntag "sehr ruhig". Wenngleich der Verkehr inzwischen überaus lebhaft ist. Es ist deutlich zu spüren, dass der Krieg allmählich auch an Litzmannstadt - der nationalsozialistische Name für die Stadt Lodz – heranrückt. "Neugierig schaut der Gettomensch den durcheilenden Kraftwagen der verschiedenen Waffengattungen nach. Das Wichtigste aber ist für ihn doch noch immer: ‚Was gibt es zum Essen?’". Denn Hunger bestimmt dem Alltag der jüdischen Bewohner. Und "wenn morgen, Montag, kein Mehl einkommt, kann die Lage äußerst kritisch werden." Ob das ersehnte Mahl geliefert wird, bleibt offen. Denn mit dem Eintrag an diesem heißen Julitag reißt die Chronik ab. Bekannt aber ist, dass die Lage weit mehr als kritisch wird. Denn im August 1944 wird das Getto Lodz liquidiert. Insgesamt 76000 Menschen werden nach Chelmno, jenem Vernichtungslager, das die Deutschen Kulmhof nennen und das 55 Kilometer vom Getto entfernt liegt, sowie nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Gedenkveranstaltungen
Der letzte Transport verlässt Lodz am 29. August 1944. Das liegt nun genau 60 Jahre zurück. Und erstmals erinnert die Stadt, deren Name mit dem zweitgrößten nationalsozialistischen Getto auf polnischem Gebiet verbunden ist, an die zahllosen Opfer in großen öffentlichen Gedenkveranstaltungen. Erwartet werden dazu auch rund 2000 Überlebende des Naziterrors aus aller Welt. Pünktlich zu diesem Gedenktag ist nun der erste Band der "Lodzer Getto-Chronik" erschienen, der diese "Letzten Tage" umfasst. Gleichsam ein Zeichen der Versöhnung, dass ein polnisch-deutsches Forscherteam den liebevoll gestalteten, einfühlsam kommentierten, anrührenden Band gemeinsam vorgelegt hat. Die Zusammenarbeit ist damit keineswegs beendet. Denn bis 2006 soll die rund 2000 Seiten umfassende Chronik in ihren Originalsprachen deutsch und polnisch komplett veröffentlicht werden. Gemeinsam bearbeitet von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Gießener Universität und einer Arbeitsgruppe aus Lodz. Gefördert wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In Polen erfährt die Kooperation der Wissenschaftler große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ganz anders bislang in Deutschland.
Die Chronik ist ein erschütterndes Zeugnis der Ereignisse im Getto. Akribisch notieren die etwa 15 Mitarbeiter – überwiegend Schriftsteller und Journalisten – die täglichen Nachrichten. Berichten über Wetter und Bevölkerungsstand. Informieren über besondere Vorkommnisse und verzeichnen akribisch den Unfang der Lebensmittellieferungen. Vermelden die Sterbefälle samt Todesursache und die "Transporte zur Arbeit außerhalb des Gettos". Doch die Chronik ist weit mehr als eine Sammlung von Tagesnachrichten und statistischen Daten. Um die reine Wiedergabe der Fakten des Alltags gruppieren sich nach und nach literarisch gefärbte und sogar humoristische Texte. Ab 1943 erscheinen feste Rubriken wie "Man hört, man spricht", "Kleiner Getto-Spiegel" oder "Getto-Humor". Dadurch erscheint die Chronik wie eine Tageszeitung. Mit Berichten und Kommentaren, Glossen und unterhaltenden Artikeln. Gleichwohl ist die "Chronik" letztlich Teil der vorgetäuschten Normalität eines alltäglichen Lebens, die sich aus Sicherheitsgründen einer internen Zensur unterwirft. Aber für die Autoren des kollektiven Tagebuches gibt es – anders als für Journalisten üblich – keine unmittelbare Leserschaft. Konsequent wenden sie sich deshalb an zukünftige Leser. Das wird nicht nur am 2. Juli 1944 offenkundig mit dem Hinweis: "Ein wenig kompliziert sind die Sachen für den erstaunten Leser unserer Nachwelt." Dass die Getto-Chronik nun nach 60 Jahren tatsächlich die Nachwelt erreicht, ist geradezu ein Wunder. Nachmann Zonabend, ein ehemaliger Briefträger im Getto, der zum "Aufräumkommando" gehört, das die SS nach der vollständigen Liquidierung aus ehemaligen Bewohnern bildet, entdeckt im Haus des Getto-Archivs mehrere Koffer mit Texten und Dokumenten. Er versteckt sie in einem ausgetrockneten Brunnen und kann sie nach der Befreiung bergen.
Häuser aus Holz
Doch trotz ihrer historischen – und literarischen – Bedeutung ist die "Chronik" niemals vollständig veröffentlicht worden. Ein polnischer Editionsversuch bleibt nach zwei Bänden Mitte der 60er Jahre stecken. Die Editoren geraten in die Mühlen der alle gesellschaftlichen Bereiche ergreifenden antisemitischen Unruhen in Polen. Einer der Herausgeber, Lucjan Dobroszycki, kann seine Arbeit in Amerika fortsetzen. Doch entscheidet er sich für eine Kurzausgabe in englischer Übersetzung: Nur ein Viertel des Chroniktextes wird von ihm publiziert, den er zudem häufig bearbeitet und an verschiedenen Stellen neu arrangiert. Seither galt es als wissenschaftlicher Konsens, dass das kollektive Tagebuch ein "Oberklassentext" sei, der nicht die "tatsächliche Geschichte" des Gettos wiedergebe. An der Editionsgeschichte spiegelt sich auch die generelle Auseinandersetzung mit dem Lodzer Getto wider. Denn: Lodz bleibt – ganz anders als Warschau – ein Getto am Rande. Ein Getto, dessen Geschichten viel seltener erzählt werden. Schließlich fehlen die großen symbolischen Widerstandshandlungen, die zur Identifikation hätten einladen können, und obendrein stand an der Spitze der scheinbaren jüdischen Selbstverwaltung mit Mordechaj Chaim Rumkowski eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte des Holocaust. Ihn ernennen die Deutschen zum "Ältesten der Juden" des Gettos, das am 8. Februar 1940 eingerichtet wird. Weitreichende Repressionen aber müssen die rund 210 000 Juden, die in Lodz leben, schon zuvor ertragen. Vor allem, seit die Stadt Anfang November 1939 in das Deutsche Reich eingegliedert wird. Das "Wohngebiet der Juden" umfasst hauptsächlich das ehemalige Armenviertel und die Altstadt. Dort gibt es rund 2500 Häuser mit insgesamt 31 000 Zimmern. Kaum eines der überwiegend aus Holz erbauten Gebäude verfügt über fließend Wasser oder einen Anschluss an die Kanalisation.
Perfekte Isolation
1942 gar wird das Getto nochmals verkleinert. 42587 Menschen pferchen die Nazis nun auf einen Quadratkilometer zusammen. In einem Raum sind sechs bis sieben Personen untergebracht. In keinem Getto im besetzen Polen wird die Isolierung mit solcher Perfektion betrieben. Denn die fehlende Kanalisation macht es nahezu unmöglich, das Getto zu verlassen oder einen nennenswerten Schmuggel zu organisieren. Zu einer völligen Isolierung trägt aber auch die "Eindeutschung" von Lodz bei. Im Innern wird unter der Leitung vom Rumkowski eine scheinbare jüdische Selbstverwaltung aufgebaut, die den Bewohnern die "Illusion der Normalität" vorgaukelt. Mit Krankenhäusern, Postwesen, Arbeitsamt, Schulen, Kulturhäusern. Gleichzeitig wird das Getto zunehmend umgestaltet ein reines Arbeitslager, das zu 90 Prozent für die deutsche Rüstungsindustrie produziert. Mit seiner umstrittenen Politik der bedingten Kooperation unter der Parole "Unser einziger Weg ist Arbeit" versucht Rumkowski, die jüdischen Arbeitskräfte für die deutschen Behörden unentbehrlich zu machen. Arbeitsunfähige, Kranke, Kinder und alte Menschen aber haben keine Überlebenschance. Ihr Leben endet entweder durch Hunger oder im Vernichtungslager. Zumal aus Österreich, Böhmen, Luxemburg und dem "Altreich" immer mehr Juden nach Lodz deportiert werden.
Zur scheinbaren Normalität im Getto gehören auch die statistische Abteilung und das Archiv. Dabei stammt die Initiative, die Geschichte und Entwicklung des Gettos für zukünftige Generationen zu dokumentieren, offenbar von Rumkowski selbst. Die Abteilung hat von Anfang an Doppelcharakter: Oberflächlich arbeitet sie für die Deutschen und das bietet Schutz für umfangreiche Archivierungsarbeiten. Dazu zählt auch die Chronik. "Man darf sich unter A[rchiv] keine stille Gelehrtenstube vorstellen, wo emsig geschrieben und gesammelt wurde. [...]Hunger und Kälte liessen eine halbwegs regelmäßige und erspriessliche, schöpferische Arbeit kaum zu", beschreibt Oskar Singer die Situation für die Nachwelt. Der Jurist und Journalist aus Prag zählt neben Oskar Rosenfeld, Schriftsteller und ebenfalls Journalist, zu den Hauptautoren der Chronik. Ihre schöpferische Arbeit wird vor allem in den letzten beiden Monaten von der Liquidierung beeinflusst. Denn neben Hunger macht sich die immer größer werdende Unsicherheit, ob und wie das Leben weiter geht, deutlich bemerkbar. Nicht nur im Inhalt der Chronik – der spielerische Umgang mit Getto-Gerüchten im "Getto-Spiegel" ist fast völlig verstummt, Rubriken wie "Getto-Humor" verschwinden ganz. Auch der Ton der Tagesberichte wird ernster, Sprache und Stil unterscheiden sich inzwischen beträchtlich von den Texten der Jahre 1942 bis 1944.
Und obgleich man zwischen den Zeilen lesen kann, dass sich die Chronisten des nahen Endes des Gettos bewusst sind, keimt auch immer wieder Hoffnung auf. Etwa am 26. Juli: "Frohe Nachricht für’s Getto. Postkarten aus Leipzig. Von Personen, die im Zuge der letzten Aussiedlung zur Arbeit außerhalb des Gettos abgereist sind, sind heute die ersten Nachrichten im Getto eingetroffen. Es kamen 31 Postkarten, die durchweg den Poststempel vom 19. Juli tragen. Aus diesen Karten geht erfreulicherweise hervor, dass es den Leuten gut geht und hauptsächlich, dass die Familien beisammen sind." Die Karten aber sind von den Nazis gefälscht, um der wachsenden Unruhe im Getto zu begegnen. Die vermeintlichen Absender längst in Chelmno ermordet. Wenige Tage später werden auch Oskar Singer und Oskar Rosenfeld nach Auschwitz deportiert. Sie überleben ebenso wenig wie Mordechaj Chaim Rumkowski, der ihnen mit seiner Familie am 28. August 1944 im vorletzten Transport folgt.
"Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944." Herausgegeben von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke sowie Julian Baranowski und Krystyna Radziszewska. Wallstein-Verlag 2004, 256 Seiten, 19 Euro.
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Aus: Gießener Anzeiger, 02.08.2004:
"Selbstmord am Drahtzaun"
Zum 60. Jahrestag der Liquidation des Gettos Lodz erscheinen Auszüge der Chronik – Wissenschaftler aus Gießen und Polen
Gießen (epd). "Selbstmord am Drahtzaun" lautet eine Überschrift des Tagesberichts vom 17. Juli 1944 aus dem Getto Lodz (Litzmannstadt). Es ist eine von vielen Nachrichten, die auf insgesamt 2000 eng bedruckten Seiten Auskunft über Sterbefälle, Festnahmen, Einweisungen und den Bevölkerungsstand des zweitgrößten polnischen Gettos aus den Jahren 1940 bis 1944 geben. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Deutschland sowie der Universität und des Staatsarchivs in Lodz arbeitet Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität in Gießen, seit vier Jahren an der Übersetzung der erhaltenen Texte. 2006 soll die Getto-Chronik in den Originalsprachen Deutsch und Polnisch erscheinen.
Zum 60. Jahrestag der Liquidation des Gettos im August werden die Monate Juni und Juli 1944 veröffentlicht. "Die Berichte gehören zu den bemerkenswertesten Zeugnissen des Holocaust", sagt Feuchert. In solcher Ausführlichkeit und dazu tagtäglich sei noch nie das Leben eines Gettos beschrieben worden. Nur ein Viertel der Dokumente sei bisher auf Englisch und in einer wissenschaftlich angreifbaren Fassung publiziert worden.
In den vergangenen 60 Jahren habe die Geschichte von Lodz leider kaum Beachtung gefunden, bedauert der Germanist. Erst jetzt gebe es eine Gedenkveranstaltung in Lodz, zu der etwa 200 Überlebende des Gettos eingeladen sind. Dabei seien bis zu 300 000 Menschen aus dem Getto vor allem ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert worden. "Etwa 45 000 starben im Getto, in dem zeitweise 160 000 Menschen inhaftiert waren." Durch die Übersetzung hoffen die Wissenschaftler, das öffentliche Interesse an der Geschichte des Gettos zu wecken.
Alle zwei Wochen trifft sich das deutsche Team, bestehend aus Historikern, Sprach- und Literaturwissenschaftern, und bearbeitet die zum Teil kaum leserlichen und auf dünnem Papier gedruckten Dokumenten. "Manchmal sind die Berichte nicht vollständig oder es gibt nur Durchschläge", berichtet Feuchert.
"Schere im Kopf"
Auch müsse man immer wieder die Umstände erläutern, unter denen die Chronik entstand. Schließlich sei das Schreiben im Getto lebensgefährlich gewesen und die "Schere im Kopf" habe zu seltsamen Formulierungen geführt.
So entpuppe sich beispielsweise der "Selbstmord am Drahtzaun" als Erschießung durch einen Schutzpolizisten. "Deshalb ist es wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen", sagt Feuchert. Mit enormen Aufwand habe das Archiv des Judenrates von 1940 bis 1944 die Ereignisse im Getto aufgezeichnet, "verfasst wie eine Zeitung, aber doch ohne Leser." Rund zwölf Autoren, darunter der tschechische Schriftsteller Oskar Singer, hätten für die Nachwelt geschrieben, aber selbst den Holocaust nicht überlebt. Dass die Berichte erhalten geblieben sind, habe man dem Getto-Briefträger Nachman Zonabend zu verdanken. Er wusste von den Berichten und habe diese bei der Auflösung des Gettos im August 1944 in einen stillgelegten Brunnen geworfen, erläutert Feuchert. Zonabend barg die Dokumente nach dem Krieg und stellte sie verschiedenen Archiven zur Verfügung.
Das Chronik-Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, kostet rund 225 000 Euro. Der erste Teil der Chronik über die Monate Juni und Juli 1944 erscheint im August im Göttinger Wallstein-Verlag unter dem Titel "Letzte Tage. Die Lodzer Getto-Chronik Juni/Juli 1944".
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Aus: Gießener Anzeiger, 20.07.2004:
"Gewöhnung war eine Überlebensstrategie"
Historiker Andreas Kilian sprach über "Das jüdische Sonderkommando in Auschwitz" – "Es gab keinen Ausweg"
GIESSEN (cam). Die Männer leben in Israel und den USA, in Italien, und einer auch in Deutschland. Aber "ein Teil ihrer Seele ist immer noch in Auschwitz". Denn in dem Vernichtungslager des Konzentrationslagers mussten sie als jüdisches Sonderkommando Männer, Frauen und Kinder in die Gaskammern führen und deren Leichen später in den Krematorien verbrennen. Er wolle diesen "traumatisierten Männer ein Gesicht und eine Stimme geben", sagte Andreas Kilian. Der Historiker hielt einen eindringlichen Vortrag über die wenigen Überlebenden des Sonderkommandos, zu dem die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität eingeladen hatte. Nur etwa 80 von 2100 Männern, die im Kommando hatten arbeiten müssen, waren der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten entkommen. Sie waren als unmittelbare Zeugen des Massenmordes "lebende Tote", schilderte Kilian. Denn ihnen sei stets klar gewesen, dass auch sie bald von der SS, die die Konzentrationslager leitete, umgebracht werden würden.
Kilian ging es darum, die Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen der Menschen zu beleuchten, die in einer solchen Situation hatten leben müssen. Dazu zeigte er einen beeindruckenden Kurzfilm, in denen drei Überlebende zu Wort kamen und las aus seinem Buch "Zeugen aus der Todeszone" vor, in dem er und zwei weitere Autoren Interviews mit den ehemaligen Häftlingen zusammengestellt haben. Jetzt, im Alter, nachdem viele das Erlebte verdrängt hatten, würden die Erinnerungen drängender als je zuvor zurück kommen.
Die Arbeiter im Sonderkommando waren die letzten, die die anderen Häftlinge lebend sahen. Die "große Tragödie" des Sonderkommandos sei, dass die Männer Bekannte, Verwandte, ja die eigene Familie in die Gaskammern bringen mussten. Sie mussten ihnen die Haare zu scheren und den Leichen die Goldzähne herauszubrechen. In sämtlichen Körperöffnungen mussten sie nach Schmuck suchen. Die Gaskammern säubern. Die Leichen verbrennen und die Asche zerstampft in die Flüsse streuen. Die meisten Männer vielen in Apathie, um das Grauen ertragen zu können. "Gewöhnung war eine Überlebensstrategie." Nach ihrer Befreiung 1945 schwiegen die Überlebenden: Um vergessen zu können oder aus Scham. Denn ihnen wurde vorgeworfen, an der Vernichtung des eigenen Volkes mitverantwortlich gewesen zu sein. "Aber was sollte man tun?", fragt ein alter Mann in dem Kurzfilm. "Neinsagen ging nicht. Da brachte dich die SS um. Es gab keinen Ausweg."
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 14.07.2004:
Arbeitsstelle Holocaustliteratur - Fortbestand bis zum Jahr 2010 gesichert
Gießen (dpa/lhe). Der Fortbestand der bundesweit einzigartigen Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität ist bis 2010 gesichert. Die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung im mittelhessischen Lich, die vor allem Projekte mit Jugendlichen zur Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus fördert, schenkt der Hochschule 135 000 Euro steuert die Universität bei, wie Präsident Prof. Stefan Hormuth berichtete.
Die auf sechs Jahre befristete Assistentenstelle soll nun ausgeschrieben werden. Gegründet wurde die Arbeitsstelle 1998 auf Initiative des heutigen Leiters Prof. Erwin Leibfried und seines Stellvertreters Sascha Feuchert am Institut für Germanistik. Ziel ist die literaturwissenschaftliche Untersuchung und Aufbereitung von texten der Holocaustliteratur. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Texten von Überlebenden.
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Aus: Gießener Anzeiger, 03.07.2004:
„Es gab keine Gedenkstätte, kein Mahnmal, keine Inschrift"
Historikerin und Journalistin Joanna Podolska berichtet von der Erinnerung an das Ghetto von Lodz – Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Liquidierung
GIESSEN (hh). Deutlich sichtbare Spuren gibt es in großer Anzahl. Und dabei handelt es sich keineswegs nur um Mauerreste oder Ruinen. Denn das ehemalige Hauptquartier der Nazi-Kripo überdauerte die Kriegswirren nahezu unversehrt und gehört heute - wie bereits vor 1939 - als Pfarrhaus der Katholischen Kirche. Ganze Wohnhäuser konnten ebenfalls der Zerstörung entgehen. Und dennoch war den meisten Bewohnern von Lodz nicht bekannt, dass mitten in ihrer Stadt unzählige Menschen verhungert sind. Dass mitten in ihrer Stadt Kinder schon wegen des Diebstahls einer Kartoffel deportiert wurden. Dass vom Bahnhof ihrer Stadt Zehntausende in die Vernichtungslager von Birkenau und Chelmo verschleppt wurden. Denn in der polnischen Stadt gab es bis vor kurzem nahezu keine Erinnerung an das jüdische Ghetto, in dem zwischen Februar 1940 und August 1944 etwa 210 000 Menschen unter erbärmlichen Zuständen versuchten, zu überleben. Das aber hat sich gerade in den letzten Monaten verändert. Vor allem auf Grund des Engagements der Historikerin Joanna Podolska, die als Redakteurin der „Gazeta Wyborcza", der größten polnischen Tageszeitung, in Lodz arbeitet. In ihrem Vortrag „The Lodz Ghetto - traces und memory" hat die Journalistin auf Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und des Sonderforschungsbereichs Erinnerungskulturen der Justus-Liebig-Universität (JLU) von ihren Anstrengungen um die „Erinnerung an das Ghetto von Lodz" berichtet.
„Es gab keine Gedenkstätte, kein Mahnmal, keine Inschrift", sagte Joanna Podolska. Mehrere Wohnhäuser wurden abgerissen, einzelne Straßenzüge grundlegend verändert und etliche Alleen und Gassen nach dem Krieg umbenannt. Überlebende, die im Ghetto waren und in Lodz nach den Spuren ihrer Geschichte suchten, „konnten die Straßen, in den sie wohnen mussten, nicht wiederfinden". Und weder sie und schon gar nicht junge Leute konnten in der Stadt „nachvollziehen, was passiert war." Mehr noch: Der im Jahr 1811 angelegte alte jüdische Friedhof, der die Besatzung der Nationalsozialisten weitgehend überdauerte, wurde in den 1950er Jahren völlig zerstört. Allerdings gibt es bis heute den „neuen" jüdischen Friedhof, auf dem ein riesiges Gräberfeld von den 45 000 bereits im Ghetto gestorbenen Menschen zeugt. Auch er wurde lange Zeit vernachlässigt und verfiel zusehends.
Spezielles Kinderghetto
1965 dann wurde immerhin von der Stadt Lodz eine erste Erinnerungstafel für die ermordeten Juden, Sinti und Roma des Ghettos aufstellt. Wenige Jahre später kam eine zweite Gedenkplakette hinzu, gestiftet von „betroffenen Bürgern der Stadt Hamburg", die von der Elbe nach Lodz deportiert worden waren. 1971 dann wurde ein Mahnmal für etwa 1600 im speziellen Kinderghetto isolierten polnischen Kinder aufgestellt.
Vor sieben Jahren schließlich hat die junge Historikerin die Geschichte des jüdischen Friedhofs in einem speziellen Stadtführer aufgearbeitet. Dafür hat sie zahlreiche frühere jüdische Bewohner von Lodz interviewt. Etwa 5000 haben den Terror im Ghetto und die Deportation in die Vernichtungslager überlebt und sind nach dem Krieg überwiegend nach Amerika, England, Israel und Kanada ausgewandert. Und nach und nach begannen sich auch die Verantwortlichen der Stadt Lodz, zunehmend aber auch Bewohner, für die Geschichte der Ereignisse zwischen 1940 und 1944 zu interessieren, zumal sich die Liquidierung des Ghettos Ende August zum 60. Mal jährt. Befördert von einem Appell der Medien an die Bürger von Lodz selbst nach Spuren des Ghettos zu suchen. Dabei wurden gleich in mehreren Kellern Überreste jüdischen Lebens entdeckt. Briefe und Haushaltsgegenstände, Kisten und Kleidungsstücke. Zudem wurden nun an etlichen Gebäuden Gedenktafeln angebracht, die über deren jeweilige Geschichte informieren. Und die Stadt, allen voran der Bürgermeister, der offiziell Präsident heißt, hat einen polnischen Künstler mit jüdischen Wurzeln beauftragt, ein Mahnmal zu entwerfen. Gleich drei verschiedene Pläne hat er vorgelegt und darüber wurde intensiv in Lodz diskutiert. Noch ist unklar, ob und welches realisiert wird.
Diskutiert wird auch an Schulen und der Universität, die seit mehr als 25 Jahren eine enge Partnerschaft zur JLU unterhält. Dafür wurden sogar spezielle Weiterbildungen für die Lehrer eingerichtet. Und Ende August wird dann eine große Gedenkveranstaltung stattfinden, zu der rund 200 Überlebende aus aller Welt erwartet werden. Dann wird Joanna Podolska mit Studenten, die sie nebenbei an der Universität unterrichtet, Interviews führen. Damit die Erinnerungen an das Ghetto von Lodz nicht nach dem Tod der letzten Zeitzeugen unwiederbringlich verloren gehen.
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Aus: Gießener Anzeiger, 22.05.2004:
Von Sex als Tauschobjekt für ein Stück Brot
Lucille Eichengreen erzählt von „Frauen und Holocaust" – Kooperation mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU
Von Heidrun Helwig
GIESSEN. Viel Zeit hatte sie nicht mehr. Das wusste sie. Und deshalb kämpfte sie gegen die Erschöpfung und erzählte dem Mädchen von ihrem Leben. Von der Jugend in Polen, der Ehe mit Beno in Hamburg und dem Familienglück mit den beiden Töchtern. Aber auch vom plötzlichen Umschwung. Den ersten Repressalien, der Festnahme von Beno, dem Tag, als zwei Gestapo-Männer achtlos eine Zigarrenkiste mit Asche auf ihren Küchentisch warfen. Gefüllt mit den vermeintlichen Überresten ihres Mannes aus Dachau. Im Ghetto von Lodz erzählte Sala im Sommer 1942 ihre Geschichte. Zwei Tage später war sie tot. Von diesem letzten Gespräch berichtet Lucille Eichengreen in ihrem Buch "Frauen und Holocaust", das gerade erschienen ist. Dabei wird erst am Ende des Kapitels offenkundig: "Sala war meine Mutter."
In insgesamt 16 Porträts erinnert Lucille Eichengreen an einzelne Frauen, die ihren Weg gekreuzt haben. In Hamburg vor dem Krieg, im Ghetto von Lodz, im Vernichtungslager Auschwitz und den Konzentrationslagern Neuengamme und Bergen-Belsen. Dabei erzählt sie von der Mutter, die ihr Kind verliert, von der Ärztin, die in Auschwitz widerwillig Abtreibungen vornimmt, um die schwangeren Frauen vor Mengeles Experimenten zu schützen, und dem Widerstand jüdischer Zwangsarbeiterinnen. Das letzte Kapitel schließlich widmet die 79-Jährige einer Auschwitzüberlebenden, der sie in Hamburg begegnet ist. In einem Restaurant hatte sie zufällig einen Platz in der Nähe der "alt und müde" aussehenden Frau gewählt. Und erst als diese ihre Jacke abstreift, erkennt Lucille Eichengreen die blau tätowierte Nummer auf dem Unterarm. Mehr als 50 Jahre nach Kriegsende, beim ersten schmerzhaften und enttäuschenden Wiedersehen mit der Heimatstadt ihrer Kindheit.
"Gießen ist einfacher"
Mittlerweile besucht sie Deutschland bereits zum wiederholten Mal, hat Kontakte und auch Freundschaften geknüpft, doch Besuche in Hamburg fallen ihr weiterhin schwer. "Gießen ist einfacher", sagt sie mit leiser, aber fester Stimme. Mit der mittelhessischen Unistadt verbindet sie keine Erinnerungen an die Vergangenheit, dafür aber in der Gegenwart mehrere Begegnungen mit Studierenden durch die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU). "Meine Hoffnung für die Zukunft liegt bei den jungen Menschen, nicht bei den alten." Dabei schwingt keinerlei Pathos in ihrer Stimme. Vielmehr gleichen ihre Sätze einer nüchternen, wohl überlegten Bestandsaufnahme.
Über das Internet kam sie vor rund drei Jahren in Kontakt mit der Arbeitsstelle um Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert. Dort nämlich wurde gerade die Veröffentlichung von Reportagen und Essays aus dem Ghetto Lodz des später in Auschwitz ermordeten Schriftstellers und Journalisten Oskar Singer vorbereitet, als ein Mitarbeiter auf die Erinnerungen von Lucille Eichengreen stieß, die als Sekretärin von Singer gearbeitet hat. Mitgewirkt hat sie in dieser Funktion auch an der Lodzer Ghetto-Chronik, die gemeinsam von der Arbeitsstelle und dem Staatsarchiv Lodz herausgegeben werden soll.
Manch wertvollen Hinweis konnte sie den jungen Wissenschaftlern an der JLU bereits geben und - quasi im Gegenzug - zeichnet der stellvertretende Leiter Sascha Feuchert nun mitverantwortlich für die Übersetzung von "Frauen und Holocaust" ins Deutsche. Denn Lucille Eichengreen hat auch ihr inzwischen drittes Buch in Englisch geschrieben. "Ich hatte seit 1940 kein Deutsch gesprochen", schildert sie im Gespräch mit dem Anzeiger. Und als sie 1946 nach Amerika übersiedelte, wurde alsbald Englisch ihre Muttersprache, wenngleich sie noch immer perfekt deutsch spricht, sogar den leichten norddeutschen Akzent nicht verloren hat. "Ich finde es toll, dass es die Arbeitsstelle Holocaustliteratur gibt", betont die zierliche Frau. Und fügt angesichts der aufgrund finanzieller Unsicherheiten möglichen Schließung der Einrichtung hinzu: "Das wäre eine ausgesprochene Dummheit." Nicht zuletzt wegen des internationalen Ansehens das sich die JLU dank der Arbeitsstelle erworben habe.
Nicht mehr viele Überlebende
Einen Moment lang schweift ihr Blick durch das Fenster des Cafés über Gießen und fast unmerklich schüttelt sie den Kopf. "Es gibt junge Menschen, die fragen. Wo sollen sie denn Antworten finden?" Schließlich gibt es nicht mehr viele Überlebende des Holocaust. Und damit deren Erinnerungen nicht verloren gehen, wurde vor rund fünf Jahren die Arbeitsstelle Holocaustliteratur gegründet. Zumal es den Überlebenden der NS-Vernichtungslager oftmals erst spät - wenn überhaupt - möglich ist, von den Erniedrigungen, den Todesängsten und dem Mord an Angehörigen und Freunden zu berichten. Auch Lucille Eichengreen, die als Cecilie Landau 1925 in Hamburg geboren wurde, hat viele Jahre "über den Krieg nicht sprechen wollen" und "den Holocaust nicht sprechen können." Selbst ihren Söhnen hat sie davon erst erzählt, als beide über 18 Jahre alt waren. "Meine Mutter hat immer gesagt, wenn Du nichts Gutes über einen Menschen sagen kannst, sag` gar nichts." Auch deshalb habe sie geschwiegen.
Zunächst fast nur Männer
Mehr als 40 Jahre nachdem ihr Vater Beno und ihr jüngere Schwester Karin von den Nazis ermordet wurden und ihre Mutter Sala im Ghetto qualvoll verhungerte, hat sie ihre Erinnerungen dann doch in "Von Asche zum Leben" niedergeschrieben, das bereits in zweiter Auflage erschienen ist. Dabei war es ihr ein besonderes Anliegen, von der Vergangenheit aus der Sicht einer Frau zu berichten. Denn: "Bis vor 15 Jahren haben fast ausschließlich Männer darüber geschrieben." Vielleicht waren die Frauen zurückhaltender, wenn es darum ging über das Erlebte zu berichten, mutmaßt sie zunächst. Doch dann argumentiert sie selbstbewusst: "Wir wurden auch nicht ernst genommen." Wurde doch behauptet, eine Frau wisse nicht so viel wie ein Mann. Oder Frauen seien unzuverlässiger beim Beobachten, weniger objektiv und nicht so ehrlich wie Männer. Und wieder schüttelt sie fast unmerklich den Kopf. Diese Erfahrungen hat sie selbst gemacht, als sie einen Verlag für "Von Asche zum Leben" gesucht hat. Nach 35 Absagen, alle "sehr freundlich", wurde ihr Buch schließlich 1992 in Hamburg gedruckt. In der Heimat ihrer Kindheit. War das eine Genugtuung? Lange muss die 79-Jährige nach der Antwort nicht suchen: "Das war unwichtig." Denn: "Für mich gibt es nichts Sentimentales in Verbindung mit der Vergangenheit."
Es sind nüchterne, direkte Sätze, die Lucille Eichengreen formuliert. Undramatisch und präzise. Und genauso schreibt sie. Dabei berichtet sie von sexuellen Übergriffen, von Vergewaltigungen und von Sex als Ware oder Tauschobjekt im Ghetto und im Konzentrationslager. "Ein Nein hatte Konsequenzen." Es konnte den Verlust der Arbeit, weiter hungern oder Deportation bedeuten. Acht Jahre nach ihren Erinnerungen hat die 79-Jährige in ihrem zweiten Buch "Rumkowski, der Judenälteste von Lodz" ausführlicher den Missbrauch "durch den mächtigsten Mann im Ghetto" geschildert. In diesem autobiographischen Bericht beschreibt sie auch, wie sie selbst zum Opfer wird. "In meinen Erinnerungen konnte ich darüber noch nicht schreiben." Und womöglich haben auch andere überlebende Frauen aus ähnlichen Beweggründen erst spät über ihre Erfahrungen im Holocaust erzählen können. Viele haben womöglich vor allem wegen der sexuellen Übergriffe ganz geschwiegen. Lucille Eichengreen aber will weiter an die Grauen der Judenvernichtung erinnern. Sie besucht Schulklassen, spricht mit Studierenden und reist zu Lesungen. Zudem gibt es Menschen und Erlebnisse, über die sie noch gar nicht gesprochen hat.
Lucille Eichengreen, Frauen und Holocaust. Erlebnisse, Erinnerungen und Erzähltes. Donat-Verlag Bremen 10 Euro.
Lucille Eichengreen, Von Asche zum Leben - Erinnerungen. Donat-Verlag Bremen 14,80 Euro.
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Aus: Gießener Anzeiger, 12.05.2004:
Vereinsamte Doktoranden aus der Studierstube locken
Sektion „Holocaust und Erinnerung" am GGK gegründet – Kooperation mit Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU
Giessen (hh). Noch gibt es Zeitzeugen. Noch gibt es Menschen, die von Opfern und Tätern berichten können. Noch gibt es Überlebende der Konzentrationslager. Und damit deren Erinnerungen nicht für immer verloren gehen, wurde vor mehr als fünf Jahren die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität (JLU) gegründet. Dabei lässt sich in Deutschland seit geraumer Zeit in verschiedenen Bereichen eine stärkere Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik beobachten. Vor allem auch bei jungen Nachwuchswissenschaftler der JLU, die Aspekte der Erinnerung an den Holocaust in den Mittelpunkt ihrer Forschungsprojekte und Doktorarbeiten an der Arbeitsstelle rücken.
An der Justus-Liebig-Universität hat sich zudem das vor drei Jahren gegründete Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften (GGK) etabliert. Und dessen Ziel ist es, den einst sprichwörtlichen vereinsamten bleichen Doktoranden aus seiner Studierstube zu locken und zu einem "Promovend mit System" zu machen, der seine Doktorarbeit deutlich schneller fertigstellt. Dafür wurde ein klar strukturiertes Studienprogramm aufgelegt und ein spezieller Karriere-Service mit Kontakten und Kongressen aufgebaut. Obendrein wurde ein Wissenschaftliches Forum - aufgeteilt in nun elf Sektionen - geschaffen, an denen Doktoranden der drei kulturwissenschaftlichen Fachbereiche beteiligt sind.
Und da Doktoranden der Arbeitsstelle Holocaustliteratur schon seit längerem das Angebot des GGK nutzen, haben beide Institutionen bereits miteinander kooperiert. Seit gestern nun ganz offiziell in einer eigenen Sektion. Denn: Am Nachmittag wurde unter Leitung von Dr. Roy Sommer, dem Geschäftsführer des GGK, und Charlotte Kitzinger, Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, die Sektion "Holocaust und Erinnerung" gegründet. Dabei wird die junge Wissenschaftlerin auch die Funktion der Sektionssprecherin übernehmen. Neben der Erinnerung an den Holocaust in der Literatur befasst sich die Sektion mit historischen und sozialwissenschaftlichen Aspekten der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, sagt Charlotte Kitzinger. Überhaupt Erinnerung: Seit Jahren erfolgreich arbeitet an der JLU der Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen. Und da auch dieser thematisch eng mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Sektion "Holocaust und Erinnerung" verbunden ist, sind nunmehr alle drei Bereiche miteinander vernetzt. "Unser Ziel ist eine größere Professionalität beim Promovieren", so Dr. Roy Sommer im Gespräch mit dem Anzeiger. Und dabei unterscheide sich Gießen mit dem GGK und der Kooperation mit Forschungsbereichen innerhalb der JLU zunehmend vom "hierarchischen Promovieren", das an vielen anderen Hochschulen noch gepflegt werde.
Zum "Gründungsworkshop" hatten die Kooperationspartner übrigens hochkarätige Referenten eingeladen: Die Germanistin Prof. Elrud Ibsch aus Amsterdam sprach dabei über "Erinnerung und Erzählung: Die Shoah in der Literatur" und Dr. Hanno Loewy, Gründer des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts und Direktor des Jüdischen Museums im österreichischen Hohenems stellte "Holocaust und Genre: Fiktionale Repräsentation der Shoah im Film von 1945 bis heute" vor.
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Aus: Uni-Forum, Nr. 2, 06.05.2004:
Antarktis-Reise eines Giessener Buches
Der Reclam-Band „Holocaust-Literatur. Auschwitz" (Stuttgart: Reclam 2000) von Sascha Feuchert, Arbeitsstelle Holocaustliteratur, wird bis in die Antarktis reisen, um dort in der von dem Bildhauer Lutz Frisch geschaffenen „Bibliothek im Eis" zu stehen, die im Winter 2004/05 in der Nähe der tief unter dem Eis liegenden deutschen Forschungsstation Neumayer im nördlichen Weddellmeer erschaffen wird. Jeweils neun Forscher und Techniker überwintern dort 15 Monate. Im ewigen Eis wird in einem beheizten Container ein Raum voller Bücher stehen. Die Bibliothek ist ein Projekt „zum Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst und zur Frage nach dem Existenzraum des Menschen", so der Künstler.
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Aus: Gießener Allgemeine, 27. April 2004:
NS-Ärzte: Viele Spuren führen nach Gießen
Journalist Ernst Klee sprach auf Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Lagergemeinschaft Auschwitz
Gießen (bs). »Wer das Dritte Reich im Medizinbereich verstehen will, muss wissen: Die Zeit war einmalig und wurde von Medizinern einmalig genutzt.« So der Journalist Ernst Klee, der wie wohl kein anderer seit Jahrzehnten zu Verbrechen in der Zeit der Nationalsozialisten recherchiert und publiziert. Am Donnerstagabend sprach Klee auf Einladung der vor fünf Jahren ins Leben gerufenen Arbeitsstelle Holocaustliteratur des Instituts für Germanistik und der Lagergemeinschaft Auschwitz im Georg-Büchner-Saal der alten Unibibliothek. Dr. Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle, stellte den renommierten Autor (»Euthanasie im NS-Staat«, »Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer«, »Deutsche Medizin im Dritten Reich«, »Personenlexikon zum Dritten Reich«) und vielfachen Preisträger (Geschwister-Scholl-Preis, Adolf-Grimme-Preis, Goethe-Plakette) vor.
»Wollte man über die Nazi-Täter in Gießen reden, könnte man eine Reihe veranstalten«, sagte Klee. Gleiches gelte für andere Universitätsstädte. Nach Mittelhessen führten nicht nur die Spuren von Bakteriologen und Virologen, die sich mit biologischer Kriegsführung gegen England befasst hätten. Sondern auch »auffallend viele Teilnehmer« einer 1941 in Nürnberg von der Wehrmacht veranstalteten Tagung über Kälte- und Höhenversuche an Insassen des Konzentrationslagers Dachau hätten entweder vor oder nach 1945 in Gießener Kliniken und Instituten Professuren und leitende Positionen innegehabt. So der ehemalige Oberarzt (ab 1937) der internistischen und Nervenklinik und ein Biochemiker, der in den 50er Jahren ebenso in Gießen Professor wurde, wie ein Physiologe, den die Amerikaner 1945 zunächst im Rahmen der »Aktion Paperclip« für die eigene Kriegsforschung abgeworben hätten.
Der Assistent eines Kinder- und Jugendpsychiaters am Bad Nauheimer Kerckhoff-Institut habe von Gießen aus Karriere mit seiner Forschung über Fürsorge-Zöglinge gemacht, die ergeben haben, dass Asozialität erblich sei und die betreffenden Personen deswegen »ausgeschaltet« werden müssten.
Näher beleuchtete Klee den »echten Kriminalfall« um den Neuropathologen Julius Hallervorden, der von 1949 bis 62 in Gießen als Leiter der neuropathologischen Abteilung der Max-Planck-Gesellschaft für Hirnforschung tätig war. In der NS-Zeit, so Klee, habe Hallervorden als Leiter der Psychiatrischen Landesanstalt Brandenburg in Görden »das Monopol auf die Gehirne ermordeter Menschen« gehabt, vor allem geistig behinderter Kinder. Die hätten Euthanasieärzten als »Material« und »Idioten« gegolten, »Behandlung« sei in ihrer Geheimsprache das »Codewort für die Ermordung« gewesen.
Mit Kopfschütteln hervorrufenden Anekdoten zeigte Klee auf, wie NS-Ärzte nach 1945 untertauchten, ihre Täterschaft leugneten und bagatellisierten. Hallervorden habe seine 1933 eingegangene Fördermitgliedschaft in der SS später damit gerechtfertigt, dass er von der NSDAP dazu gedrängt worden sei. Seine Ehefrau habe die Mitgliedschaft ausgemacht. Ein hauptverantwortlicher Euthanasiearzt habe geraume Zeit als gefragter Gutachter unter falschem Namen gelebt, während seine Gattin Witwenrente kassierte. Einem anderen sei 1964 während des Euthanasieprozesses von Gießener Kollegen Verhandlungsunfähigkeit bescheinigt und eine seltsame Krankheit attestiert worden, die – vom Patienten unbemerkt – ständig fortschreite und bald zu Tode führen werde. Das in Aussicht gestellte Ableben des Betroffenen habe sich nach Prozessbeendigung dann zwei Jahrzehnte verschoben.
Das Schlimmste, was Opfern widerfahren könne, schloss Klee, sei es, wenn ihnen »ihr Leid auch noch abgesprochen wird«. In einem ihm bekannten Fall habe das für die Entschädiung von NS-Opfern zuständige Bundesfinanzministerium einem Überlebenden besonders grausamer Menschenversuche in Auschwitz lapidar mitgeteilt, von solchen Versuchen sei nichts bekannt. Die Folgeschäden müssten von »therapeutischer Behandlung« - im Konzentrationslager – herrühren.
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Aus: Gießener Anzeiger, 26.04.2004:
Gräueltaten im Namen der Wissenschaft
Ernst Klee sprach über „Medizinverbrechen im Nationalsozialismus" - Fünf Jahre Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU
GIESSEN (ml). Genaue Einzelheiten der Grausamkeiten, die Mediziner im Dritten Reich an KZ-Häftlingen begangen haben, ersparte der Journalist Ernst Klee seinen Zuhörern bei seinem Vortrag "Medizinverbrechen im Nationalsozialismus". Denn diese schrecklichen Details waren gar nicht nötig, um die Unvorstellbarkeit dieses Kapitels der Medizingeschichte zu verdeutlichen. Das zahlreich erschienene Publikum in der Alten Universitätsbibliothek verfolgte gespannt und auch sichtlich fassungslos, mit welcher Hingabe und mit welchem Engagement deutsche, und dabei auch Gießener Mediziner, Gräueltaten im Namen der Wissenschaft an den recht- und stimmlosen Opfern der Konzentrationslager begangen haben.
Grausam aber erscheint auch, was Klee bei seinen Recherchen über die Nachkriegskarrieren der NS-Täter herausgefunden hat. Die allermeisten hatten nach dem Krieg hohe Positionen an Hochschulen, eben auch der Gießener Universität, inne. So mancher wurde gar Träger des Bundesverdienstkreuzes. Viele der damaligen Täter sehen sich sogar in einer Opferrolle. "Ich bekomme jede Woche Post von Leuten, die meinen, nicht in mein Lexikon zu gehören", begann der vielfach ausgezeichnete Journalist seinen Vortrag. Mit dem Lexikon meint der Grimme-Preisträger das von ihm verfasste "Personenlexikon des Dritten Reiches". In diesem Werk sind nicht nur die Mengeles oder Verschuers aufgeführt, sondern die Masse jener "normalen Mediziner", die vom Holocaust in Form von Forschungsarbeiten profitierten. "Das Dritte Reich wurde in einmaliger Weise von den Medizinern genutzt", stellte Klee fest. Durst-, Unterkühlungs- oder Höhenversuche seien unter anderem auch von Gießener Medizinern an KZ-Häftlingen im Auftrag der Luftwaffe durchgeführt worden. Klee zitierte einen Bericht über eine Doktorarbeit, in der die Autorin selbst an Durstversuchen teilnehmen wollte. "Dafür gibt es doch die KZ", soll ihr ein Vorgesetzter daraufhin entgegnet haben.
"Die Konzentrationslager waren ein beliebter Versuchsort", machte Klee deutlich. "Menschen-Material" für Dissertations- oder Habilitationsschriften sei hier reichlich vorhanden gewesen. Die Ärzte hätten sich oft einer Art Geheimsprache bedient, um ihre Taten ein wenig zu verdecken, berichtete der Journalist. Im Euthanasieprogramm für geistig behinderte Kinder hieß beispielsweise "behandeln" nichts anderes als Tod durch vergasen. Die Ergebnisse der "Forschung" an KZ-Insassen seien unter Medizinern kein Geheimnis gewesen. Nach Klees Aussage habe die "Créme de la Créme der deutschen Medizin" Tagungen besucht, bei der diese Ergebnisse vorgetragen und diskutiert wurden. Die Bemühungen des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer halfen zwar, viele der Täter ausfindig zu machen, eine Verurteilung sei aber nur selten gelungen. Und während viele der NS-Verbrecher im Nachkriegsdeutschland Karriere machten, kämpften viele Opfer vergeblich um eine Entschädigung für ihr Leid.
Organisiert wurde der Vortrag anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Arbeitsstelle für Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität in Zusammenarbeit mit der "Lagergemeinschaft Auschwitz".
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Aus: Frankfurter Rundschau, 26.04.2004:
Niemand erzählt meine Geschichte
Überlebende des nationalsozialistischen Terrors schreiben sich ihr Martyrium von der Seele / Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Von Georg Kronenberg
Seit fünf Jahren widmet sich die Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Aufbereitung und Veröffentlichung von Zeitzeugenberichten der Nazi-Gräuel. Die Licher Chambré-Stiftung will eine halbe Juniorprofessur finanzieren, um die Einrichtung an der Gießener Uni dauerhaft zu sichern.
Giessen 25. April. Die sieben Schulhefte lagen in der untersten Schublade. Aufgefallen waren sie Werner Cohen zunächst nicht, als er nach dem Tod seiner Frau 1997 ihren Nachlass sortierte. Irgendwann begann er die alten Kladden duchzublättern und die verblichene Bleistiftschrift seiner Frau zu entziffern.
„Was ich da las, zog mich unwiderstehlich in eine Welt, in eine Wirklichkeit, von der ich bislang keine Ahnung hatte", berichtet der 82-Jährige aus Baltimore. „Es stammelt meine Seele ihre Pein", schreibt seine Frau im Gedicht „Gebet", erzählt vom „beinahen Hungertod" und dem „Massengrab Maryschin". Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Auschwitz-Überlebende in Österreich auf die Ausreise in die USA wartete, hatte Hilda Stern Cohen versucht, sich ihr Martyrium von der Seele zu schreiben. Rund 150 Gedichte und Prosatexte brachte die Anfang 20-Jährige zwischen 1945 und 1947 zu Papier, erzählte niemandem davon, nicht einmal ihrem Mann während der fast 50-jährigen Ehe.
Für Werner Cohen war schnell klar, dass er das ausdruckvolle literarische Werk veröffentlichen wollte. Nur wo? Über das New Yorker Goetheinstitut bekam er Kontakt zur Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Gießener Universität. Vergangenen Herbst wurde der Band "Genagelt ist meine Zunge" von der Arbeitsstelle publiziert. „Solche Texte sind früher oft zwischen die Fachgrenzen von Geschichte und Literatur gefallen", sagt der stellvertretende Leiter Sascha Feuchert. Vor gut fünf Jahren wurde die einzige Arbeitsstelle dieser Art in Deutschland von dem Giessener Germanistikprofessor Erwin Leibfried und Feuchert gegründet.
Ziel ist die literaturwissenschaftliche und -didaktische Untersuchung und Aufbereitung von Texten aus dem Holocaust. „Unsere Grundüberzeugung ist, dass die Texte nicht nur als Quelle für geschichtliche Daten, sondern auch auf ihre literarische Form untersucht werden müssen", sagt Mitarbeiterin Charlotte Kitzinger. Mit rund 15 Zeitzeugen USA, England, Israel, Polen, Australien oder auch Deutschland sind die Gießener Germanisten permanent in
Kontakt. Neun Bücher mit Berichten von Überlebenden sind bisher publiziert
worden.
Zentrales Projekt ist die wissenschaftliche Aufarbeitung und Veröffentlichung der Ghetto-Chronik der polnischen Stadt Lodz. Rund ein Dutzend Journalisten und Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen, die zwischen 1941 und 1944 im Lodzer Ghetto eingepfercht waren, haben an dem 2000 Seiten starken Wert gearbeitet - Theologen genauso wie der österreichische Theaterkritiker Oskar Rosenfeld, der 1944 in Auschwitz getötet wurde. In der fast 60 Jahre kaum beachteten Chronik wird das Leben und Sterben von rund 250 000 Juden in dem am längsten existierenden Großghetto der Nazis akribisch dokumentiert. In den in Polnisch und Deutsch verfassten Texten werden Sterbefälle, Epidemien, Anzahl der Festnahmen und auch Einzelschicksale festgehalten - wie der "Tod auf der Brücke", wo ein Insasse vor Entkräftung leblos zusammenbricht. Im August, wenn sich die Liquidation des Ghettos zum 60. Mal jährt, soll ein erster Teil der Chronik erscheinen. Weil sich die Arbeitsstelle fast nur aus Projektmitteln finanziert und die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 270 000 Euro finanzierte Aufarbeitung der Gettochronik 2006 endet, sei die Zukunft noch ungewiss, sagt Feuchert. Um sie dauerhaft zu sichern, will die Licher Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung die Hälfte einer Juniorprofessur - rund 150 000 Euro für sechs Jahre - zur Verfügung stellen.
Dazu stehen zurzeit Gespräche mit der Hochschule an. „Diese erste umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Holocaustliteratur in Deutschland hat Auswirkungen bis in die Lehrerausbildung", sagt Klaus Konrad-Leder, Geschäftsführer der Chambré-Stiftung. So ist die Arbeitsstelle auch mit Pädagogikseminaren oder öffentlichen Lesungen und Vorträgen präsent.
Auch die Lesung aus Hilda Stern Cohens Werk in ihrem Geburtsort, dem kleinen Dorf Nieder-Ohmen am Rande des Vogelsbergs, hat zur Aufarbeitung lange verdrängter Ortsgeschichte geführt. Die Schüler der nahen Gesamtschule in Mücke wollen ihre Schule inzwischen nach der Auschwitz-Überlebenden umbenennen.
„Holocaustliteratur" umfasst nach der Definition der Gießener Arbeitsstelle alle literarischen Texte über die nationalsozialistische „Rassen"- und Vernichtungspolitik. Die Texte sind jeweils „subjektive" Interpretationen des Holocaust. Dazu gehören können neben Tagebüchern und Chroniken, die zur Zeit des Geschehens entstanden, auch Memoiren und Erinnerungen, die nach den Ereignissen von Betroffenen verfasst wurden oder fiktionale Bearbeitungen (Romane, Gedichte, Dramen), die den Holocaust zentral behandeln. Die Verbindung des Autors zum Geschehen spielt eine zentrale Rolle. Die Texte können von Opfern, Angehörigen, Unbeteiligten, aber auch Tätern stammen.
Textbeispiele und eine Einführung in das Thema Holocaustliteratur bietet der von Sascha Feuchert herausgegebene Band „Holocaustliteratur. Auschwitz" mit Arbeitsmaterialien für den Schulunterricht ab der neunten Klasse. Der 232 Seiten starke Band ist 2000 bei Reclam erschienen.
ISBN: 3150150477 Informationen zur Arbeitsstelle Holocaustliteratur im Internet unter www.holocaustliteratur.de oder unter Telefon 0641/9929075. kro
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Aus: Gießener Anzeiger, 02.02.2004:
Buch aus Gießen macht sich auf die Reise ins Eis der Antarktis
Skulpturprojekt zu Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft – Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Giessen (V). Nördliches Weddellmeer. Deutsche Forschungsstation Neumayr auf dem Ekström-Schelfeis. Fernab der Zivilisation leben neun Wissenschaftler und erforschen das Archiv der Erde. Genau dort wird im Winter 2004/2005 die „Bibliothek im Eis" aufgebaut, ein Skulpturprojekt zum Dialog von Kunst und Wissenschaft. Und mit dabei eine Veröffentlichung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU).
Denn: Der Reclam-Band „Holocaust-Literatur. Auschwitz" von Dr. Sascha Feuchert wird in Kürze bis in die Antarktis reisen, um dort künftig in der von dem Bildhauer Lutz Frisch geschaffenen „Bibliothek" zu stehen. Aus technischen Gründen wurde die Station tief unter dem Eis erbaut. Rein funktional ausgestattet und neonbeleuchtet sind die Arbeits- und Lebensräume. Kein Tageslicht dringt in die Station, heißt es in einer Pressemitteilung der Justus-Liebig-Universität.
Extremraum ohne Licht
Im Extremraum des ewigen Eises wird ein Raum voller Bücher stehen. Die Bibliothek soll in einem speziellen, beheizten Container eingerichtet werden, mit Kirschholzregalen, Sofas und einem Ausblick auf das antarktische Eis. Sie ist ein Projekt „zum Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst und zur Frage nach dem Existenzraum des Menschen", wie es der Künstler ausdrückt. Künstler und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen werden gebeten, ein Buch zu stiften, von dem sie glauben, dass die Naturwissenschaftler es lesen sollten. Jedes Buch wird mit dem Namen des Stifters und einem kurzen Kommentar versehen, warum gerade dieses Buch für die spezielle Lebens- und Überlebenssituation der Wissenschaftler in der Antarktis ausgewählt wurde. Die Bibliothek wird etwa 1000 Bücher umfassen. Und darunter eben auch das Buch von Sascha Feuchert, der sehr erfreut und stolz darüber ist, dass auch ein Gießener Buch bei der Aktion dabei sein wird.
„Da die Bibliothek in der Antarktis auch einen Ort des kulturellen Gedächtnisses darstellt, gehören Texte der Holocaustliteratur eindeutig dorthin. Unsere Sammlung stellt zwar nur wenige Ausschnitte vor, die aber durchaus repräsentativ sind", freut sich Feuchert und mit ihm seine Kollegen der Arbeitsstelle Holocaustlite